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Provinzial- Correspondenz.

Achter Jahrgang.

3. August 1870,

Des Königs Abschied bei der Abreise zur Armee.

An Mein Volk!

Indem Ich heute zur Armee gehe, um mit ihr für Deutsch­lands Ehre und für Erhaltung unserer höchsten Güter zu kämpfen, will Ich, im Hinblicke auf die einmütige Erhebung Meines Volkes, eine Amnestie für politische Verbrechen und Vergehen ertheilen. Ich habe das Staats - Ministerium be­auftragt, Mir einen Erlaß in diesem Sinne zu unterbreiten.

Mein Volk weiß mit Mir, daß Friedensbruch und Feind­schaft warhaftig nicht aus unserer Seite war.

Aber herausgcfordcrt, sind wir entschlossen, gleich unseren Vätern und in fester Zuversicht auf Gott den Kampf, zu be­stehen zur Errettung des Vaterlandes.

Berlin, den 31. Juli 1870.

gez. Wilhelm.

Unser König hat sich am 31. Juli c. zur Armee begeben.

Kurz zuvor versammelte der Monarch die Minister um sich und hielt eine kurze, ernste Ansprache an dieselben. Er wiederholte den Ausdruck seiner großen Freude und Genug­thuung über den herrlichen einmüthigen Geist, der sich wäh­rend der letzten Wochen im ganzen Vaterlande kundgegeben und von welchem er so erhebende Beweise erhalten habe. Diesen Geist zu erhalten und zu beleben, werde die Aufgabe der hier zurückbleibenden Minister sein, vor Allem wenn, was Gott verhüten wolle, Augenblicke eintreten sollten, wo die Nachrichten vom Kriegsschauplätze ungünstiger lauteten. Preußens Volk und Armee seien durch den beispiellos glücklichen Verlauf der Kriege von 1864 und 1866 einigermaßen verwöhnt, man dürfe nicht annehmen, daß es auch in diesem Kriege ohne unglück­liche Tage abgehen werde. Wenn solche eintreten, dann werde sich der Ernst und die Kraft der jetzigen begeisterten Stimmung zu bewähren haben, um den im Felde Kämpfenden und denen, welche sie führen, eine rechte Stütze zu sein.

Der König traf am Montag (1.) früh um 4 Uhr in Braunschweig ein. Der Herzog von Braunschweig be­gab sich zu dem vor der Stadt haltenden Zuge und wurde von Sr. Majestät dem Könige empfangen. Nach einem Auf­enthalt von 10 Minuten wurde die Fahrt fortgesetzt, und um 6 Uhr früh trafen Se. Majestät der König in Hannover ein. Auf dem Bahnhöfe befanden sich große Menschenmassen, welche den Zug mit begeisterten Hochrufen begrüßten. Der General Vogel von Falckenstein und die Spitzen aller Behörden waren zum Empfange anwesend. Beim Erscheinen Sr. Majestät des Königs und des Grafen Bismarck am Fenster erscholl enthu­siastischer Jubel.

In der Nacht zum 2ten traf der König kurz vor 1 Uhr in Eoblenz ein. Die gestimmte Generalität und die Behörden waren zum Empfange auf dem Bahnhöfe anwesend. Letzterer so wie die zu demselben führenden Straßen waren von einer äußerst zahlreichen Volksmasse besetzt, die den König mit enthu­siastischen Zubelrufen bewillkommnete. Nach einem halbstün­digen Aufenthalt setzte der König die Reise fort unter ununter­brochenen Hochrufen aller Anwesenden.

Um 6 Uhr früh traf der König in Mainz ein. Während der Nacht waren Rapporte von allen Armee-Corps eingegangen. Nach denselben herrscht überall Ruhe und Zuversicht.

Ueber die Abreise des Königs enthält die -Neue Preuß. Zeitung« folgenden erhebenden Bericht:

In der Mittagsstunde hatte das 2. Gardc-Ulancn-Regiment seine Fahnen abgeholt. Der König war freundlich ernst, wie immer. Als beim Abmarsch der Commandeur des Regiments an der Rampe vorbeiritt, lehnte sich der König über das Gitter hinab und reichte dem Commandeur (Prinz Heinrich von Hessen) die Hand. Dieser ergriff sie und beugte sich, um sie zu küssen. Der Anblick war tief ergreifend und die versammelten Menschenmaffm brachen in stürmische Lebehochs auf den König aus. Schon von dieser Mittags­

stunde an war das Königliche Palais fortdauernd von Menscben- massen umgeben. Als um 4 Uhr die Königliche Proklamation an den Anschlagsäulen erschien und dadurch die Abreise als bestimmt be­kannt wurde, wuchs die Menschenmenge dergestalt an, daß sie sich vom Palais die Linden entlang durch das Brandenburger Thor bis zum Bahnhof erstreckte. Hier stand Alles Kopf an Kopf gedrängt,' auf dem Platz vor dem Königlichen Palais allein mochten an 50,000 Menschen versammelt ssin: alle Stände, jedes Alter waren vertreten.

