^- 29. Provinzial - Correspondenz. 20. Mi â
Achter Jahrgang.
Eröffnung der außerordentlichen Reichstags-Session
am 19. Juli 1870.
Thronrede Sr. Majestät des Königs.
Geehrte Herren vom Reichstage des Norddeutschen Bundes!
Als Ich Sie bei Ihrem letzten Zusammentreten an dieser Stelle im Namen der verbündeten Regierungen willkommen hieß, durfte Ich es mit freudigem Danke bezeugen, daß Meinem aufrichtigen Streben, den Wünschen der Völker und den Bedürs- niffen der Civilisation durch Verhütung jeder Störung des Friedens zu entsprechen, der Erfolg unter Gottes Beistand nicht gefehlt habe.
Wenn nichts desto weniger Kriegsdrohung und Kriegs- gefahr den verbündeten Regierungen die Pflicht auferlegt haben, Sie zu einer außerordentlichen Session zu berufen, so wird in Ihnen wie in Uns die Ueberzeugung lebendig sein, daß der Norddeutsche Bund die deutsche Volkskraft nicht zur Gefährdung, sondern zu einer starken Stütze des allgemeinen Friedens aus- zubilden bemüht war und daß, wenn Wir gegenwärtig diese Volkskraft zum Schutze unserer Unabhängigkeit aufrufen, Wir nur dem Gebote der Ehre und der Pflicht gehorchen.
Die spanische Thronkandidatur eines deutschen Prinzen, deren Aufstellung und Beseitigung die verbündeten Regierungen gleich fern standen und die für den Norddeutschen Bund nur in so fern von Intercffe war, als die Regierung jener uns be- freundeten Nation daran die Hoffnung zu knüpfen schien, einem viel geprüften Lande die Bürgschaften einer geordneten und friedliebenden Regierung zu gewinnen, hat dem Gouvernement des Kaisers der Franzosen den Vorwand geboten, in einer dem diplomatischen Verkehre seit langer Zeit unbekannten Weise den Kriegsfall zu stellen und denselben, auch nach Beseitigung jenes Vorwandes, mit jener Geringschätzung des Anrechts der Völker auf die Segnungen des Friedens festzuhalten, von welcher die Geschichte früherer Beherrscher Frankreichs analoge Beispiele bietet.
Hat Deutschland derartige Vergewaltigungen seines Rechts und seiner Ehre in früheren Jahrhunderten schweigend ertragen, so ertrug es sie nur, weil es in seiner Zerriffenheit nicht wußte, wie stark es war. Heut, wo das Band geistiger und rechtlicher Einigung, welches die Befreiungskriege zu knüpfen begannen, die deutschen Stämme je länger, desto inniger verbindet,' heut, wo Deutschlands Rüstung dem Feinde keine Oeffnung mehr bietet, trägt Deutschland in sich selbst den Willen und die Kraft der Abwehr erneuter französischer Gewaltthat.
Es ist keine Ucberhebung, welche Mir diese Worte in den Mund legt. Die verbündeten Regierungen, wie Ich selbst, Wir handeln in dem vollen Bewußtsein, daß Sieg und Niederlage in der Hand des Lenkers der Schlachten ruhen. Wir haben mit klarem Blicke die Verantwortlichkeit ermessen, welche vor den Gerichten Gottes und der Menschen den trifft, der Zwei große und friedliebende Völker im Herzen Europas zu verheerenden Kriegen treibt.
Das Deutsche, wie das Französische Volk, Beide die Segnungen christlicher Gesittung und steigenden Wohlstandes gleichmäßig genießend und begehrend, sind zu einem heilsameren Wettkampfe berufen, als zu dem blutigen der Waffen.
Doch die Machthaber Frankreichs haben es verstanden, das wahlberechtigte, aber reizbare Selbstgefühl unseres großen Nachbarvolkes durch berechnete Mißleitung für persönliche Interessen und Leidenschaften auszubeuten.
Je mehr die verbündeten Regierungen sich bewußt sind, Alles, was Ehre und Würde gestatten, gethan zu haben, um Europa die Segnungen des Friedens zu bewahren, und je unzweideutiger es vor Aller Augen liegt, daß man uns das Schwert in die Hand gezwungen hat, mit um so größerer Zuversicht wenden wir uns, gestützt auf den einmüthigen Willen der deutschen Regierungen des Südens wie des Nordens, an die Vaterlandsliebe und Opferfreudigkeit des deutschen Volkes mrt dem Aufrufe zur Vertheidigung seiner Ehre und seiner Unabhängigkeit.
