— 6 —
Jetzt verliert der Kranke, der oft vorher einige Zeit ungewöhnlich heiter, aufgeregt, überspannt und zu sinnlichen Genüssen aufgelegt gewesen, seine Mun- terkeit , wird mürrisch, nachdenkend, verdrüßlich, mißtrauisch , trage, erschlafft, reitzbar, unruhig, beklommen, erschrickt leicht, sucht die Einsamkeit, athmet beengt. Er hat einen unruhigen,, durch schwere Träume gestörten, Schlaf und Widerwillen gegen das Essen, ist ängstlich, furchtsam, im ganzen Ansehen verändert, ermattet, niedergeschlagen, späterhin zornig, hat einen Unflaten, wilden starren Blick, verzerrte Gesichtszüge, Spannung und Brennen in der Magengegend rc.
Mit Ausbildung dieser Nervenkrankheit wird durch einen Krampf in den Schlingwerkzeugen das Vorstel- lungsvcrmögen deS Leidenden so verändert, daß er einen Abscheu gegen alle Flüssigkeiten bekommt.
Anfänglich hat der Kranke bloß eine Beschwerde im Schlingen. An einer Stelle im Schlunde nämlich empfindet er einen gelinden Schmerz oder ein Gefühl von Verengerung. Es veranlaßt dieser Zufall Aengst- lichkcit, Lust zum Trinken und doch Furcht davor, Trieb zu wiederholten Versuchen und.dann konvulsivisches Athmen, Ekel und Widerwillen gegen Flüssigkeiten , Rauspern, Würgen, Brechen, Schmerzen im Magen und in den Därmen.
Immer größer werden diese krankhaften Erscheinungen , die Beängstigungen steigen, das Aeußere des Kranken ändert sich, nimmt bald etwas Trauri- ges, bald etwas Wildes, VerzweiflungSvolles an; die Augen sind starr, düster oder glänzend, feurig, die "Stimme heißer, die Zunge hart und trocken, die Bewegungen hastig, das Reden rasch.
Diesen sehr leidenden Zustand begleiten Schlaflosigkeit, Herzklopfen, schwerer Athem, Seufzen,'Zittern, höchste Empfindlichkeit der Sinne, Lichtscheu, Abneigung gegen Kalte, Fieber, Verstopfung. Den Kranken quält innere Hitze und brennender Durst, und dennoch kann er nicht ti'mfem Der Leidende vermag seinen eigenen, reichlich hervorquellenden Speichel nicht zu verschlucken, er speit ihn von sich. Die Scheu vor etwas Flüssigem wachst endlich so, daß schon dich Berührung von Wasser,'der bloße Anblick eiltet Flüssigkeit, zumal einer bewegten, ja von glänzenden Gegenständen, die einigermaßen dem Flüssigen ähneln, von einem Spiegel oder von einer Me- rallfläche, auch selbst das bloße Wehen der Luft, das Rauschen eines Vorhangs — Zusammenschntiren deS HalseS, Beängstigungen, Aufschreien, Furcht, Zittern, Zuckungen, Wüthen hervorbringen, und^die geringste Bewegung oder ein ungewohnter Eindruck unerträglich wird. Gleiche Wirkung erregt das Geräusch des fließenden WasserS, das Fallen deS Regens :c. Feste trockene. Dinge vermögen die Kranken gemeinlich zu schlingen. — Ist der Zustand noch nicht
von sehr schlimmer Art, so sind die Kranken auch wohl bisweilen im Stande, Flüssigkeiten, im Falle sie solche nicht sehen, zu schlucken.
Im Verlaufe deS Uebels treten noch mehr krampf- haste Zufälle ein, Krämpfe der Brust, des HalseS, Gesichts, kleiner zusammengezogener PulS, krampfhafte Bewegungen der Glieder mit abwechselnden Ohnmachten , Urin beschwer deß , bald Blasse, bald Nöthe des Gesichts, schmerzhaftes Zusammenziehen der Bauchmuskeln, Zahnknirschen, höchst gesteigerte Reizbarkeit der Haut, NachtschwAße,, Schaum vor ^yu Munde, Vorliegen der rothen trocknen Zunge, völliges Rasen oder ein tiefsinniger Zustand. Nicht selten ist mit der Krankheit gegen das Ende eine heftige Begierde zu schlagen, zu beißen, zu speien, zu schreien und zu heulen verbunden. In lichteren Zwischenzeiten sehen diese Unglücklichen öfters das Schreckliche ihrer Krankheit ein, erinnern sich dessen, was sie in den Anfällen begangen haben, bejam- mern ihre Leiden, warnen die Umgebungen. Endlich erfolgt der Tod unter Krumpfen, Beklemmung, Röcheln, Erstickungszufällen, Schlafsucht, Speichelfluß —, zwei, drei'biS vier Tage nach dem Eintritte der Wasserscheu. Kurz vor ihrem Ende kommen sie gewöhnlich zu sich.
Behandlung der Wunde, welche durch ein wüthendes oder der Tollheit verdächtiges
, Thier hervorgebracht worden.
Je früher nach dem Bisse die VorbcugungZvor- kchrungcn getroffen wurden, um desto mehr Hoffnung ist vorhanden , daß bie Wasserscheu nicht aus- brechen werde. Nur die schnelle Anwendung der passenden Mittel kann daher wahre Hülfe schaffen, und von einer zweckmäßigen örtlichen Behandlung der Wunde hängt gewöhnlich die Rettung des Gebissenen ab.
Man hüte sich^eßhalh, die für die Kur deS Kranken so höchst nöthige Zeit mit Anwendung von gepriesenen Geheimen- odeLFamilienmitteln, die meist unwirksam sind, zu verschwenden, und durch Unterlassung einer sogleich einzuleitenden, von der Erfahrung erprobten, Heilart den Gebissenen in Gefahr zu bringen. ‘
Die Hauptsache ist, eiligst den Physikus, oder einen andern Arzt oder einen Wundarzt herbeizuho- len, selbst im Falle auch keine blutige Wunde, nur eine ganz leichte Verletzung da ist oder bloß ein Lecken von einem wüthenden Thiere bei einem Menschen Statt fand.
Man säume damit keinen Augenblick, weil nur so lange das in der Wunde beigebrachte und darin haftende Wulhgift durch eine Kur weggeschafft, vcr-