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Seite 2 / Nummer ZS. ______

durstige Jugend hinaus. Wogen von Rot- und Griin- und Blau- und Gelb- und Weißmützen pral­len lärmend im ^)auptflur zusammen und drän­gen. wie eine wilde Meereswelle durch ein Loä> im Deich, durch das große Hauptportal auf die Straße.

Dort verliert sich die Schar der Schüler eiPg nach allen Richtungen. Da tritt noch einer aus dem Portal, der Oberprimaner Friß Büker und wird von einer Gruppe Klassengenossen, die noch plaudernd und lachend auf dem Bürgersteig stehen, mit höhnischen Zurufen: „Unser Kopfhänger! — Achtung, der Herr Kaplan!" empfangen.

Für einen Moment schießt flüchtige Röte in das schmale, bleiche Anlliß des Gehöhnten, zittern seine Lippen und blißt es in seinen dunklen Au­gen wie Empörung auf. dann aber strafft sich seine hagere Gestalt, schlägt er den Mantelkragen hoch, zieht er die weiße Seidenmüße fester in die Stirn und schreitet ruhig und aufrecht an den Spöttern vorüber

„Kopfhänger!" schwirrt es ihm noch einmal nach und: „Nicht so stolz, Herr Kaplan!" Friß Dü­ker achtet nicht mehr darauf. Er weiß, er ist kein Kopfhänger, wenn er sich auch nicht an den Aus­gelassenheiten seiner Klassenkameraden beteiligt und nicht, wie fast jeder von ihnen, eine Freundin unter den Schülerinnen des nahen Lyzeums besißt. Er hat eben andere Interessen und Ziele. Ja,' di-> hat er. Ob er seine Ziele aber erreicht? — Er .seufzt, und unwillkürlich wird sein Gang müder.

Friß denkt an die leßte Unterrichtsstunde Da hatte der Ordinarius seine Primaner gefragt, wel­chen Berufen sie nach dem Abitur sich zuzuwenden gedächten. Der hatte geantwortet: „Ich will Rechtswissenschaft studieren." Dieser: „Ich werde Reichswehrosfizier." Jener: „Ich wende mich der Philologie zu." Ein anderer: „Ich gehe ins Bank- fach." Wieder ein anderer: „Ich entschied mich für die Medizin."

„Und Sie, Bücker," hatte der Oberstudienrat ge­forscht. „was haben Sie vor?"

„Ich möchte Theologie studieren."

Hohnvoll gelacht hatten die Kameraden, und der Studiendirektor hatte gefragt: „Evangelische?"

„Nein, ich bin Katholik, Herr Doktor."

„Ach so —. Hm, hm. Schade um S'e. — Sie hätten eine andere Fakultät wählen sollen. Doch ich verstehe: „Die leidige Geldfrage . . ."

„Bestimmte meinen Entschluß nicht."

„Nicht so vorlaut, mein Lieber. Seßen Sie sich."

Friß Büker hatte sich gesetzt, mit zusammen- gekniffenen Lippen, und hatte gemurmelt: „Ja­wohl, die leidige Geldfrage."

An sie denkt er auch jeßt. Wovon soll er die Studienkosten bestreiten, auf Jahre hinaus? Ja — lebte sein Vater noch. dann wäre alles gut. Aber der ist vor drei Monaten gestorben und hat seinem mutterlosen Sohne nur ein geringes Spar­geld und das bescheidene Mobiliar der kleinen Wohnung hinterlassen. Die Möbel hat Friß auf Vorschlag seines Vormundes veräußert, um aus dem Erlös wenigstens die Umerhaltungsmittel für das leßte Halbjahr seines Gymnasialstudiums zu gewinnen. „Habe ich erst das Abitur hinter mir " hat er bislang immer gehofft „wird Gott schon weiterhelfen," und zweifelt heute zum ersten Male: „Ist es denn so sicher, daß er's tut?"

Mit einem unterdrückten, heißen Schluchzen in der Kehle und mit leidverschatteten Augen schreitet er teilnahmslos für das laute Geschehen und das wirre Getriebe um sich durch die verkehrsreichen Großstadtstraßen.

Hier stößt er einen pelzverhüllten Herrn an und wird überheblich zurechgewiesen: an einet belebten Straßenkreuzung hält ihn mit hartem Zugriff ein Schußmann zurück: „Passen Sie ge­fälligst auf. Sie! Da kommt ein Auto!" Erschrak- ken blickt Friß Büker aus seiner Leidversunkenheil auf und geht weiter, langt endlich vor dem Haute an in dem er wohnt. und betritt nach einer Welle, erschöpft wie nach langer Wanderung, feine enge, kalte Dachkammer. Büchertasche, Müße und Man­tel legt er auf das schadhafte Sofa. läßt sich dann am kleinen Tisch nieder und stüßt das Haupt schwer in feine Hände. Eigentlich müßte er jeßt essen;

fein Seelenleid aber läßt ihn in dieser Stunde kei­nen Hunger spüren. Und immer Brot und im­mer Brot und gar so selten nur eine warme Suppe, das verkümmerte chm den Appetit ohnehin.

