hin gleich einem völligen Umstürze des gestimmten Mili. tärsystems des Norddeutschen Bundes und würde schließlich hinauslaufen auf die Wehrlosmachung unseres Deutschen Vaterlandes seinen äußern und innern Feinden gegenüber. Der gestellte Antrag ist und bleibt eben unannehmbar, und wenn in der demselben gewordenen Begründung sich sehr beliebte und allbekannte Schlagworte vorfinden, wie »Steuer- übcrlastung«, »Vertraucnslosigkcit«, »Stockung in Handel und Verkehr« und dergleichen, an denen die Armee die Schuld tragen soll, so kann ich die heutige Gelegenheit nicht vombergehen lassen, die in diesen Angriffen für die Armee enthaltenen Vorwürfe und Beschuldigungen auf das Bestimmteste und Entschiedenste zurückzuweiscn. Wenn die Herren nur geneigen wollen, die Jetztzeit mit ihren revolutionären Tendenzen ins Auge zu fassen, so behaupte ich, daß die Armee es ist, welche ihre' produktive, wahrhaft fördernde Kraft äußert in dem von ihr gewährten Schutz für Recht, Ordnung und Gesetz, in dem von ihr gewährten Schutz für Handel und Verkehr und deren ferncrweite ungestörte Entwickelung.
Demnach wird auch die Armee in der festen und ruhigen Ueberzeugung sich nicht beirren lassen, daß sie nach wie vor und vielleicht mehr denn jemals berufen bleibt, die wahren und wichtigsten Interessen des Vaterlandes nach allen Richtungen hin zu wahren, 51t schützen und zu stützen. Die Herbeiführung einer allgemeinen Abrüstung erachtet das Kriegs-Ministerium gleichmäßig unvereinbar mit den Interessen unseres Landes, wie mit den Verpflichtungen des Königreichs Sachsen dem Norddeutschen Bunde gegenüber.«
In Betreff der Abkürzung der Dienstzeit fügte der Kriegs-Minister in einer weiteren Erwiderung noch hinzu, cs sei völlig unthunlich, daß die Dienstzeit noch mehr beschränkt werde, als sie thatsächlich bereits beschränkt sei. Die dreijährige Dienstzeit werde streng genommen nicht durchgeführt, indem thatsächlich ein großer Theil der Mannschaften schon jetzt nur Weniges über zwei Jahre Dienstzeit abzuletsten habe.
Der Staats-Minister von Friesen äußerte sich seinerseits im Wesentlichen wie folgt: »Ich muß mein Bedauern darüber aussprechen, daß hier behauptet worden: Die Stockung im Handel und Verkehr, die vollkommene Vertrauenslosigkeit, die jetzt herrschen soll, seien Folgen des. gegenwärtigen Zustandes unserer Militärvcrfassung. Ich muß überhaupt läugnen, daß im Allgemeinen eine solche Stockung vorhanden ist, sie mag vielleicht in einzelnen Geschäftszweigen bestehen, im Allgemeinen kann ich es nicht zugeben. Wir brauchen nur een außerordentlichen Aufschwung anzusehen, der in dem Post- Verkehre, in dem Telcgraphcnverkehie eingetreten ist, seitdem diese Verkehrsmittel auf den Norddeutschen Bund übergegangen sind, und cs deshalb möglich wurde, das Porto und Tarifgcbübrcn zu ermäßigen. Ich kann auch nicht zugeben, daß eine allgemeine Stockung einge- trctm sei, wenn ich den jetzigen großartigen Eisenbahnverkehr betrachte. Ich muß also sehr bezweifeln, ob dieses Anführen ein vollkommen begründetes ist, und möchte glauben, daß man da doch weit über die Wahrheit und über die wirklichen Verhältnisse hinausgehi, wenn man dies sagt, und der Militärvcrfassung die Schuld daran beimißt.
