Seile 6 / Nummer 50.
lehnen werden, an dessen Spitze nicht Adolf Hitler als Kanzler steht.
So hat sich denn Kanzler v. Schleicher, nachdem Hitler in den Ionen der Kabinettsbilduna jeder Verhandlung ausaewichen war. mit dem Nationalsozialist Reichstaaspräsidenten Goering in Verbindung gesetzt, um wenigstens eine alsbaldige Vertagung des Reichstags "zu erreichen: Der Reichstag solle. so wünscht Schleicher, bei seinem ersten Zusammentritt sich nur formell komtitnieren und das Präsidium wählen, dann aber bis zum 10. Januar in die Serien gehen. Auf diese Weile würde die neue Regierung wenigstens fünf Wochen Zeit gewinnen. Man suchte die Rationlasona- listen für diese einstweilige Verschiebung der Miß- trauensabstimmungcn zu gewinnen, indem man ihnen klar machte, daß sie so sonst nur ihren schärfsten Gegnern, den Kommunisten. Hilfsdienste leisten würden
Die Wahl des Reichstagspräsidiums war wieder reich an Ueberraschungen. Das Zentrum hielt sich wie früher streng an den Grundsatz, daß die Sitze im Präsidium nach der Stärke der einzelnen Fraktionen verteilt werden sollen, soweit diese Fraktionen und ihr Kandidat bereit sind, die Geschäftsordnung des Reichstags anzuerkennen. Da die Deukfchnationalen und die Sozialdemokraten infolge ihrer Gegensätze zu den Nationalsozialisten nicht für den nationalsozialistischen Präsidentschaftskandidaten stimmten, fielen die Deutschnationalen bei der Wahl der Vizepräsidenten ganz aus und her Sozialdemokrat Löbe siegte mit nur einer Stimme Mehrheit erst in der Stichwahl über den Deutschvolksparteiler Dr. Hugo.
Gewählt wurden als
Präsident: Goering (Nat.-Soz.),
1, Vizepräsident: Esser (Zentrum),
2. Vizepräsident: Rauch) (Bayr. Volkspartei),
3. Vizepräsident Löbe ^Soz).
Ueber die beiden letzten Posten mußte erst die Stichwahl entscheiden. Die bei weitem höchste Stimmen,zahl von allen Mitgliedern des Reichs- tagsprästdiums erhielt der Zentrumskandidat für den Vizepräsidentenposten. der Handwerkerführer Thomas Esser, nämlich 445 Stimmen, während der Präsident Goering es nur auf eine sehr knappe Mehrheit brachte. Er erhielt 279 Stimmen.
Die Beratet des Beidisptäfihenten.
Es ist sehr aufgefallen, daß Reichspräsident v. Hindenburg bis zuletzt an der Kanzlerschaft Papens festhielt und daß Papen endlich fallen gelassen wurde, als eine Reihe seiner prominentesten Mitarbeiter sich weigerten, unter Papen weiter dem Kabinett anzugehören. Wir hätten also, soweit es auf Hindenburg ankam, zweifellos ein verschärftes Konfliktskabinett unter Papen erhalten, und niemand kann voraussagen, zu welchen Katastrophen wir in kurzer Zeit gekommen wä
ren, wenn nicht die „Palastrevolution" einiger Minister im letzten Augenblick das Unglück einer neuen Kanzlerschaft Papens verhindert hätte.
Angesichts dieser Zustände interessiert es, zu erfahren, welches die engeren Berater Hindenburgs waren. An dem sog. „Kronrat Hindenburgs" nahmen regelmäßig teil: v. Papen, v. Schleicher, Staatssekretär Meißner und der Sohn Hindenburgs. Großen Einfluß besitzen ferner Joël, Simons und die ostelbischen Herren v. Oldenburg- Januschau, von der Osten und von Berg-Mar- kiemen.
Der Reichstag
ist am 6. Dezember zu seiner ersten Sitzung zusammen getreten. Vorher fand in der katholischen Hcd- wigskircke ein gut besuchter Gottesdienst statt, an dem die Abgeordneten des Zentrums und der Bayerischen Volkspartei fast vollzählig testnahmen. Für die protestantischen Abgeordneten fand im (evcmqel.) Dom ebenfalls Gottesdienst statt, der schwach besucht war.
Die Eröffnungssitzung des am 6. November gewählten Reichstags stand unter der Leitung des 82jährigen Alterspräsidenten General Litzmann.
