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Der Bauer besorgt im Stall das Soldatenpferd. Wie er gekommen, hat es der Soldat verlassen. Im Hof mar er abgesprungen, hatte dem ältesten Sohn der Bauern die Zügel zugeworfen und war ins Haus ge­stürmt. Der Gaul steht noch aufgezäumt mit dem gesamten Gepäck im Stall. Der Bauer schirrt ihn ab. nimmt den Mantelsack und wirst ihn auf den Gang. Hat es nicht geklungen bei dem Fall? Schon duckt er sich, den Sack zu durchsuchen. Wer halt! Der SoKat könnte noch nicht schlafen und noch einmal nach fernem Pferd sehen wollen! Der Bauer läßt alles liegen und gibt dem Pferd zu Fressen.

Dann geht er in die Küche, die nur spärlich von ei­nem Holzspahn erleuchtet ist. Die Kinder sitzen schon ii um den wackeligen Tisch und warten. Die Mutter stellt einen Topf mit dampfenden Pellkartoffeln auf den Tisch. Der Dauer spricht ein kurzes Gebet. Dann IIschält sich jeder feine Kartoffeln. Schweigend löffelt jeder die geronnene Milch und beißt ab und zu in den Erdapfel. Wieder betet der Vater. Wieder einmal (sind zwölf Hungrige satt. Die Kinder verschwinden. Die Mutter muß noch Löcher ganz machen. Zehn Springer, die zerreißen allerhand im Tag. Dumps brütet der Bauer vor sich hin. Eine Zeitlang bleibt es lautlosstill in der Küche. Da schlägt die Uhr auf dem Kirchturm elf. Elf schwere, harte Schläge. Der Bauer fährt hoch: „Ob der Kerl schon schläft?" „Warum?" ^Ach darum, ich meinte nur so."

Das Dorf liegt in angstvoller Stille. Dicke Nacht

1 lagert auf den Feldern. Der Bauer hat noch kein Auge zugetan. „Der Mantelsack I Und es hat geklun­gen! Herrgott! Ist das nicht zum toll werden?! — Und so arm! So, Gott — so sündhaft arm I l--- Wenigstens sehen, was es ist! — Geld?"

Durch das Dunkel tastet sich der Bauer in den Stall, auf Strümpfett, leise, — leise —, daß es nie- n>rnd hört. „Gott! Geld?" Beim düsteren Schein des Spanes wühlen des Dauern Hände fieberhaft in dem Mantelsack. Da liegt es: „Geld!! Gold, blinkendes, j: Gold, — Gold!!!----Mein!"

Der junge Tag steigt auf. In der Kammer poltern die Stiefel des Soldaten. Er lärmt die Bauersleute aus dem Schlaf. „Donnerwetter! Schnell! 3d) habe Eile." Der Bub rennt, gibt dem Gaul. Die Bäuerin trägt aus: Schinken, die letzte Wurst aus dem Fleisch­schrank und Brot, daneben eine Flasche guten Korn- fchnapses. Der Soldat ißt mit Eifer und Andacht.

„Gaul raus!" schreit er durchs Haus. Im Nu steht - der gezäumt und bepackt vor der Tür. Der Soldat rennt wortlos aus der Stube, springt auf den Schim­mel, reißt dem Jungen die Zügel aus der Hand und sprengt davon. Draußen am Ende des Dorfes bläst es zum Sammeln . . . .

Sie Sonne steht schon hoch am Himmel. Da pa­riert ein Reiter in wilder Hast fein Pferd im Hos des Eichelbauern. „Bauer" gellt sein Ruf über den Hof. Angstvoll kommt die Bäuerin aus dem Schweinestall. '„Der Bauer" schreit jener aber wieder. Die Frau ruft 'I durchs Kellerloch ihren Mann. „Weiß der Himmel was « der schon dort den ganzen Morgen zu schaffen hat", denkt die Frau. Mit kalkbespritzten Hosen kommt der 7 Dauer.

„Mein Mantelsack! Wo?"

„Der ist ja da auf dem Gaul."

„Ja, aber die Kasse, die Feldkasse, gib sie her!"

„Was geht denn mich die Feldkasse an, ich hab sie doch nicht."

„Um Gotteswillen, ist sie denn nicht hier? Sie muß doch sein!"

„Du, die wirst du schon früher verloren haben, ehe du hier zu uns kamst. Was der Gaul auf sich hatte, hat er auch wieder aufgeladen bekommen."

„Nicht ba?!! ---Das kostet mich mein Leben!" schreit verzweiflungsvoll der Soldat. Tränen rollen ihm über die Wangen, sein Kopf sinkt schwer auf den Hals des Tieres. Der Bauer macht Kehrt. Langsam reitet der Soldat aus dem Hof, als begleite er feinen eigenen Trauerzug ....