Meine Herren! Vertrauenslosigkeit ist allerdings ein Grund, daß die öffentlichen Verhältnisse, insbesondere Handel und Verkehr, zurückgchm, daß Handel und Wandel stocken können. Aber, meine Herren, daß eine schlagfertige Armee, wie das Vorhandensein einer kräftigen Militär - Organisation zur Vertrauenslosigkeit führen könne, das vermag ich nicht einzusehen. Im Gegentheile, ich habe immer gefunden, daß in Zeiten und in Staaten, wo durch eine kräftige Armee eine Sicherheit der Existenz, der Ruhe und Ordnung nach innen und außen gegeben ist, Handel und Gewerbe mehr blühen, als in Ländern und in Zeiten, wo eine solche Sicherheit nicht vorhanden ist, oder war.
Ein Redner hat sich auf den neuerdings geführten Nachweis berufen, welche außerordentliche Kosten der Militäraufwand in Europa verursacht. Ja, meine Herren, das ist freilich sehr richtig, große Kosten werden dadurch verursacht. Die Frage ist nur: sind diese Kosten zu ersparen? werden diese Kosten zwecklos aufgcwcndct? Nun, meine Herren, es ist doch wohl keine Frage, daß, wenn dieser Aufwand nicht gemacht würde, wenn wir, wie im Mittelalter, keine stehenden Heere hätten, wenn die Staaten sich nur mit kleinen Mitteln, mit leicht zusammengebrachten und schnell wieder entlassenen Heeren einander bekämpften, wenn noch der Grundsatz gälte, daß der Krieg den Krieg ernähren müsse, daß dann auch keine solche öffentliche Ordnung herrschen, keine solche Sicherheit vorhanden wäre, wie jetzt, und dann auch Handel und Wandel nicht in der Weise blühen würden, wie jetzt, weil sie dann immer fürchten müßten, daß Kriege ausbrechen und Unruhen entständen. Die stehenden Heere mir ihrer Organisation über ganz Europa hinweg, mögen sie auch vielleicht in dem Augenblicke und mit Rücksicht auf die jetzige Lage etwas über das für die Dauer und bleibend nöthige Maß in allen europäischen Staaten, nicht blos im Norddeutschen Bunde, hin- auSgehen, sind doch ganz entschieden ein großes L-chußmittcl, eine gute Garantie dafür, daß der Frieden nicht so leicht gestört werden wird. Es ist ganz mit Unrecht gesagt worden, die Armeen seien unproduktiv (dienten nicht zur Mehrung des öffentlichen Wohlstandes), denn wenn sie auch selbst nichts schaffen, so schützen sie
doch die Volksarbeit. Gerade wie der Richter, welcher Recht spricht und die Ordnung aufrecht hält, indem er Recht und Gerechtigkeit schützt, dadurch auch indirekt, aber ganz wesentlich dazu beiträgt, die Volksarbeit zu schützen und zu ermöglichen, gerade so thun cs die stehenden Hecrc auch nach anderen Richtungen hin und in anderer Weise, und darum soll man nicht ohne Weiteres die stehenden Heere als die Ursache alles Unglücks und aller Noth, die etwa drückt, bezeichnen und anklagen.
Sinn aber frage ich noch, wenn es auch recht wünschenswerth wäre, daß in Europa eine allgemeine Verminderung der stehenden Heere einlrcte, daß, wenn solche paradiesische Zustände herbeiführen könnten, um die Armeen nicht mehr brauchten — ich will daS einmal zugeben —, glauben denn die Herren, daß durch den vorliegenden Antrag dieser Zweck auch nur entfernt und annähernd erreicht werden könnte? Wollen Sie bem Norddeutschen Bunde zumuthen, daß er allein seine Armee vermindere mitten unter den großen Armeen dcr übrigen europäischen Staaten rings umher? daß er allein sich wehrlos mache, oder wenigstens seine Wehrkraft be- deutend vermindere. Gewiß wollen Sic das nicht! Oder glauben Sie etwa, daß dieser Antrag dazu beitragen könne, daß deshalb Frankreich oder Oesterreich oder Rußland leichter als außerdem zu bewegen sein würden, mit ihren Armeen herunter zu geben? Gewiß glauben Sic das auch nicht!