Friß Büker hat einmal als Obersekundaner die Broschüre eines Großstadtpfarrers gelesen, in der dieser in packender Weise die Seelennöte des Großstadtvolkes schilderte, auf die unermüdliche Werbetätigkeit des Freidenkertums und des So­zialismus hinwies und an Hand eines erschüttern­den Zahlenmaterials die Erfolge dieser Bewegung zeigte. Der Not- und Hilfeschrei der edlen Prie­sterseele ist in ihm widergeklungen: „Uns fehlen noch Priester, die den Irregeleiteten die Augen öff­nen und sie wieder zurückführen zur Kirche. Prie­ster, die sich voll Erbarmen und Liebe der Leibes- und Seelennöte des armen, von allen Seiten be­drängten Volkes annehmen, die ihm tragen hel­fen und für seine heiligsten Rechte eintreten! Uns fehlen noch Priester, die wie Christus sich mit un­endlichem Verstehen und Verzeihen der durch falsche Lehren geblendeten und zu Sündern ge­wordenen Menschheit erbarmen, Männer, die sich wie Felsen dem Freidenkertum und dem Soizalis- mus entgegenstellen! Wir suchen diese Männer unter euch, katholische, studierende Jünglinge, die ihr wißt, daß der Glaube euer höchstes Gut ist, und die ihr deshalb glühendes Mitleid mit den Tausenden empfindet, die ihren Glauben verloren! Wir suchen diese Männer unter euch, katholische, studierende Jünglinge, die ihr keine Materialisten seid, sondern noch um edle Ideale kämpfen und leiden könnt! An euch ergeht unser Mahn- und Notruf: Kommet zu uns! Stärket die Reihen un­serer Seelsorger, die helfen und trösten wollen die als Priesterstreitsr aber auch kämpfen und ringen gegen Freidenkertum und Sozialismus!"

Dieser Hilfeschrei hat in Friß Büker den Be­ruf zum Priestertum geweckt und heiligen Seelen­eifer in ihm entzündet Er hat den Eifer und seine Berufung in tiefster Treue gehegt und be­wahrt und nie gedacht, daß sich seinem Streben ernste Hindernisse in den Weg stellen würden, auch nicht. als sein Vater starb. Bis er heute seine Mitschüler so selbstsicher von ihren Plänen reden gehört. Da ist ihm eigentlich zum ersten Male io recht bewußt geworden, wie arm, wie unsagbar arm er ist, und "seitdem will ihm sein Vorhaben gar leichtsinnig erscheinen.

„Denn," so rechnet er, „die paar hundert Mark, die der Vater mir hinterließ, sind jeßt schon fast verbraucht, und das wenige Geld, das mir die Mö­bel eintrugen, langt vielleicht und höchstens noch bis Ostern. Wovon aber soll ich dann während der folgenden Jahre meines Studiums leben und die Ausgaben für Bücher und Kleidung bestreiten?"

Er hat gehört, daß man armen Theologen Sti­pendien gewährt. Ob er wohl auch in den Genuß eines solchen treten kann?

Gegen Abend begibt er sich zu seinem Pfarrer und kündet ihm seine Absicht, Priester werden zu wollen, bekennt aber auch, daß er von sich aus nicht in der Lage ist. die Studienkosten aufzubrin­gen. Der Pfarrer lauscht ihm schweigend: froh glänzen seine gütigen Augen, und nur einmal flü­stert sein Mund: „Endlich wieder einer."

Als Friß Büker geendet, reicht er ihm beide Hände über den Arbeitstisch h'nweg: „Mein lieber, junger Freund.. ich gratuliere von Herzen und danke Gott mit Ihnen für das Gnadengeschenk Ihres erhabenen Berufes. Nur eins," dabei wer­den seine Mienen ernst, „die Inflation hat wie alle Kapitalien leider auch jene frommen Stiftun­gen verschlungen, die sonst so manchem Prie^er- kandidaten das Studium ermöglichten. Ich glackbe darum nicht, daß ein Gesuch um Gewährung einer Unterstützung Erfolg bringt. Meine Gemeinde aber, klein und fast nur aus armen Arbeiterfami­lien bestehend, kann ebenfalls nicht helfen. Den­noch wollen wir nicht verzagen. Weshalb auch9 Wenn Gott Sie wirklich berufen, wird er gewiß auch Mittel und Weae weisen. wie Sie zum Ziele gelangen. Darum." der Pfarrer erhebt sich und reicht Friß nochmals die Hand, „den Kopf hoch und starkmütia bleiben. Ich selbst werde mein möglich­stes für Sie tun und Ihnen bald Nachricht geben "

„Herzlichen Dank schon im voraus. Hochwür­den."