3at)re später. Der Eichelhof ist einer der statt­lichsten im Dorf. Neue Dächer grüßen in frischem Rot durchs Tal. Der Stall steht gedrängt voll Vieh. Wends ißt der Bauer nicht mehr Kartoffeln und fauete Müch Die Leute staunen, woher all die Wohlhaben­heit über Nacht gekommen. „Dem Eichelbauern geht's gut. Das ist ein gemachter Mann," erzählen die Dörf­ler dem fragenden Fremden.

^' 65 ^cht ihm gut, dem Eichelbauern, solange es Tag ist. Aber des Nachts, da läßt jener ihm keine Immer verfolgt ihn der Schimmel, und auf seinem Körper trägt er blutigrote Flecken. Stets gellt

es ihm kn den Ohren, wo er auch geht und steht: „Die' Feldkasse! — — Das kostet mich mein Leben!" Er kriecht einmal vor Angst in den Backofen, aber da klingt die Stimme wie aus tiefem Grabe. Der Eichel­bauer ist unstet auf Erden. Geheime Schuld brennt au' seiner Seele. Er gibt den Hof seinem Aeltesten, der heißt Peter. Er will nichts mehr zu tun haben m't dem Boden, der ihm unter den Füßen brennt. Fern von der Rhön stirbt er am Fleckfieber, der letzten Seuche, die die Rhön heimgesucht, der Eichelbauer, Daniel: mein Richter ist Gott.

Glück und Glanz wohnen im Eichelhof. Nur ganz versteckt ragt oben auf dem First ein winziges Kreuz und über der Tür steht in seltsamen Zeichen: „Mein ist die Rache, ich will vergelten."

Wieder schleicht der Hunger in der Rhön, backt aus Queckenwurzeln Brot und zahlt für das Malter Korn 50 Gulden. Für einen Laib Brot gibt man 50 Kreuzer, ja schließlich gibt man ganze Grundstücke für ein Stück Brot her. Der Eichelbauer merkt nichts da­von. Er hat Vorrat in den Kammern. Ja, doch, er merkt etwas davon. Für lächerlich wenig vermehrt er feinen Grundbesitz. Er wird reicher und viele bitter arm im Dorf. Gott sei Dank, flaut die Not bald wie­der ab, denn im Herbst 1817 ist die Ernte wieder gut Wenn der Hunger noch länger gewährt hatte. wäre der Eichelbauer am Ende alleiniger Besitzer des Dorfes ge­wesen. Er hat auch so schon genug dabei gewonnen.

Seine Stimme gilt im Dorf, er ist hart, aber doch gerecht und versteht etwas. Da wählt man den Peter zum Bürgermeister und man tut gut daran. ‘ Er weiß die Interessen des Ortes nach Außen glänzend zu ver­treten und das arme Dorf nimmt unter feiner Tätig­keit einen ungeahnten Aufschwung; es liegt das ja auch wohl zum Teil an den allgemeinen Zeitverhältnissen, ; aber den größten Teil trägt doch der Peter. Der Peker ist Bayer bis in die Knochen. Und als dann die Wir­ren kommen von 1866 und man sein Dorf, wie er es einst stolz genannt, den Preußen gibt, da wird er irre an der Welt. Als der preußische Landrat Einzug hält, legt sich der bayerische Bürgermeister hin und stirbt.

Sein Sohn ist eigentlich kein rechter Mann. Etwas Männliches trägt er ganz und gar nicht an sich. Er ist, kurz gesagt, ein Hampelmann, wie ihn die Leute nennen. Es ist so ein Dahinvegetieren auf dem Hof, so von einem Tag in den andern. Schlapp und matt wie der Herr ist auch das Vieh. Dafür aber hat die Frau, wie man so zu sagen pflegt, die Hosen an. Die schlägt gewaltig mit den Flügeln und er läßt sie hän­gen wie ein krankes Huhn., Wenn der Peter diese schlamprige Wirtschaft gesehen hätte, er wäre mit . allen Donnerwettern da hinein gefahren. Sie haben wohl keine Schulden, aber auf den Feldern wuchert das Unkraut. Statt Korn wächst die Quecke, in den paar Weizenhalmen protzt der Klappertopf, im Hafer brü­stet sich stech der Hedrich, auf den Kartoffelreihen ge­deiht die Hauhechel. Im Hofpflaster wächst zwischen den Steinen das Gras und es ist schon bis zur Treppe vorgedrungen; da ist der Bankerott nicht mehr weit, sagen die Leute. Das Geschirr liegt über Nacht im Re­gen, im Winter deckt der Schnee den Pflug draußen im Felde zu. Der Bauer geht in Lumpen, weil die Frau nicht flicken kann, die Dienstboten laufen davon, weil die Bäuerin nicht zu kochen versteht und weil in dem Hof kein Funke Ordnung steckt.

Dèr nun preußische Landkreis gedeiht prächtig. Die Landwirtschaft, besonders die Viehzucht, hebt sich zu­sehends. Allenthalben entwickelt sich das Land auf­wärts, nur mit dem Eichelhof geht es langsam bergab. Das Kreuz am First wird größer, die Zeichen über der Tür werden deutlich: „Mein ist die Rache, spricht der Herr, ich will vergelten." (Moses 32, 35.)