Wir werden nach dem Beispiele unserer Väter für unsre
Freiheit und für unser Recht gegen die Gewaltthat fremder Eroberer kämpfen und in diesem Kampf, in dem wir kein anderes Ziel verfolgen, als den Frieden Europas dauernd zu sichern, wird Gott mit uns sein, wie er mit unsern Vätern war.
Frankreich und das geeinigte Deutschland.
König Wilhelm ruft zum ersten Male als Oberfeldherr des geeinigten Deutschlands die gejammte Wehrkraft des Volkes auf: es gilt, die höchsten Güter unsers Vaterlandes, die Ehre und Unabhängigkeit der deutschen Nation im heiligen Kampf zu wahren.
Es war unseres Königs sehnlichste Hoffnung, im Frieden die Bande der Einigkeit zu befestigen, welche die letzten Jahre um ganz Deutschland geschlungen haben, im Frieden die Wohlfahrt und das Gedeihen des deutschen Volkes zu fördern. Die Keune deutscher Größe und Kraft waren hoffnungsvoll gelegt, und es bedurfte nur einer ruhigen stetigen Entwickelung, um das neue Deutschland in der freien Einigung seiner Fürsten und Stämme immer mehr zu einem mächtigen nationalen Gemeinwesen erwachsen zu lassen.
Diese Entwickelung aber rief vom ersten Augenblicke die Eifersucht Frankreichs hervor, welches seit Jahrhunderten in der Schwäche und Zersplitterung Deutschlands eine der hauptsächlichen Stützen seiner Macht und seines politischen Ueberge- wichts gesucht und leider gefunden hatte.
Frankreich war dem jüngsten deutschen Kampfe in der sicheren Erwartung gefolgt, durch Preußens, wie cs wähnte, unvermeidliche Niederlage schließlich der Schiedsrichter und Herr in Deutschland zu werden.
Daß cs anders gekommen ist, daß au8 jenen Ereignissen ein verjüngtes Deutschland erstanden ist, das hat uns Frankreichs Regierung und Volk seitdem nicht verziehen. Für seine getäuschten Hoffnungen hätte es sich schon früher schadlos zu halten gesucht, wenn es zu seiner eigenen militärischen Kraft gegenüber der erprobten Kriegstüchtigkeit unserer Armee bisher schon hätte Vertrauen haben können.
Die Regierung unsers Königs hat jenem unruhigen Streben gegenüber ihre Friedensliebe und Mäßigung wiederholt durch die That bewiesen. Sie glaubte, um des Weltfriedens und der Wohlfahrt der Völker willen so handeln zu müssen, sie hegte überdies die Hoffnung, daß die eifersüchtige Erregtheit Frankreichs einer verständigeren Auffassung weichen würde, zumal der Kaiser Napoleon eine friedliche Gesinnung zur Schau trug.
Aber diese Friedensliebe war nur Schein, nur darauf berechnet , Deutschland in Zuversicht einzuwiegen, damit Frankreich Zeit behielte, seine Kriegsrüstung nach allen Seiten zu beendigen.
Unter nichtigem Vorwande hat Frankreich uns jetzt mit einer dreisten Herausforderung überrascht.
Den willkürlich herausgegriffenen Anlaß mußte die in Spanien beabsichtigte Wahl eines Prinzen vom fürstlichen Hause Hohenzollern darbicten.
Der Fürst aus dem Hause Bonaparte, dessen Wahl durch das französische Volk die Mächte respektirt hatten, obwohl jenes Haus früher durch feierlichen Beschluß Europa's vom Throne ausgeschlossen war, — ein Napoleonide wagte es, der freien spanischen Nation Vorschriften über die Wahl ihres Königs machen zu wollen.
Nachdem durch den freiwilligen Verzicht des Prinzen von Hohenzollern der vorgebliche Grund der französischen Erregung beseitigt war, trat das gleisnerische Spiel in voller Rücksichtslosigkeit hervor. Die Regierung des Kaisers Napoleon stellte geradezu ehrverletzende Forderungen an unsern König, und inn™ in einer Form, welche dem völkerrechtlichen Brauch, wie aller Gesittung widersprach. Im Bewußtsein dessen, was er Sich und dem deutschen Volke schuldig ist, hat der König diese Forderungen gebührend zurückgewiesen.
Es war offenbar geworden, daß Frankreich in übermüthigem Trotz aus feine Rüstungen nur noch die Erniedrigung Preußens und Deutschlands im Auge hatte und in jedem Schritte der