nicht trüben lassen durch die Mißklânge und Kämpfe, die manche Arbeiten, namentlich in der letzten Zeit, begleiteten, sondern in rubiger und nüchterner Betrachtung das würdigen, was geschehen ist. Und obwohl wir keineswegs eingenommen sind für das »Fcrtigmachen« um jeden Preis, so dürfen wir uns eingestehen, daß während der letzten drei Jahre ein solider, tüchtiger verheißungsvollerGrund- bau gewonnen ist für die Wohlfahrt der deutschen Na- tion'und für die Verwirklichung des nationalen Gedankens, und zwar ohne Beeinträchtigung einer weiteren freiheitlichen Entwickelung und der liberalen Ideen, die — wenn auch zuweilen in allzu bescheidener Weise — ihre Berücksichtigung gefunden haben. Anders steht man dem abgeschlossenen Werke gegenüber, anders dem werdenden. So manches wir auch anders gewünscht hätten — das dürfen wir anerkennen, daß diese letzten drei Jahre mehr für die Nation und für die Verwirklichung ihrer vor- nchmsten Wünsche und Bestrebungen geleistet haben, als irgend ein Zeitraum innerhalb der Periode, wo überhaupt die politischen Bestrebungen des Volkes eine festere Gestalt in bewußter Weise gewonnen haben. Wir stimmen der Thronrede bei, wenn sie es aüsspricht, daß die gewonnenen Erfolge dem deutschen Volk eine Bürgschaft für die Erfüllung der Hoffnungen geben, welche sich an die Schöpfung des Norddeutschen Bundes knüpften.«
Die »Schlesische Zeitung« schließt einen größeren Aufsatz mit folgenden Worten:
»Aber an diesem ersten Abschnitte unserer wirklich nationalen Ar- beit wird cs sich wohl auch ziemen, der Macht, unter deren Auspicien so viel zu Stande gekommen, ein Wort dankbarer Anerkennung auè- zusprechen. Der Schirmherr des Norddeutschen Bundes hat in seiner gestrigen Schlußrede nur im Hinblick auf das deutsche Volk gesprochen und seinen Vertretern den Dank ausgedrückt, auf den sie gerechten Anspruch haben, wenn die deutsche Nation mit Gottes Hilfe die Weltstellung gewinnt, zu der ihre geschichtliche Bedeutung, ihre Stärke und ihre friedfertige Gesittung sie berufen und befähigen. Diese Vertreter, die in unsäglichen Anstrengungen treu bis ans Ende auègcharrt, verdienen gewiß den allseitigen Dank der Nation.
Ueber dieser gerechten Dankbarkeit darf aber das deutsche Volk des Schirmherrn des Werkes nicht vergessen, unter dessen segensreichem Walten die schwere Arbeit zu einem glücklichen hcilvollen Ziele geführt hat. Das viel geschmähte, mit soviel Unglimpf behandelte Preußen ist nicht müde geworden, auf dem einmal so glorreich betretenen Wege sich ferner die Ungunst der Feinde der nationalen Sache zu verdienen.
Vor allem hat sein thatkräftiger König mittäglich steigender Energie die Fahne Deutschlands hoch und immer höher erhoben. Diesem Werkmeister, diesem erhabenen Schirmhcrrn unseres großen nationalen Werkes mag wohl auch heute das dankbare Volk seine erneuten Segenswünsche bringen und vor allem den Wunsch aussprechen, daß es ihm vergönnt sein möge, noch das glückliche Ende des so herrlich geglückten Anfanges zu sehen.«
Die Gotthardbahn.
Erklärung des Bundeskanzlers Grafen von Bismarck in der Sitzung des Reichstages am 25. Mai.
Die Bewilligung eines Beitrags zux Ausführung der Gotthardbahn hat den Reichstag noch in seiner letzten Sitzung beschäftigt.
Die Bundesregierungen hatten die Bewilligung einer Summe von 10 Millionen Francs (etwa 2% Millionen Thaler), einschließlich der Beiträge einzelner Eisenbahngesellschaften u. s. w., beantragt. Der Abg.Lasker beantragte seinerseits, diese Bewilligung noch an weitere spezielle Bedingungen zu knüpfen.
Der Bundeskanzler Graf Bismarck äußerte sich hierüber in Folgendem:
»Meine Herren! Es müssen gewiß die verbündeten Regierungen tief von der Ueberzeugung durchdrungen sein, daß die politischen Interessen es empfehlen, zwischen Deutschland und Italien eine Verbm- dung zu schaffen, welche lediglich von dem neutralen Zwischenlande, der Schweiz, abhängig ist und nicht im Besitze einer der großen europäischen Mächte sich befindet.
Die Rücksichten müssen von besonderer Wichtigkeit gewesen sein, welche sie zu dem ungewöhnlichen, ich glaube beinahe nie vorgekommenen Vorgehen einer Regierung führen, Ihnen eine erhebliche Geldausgabe für eine außerhalb Deutschlands, nicht nur außerhalb des Norddeutschen Bundes, liegende Eifenbahn zuzumuthm.
