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sind, ziemlich aller Orten davon abgestanden, Programme aufzustellen. Auch die Konservativen haben es unterlassen und nur im Allgemeinen die Vertretung der landwirthschaftlichen Interessen betont.

Wahlprogramme machen heut zu Tage nur die Mißvergnüg­ten, d. h. Diejenigen, die der Gestaltung der Dinge seit 1866 mehr oder weniger mißlaunig gegenüber gestanden und nicht mitspiclen wollten, und die nun ihr Glück bet den Wählern versuchen, ob sie nicht zu einer etwas größeren Bedeutung wieder kommen können. Die Aussichten sind bei dem urtheilsfähigen Theil der Nation sehr schwach. Nie ist Größeres in Deutschland für die Einheit, für die Freiheit geschehen, welcher einsichtige Wähler könnte Lust haben, Leute in den Land- und Reichstag zu schicken, die bei allem dem Erreichten gar nicht oder unwillig mitgewirkt, und denen nur daran liegt, wieder neue Konflikte einzufädeln? Wenn man im Zuge ist mit einer großen Resormperiode, wenn man festen Boden unter sich fühlt, um die Nation, sicher und stark nach außen / weiter zu führen in der Lösung ihrer innern Auf­gaben, dann wählt man jedenfalls Männer, die hoffnungsvoll auf der glücklich begonnenen Bahn wei­terschreiten wollen, aber nicht solche, die in den Zeiten d es preußischen Budgetkonfliktes ihre besten, ja einzigen Erinnerungen finden und den Augenblick nicht erwarten können, wo sie jene ihre äußerst uninteressante Thätig­keit wieder aufzunehmen im Stande wären. Die Bundes­verfassung mit ihren Bestimmungen über Organisation der Armec- und Militärbudgets giebt ihnen dazu sehr wenig Gelegenheit. Dennoch sind auf diesem Gebiete Programmvcrsuchc von der sogenannten Fort­schrittspartei und noch dreistere von einer sogenannten Volkspartei gemacht worden, die in der Verfassung aber keinen Halt haben, fon- dern diese selbst in Frage stellen. Große Bedeutung können diese Ver­suche sich nicht versprechen.

Verbesserung der Pfarrstellen.

Seit einer Reihe von Jahren wird in der evangelischen Kirche Preußens alljährlich eine Kollekte zur Abhülfe der dringendsten Noth­stände der Kirche veranstaltet. Diese »Nothstandskollekte» ist bisher ausschließlich zur Hülfe der Evangelischen in der Diaspora verwandt worden, d. h. derjenigen Evangelischen, welche vereinzelt unter katholi­scher Umgebung wohnen und früher allen evangelischen Unterricht in Kirche, Schule und HauS mehr oder weniger entbehren mußten. Als erster und damals einziger Arbeiter war der Gustav -Adolph-Verein in dieses weite Gebiet eingetreten und hat darin segensreich gewirkt - aber es fehlte viel, daß er den vorhandenen Bedürfnissen ein volles Genüge schaffen konnte. Deshalb bestimmte der Evangelische Ober- Kirchenrath die Nothstandskollcktc vorzüglich für jene Aufgabe der Kirche. Es konnten demzufolge bereits über 630,000 Thlr. in dieser Richtung zur Dotirung neuer Pfarren, zur Unterhaltung von Geistlichen, Be­gründung evangelischer Schulen in der Diaspora verwandt und da­mit vielfach eine segensreiche Wirkung geübt werden.

