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Vom Kriegsschauplätze.

Auszug

aus der amtlichen Verlust-Liste Nr. 3L

Gefecht bei Gorze am IG. August ISVO 4. Thüringisches Infanterie-Regiment Nr. 72.

4. Compagnie.

Pr.-Lt., Karl Hub. v. Meibom aus Hanau. L. v. Streif­schuß a. Kopf.

Das kürzlich erwähnte Bravourstück eines Artilleristen, der vor Straßburg eine in die Batterie einschlagende Bombe aus der Batterie hinausgetragen und dadurch sein Leben und das seiner Kameraden gerettet hat, ist, der „Cöln. Zeitung" nach, von dem Kanonier H. Wecke von der Festungs-Artillerie 7. Regiments ausgeführt. Der­selbe hat über den Vorfall anliegende Mittheilungen an seine in Halle in Westfalen wohnende Mutter, eine in dürftigen Verhältniffen lebende Heuerlings-Witwe, gemacht, welche uns aus Halle gütigst mitgetheilt worden. Wir entnehmen denselben: d. d. Wolffis- heim, 3. Sept. „Am 2. d. Mts. haben die Franzosen drei Mal einen Ausfall gemacht, und es kam mir eine Kugel ungefähr eine Hand breit am Beine her und blieb hinter den Geschützen liegen, und ich war in der Wuth, griff das Geschoß an und schmiß es weg. Das war riskant von mir, denn es konnte mir in den Händen crepircn. Nachher kam der Hauptmann und gab mir die Hand und gratulirte mir, daß ich so tapfer gewesen wäre. Aber ich wußte mir nicht zu helfen, denn es lag nur zwei Schritte von mir. Ich hätte doch was kriegen können, aber jetzt habe ich mein Leben und meiner Kameraden Leben gerettet; ich wußte aber nicht, was mir überkam." d. d. Wolsfisheim, 9. Sept. „Am 2. d. Mts. das habe ich Euch ja geschrieben, da habe ich in der Batterie zehn Thaler erhalten, denn ich hatte es in der Batterie verdient und es wurde da auch ausbezahlt; das ist für die Bombe, die ich aus der Batterie geworfen habe. Es war riskant für mich, denn ich hätte ganz gut todt dabei bleiben können. Wenn ich Malheur haben sollte, daß ich todt oder schwer verwundet werde und Euch nicht wiedersche, so könnt Ihr von dem Feldwebel Schere, der bei unserer Compagnie jetzt ist, 15 Thaler fordern, denn er hat sie für mich in Verwahrung. Wenn ich gesund wiederkomme, dann haben wir Freude und werde Euch mehr erzählen. Wir feuern jetzt 16 Tage. Wie es weiter geht, wissen wir nicht."

Die Beschädigung, welche bei dem Bombardement das alte ehrwürdige Denkmal deutscher Kunst, das Münster von Straßburg erlitt, stellen sich glücklicherweise als unbedeutend heraus. Allerdings ist der Dachstuhl über dem Gewölbe abge­brannt; das Innere ist jedoch mit Ausnahme eines Glasfensters unverletzt und besonders die Uhr erhalten. Die wenigen Schüsse, die nach dem Thurme abgefeuert wurden, sind besonders vorher angekündigt, da der Feind auf der Plattform ein Observatorium mit Telegraphenleitung eingerichtet hatte, das unsere Arbeiten voll­ständig einsah.

Dem Commandanten von Straßburg, so sei hier erwähnt, war übrigens freigestellt, den Abzug von Frauen und Kindern und der gebrechlichen Leute nachzusuchen. Ein Anerbieten, was jedoch von diesem mit dem Bemerken zurückgewiesen wurde, daß er unter 80,000 Menschen keine Auswahl zu treffen im Stande fei. Nur dem Uebermuth und der vermeintlichen Sicherheit des Sieges ver­dankt die Bevölkerung Straßburgs, daß sie nicht zeitig auf die drohende Gefahr aufmerksam gemacht wurde. (Trib.)

