Einzelbild herunterladen
 

ar 30.

Provinzial- Correspondenz.

Achter Jahrgang.

26. Juli 1870.

Außerordentlicher Bettag.

Erlaß Sr. Majestät des Königs vom 21. Juli 1870.

Ich bin gezwungen, in Folge eines willkürlichen Angriffs das Schwert zu ziehen, um denselben mit aller Deutschland zu Gebote stehenden Macht abzuwehren. Es ist Mir eine große Beruhigung vor Gott und den Menschen, daß Ich dazu in keiner Weise Anlaß gegeben habe. Ich bin reinen Gewissens über den Ursprung dieses Krieges und der Gerechtigkeit unserer Sache vor Gott gewiß. Es ist ein ernster Kamps, den es gilt, und er wird Meinem Volke und ganz Deutschland schwere Opfer auflegcn. Aber Ich ziehe zu ihm aus im Aufblicke zu dem allwissenden Gott und mit Anrufung Seines allmächti­gen Beistandes. Schon jetzt darf Ich Gott dafür Preisen, daß vom ersten Gerücht des Krieges an durch alle deutsche Herzen nur ein Gefühl rege wurde und sich kund gab, das der Ent­rüstung über den Angriff und der freudigen Zuversicht, daß Gott der gerechten Sache den Sieg verleihen werde. Mein Volk wird auch in diesem Kampf zu Mir stehen, wie es zu Meinem in Gott ruhenden Vater gestanden hat. Es wird mit mir alle Opfer bringen, um den Völkern den Frieden wieder zu gewinnen. Von Jugend auf habe Ich vertrauen gelernt, daß an Gottes gnädiger Hülfe alles gelegen ist. Auf Ihn hoffe Ich und fordere Ich Mein Volk auf zu gleichem Vertrauen. Ich beuge Mich vor Gott in Erkenntniß Seiner Barmherzigkeit und bin gewiß, daß Meine Unterthanen und Meine Landsleute es mit Mir thun. Demnach bestimme Ich, daß am Mitt­woch, den 27. Juli, ein außerordentlicher allgemei­ner Bettag gehalten und mit Gottesdienst in den Kirchen, sowie mit Enthaltung von öffentlichen Geschäften und Arbeit, soweit die dringende Noth der Zeit es gestattet, begangen werde. Zugleich bestimme Ich, daß während der Dauer des Krieges in allen öffentlichen Gottesdiensten dafür besonders gebetet werde, daß Gott in diesem Kampfe uns zum Siege führe, daß Er uns Gnade gebe, auch gegen unsere Feinde uns als Christen zu verhalten, und daß Er uns zu einem die Ehre und Unabhän­gigkeit Deutschlands dauernd verbürgenden Frieden in Gnaden gelangen lasse.

Wilhelm.

Die Kollekte, welche bei dem Gottesdienste am Bettage ab­gehalten wird, ist mit Allerhöchster Genehmigung für die zu­rückgebliebenen bedürftigen Familien der ausmarschlrten Truppen bestimmt.

Des Königs Dank und Hoffnung.

Allerhöchster Erlaß vom 25. Juli 1870.

Aus allen Stämmen des deutschen Vaterlandes, aus allen Kreisen des deutschen Volkes, selbst von jenseits des Meeres, sind Mir aus Anlaß des bevorstehenden Kampfes für die Ehre und Unabhängigkeit Deutschlands von Gemeinden und Kor­porationen, von Vereinen und Privatpersonen so zahlreiche Kundgebungen der Hingebung und Opferfreudigkeit für das gemeinsame Vaterland zugegangen, daß cs Mir ein unabweisliches Bedürfniß ist, diesen Einklang des deut­schen Geistes öffentlich zu bezeugen und dem Ausdruck Meines Königlichen Dankes die Versicherung hinzuzufü- gen, daß Ich' dem deutschen Volke Treue uni Treue ent­gegenbringe und unwandelbar halten werde. Die Liebe zu dem gemeinsamen Vaterlande, die einmüthige Erhebung der deutschen Stämme und ihrer Fürsten hat alle Unterschiede und Gegensätze in sich beschlosten und versöhnt, und einig, wie kaum jemals zuvor, darf Deutschland in seiner Einmüthigkeit, wie in seinem Recht, die Bürgschaft finden, daß der Krieg ihm den dauernden Frieden bringen und daß aus der blutigen Saat eine von Gott gesegnete Ernte deutscher Freiheit und Einigkeit sprießen werde.

Berlin, den 25. Juli 1870.

Wilhelm.