So sehr die Fortsetzung des damit begonnenen Werks unbedingt geboten ist, so ist doch neuerdings erwogen worden, ob nicht bei voller Aufrechterhaltung dieser Thätigkeit nunmehr noch ein zweites, dringen­des Bedürfniß mittelst der Kollektenerträge in Angriff genommen werden kann, nämlich die Aufbesserung der völlig unzureichenden Pfarr- gehâlter. Während als der geringste Satz einer auskömmlichen Besoldung für Pfarrer nicht wohl eine Summe unter 600 Thlr. angenommen wer­den kann, fehlt doch viel, daß alle Pfarrstellen diesen Satz erreichen, Vielmehr bleibt die Besoldung bei 667 Stellen unter 600 Thlr., bei 403 Stellen unter 500 Thlr., und 86 Stellen tragen noch nicht einmal 400 Thlr. Seit Jahrzehnten haben die Konsistorien und Provinzial- Synoden nach Mitteln gesucht, diesen Mißstand zu beseitigen, aber durchgreifende Hülfe ist nur zu erwarten, wenn auch hier die Kräfte der Kirche als Gesammtheit ins Mittel treten.

Der Evangelische Ober-Äirchenrath hat deshalb beschlossen, aus denjenigen Beträgen der allgemeinen Nothstandskollcktc, welche bei Fortführung der erwähnten bisherigen Arbeiten zu erübrigen sind, einen besonderen »Pfarr-Aufbesserungsfonds» zu bilden, um hieraus die Einnahmen der in den niedrigsten Gehältern stehenden Geistlichen durch jährliche Zuwendungen auf einen gleichmäßigen nie- drigsten Satz zu erhöhen, der, mit 400 Thlr. anfangend, in Summen von 50 Thlr. aufsteigen soll.

Es ist vorauszusehen, daß um des neu hinzutretcnden Zweckes der Kollekte willen die Fürsorge für die zweckmäßige Erhebung der­selben bei den Geistlichen und Gemeinde-Kirchcnrâthen und die Willig­keit des Gebens bei den Gemeindegliedern sich xihöhen werde.

Unser König hat die Steife nach Bad Ems am Sonn­tag (19.) Abend angetreten. Se. Majestät wollte diese Reise auch benutzen, um die Industrie-Ausstellung in Kassel, welche besonders als ein Zeichen des lebhaften gewerblichen Aufschwun­ges der dortigen Provinz große Beachtung findet, in Augen-

sch»in zu nehmen, und nahm zu diesem Zwecke einen mehr­stündigen Aufenthalt in Kassel. Bei der Fahrt durch die Stadt und bei der Ankunft im Ausstellungsgebäude wurde der König allseitig freudig begrüßt. Derselbe verweilte etwa zwei Stun­den in der Ausstellung. Er äußerte sich sehr anerkennend so­wohl über die Einrichtung derselben, wie auch über eine große Zahl der ausgestellten Gegenstände, und gab mit der Genug­thuung über die Entwickelung der dortigen Industrie zugleich den Willen zu erkennen, diesen Aufschwung auf jede Weise zu fördern.

Nach 11 Uhr setzte der König die Reise nach Ems fort und kam daselbst Nachmittags um 4 Uhr unter dem lebhaften Zu­rufe der Bevölkerung an. Die ganze Stadt war festlich ge­schmückt und wurde am Abend glänzend erleuchtet.

DaS Befinden der ^rau Kronprinzessin und der neugeborenen Prinzessin ist zufriedenstellend.

In Betreff der Gotthard-Eisenbahn ist, nachdem das be­zügliche Bundesgesetz amtlich verkündet ist, am 20. d- M. eine Ueber- einkunft zwischen dein Norddeutschen Bunde, Italien und der Schweiz unterzeichnet worden , durch welche der Bund dem zwischen Italien und der Schweiz abgeschlossenen Vertrage wegen Herstellung der Gotthardbahn beitritt.

