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Kelte 18 / Nummer 52.

und ein fast fünfzigjähriger SjaqeftoU geworden ist, kann niemand sagen — das rveiß nur er allein. Sonderbar genug ist es, denn er ist ein schöner und stattlicher Mann, der echte Typ eines westfälischen Bauern, und besitzt — was übrigens in diesen er­bärmlichen Zeiten ganz selten ist — einen schulden­freien Hof. Er ist kein Trinker, kein Raufbold und Rowdy. hat dagegen manche lobenswerte und angenehme Eigenschaft, die das schöne und schwache Geschlecht sonst sehr respektiert. Trotzdem hat er bis heute keine Frau gefunden. Man nimmt an. daß er einmal unglücklich geliebt hat. Ich habe ihn manchmal danach gefragt, aber er gibt nie eine befriedigende und aufklärende Antwort

Da Onkel Fritz keine Familie hat. wird er am Weihnachtsabend stets von uns eingeladen. Er stellt sich pünktlich um neun Uhr ein und ver­kriecht sich gleich mit keiner qualmenden Pfeife in die gemütliche Sofaecke. Es ist nicht leicht, ihn in die richtige Festesstimmung tu bringen. Die erste halbe Stunde hat er keine Augen für den Weih­nachtsbaum, auch nicht für die Geschenke, die sich allmählich darunter einfinden — ja, noch nicht mai der Glühwein, dem er sonst so sehr gewogen ist. kann sein Interesse wecken. Er, spricht von nichts anderem als von seinen Kühen und Pferden

Erst wenn wir die Lichter am Baume in Brand setzen, wird er aus einmal schweigsam und nachdenklich. Jetzt sehen wir uns alle verstohlen lächelnd an, denn nun wissen wir, daß Onkel Fritz gleich zu erzählen beginnt. Wir haben diese Er­zählung nun schon mindestens zehnmal gehört, aber er tut immer so, als ob sie noch ganz neu sei. Wir lassen ihn ruhig gewähren, denn wir wissen, daß er diese Erzählung nölig hat, um sich in eine fröhliche, weihnachtliche Stimmung zu ver­setzen. . .

*

„Es ist euch ja allen bekannt", so fängt er an, denn auch der Anfang seiner Erzählung bleibt fick stets gleich, „daß ich bei der Garde in Berlin ge­dient habe. Unser Regiment wurde zu Anfang des Krieges eigentlich ein wenig geschont, denn wir waren die Lieblinge der Kaiserin. Nur wenn es ganz brenzelig wurde, setzte man uns ein; so 1916 an der Somme und 1917 noch an verschiedenen an­deren kritischen Plätzen. Bei Ypern schnappte mich bei einem nächtlichen Angriff der Tommy. Er freute sich unbändig darüber, einen baumlangen Westfalen erwischt zu haben. Ich wurde englischer Gefangener . . .

Das Gefangenenlager befand sich hart an der französischen Küste. Hier wehte stets eine kräftige Brise, aber am Tage vor Weihnachten 1917 war's ein Orkan, wie ich noch nie einen erlebt habe Pfeifend und heulend fegte ein eiskalter Wind über unsere Baracken. Regen, Schnee und Hagel brachte er mit und warf dies Gemisch mit sol­cher Gewalt gegen die elenden Bretterwände un­serer Behausungen, daß sie in allen Fugen ächzten und wir befürchten mußten, mit allem davongetra­gen zu werden. Kein Mensch wagte sich vor die Tür. Wir hockten auf unseren Matratzen und hüll­ten uns frierend in die Decken, denn der Wind fand auch seinen Weg durch die Ritze der Bretter­wände.

Parbleu, wir wären trotz des Unwetters nicht so mißmutig und niedergeschlagen gewesen, aber wir hatten schon seit drei Tagen keine Post mehr erhalten. Bis zur nächsten Poststation war's ein Weg von gut drei Stunden, und die Post wurde von uns nur alle drei Tage abgeholt. Sie sollie, wie uns die Wache versicherte, auch am Tage vor Weihnachten herbesgeschafft werden, doch wer wollte bei diesem Hundewetter den weiten Weg zurück­legen. Viele von uns hatten bereits ihre Briefe und Pakete erhalten, aber ich noch nichts, noch keine Postkarte. Ich sage euch, mir war ganz scheußlich zumute, denn ich wußte ganz genau, daß ein Brief und ein Paket meiner Mutter, die da­mals noch lebte, unterwegs waren.