Unsere Rüstungen.

Die kurze Zeit, welche seit der französischen Kriegserklärung verflossen, ist in unserem Vaterlande gut benutzt worden. Sobald es unwiderruflich klar geworden war, daß Deutschland den neuen Kampf für seine Ehre und Unabhängigkeit kämpfen müsse, ist kein Augenblick versäumt worden, um uns in jeder Beziehung kriegsfertig zu machen.

Ze mehr die von dem Bundcsfeldherrn befohlene Mobil­machung die betheiligten Behörden ebenso wie die Bevölkerung vollkommen überrascht hat, desto glänzender bewährt sich gerade in diesem Fall die Trefflichkeit der Einrichtungen, welche unsere Regierung im Laufe der Zeiten mit unablässiger Sorgfalt Äunb vervollkommt hat. Eine Mobilmachung in dem ge, wie sie jetzt vom ersten Augenblicke ein treten mußte, hat noch niemals stattgefunden,- aber im ganzen Gebiete des Norddeutschen Bundes hat die Ausführung auf Tag und Stunde den höchsten Anforderungen und Erwartungen in be­wunderungswürdiger Weise entsprochen, und zu dieser Stunde ist nicht blos die eigentliche Mobilmachung fast durchweg be­endigt, sondern auch die Vereinigung der mobilen Truppen für ihre nächsten Aufgaben weit vorgeschritten.

Während sich somit in Preußen und im Norddeutschen Bunde die alten erprobten Einrichtungen von Neuem bewähren, zeigt sich andrerseits auch in Süddcutschland, wie bedeu­tend die Entwickelung und Kräftigung der militärischen Ein­richtungen dort in den letzten Jahren vorgeschritten ist. Rascher, als man es irgend erwarten konnte, sind nicht blos in Baden, das sich in Allem den Norddeutschen Militäreinrichtungen angeschlossen hat, sondern auch in Würtemberg und Bayern die Rüstungen von Statten gegangen und so weit gediehen, daß die süddeutschen Armeen sofort im Verein mit dem Norddeutschen Bundesheere zur Verthei­digung des gemeinsamen Vaterlandes ausziehen können.

Die Hoffnungen, die in Frankreich in Bezug auf den Süden Deutschlands gehegt wurden, sind ebenso sehr durch die militärische, wie durch die politische Haltung der süddeutschen Staaten zu Schanden geworden.

Die gewaltige Waffenrüstung, in welcher ganz Deutschland schon in diesem Augenblicke dastcht, hat die Besorgniß, daß es Frankreich gelingen könnte, seinen ersten Vorsprung in den Rüstungen zu leichten vorläufigen Erfolgen auszunützen, mehr und mehr zurücktreten lassen. Schon jetzt ist im Gegentheil die Zuversicht begründet, daß es unserer Kriegführung vergönnt sein werde, den deutschen Boden von den unmittelbaren Lasten und Bedrängniffen des Krieges möglichst zu befreien.

Doch nicht blos auf unsere Waffenrüstung wollen wir die Siegeszuversicht bauen, sondern auf das Bewußtsein unseres guten Rechts und auf die Hülfe des Herrn.

Zu der äußeren Rüstung muß die rechte innere, geistige Rüstung hinzukommen, die Rüstung in der Demuth und im Gebet.

Möge denn das ganze Volk mit unserem Könige den morgigen Bettag im rechten Glauben begehen, um daraus vor Allem Kraft und freudiges Gottvertrauen für die bevorstehende schwere Zeit zu gewinnen.

Mittheilungen Les Bundeskanzlers Grafen von Bismarck

über die Verhandlungen mit Frankreich in der Sitzung des Reichstages vom 20. Juli 1870.

Der Bundeskanzler Graf Bismarck hat dem Reichstage die Aktenstücke über die Entwickelung des gegenwärtigen Kriegsfalls vorgelegt.

Bei dieser Gelegenheit sprach sich der Bundeskanzler über die Verhandlungen mit Frankreich in Folgendem aus:

»Ich habe zunächst zu erklären, daß sich wohl selten ein so wich­tiges europäisches Ereigniß vollzogen und zwischen den verschiedenen Höfen vorbereitet hat, wo die Zahl der Aktenstücke, in denen der Ge­schichtsforscher dereinst die Ursache suchen wird, so karg bemessen wäre, wie hier.

Wir haben nämlich von der Kaiserlich französischen Regierung in der ganzen Angelegenheit nur eine einzige amtliche Mittheilung erhalten: es ist dies die gestrige Kriegserklärung.