Um 54 Uhr öffnete sich das Gitter zum Seiteneingang des Palais und Ihre Majestäten der König und die Königin fuhren in dem gewöhnlichen zweispännigen offenen Wagen des Königlichen Herrn heraus. Ein vieltausendstimmiges brausendes Hoch und Hurrah empfing den greisen, aber wunderbar rüstigen Hclden-König, der mit Gottes Beistand unter den Segenswünschen seines Volkes ins Feld zieht. Der König, im Mantel und in der Feldmütze, saß mit ernstem Antlitz im Wagen und dankte durch stilles Neigen des HauvteS auf den jubelnden Zuruf. Ihre Majestät die Königin waren ersichtlich tief ergriffen. Langsam nur konnte anfangs der Königliche Wagen sich fortbewegcn, so dicht stand die Menschenmenge, von der jeder Einzelne noch einmal den geliebten König sehen, ihm aus tief­bewegtem Herzen den Abschiedsgruß und den Wunsch auf glückliches Wiedersehen prüfen wollte. Ein Menschensirom, brausend von Liebe und Begeisterung, umwogte Schritt um Schritt das Königliche Paar durch die Straßen zum Bahnhof hin. Mit dem schlichten Wagen des Königlichen Feldherrn zog das Herz des Landes,' die einmüthige patriotische Stimmung der Berliner Männer und Frauen, die hier standen, weinten und jubelten, war ein treues Bild des Nationalgc- fühls. Von den Dächern flaggten die Fahnen, aus den Fenstern wehten die Tücher,' pm Himmel auf stieg aus tausend Herzen die Bitte um Sieg und frohe Heimkehr unseres Königs Wilhelm. Wer am Bahnhof einen Platz gefunden hatte, hörte schon von ferne her den Hurrahruf. Die Liebe des Volkes hatte die ganze Auffahrt zum Eingang des Wartefälons mit Blumen und Kränzen geschmückt, die preußischen und norddeutschen Fahnen wehten darüber und zwischen ihnen leuchtete weit hinaus, dem Königlichen Helden entgegen, auf weißer eichenbckränzter Tafel der Wunsch und Gruß: Mit Gott!

Als der König aus dem Wagen stieg und jetzt an die Rampe trat, um noch einmal winkend sein Volk zu grüßen, erscholl weithin ein donnerndes Hoch, ein Hurrah, wie wir es in so gewaltiger Kraft noch nicht gehört haben. Der König war tief bewegt. Als er sich zurückwandte, erschütterte noch ein Zug der treuen Liebe sein Herz. Einer der Tapfern von 1856, der Lieutenant v. Sierakowski, der damals in den Trümmern einer brennenden Fabrik beide Füße ver­lor, hatte sich auf seinem Wägelchen die Rampe hinauf schieben lassen, um noch einmal seinen Kriegsherrn zu sehen. Der König trat zu dem jungen Invaliden und reichte ihm die Hand, und als der Offizier sie an seine Lippen zog, traten die Thränen in Vieler Augen. Im Wartcsaal harrten des Königlichen Herrn bereits seine Begleiter in diesen heiligen Kampf, Sein Bruder und General- Feldzcügmeister, der Prinz Karl, und jenes Dreiblatt, das den König­lichen Herrn vor vier Jahren in den Krieg und die Schlacht begleitete und so Herrliches beitrug zum Gelingen: Bismarck, Roon, Moltke, im Kreis der anderen Generale und Herren, die theils pm Köni g- lichen Zuge gehörten, theils Lebewohl sagen wollten. Aus Un Händen der Gräfin Itzcnplitz nahm der Königliche Herr noch einen Blumenstrauß entgegen. Nach dem Abschied von der Königin wat er hinaus auf den Perron und schritt zum harrenden Waggon, rechts und links die Hände zum Abschied reichend, die viele Damen und Herren mit ihren Thränen benetzten. Der König blieb innen am offenen Fenster des Waggons stehen und winkte noch lange grüßend zurück den Getreuen. Vorwärts brauste der Zug nach Hm Westen, nach dem Kriegsschauplatz. Unser Herz geht mit dem Königlichen Herrn, unsere Treue fliegt mit seinen Fahnen dem Feind entgegen, und ein einmüthiger Ruf folgt dem Königlichen Zug gen Westen: Mit Gott!

Am 3. August gedachte König Wilhelm das Denkmal zu enthüllen, welches er seinem hochseligen Vater Friedrich Wilhelm III. er­richtet hat.

Die Feier -sollte nach des Königs Absicht vor Allem der Erinnerung an jene große und segensreiche Epoche des Vater­landes gewidmet sein, m welcher das preußische Volk, dem Rufe Friedrich Wilhelms III. folgend, heldenhaft seine Unabhängigkeit wieder errungen hat/ die Feier sollte zugleich die deutsche Be­deutung jener großen Zeiten zum Bewußtsein bringen.

Gott der Herr aber hat mit der äußeren Feier des 3. August andere Gedanken gehabt. Nicht in einer friedlich erheben­den Feier zu Berlin, sondern auf dem Schauplatze neuen