SOS
Vom Kriegsschauplätze.
Dem Feldbriefe eines 14. Ulanen, d. d. 30. Nov., bei Amiens, entnimmt die „Cöln. Ztg.": „Daß ich noch lebe, ist eigentlich ein Wunder, denn Kugeln und Granaten haben wir genug, in den letzten acht Tagen viel mehr um den Kopf gespielt, als bei Metz in drei Monaten. Unsere Schwadron nebst */2 Compagnie 8. Jägern ist es zuerst gelungen, die langgesuchten Mobilgarden der Nord-Armee aufzufindcn. Wir marschirten singend, wie gewöhnlich, auf ein Dorf zu, welches rechts von der Chaussee im Gehölze lag. Eine Spitze von drei Mann voraus. Letztere hatten eben das Gehölz passirt, als eS aus dem Busche krachte und die Spitze nebst Vielen von unserer Schwadron niedersanken, theils todt, theils verwundet. Wir machten Kehrt und ließen unsere zwei Geschütze, die wir auch bei uns hatten, ein Bißchen knallen, die Jäger gingen vor, wie im Parademarsche, und nun gings darauf los. Das Dorf war bald in Brand geschossen, aber die Feinde hatten leider im Gebüsche die schönste Gelegenheit, zu retiriren und zum Corps zu stoßen. In einem Wirthshause an der Straße fanden wir 100 Flaschen vergifteten Weins (in solchen Fällen walten zuweilen nur Mißverständnisse ob), aber die Preußen sind vorsichtig und die Folge davon war, daß ein Jäger den Wirth sofort erschoß und seinen Leichnam nebst seinem Hause verbrannte. Den Morgen darauf, am 21 wurden wir um 6 Uhr Morgens schon von den Schüssen des Feindes herausgetricbcn. Wir lagen mit 36 Jägern in einem Dorfe zusammen; die paar Jäger haben die Feinde, wohl 2000 Mann, so lange aufgehalten, bis wir uns vor dem Dorfe gesammelt hatten. Nun mußten wir diese so lange aufhalten, bis unser Regiment und noch 2 Compagnien Jäger nebst 6 Geschützen ankamen, dann trieben wir sie wieder zurück. Wenn die Franzosen nicht zu schlecht schössen, wäre kein Mensch von uns mehr da. Auf vielen freiwilligen Patrouillen, die ich mitgemacht habe, haben wir Feuer massenhaft bekommen, aber selten ward Einer getroffen. Am 27. hatten wir aber eine Schlacht, wenigstens ein großes Gefecht, bei Villiers-Bretonnes von Morgens 9 Uhr bis Abends um 7 Uhr. Abends bin ich über das Schlachtfeld geritten, aber ich habe mir nun vorgenommen, mich nicht mehr zu solchen Patrouillen freiwillig zu melden, denn ein solches Stöhnen und Jammern, das ist nicht zu beschreiben, und dabei blieben . unsere Krankenträger so lange aus. Franzosen sind aber mehr gefallen als Preußen. Die 44et hatten gegen Abend keine Patronen mehr, da haben sie ohne Weiteres gestürmt und auch die Schanzen genommen.
Eine traurige Folge der lügenhaften Siegesberichte der Regierung in Tours hat die Vernichtung der schönen Stadt Chuteau- dun herbeigeführt. Hans Wachenhusen, der in der Kölner Zeitung Chateaudun mit einem neuen Pompeji vergleicht, schreibt unter Anderem:
„So liege ich seit gestern Abend wiederum in einer der am schwersten geprüften Städte, einer Ruine inmitten eines Paradieses, in Chstdeaudun, das sich durch seine hartnäckige und energische Vertheidigung gegen die Preußen, durch seine vor und in der Stadt .angelegten Varricaden und sein Feuer aus den Fenstern eine der grausamsten Züchtigungen zugezogen. Ein ganzer Stadttheil, zwei- bundert und einige dreißig Häußer wurden in Asche gelegt und damit zugleich der Plünderung Preis gegeben, weil die Bürgerschaft selbst sich gegen den Feind zur Wehr setzte.
„Unerklärlich erscheint diese Tollkühnheit, dieser Wahnsinn vernünftiger Leute, wie man sie doch unter der Bürgerschaft einer ziemlich bedeutenden und wohlhabenden Provinzialstadt suchen muß. Aber auch dieses Unglück war nur eine Folge der lügenhaften Berichte, welche ofsicicll über jedes Statt gehabte Gefecht verbreitet wurden und selbst heute noch werden.