Die nord- und süddeutschen Landesvereine zur Pflege im Felde verwundeter Krieger haben bekanntlich im vorigen Jahre eine Uebereinlunft getroffen, nach welcher ein gemeinsamer Ver­band und ein Centralkomite unter Leitung des preußischen Haupt- Vereins und unter Betheiligung sämmtlicher Landesvereine gebildet worden ist. Am 18. d. M. ist dieses deutsche Ccntralkomite zum ersten Male in Berlin zu einer Sitzung zusammcngetreten, zu welcher sich die Vertreter nord- und süddeutscher Landesvereine eingefunben hatten. Es wurde beschlossen, auf den 10. und 11. Oktober d. I. eine Versammlung der teutschen Hülfsvercine nach Nürnberg aus­zuschreiben, auf welcher verschiedene Gegenstände der freiwilligen Krankenpflege, namentlich die Frage wegen zweckmäßiger Ausbildung von Krankenpflegerinnen, Beschaffung eines bereiten Hülfspersonals für den Kriegsfall, Einrichtung von Vercins-Lazarethen, besprochen, und zu welchem alle Mitglieder deutscher Hülfsvercine eingeladen werden sollen.

Zur Erleichterung des brieflichen Verkehrs hat die Post- Verwaltung des Norddeutschen Bundes Korrespondenzkarten eingeführt, durch welche die Möglichkeit gewährt wird, einfache und kurze Mittheilungen der Post zu übergeben, ohne die Umständlich­keiten, welche mit dem Falten eines Briefes, mit dem Einlegen in ein Couvert, mit dem Siegeln u. s. w. verknüpft sind.

Die Vorderseite der Korrespondenzkarte enthält einen zur Ein­rückung der Adresse bestimmten Vordruck. Die Rückseitc kann in ihrer ganzen Ausdehnung zu schriftlichen Mittheilungen benutzt werden. Adresse und Mittheilung können mit Tinte, Bleistift, Rothstift u. f. w. geschrieben werden: nur muß die Schrift haften und deutlich sein.

Die Formulare zu den Korrespondenzkarten werden von der Post geliefert. Diese Formulare sind bereits mit der Freimarke von 1 Groschen (ober 3 Kreuzern) beklebt. Nur der Betrag der aufge­klebten Marken ist für die Korrespondenzkarten zu entrichten- das For­mular selbst wird unentgeltlich geliefert.

Wo es geschehen kann, wird den Absendern, namentlich bei grö­ßeren Postanstalten, eine Schrcibgelegenhcit zur Ausfüllung der Kor­respondenzkarten gewährt werden.

Es ist anzunehmen, daß diese neue Einrichtung dem Publikum für viele Gelegenheiten und Verhältnisse willkommen fein werde. Sehr viele Nachrichten vertragen die offene Mittheilung vollkommen, die Postbeamten haben nicht Zeit, sie zu lesen, werden auch bei der täglich wiederkehrenden Masse ganz gleichgültig dagegen- beim Telegraphiren liegt schon jetzt ganz derselbe Fall vor, nur daß bei der Post die Masse noch viel größer ist.

Für eine große Anzahl von Mittheilungen im geschäftlichen Ver­kehr, Bestellungen, Benachrichtigungen, Meldungen, buchbändlerischen und kaufmännsschen Notizen wird die Korrespondenzkarte wegen der Einfachheit, Kürze und Bündigkeit zweckmäßig verwendbar sein. Nicht minder im geselligen Verkehr bei Einladungen, Erkundigungen, kurzen Mittheilungen aus dem Kreise des alltäglichen Lebens. Der Verkauf findet durch sämmtliche Postannahmestellen, sowie durch die Briefträ­ger und die Landbricfträgcr statt- sollten diese in einzelnen Fällen nicht so viel Karten bei sich führen, als verlangt wird, so werden sie sich die Bestellungen notiren und den betreffenden Korrespondenten die gewünschte Anzahl auf dem nächsten Umgänge mitbringen.

(Wie günstig diese neue Einrichtung von der Bevölkerung aus­genommen wird, erhellt aus der Thatsache, daß am ersten Tage der Ausgabe der Karten, am 18. d. M., in Berlin allein über 45,000 gekauft worden sind.)

Verantwortlich: E. Liedtke in Berlin.

B«lm, CnJ uni Verlag ixt Königlichen Geheimen Obrr-HasbuchLrnckcrei (R. v. Dick»).