Es fing schon an zu dämmern, da stellte sich bei uns ein englischer Sergeant ein und erklärte, daß die Postsäcke noch abgeholt werden könnten, wenn sich zwei von uns dazu freiwillig meldeten. Ich vergaß Sturm, Schnee und Hagel, sprang sofort aus und erklärte mich bereit. Außer mir meldete

sich noch ein kleiner und schwächlicher Berliner, kaum zwanzigjährig, der uns Tag und Nacht von seiner Mutter erzählte und aus Rand und Band geriet, wenn er einen Brief von ihr erhielt. Wir mummten uns ein wie Polarfahrer — jeden Fet­zen Tuch, über den wir verfügten, schnürten wir uns auf den Leib. Dann ging's los. Ein Tommy, das Gewehr über dem Buckel, begleitete uns.

Den Hinweg zur Post legten wir schnell zurück denn wir hatten den Wind im Rücken und ließen uns von ihm forttreiben. Trotzdem sahen wir man dernden Eis- und Schneefäulen viel ähnlicher eile Menschen, als wir das Posthaus erreichten. Der kleine Berliner war so erstarrt, daß er fast kein Glied mehr rühren konnte. Er tat mir leid, der schmächtige Kerl, und ich machte deshalb dem Be­amten verständlich, mir von den vier Säcken die größten und schwersten umzuhängen. Ich hatte out das Doppelte zu tragen, als wir uns auf den Heimmea machten.

Mit aller Kraft warf ich mich dem Sturme ent gegen. Kein Mensch zeigte sich auf der Straße, die Gegend war wie ausgestorben. Es war so, als ob der Wind alles hinweggefegt habe. Zischend und hell pfeifend brauste er über die kahlen Fel­der. er zerrte wild die Wipsel der Bäume hin und her und heulte laut und schaurig in den nahen Wäldern In der Ferne tobte das Meer. Eine

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ß Gotteskind, gib Liebe mir!

Gleichwie der klarste Wafferquell, Glänzt, Gotteskind, dein Aug' so hell; Drin deiner Gottheit Lieb' sich spiegelt» Die durch dein Kommen du besiegelt.

Jo, Liebe war's, die dich bewog. Zur fünd'gen Erde nieder zog; — Wie übergroß ist dein Erbarmen) Dein huldvoll' Neigen zu uns Armen! -

Aus diesem Weere deiner Lieb', 0 Kind, mir doch ein Tröpflein gib) Entfach in mir dein heißes Glühn, Der heil gen Liebe stammend Sprüh n!

Gib edle Bruderliebe mir;

And opferstarke Lieb' zu dir;

Laß stets nach deinem heil gen Willen Wich deiner Lieb' Gesetz erfüllen)

Ar. Lyflus W. 0. 3- Ai.

Sinfonie der entfesselten Natur. Ich kämpfte mich durch. Es dauerte mir viel zu lange, bis im Lager die Postsäcke geöffnet wurden. Ich fragte mich: Was wird sie mir schreiben? Was wird sie mir wieder eingepackt haben? . . . Ach, Weih­nachten ist auch in der Fremde schön, wenn man noch eine Mutter hat, die Pakete schickt und liebe Briefe schreibt. — „Nicht so schnell!" bat der Bre- liner hinter mir. Er keuchte und pustete, daß man es durch das Geheul des Sturmes vernehmen konnte. Er hielt sich wohlweislich dich hinter mei­nem breiten Rücken. Ich bohrte mich durch mit äußerster Kraft. Der Hagel fchlug mir ins Gesicht, daß ich meinte, die Haut müsse aufreißen. Der Weg war blank gefegt wie eine Eisbahn. Manch­mal rutschte ich aus und viel auf die Knie. Immer wieder raffte ich mich auf mit aller Energie und beachtete nicht den Schmerz. Nur ein Wort be­seelte mich: Durch! —

Da brach plötzlich der Berliner hinter mir zu­sammen. Ich hätte es gar nicht bemerkt, wenn der Tommy mich nicht zurückgerissen hätte. Er lag mitten auf der Straße unter seinen Säcken und der Wind trieb wirbelnde Schneemassen über ihn. „Potz Wetter!" fluchte ich und warf mich neben ihm nieder. „Menschenskind, was machst du für Sachen! Wir sind doch bald da!" Er stöhnte und jammerte nur. Ich hob ihn wieder auf die Beine, aber er knickte sofort wieder zusammen. Er hatte einen Oberschenkelschuß gehabt und war erst vor einigen Wochen aus dem Lazarett zu uns gekom­men. Ich legte mich schnell entschlossen platt ne­