Die Rücksichten, welche die Regierungen zu diesem ungewöhnlichen Verfahren bestimmen, sind aber, wie ich glaube, so auf der Hand liegend, so oft erwogen und zum Theil auch so delikater Natur, daß ich Sic bitte, mich davon zu entbinden, sie hier nochmals darzulegcn. Wenn Sie uns zur Verwirklichung dieses internationalen Bedürfnisses nicht Ihre Hand reichen, wenn der Reichstag seine Mit
Wirkung dazu versagt, so können wir natürlich dieses Bedürfniß nicht be- friedigen,' wir müssen dann den übrigen betheiligten Regierungen erklären: der Norddeutsche Reichstag hat uns seine unentbehrliche Mitwirkung versagt oder hat sie doch an Bedingungen geknüpft, welche so gut sind wie eine Versagung, welche unbedingt die Wirkung einer Versagung haben. Daß dies die Wirkung der Annahme des Amendements des Herrn Abg. Lasker sein würde, hat schon der Herr Präsident des Bundeskanzler-Amts hervorgehoben,- schon allein aus her formalen Rücksicht, daß bei dem nabe bevorstehenden Schluß der Versammlung es nicht möglich sein würde, bei der Annahme dieses Amendements ihm die formale Vollendung noch zu geben. Der Herr Abg. Lasker sagt, der folgende Reichstag kann ja dann sehr leicht die Bewilligung verlängern, wenn er die Sache für angemessen findet. Der" folgende Reichstag hat aber keinen Einfluß auf die Entschließungen der andern Regierungen, auf die Wirksamkeit der mannigfachen Einflüsse, welche gegen die Sache überhaupt thätig sind.
Eine Untersuchung der Vorzüge, welche etwa der Gotthard vor dem Splügen oder umgekehrt haben könnte, liegt meines Erachtens ganz außerhalb des Interesses, welches Deutschland und namentlich Norddeutschland an der Sache hat. Für uns ist das Hauptinteresse einefast direkte Verbindung mit dem befreundeten und, wie wir glauben, auf die Dauer befreundeten Lande Italien zu haben. Dieser Vortheil lief Gefahr, uns vollständig versagt zu bleiben, weil eine Entscheidung zwischen den beiden Bahnen nicht rechtzeitig zu treffen war, und die Unschlüssigkeit darüber, welche von beiden gebaut werden sollte, war der gewichtigste und stärkste Hebel für diejenigen Bemühungen, welche den Bau einer jeden neuen Balm dort verhindern wollten. Deshalb haben wir uns vor allen Dingen angelegen sein lassen, durch unsere sehr be- stimmte Erklärung zu Gunsten einer dieser Bahnen das Hinderniß zu beseitigen, welches in der Zwiespältigkeit, in der Gefahr, zwischen zwei Stühle sich zu setzen, lag. Wir glauben damit den Schweizer-Interessen einen wesentlichen Dienst geleistet zu haben, daß wir durch unsere sehr bestimmte Erklärung der Ungewißheit, ob Gotthard oder Splügen, ein Ende gemacht haben. Indem wir aber erklärt haben und noch heute die Erklärung wiederholen, daß wir uns auf den Splügen unter keinen Umständen entlassen würden, halten wir an dem Gotthard fest, nicht weil wir den Interessen des Splügen nicht auch das Ihrige gönnten, sondern weil wir voraussehen, daß sobald wir auch nur' die Möglichkeit der Erwägung des Splügen wieder zulassen, gar keine Eisenbahn dort hergestellt wird, während die Hoffnung nicht ausgeschlossen ist, daß, wenn jetzt die Gotthardbahn gebaut wird, die Splügenbahn ihr dereinst folgt.«
In Folge dieser Erklärung des Bundeskanzlers wurde der Las- kersche Antrag verworfen und der Gesetzentwurf vom Reichstag fast einstimmig genehmigt.
Unser König beliebt sich am 1. Juni nach Ems, um dort dem Kaiser von Rußland einen Besuch zu machen. Der König reist vom Potsdamer Bahnhöfe Abends nach 10 Uhr mit dem Courierzuge nach Cassel und von da mit Extrazug weiter nach Ems, woselbst er Donnerstag Vormittag um 10 Uhr einzutreffen gedenkt. Die Rückreise von dort wird voraussichtlich am 3. Abends oder am 4. früh angetreten und auf demselben Wege stattfinden, so daß Se. Majestät im Laufe des nächsten Sonnabend (4.) in Berlin wieder eintrifft.
Der Bundeskanzler Graf von Bismarck wird Se. Majestät den König auf der Reise nach Ems begleiten.
Die Wahlen zum Reichstage werden, wie schon früher erwähnt, voraussichtlich gegen die Mitte des Monat September, die Wahlen zum Abgeordnetenhause in der zweiten Hälfte desselben Monats stattfinden. Eine genauere Bestimmung der Termine ist noch nicht erfolgt.
Der Kommunal-Landtag für den Regierungsbezirk Wiesbaden wird zum 12. Juni einberufen. Den Hauptgegenstand seiner Berathungen wird die Regelung der Verwaltung der nunmehr an den kommunalständischen Verband übertragenen Nassauischen Landesbank, sowie der neu zu gründenden Sparkasse bilden.
Verantwortlich: E. Liedtke in Berlin.
Berlin, Druck und Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hosbuchdruckerei (R. v. Decker).