In Genf
wurde am 6. Dez. eine neue Völkerbundstagung eröffnet. Die führenden Staatsmänner der Großmächte sind dort eingetroffen. Deutschland ist vertreten durch Außenminister Frh. v. Neurath. Das neue Kabinett v. Schleicher hielt vor seiner Abreise eine erste Sitzung, in der die nötigen Vorbesprechungen zur Instruktion des Außenministers stattfanden. Im Vordergrund der Genfer Tagung wird nicht nur die Mandschureifrage stehen, die den ersten Beratungsgegenstand bildet, sondern man will vor allem auf Seiten Englands erreichen, daß Deutschland demnächst wieder an der Abrüstungskonferenz sich beteiligt. Deutschland ist nur dann dazu bereit, wenn vorher die volle Gleichberechtigung anerkannt wird, auch in der Rüstungsfrage. In diesem Punkt hält das Kabinett v. Schleicher sich unverändert an die früher von deutscher Seite beschlossenen Richtlinien. Es ist sehr zu befürchten, daß ein positives Ergebnis wieder an der Halsstarrigkeit Frankreichs scheitert.
In Vaden
wurde das Konkordat zugleich mit dem evangl. Staatskirchenvertrag im Landtag in erster Lesung verhandelt. Bei der Abstimmung stellte sich Stimmengleichheit heraus: 44 Stimmen waren für die Verträge, 44 Stimmen dagegen. Nach der Geschäftsordnung hat in diesem Falle der Landtagspräsident den Stichentscheid. Als Präsident fungierte der Z.entrumsabgeordnete Duffner, der durch seine Stimme den Ausschlag gab zugunsten des Antrages der Regierung. Damit sind Konkordat und Vertrag in erster Lesung angenommen.
Gegen das Konkordat stimmten Kommunisten, Sozialisten, Nationalsozialisten, Deutschnationale (eine schöne Waffenbrüderschaft!) Dolksdienst und Staatspartei. Für die Verträge waren das Zen
trum, Wirtschaftspartei, Deutsche Volkspa^ej. Sämtliche Landtagsabgeordneten nahmen an der Abstimmung teil. Für die endgültige Abstimmung ist keine Aenderung des Resultates zu erwarten, falls nicht einer der Abgeordneten erkrankt. Da» mit besteht die begründete Hoffnung, daß das badische Konkordat angenommen wird
Da die Sozial-"'mokratie die vor 3 Jahren bet der Bildung der jetzigen Regierung gegebenen bindenden Abmachungen gebrochen hat, sah sich der soz. Abgeordnete Rückest gezwungen, sein Amt als Staatsrat und stellv, eiender 3nnenmini er niedcrzulcgen. Die badn e Regierung wird jetzt nur noch vom Zentrum und der Deutschen Volkspartei gebildet.
Thüringen.
Am Sonntag fanden in Thüringen die Gemeindewahlen statt. Man war besonders darauf gespannt, wie die seitherigen nationalsozialistischen ' Wähler reagieren würden auf die Weigerung Hitlers, an einer Mehrheitsbildung im Reichstag im Sinne Hindenburgs und Kaas' mitzuwirken. Das Ergebnis war, daß die nationalsozialistischen Stimmen auch gegenüber dem Ergebnis des 6. November weiter zurückgingen. Es bestätigt sich also, daß die Hitlerpartei ihren Höhepunkt überschritten und im unaufhaltsamen Rückgang be- griffen ist. Die Hoffnung auf das kommende s ,,Dritte Reich" dürfte also jetzt begraben sein.
Die Zentrumspartei spielt naturgemäß in dem protestantischen Thüringen keine größere Rolle. Das Geisaer Amt hat wieder wie seither einen Kandidaten für den Kreistag 6isenach-Land durchgebracht. In den Städten Weimar und Eisenach war ebenfalls ein Wahlvorschlag der Zentrums* Partei eingreicht. Es wurde an beiden Orten ein Abgeordneter des Zentrums in das Stadtparla» j ment gewählt.
Katholiken aufgepaht! Anläßlich der Kommunalwahlen in Thüringen sand in Weimar eine Versammlung der wahlberechtigten Mitglieder der katholischen Pfarrgemeinde statt, in der Stadtrat Lins über die Lage berichtete: Mit Entrüstung nahm die Versammlung davon Kenntnis, wie es zur Ablehnung der bisher bewilligten Beihilfe für den Un - terhalt der hiesigen katholischen Schule kam. Nationalsozialisten, Deutschnationale, Deutsche Volkspartei im trauten Verein mit den Jüngern Moskaus standen in einer Front gegen das Kleinod der kathol. Diasporagemeinde Weimars, die katholische Volksschule. Lumpige 1200 Mark glatt zu streichen, muß als eine unerhörte Herausforderung an die katholischen Mitbür-
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Bücher unterm Christbaum.
II.