ben ihn auf den Boden. „Versuche aus meinen Rücken zwischen die Säcke zu klettern!" Es ge­lang ihm mit Hilfe des Soldaten. „Nun schlag' die Beine um meinen Körper, die Arme um den Hals! — So ist's recht!" Mühsam erhob ich mich wieder. Einen Menschen aus dem Buckel und zwei schwere Postsäcke an den Schultern, das ist auch für einen Goliath keine Kleinigkeit. Ich machte einige Schritte, dann hielt ich wieder ein, und mein Blick fiel auf die beiden Säcke des Berliners, die noch auf der Straße lagen. „Liegen lassen?" befahl der Tommy. Parbleu, ging es mir durch den Kopf, vielleicht befindet sich gerade in diesen Säcken die Post meiner Mutter. Donner und Doria, ich wollte mich doch nicht umsonst geplagt haben’ Wer konnte sagen, was aus diesen bei­den Säcken wurde? Vielleicht trieb sie der Orkan hinweg, schüttete sie mit Schneemassen zu und machte sie später unauffindbar. Und wieviel Lie­bes und Erfreuliches für meine Kameraden und mich konnten sie bergen? ... Ich drehte mich wieder um. „Liegen lassen!" brüllte noch einmal der Soldat. „No!" schrie ich zurück und meine Augen funkelten drohend. Ich hätte wahrhastig dem Kerl an den Kragen fahren können. Ich hob noch einen der Säcke auf, zeigte gleichzeitig auf den andern und rief: „That's for you! . . . Das ist für dich! Es ist vielleicht Post von meiner Mutter darin und diese bleibt nicht hier liegen!" Und dann setzte ich noch auf gut Westfälisch hinzu: „Und wenn du das net trägst, dann holt dich der Deuwel. du Faultier!" Tatsächlich nahm er nun den Sack und warf ihn über die Schulter. Eigent­lich war ihm dies verboten, denn er mußte ja im Falle eines Fluchtversuchs die Arme frei haben und das Gewehr gebrauchen können.

Weiter ging's durch die kreischende und lärmende Natur. Die Arme des Berliners und die Riemen der Säcke schnürten mir fast den Hals zu, nur mit Mühe konnte ich atmen. Ich spürte, wie mir der Schweiß trotz der Kälte aus allen Poren drang. Das Herz hämmerte ganz entsetzlich. In meinem Kopf brauste und stach es. Ich war nickst mehr imstande, noch einen Gedanken zu fassen. Doch weiter, weiter! ! Tauchten dort vor dem schäumen- den und speienden Meere nicht schon die Baracken aus? ... Ich fühlte, wie mich allmählich die Kräfte verließen. Doch noch hielt ich mich auf­recht und taumelte mit letzter Kraft gegen Sturm und Schnee . . .

Ich bin bei den ersten Baracken zusammen gebro­chen. Die herbeieilenden Engländer rissen mir die Säcke und den Berliner vom Leibe. Man hielt mir eine Kognakflasche vor den Mund; ich trank den Inhalt wie Wasser in mich hinein. Bald stand ich wieder aus den Beinen und schritt wan­kend meiner Baracke zu. Ich hatte es doch ge­schafft. Wenn auch alle Glieder schmerzten: die Post war da!

Als aber der Sergeant erschien und die Post verteilte, hatte er nichts für mich. Ich wäre bald noch einmal zusammengebrochen. „Nichts für mich, Herr." hauchte ich. „Nothing?" Nichts — gar nichts! . . .

Ich bin lange bei den Soldaten gewesen — habe nie eine Träne vergossen, aber an diesem Weihnachtsabend warf ich mich über meine elende Matratze und habe geheult wie ein Kind. Ich hörte nicht, wie der Berliner und auch noch andere Ka­meraden mich trösteten und sagten, sie wollten gerne mit mir teilen. Mir war alles Wurst. Ich wollte keine Leckerbissen, keine Zigaretten — nichts, nichts ... Ich wollte nur das Paket und den Brief meiner Mutter . . .

Während ich so, mit Verzweiflung im Herzen, auf meinem Lager saß, klopfte mir plötzlich jemand auf die Schulter. Ich hob den Kopf und sah vor mir den englischen Soldaten, der uns zur Post- station begleitet hatte. Er legte ein kleines mit vielen bunten Bändern geschmücktes Paket neben mich und flüsterte mir zu: „Kopf hoch! Hier ist etwas von meiner Mutter!" Dann schlug er die Hacken zusammen, stand mit so viel Respekt vor mir wie vor einem General salutierte und sagte mit lauter und froher Stimme: „A merry Ehrist- mas comerade!" (Fröhliche Weihnacht, Kamerad') Er ließ mir keine Zeit, mich zu bedanken, machte kehrt und stampfte wieder hinaus.

Ich muß sagen, mir wurde so warm ums Herz,