Dann steht Friß auf der Straße. Ihm ist es unter dem freundlichen Zuspruch des liebenswür­

digen GeistlEen keichter und froher ums Herz ge­worden. Auch körperlich ist er wie neu belebt, denn in der traulich erhellten und mollig erwärm­ten Studierstube des Pfarrers ist alle Starre und Kälte gewichen, die sich wie Lähmung auf seins Glieder gelegt hatte, als er grübelnd in seiner un­geheizten Kammer gesessen.

Wacker schreitet er aus. Nach Hause? Nein, noch nicht. Ein wenig will er sich erst im Freien bewegen und strebt ziellos durch Straßen, die er sonst nur selten passiert. Plötzlich steht er vor einer Klosterkirche und vernimmt Gesang und Orgelspiel. Ohne Zögern betritt er das Gottes- haus und kniet in einer der leßten Bänke nieder. Sehnsuchtsvoll und beschwörend singt das fromme Volk:

„O Heiland, reiß die Himmel auf, Herab zu uns nimm deinen Lauf!

D starker Held, komm tritt hervor, Schließ wieder auf des Himmels Tor!"

Da betet auch Friß Büker voll Vertrauen und Sehnen fein eigenes Adventsgebet: „Ja, Heiland, komme zu mir mit deiner Gnade und Barmher­zigkeit! Komm, starker Held — Allmächtiger, mit deiner Hilfe und geleite mich über alle Hindernisse hinweg zum heiligen Priestertum!"

Während er so betet, singt fern im armen Dia­sporakirchlein einer anderen Großstadt die kleine Gemeinde ein anderes Adventslied:

„Herr, sende, den du senden willst, Durch den du allen Jammer stillst!"

Und der Diafporapriester auf der Kanzel fleht aus glühendem Herzen: „Sende ihn, Herr, den du für diese treue Herde berufenI Vielleicht bedarf er deiner besonderen Hilfe, um zum Ziele zu ge­langen. Gewähre sie ihm! Bedenke, wie nötig er ist, wie ich Einsamer und Schwacher hier auf ver­lorenem Posten der Unterstützung bedarf wider deine Feinde! Sende ihn, der hier so manchen Seelenjammer stillen kann!"

Weihnachtsmorgen. Friß Büker lehnt mit ver­schränkten Armen am Fenster seiner Dachstube und blickt sinnend in das feine, weiße Schneegerisfsl hinaus. lange schon. So hat er auch gestern abend gestanden und neidlos gesehen, wie hinter den Fenstern der Häuser drüben die Christtannen im hellen Kerzen- und Flitterschein erstrahlten, hat frohe Weisen und beglücktes Lachen vernommen und auch nach einer Weihnachtsgabe verlangt. Nicht nach einer, wie die Menschen sie sich machen, nein, nach einer anderen, nach Gottes Beistand nämlich in seinem Streben zum Priesteramt und nach dem Bewußtsein: Ich bin aller Geldsyrge enthoben, ich kann studieren. Wenn er heute die Nachricht empfinge, wie wollte er sich freuen, und um wieviel reicher wäre er bedacht als alle Men­schen mit ihren besten Weihnachtsgeschenken!

Er lächelt in leiser Ironie und spricht vor sich hin: „Wenn. — Aber so schnell wird mir sicher nicht geholten: denn daß Go t ausgerechnet für mich ein Wunder wirkt. ist höchst unwahrscheinlich. Er wird sich gewiß des Pfarrers als Mittler be­dienen. Na, und für den ist es in dieser schlechten Zeit bestimmt nicht so leicht, eine Geldquelle zu finden."

Da klopft es an die Tür. Friß öffnet und emp­fängt von dem Briefträger draußen zwei Karten, eine vom Vormund mit den besten Wünschen für ein frohes Fest und eine vom Pfarrer mit der Aufforderung, ihn noch vor dem Hochamt aufzu­suchen.

„Allelusahl" jubelt Friß und verstummt gleich darauf vor der Erwägung: „Vielleicht will der Herr Pfarrer mir nur mitteilen, daß er mir nicht helfen kann." Doch nur wenige Sekunden hängt er diesen enttäuschenden Gedanken nach. Dann lehrt ihn ein Blick zur Uhr. daß er nicht lange säumen darf.

Schnell zieht er den Mantel über und greift hastig zur Müße. Eine Viertelstunde später be­tritt er bereits, noch erregt vom eiligen Lauf, die Studierstube seines Seelsorgers. Der erhebt sich gleich aus seinem Schreibtischsessel und sagt mit feinem Lächeln ob der aufs äußerste gespannten Erwartung, die aus den Mienen des Jünglings vor ihm spricht:

„Ich will Sie nicht lange mit Umschweifen quä­len. sondern gleich Farbe bekennen. — Sie kön-