Cöln, 20. September. Ein Unteroffizier vom 3. Bataillon des 28. Infanterie-Regiments, der wegen einer leichten Verwundung nach Cöln, seiner Heimath, entlassen wurde, erzählte uns folgendes hübsches Kriegsabenteuer: Am 16. August wurde ich bei Mars la Tour bei Erklimmung einer Anhöhe zugleich mit vielen meiner

Kameraden, leicht verwundet. Unserem Hauptmanne zerschmetterte ein Granatsplitter den linken Fuß. Nach einigen Stunden wurde» wir, etwa zwanzig an der Zahl, von den Franzosen aufgelesen und zu Gefangenen gemacht, auch unser Hauptmann. So gut oder schlecht cs eben gehen wollte, auf einen Karren gepackt, transportirten uns die Franzosen, begleieet von zahlreicher Escorte, deren Mann­schaft mit scharfgeladenen Chassepot unseren Wagen umzingelt hielt, nach einem nahe liegenden Dorfe. Hier wurden wir ohne Unter­schied des Ranges zusammen in eine Scheune gesperrt. Auf dem Wege hatte unser Hauptmann dem Commandeur unserer Begleitung schon die Bemerkung gemacht, man sollte doch nicht solche Kinderei treiben und verwundete und entwaffnete Leute nicht unter solch grimmiger Bedeckung fortschaffen; man könne doch die Soldaten jedenfalls besser verwenden. Unsere ganze Ehrengarde legte sich nun auch vor die Thür unseres Gefängnisses. Ein großes Fenster in der hinteren Schcunenwand, das nach dem freien Feld ging, blieb unbe­setzt. Des anderen Tages hörten wir in der Ferne den Donner der Geschütze. Da sagte unser Hauptmann: „Paßt auf, Kinder, morgen sind wir wieder bei den Unfrigen." Es währte nicht lange, da erklärte einer meiner Mitgefangenen, ein Badenser, der an das Fenster geklettert war, er sehe nicht weit von unserem Aufenthalts­orte entfernt deutsche Vorposten umherstreifen. „Das muß ich sehen, Kinder, hebt mich ans Fenster!" Die am leichtesten Verwundeten hoben nun den Hauptmann ans Fenster, der durch sein Fernrohr in den Gemeldeten bayerische Dragoner erkannte und nun sofort die Frage stellte: „Wer wagt es, durch das Fenster zu steigen und unseren Leuten Nachricht zu bringen?" Sogleich erklärte sich der Badenser bereit, stieg zum Fenster hinaus, kroch durch Kraut- und Kartoffelfelder zu den Bayern hin und machte ihnen Meldung. In Folge dessen rückte zwei Stunden später plötzlich eine halbe Escadron derselben in unser Dorf, nahm die nichts Böses ahnenden Franzosen gefangen und brachte uns auf einigen Transportkarren nach Mars la Tour, von wo aus ich dann sofort nach Cöln befördert wurde.

(Cöln. Zeit.)

Grade die Stadt, welcher der Kronprinz in Gnaden die Kriegs-Kontribution erlassen, zeigt sich am gehâssigfien-gegen unsere Truppen und es scheint, als ob der General Bonin dem schönen Ranzig etwas deutlicher seine augenblickliche Lage erkennbar machen dürfte. Man berichtet wieder von einer Demonstration.

„Bazaine kommt!" war der freudige Ruf der in ewigen Illu­sionen sich wiegenden Bevölkerung. „Eine Division liegt schon vor den Thoren; die Preußen sind auf der Flucht." In der That rückte eben ein bayerischer Truppentheil schnell ab (man nennt die Bayern auch Preußen), und zwar auf Toul hin, und durch die Straßen sprengte ein französischer General in voller Uniform und bewaffnet. „Bazaine kommt, die Preußen auf der Flucht. Vive la France, â bas la Prusse!" Dieser General war eben durch sein Ehrenwort, nach den Bestimmungen der Kapitulation von Sedan, frei geworden, nachdem er zu der verlangten Erklärung sich erst hier auf dem Transporte entschlossen hatte. Stolz sprengte er durch die Hauptstraßen. Die verrückten Franzosen hielten ihn wirklich für die Tète Bazaine's. Das preußische Commando holte den Herrn sich zurück und verbat sich für die Zukunft ein solches ungeschicktes Benehmen. Die Menge zerstreute sich unter dem Rufe: „Vive la France, â bas la Prusse!" Natürlich gab es Verhaftungen; diese erneuern sich täglich. Der Fanatismus in Nanzig ist geradezu unbeschreiblich.

(Depesche des Hanauer Kr ei s b lattes.)

An General H anenfeld.

Officiell. Ecrouves, den 23. September, 5 Uhr 35 Minuten Nachmittags. Toul (Festung) genommen.

V. Kren ski.

Gedruckt und verlegt in der Buchdruckeret des vereinigten evangel. Waisenhauses.

Hierzu die Nr 3S der Provinzial-Correfpondenz als Beilage.