Nein, meine Herren, seien Sie überzeugt, der Eintrag ist völlig zwecklos und erfolglos. Es ist nicht ein übler Wille oder eine Unlust der Regierung, nicht eine übertriebene Amgst- lichkeit oder Bcsorgniß, wenn sie auf diesen Antrag nicht eingehen will, sondern es ist ihre innige Ueberzeugung, cs ist ihre Kenntniß der wirklichen Verhältnisse, wie sie in Europa bestehen, welche einen solchen Antrag der Regierung in diesem Augenblicke ganz nutzlos, ja sehr bedenklich erscheinen lassen. Es ist schon erwähnt worden, daß bis zum Jahre 1871 nichts an der Militärcrgavisation zu ändern ist. Ich will nur noch darauf aufmerksam machen, daß die Regierung zur Zeit auf eine feste Verbindlichkeit darüber, wie sie im Jahre 1871 sich aussprechen und wirken wird, nicht übernehmen kann. Es wird daS ganz davon abhängen, wie die Verhältnisse dann sind/ eS wird abhängen von der Lage der europäischen Verhältnisse überhaupt, und wird dann zu erwägen sein, ob es möglich sein wird, dann eine Verminderung des Heeres eintreten zu lassen. Dessen aber können Sie, meine Herren, versichert sein, daß Niemand — ich sage hier ganz allgemein Niemand — auS bloßer Lust an vielen Soldaten eine unnöthige Last dem Lande auflegen oder beibehalten wird. Ich kann bestimmt versichern, daß diese Frage von allen Seiten, die dabei be- tyeiligt sind, rein nach sachlichen Gründen aufgefaSt werden wird, und daß, wenn dann die Verhältnisse es gestatten, wenn c8 ohne Nachtheile geschehen kann, dann gewiß auch alle billige Rücksichten auf eine Erleichterung der Militârlastcn genommen werden wird.«
Zum Schlüsse sagte der Minister:
»Der Norddeutsche Bund fielst zu fest in seiner Organisation, die Zugehörigkeit Sachsens zum Norddeutschen Bunde ist zu fest durch die Natur der Verhältnisse bedingt und gegeben, die Gesinnung der sächsisch en , Diegierung und die Art und Weise, wie sie ihr Verhältniß zu dem Bunde auffaßt und handhabt, ist zu bekannt und zu un» zweifelhaft nachgewiesen, als daß ich irgendwie es für möglich halten könnte, daß durch eine Berathung eines solchen Gegenstandes und durch dieAbstimmung in dieser Kammer daran irgend etwas geändert w erden könnte. Aber einer Mißdeutung ist dieser Antrag in hohem Grade fähig, einer Mißdeutung ist er fähig, wenn man auf den ursprünglichen Grund, auf dem er gewachsen ist, zurückgebt. Einer Mißdeutung ist er fähig, weil cs, von ganz verschiedenen Standpunkten ausgehend, verschiedene Ansichten und verschiedene Parteien giebt, denen die gegenwärtige Stellung Sachsens im Bünde unangenehm ist, in deren Pläne und Absichten dieselbe nicht paßt, und welche daher versuchen, jeden kleinen Anstoß, der Mißtrauen erwecken könnte, hcrvorzuhcben, zu vergrößern, immer mehr und mehr auf die Spitze zu treiben, um dadurch Kapital für ihre Sache, für ihre Zwecke zu machen. —
Ich fqnn schließlich auf das Bestimmteste versichern, daß die Vertreter der sächsischen Regierung Alles, was sie dem Bunde gegenüber gethan haben, sowohl durch ihre persönliche Wirkung in Berlin, als auf anderem Wege, einzig und allein in der festen persönlichen Ueberzeugung davon gethan haben, daß es zum Besten des Landes, zum Wohle des Königs und des Vaterlandes gereiche.«
Die Erklärungen der sächsischen Minister sind augenscheinlich von großer Bedeutung vornehmlich in Bezug auf den Ernst und die Entschiedenheit, womit die sächsische Regierung ihre Stellung im Norddeutschen Bunde aussaßt und zu bethätigen entschlossen ist.
Ein französisches Urtheil über den Geist der preußischen Armee.
Das preußische Heer hat nicht blos durch seine Siege und Erfolge, sondern durch seine gesammte Haltung im Jahre 1866 die früheren vielfachen Angriffe gegen seine inneren Einrichtun-