Nun soll zur Einleitung der Wertbücher (sämtlich aus dem Verlag Herder, Freiburg i. Vr.) über besondere Themen die Geschichte der führenden Völker ausmarichieren. Sie ist ein ganz ausnehmend schönes und wichtiges Sammelwerk — in der Gegenwart die einzig wirklich umfassende, wissenschaftlich vollendete Universalgeschichte. Die Titel der ersten Bände zeigen die Anlage des Gesamtwertes. (I. Band: „Sinn der Geschichte" von I. Bernhart / „U r g e s ch i ch t e d e r Menschheit" von H. Obermaier (12 M), II. Band: „Geographische Grundlagen der Geschichte" von H. Hassinger (9.40 Mk.), IV. Band: „Griechische Geschichie", 1. Hälfte: „Don den Anfängen bis P e ri kl e s" von H. Berve (8.50 Mk.), VI. u. VII. Band: „Römische Geschichte" 1. Hälfte: „Republik" von J. Bogt (11 Mk.), 2. Hälfte: „Kaiserzeit" von J. Wolf (8.00 Mk.): XL Band: „A n- sänge der abendländischen Dölkerge- m e in schaft" von G. Schnürer (9.40 Mk). Don einem Standardwerk der Historik. — v. Pastors Geschichte der Päpste ist die vorletzte Abteilung des letzten Bandes, XVF, erschienen (13 Mk). Damit steht das Werk vor seiner unmittelbaren Vollendung. Um
des Reiches Zukunft heißt ein Buch von dem Anonymus Walter Gerhart. Sein Untertitel „Nationale Wiedergeburt oder politische Reaktion" sagt schon, worum es da geht: Entwicklung und Entfaltung des „no- Uonalen Gedankens" in unserer Zeit. Unter den zahllosen Bolschewismus-Büchern, die im Durchschnitt bloß Symptom für die Wichtigkeit des Problems sind, aber nicht dessen Klärung bringen, ragt Waldemar Guri ans Buch Der Bolschewismus (7 Mk.) nicht nur dadurch hervor, daß es die erste große Arbeit über dieses Thema von katholischer Seite ist, sondern vor allem durch die Herausstellung der Tatsache: Der Bolschewismus ist nicht nur Träger, Realisator, Verkünder einer neuen Sozialordnung, sondern einer neuen Religion. Ein ebenso merkwürdiges wie notwendiges und amüsantes Buch ist Die Kun st des Denke ns (4-60 Mk ) von Ernst D i m n e t. Der Autor übernimmt sich nicht, glaubt nicht, Denken im tieferen Sinn Aren zu können, sondern gibt eine einfache Schule des Denkens und der Lebensweisheit. Wie hoch das Buch zu werten ist, wollen wir an dem Urteil Chestertons zeigen: „Das einzige Buch, das geschrieben werden mußte, von dem einzigen Menschen, der es schreiben konnte!" Die Neuauflage von Gottfried Niemanns Einfüh- bildende Kunst kostet nur mehr 7.50 Mk Wir heben hervor, daß die Ausstattung genau so ttesflich wie bei der ersten Auflage ist. Frei- burgs neuer Erzbischof Conrad Gröber spricht unter
dem Titel Kirche und Künstler (4.20 Mk.) von der Vorgeschichte der zoügenöHsichen Kunstbewcgung, der Kunst im 19. Jahrhundert, von Glaube und Kunst, vom religiösen Dogma und dem Künstler, von der Wesenserfassung der Kunst und chrer Richtung auf das Göttliche. Wer Jurist ist oder einem Juristen ein bedeutsames Geschenk machen will, der lasse sich aus das System der Rechtsphilosophie (11 Mk.) von Karl Petraschek hinweisen. Es ist einmalig in der methodischen Durchdringung seines Gegenstandes und zeichnet sich aus durch Straffheit der Gedankenführung.
Von religiösen Laienbüchern, die ja eigentlich im Mittelpunkt der Erwägungen „Welches Buch zu Weihnachten?" stehen müßten, zählen wir nur die kennzeichnendsten und wichtigsten auf. Zuerst Das Leben Jesu im Lande und Volke Israel von Franz Michel Will am (7.50 Mk.), eine ebenso eigenartige wie wichtige Neuerscheinung. Es ist kein Buch „über", sondern eins „zu" den Evangelien: dem von harter Wirklichkeit bedrängten Menschen unserer Zeit wird Jesu Leben in seiner Umwelt gezeigt, also inmitten der geographischen, politischen, ethnographischen, geistigen Verhältnisse und Zustände im Palästina von damals. Ein trotz seiner hohen Auflage noch lange nicht genug gekanntes und geliebtes Buch ist Das Leben unseres Herrn Jesus Christus des Sohnes Gottes in Bettachtungen von Moritz M e f ch^ ler (neu bearbeitet von Bernhard van Acken, 3