„Als der Feind nämlich nach der Einnahme von Orleans gegen Châteaudun anrückte, hieß es allgemein, es sei dies nur ein von den siegreichen Franzosen in die Flucht geschlagener, versprengter Trupp, der einen Handstreich gegen Chnteaudun versuchte. Sofort wurden alle Vcrtheidigungsanstalten getroffen, um die Marodeure
abzuweisen. Eine kolossale Barricade wurde errichtet, alle Zugänge der Stadt wurden verrammelt, alle Fenster der umliegenden Häuser mit Schützen besetzt, und so geschah denn die Einnahme der Stadt für uns nicht ohne Opfer; Offiziere und Soldaten waren durch das aus den Häusern auf sie gerichtete Feuer bis zum Acußersten erbittert, und als die Stadt genommen war, loderte die Flamme auf den Dächern ganzer Quartiere.
„Psychologisch interessant ist mit hier besonders die Wahrnehmung, daß unter den Gebildeten eine Resignation herrscht, die sich nur durch Eins erklären läßt. Sie haben alle nichts mehr, haben alle Alles verloren und Jeder sagt sich: dein Nachbar ist in derselben Lage wie du; er hat noch mehr gehabt, als du, und hat Alles verloren, du bist jetzt also eben so reich geworden wie er. Mit noch größerer Ruhe findet man sich in den Gedanken, daß jetzt erst die deutschen Truppen in Massen hier und in der Umgegend aufmarschiren werden. Man hat nichts mehr, um sie zu verpflegen, also werden sie Alles mitbringen müssen, und da kann sich vielleicht so mancher noch mit ernähren.
„Wie überall, wohin wir kommen, sind die Besitzenden, die vornehmeren Familien davongegangen; die besten Häuser stehen leer, wenn sie überhaupt noch Häuser, nicht ausgebrannte Mauern sind, denn gerade den reicheren Theil der Stadt hat man nieder- gebrannt. So wohne ich in einem Hause, dessen Eigenthümer ich weiß nicht wohin geflüchtet. Arme Verwandte von ihm bewirthschaften das Haus, und sie weinten seit gestern Abend über das Unglück, daS die Anderen betroffen, bis man ihnen — oder vielmehr den reichen Anverwandten — heute Mittag die Pferde aus dem Stalle holte und sie ihre Thränen trockneten, weil sie sahen, daß es eben den Reichen am schlechtesten ergehe. Ich weiß nicht, welche Miene sie gemacht haben, als bis vorgestern Abend ihre eigenen Truppen, Garde, Mobile und Reguläre, im Ganzen über 20,000 Mann, hier im Orte und in der Umgegend lagen. Viel Vertrauen können sie unmöglich zu diesen ausgezeichneten vaterländischen Truppen gehabt haben."
Die Regierung in TourS hat einen Contrakt auf Lieferung von 300 gezogenen Geschützen, allwöchentlich fünf Batterien, abgeschlossen, und zwar ist die Hälfte von englischen, die andere Hälfte von amerikanischen Häusern übernommen.
Diese Bestellung ist nun freilich vor der Zersprengung der Loire-Armee gemacht worden, immerhin aber zeigt sie, daß die Dictatur die Verausgabung neuer Milliarden nicht scheut, um unsere Kriegsbeute zu vermehren.
Dank Herrn Gambetta und Genossen haben wir wieder eine recht ansehnliche Zahl von Geschützen bei Orleans erbeutet, das theuer beschaffte Kriegsmaterial wird eiliger verloren, als es von England und Amerika wieder zu beziehen ist.
Die obige Notiz beweist aber auch, daß es nothwendig ist, in dem Süden Frankreichs vorzudringen, um die einzelnen Provinzen von einander zu trennen und so die Organisation größerer Heere unmöglich zu machen.
Die Loire-Armee ist zersprengt, aber ihre Trümmer können leicht wieder den Kern neuer Gambetta-Kolonnen bilden und je zahlreicher eine solche Armee ist, ■ um so eher wagt sie wieder einen Angriff und neues Blutvergießen wird nöthig. Gelingt es dagegen, die Bildung solcher Armeen zu verhindern, so kann der Volkskrieg wohl noch fortgesetzt werden, aber das Hauptvergnügen des Herrn Gambetta — das Regieren und Commaudiren hört auf, überall wird sehr bald der von solchen Guerillabanden ausgeübte Druck auf die Bevölkerung unerträglich werden und die Regierung hat dann nicht mehr die Macht, das Land mit ihrer Kriegslust zu terrorisiren.
Der bereits sehr verbrauchte Scherz, die Niederlage des Heeres dem Verrath des betreffenden Generals zuzuschreiben, scheint nochmals in Scene gesetzt werden zu sollen. <Trik.)
Gedruckt und verlegt in der Buckdruckeret des vereinigten evangel. Waisenhauses.
Hierzu die Mr» 4V der DroViuziKl-Gorrefpoudeuz als Beilage.