Die Zwei auf dem Eichelhof sind alt geworden. Die Arbeit lastet auf ihren Schultern. Untragbar schwer ist der Tag. Sie brauchen Ruhe und sehnen sich so sehr danach. Aber sie haben keinen Sohn, dem sie die Sorge um Haus und Hos hätten übergeben können. Ihre älteste Tochter ist vor Jahren auf ganz schreckliche Weise ums Leben gekommen. Das arme Mädchen hatte in der Küche vor dem Herd gestanden. Die Herdtür stand offen. Da hatte plötzlich die Wachstuch- schürze Feuer gefangen. Im Nu stand das Mädchen in Flammen. In heller Angst rannte es lichterloh bren­nend in den Hof und wüsste sich im Schnee, um die züngelnden Flammen zu ersticken. Niemand hörte die verzweiflungsvollen Schmerzensschreie des Kindes: Die Mutter war aus dem Dorf, der Vater irgendwo im Dorf. Entsetzlich zugerichtet kam das Mädchen ins Nachbarhaus und brach da zusammen. Der Arzt kam. Die Wunden waren zu groß und schwer. Stunden nur noch dauerte das Leiden des Kindes.

Nummer 49 / Seite 3.

Die andere Tochter ist etliche Jahre jünger als die Verstorbene. Groß und stämmig ist sie, recht zur Bäuerin geschaffen. Ja, die Lina muß jetzt wohl hei­raten. Wer soll denn die Arbeit alle tun. Die Eltern sind mürbe geworden und der grausige Tod ihres Kin­des hat sie schwer mitgenommen.

Die Mutter macht allerhand Heiratspläne für das Mädchen, aber man kann nicht sagen, daß sich die Burschen sehr um die Lina drängen. Auch die Aus­sicht, Eichelbauer zu werden, scheint sie wenig zu locken.

Da heißt es eines Tages im Dorf: „Der Wilhelm vom Wiesenhof hat ein Verhältnis mit der Lina." Die alten Weiber schütteln den Kopf: „So einer soll Eichel­bauer werden! Gute Nacht, Eichelhof! Da schlägt bald dein letztes Stündlein."

Auf dem Wiesenhof hockt der Kuckuck. Nicht schallt der Ruf des Vogels aus den hohen Fichten, sondern der Kuckuck des Gerichtsvollziehers bleckt von Haus und Hof. „Der Alte vom Wiesenhof hat nichts getaugt," sagen die im Dorf, „aber der Junge ist ein vollendeter Lump und Tagedieb. In em paar Jahren hat er den schönen Hof unter den Hammer gebracht, der junge Bauer. Und Wilhelm ist dessen Bruder und nicht viel besser."

„Na ja, uns kann es ja recht fein, meinen die Leute, da gibts bald billige Aecker und Wiesen."

„Vielleicht ändert er sich auch, wenn er erst in sei­nen eigenen Topf guckt", sagen die anderen.

Der Wilhelm versteht es, die Leute vom Cichelhof zu umgarnen. Sie sind auf seiner Seite und Wehe, wenn jemand bei den Alten etwas Abfälliges über den zukünftigen Schwiegersohn sagte. Hauptsache ist, es kommt ein junger Mann ins Haus . . .

„Hoch geht es drüben auf der Hochzeit her."

„So eine Hochzeit war schon lang nicht mehr in unserem Dorf."

„3 a, der ist splendid und läßt sich's etwas kosten."

„Richtig ist es, man muß leben und leben lassen."

„An die hundert Kuchen haben sie gebacken."

„Und zwei schwere Schweine geschlachtet"

„Das Bier all und der Most."

„Was die Lina feine Kleider an hatte, heute Morgen."

„Man sollte meinen, es wäre eine Städtische. Das Städtische tut nicht gut, Nachbar, glaub mir. Die wollen mehr fein wie die anderen, immer oben hin­aus. Na, vielleicht erleben wir noch das dicke Ende."

„Er hatte gar einen Gehrock und einen Zylinderhut, 1 viel feiner war er als der Schullehrer, der neulich Hochzeit hielt."

„Eingebildete Fratzen! Warte nur, Nachbar!"

*

In dem Eichelhof spuckt ein furchtbares Gespenst: Der Bauer ist faul, die Frau hat die Arbeit fast allein mit den Dienstboten. Der Bauer trinkt, verbringt seine Zeit in der Wirtschaft. Und dann trägt er Un­frieden mit heim. Das Feld verludert. Der Stall wird langsam leer. Der Bauer spekuliert, macht dunkle Geschäfte, verliert dabei sein Geld und macht Schulden.

Die fieberhafte Bauwut der Inflationszeit packt ihn Er reißt nieder und baut wieder auf, ändert hier und baut wieder auf, ändert hic'." und dort, baut darauf los. Aber er hat die richtige Zeit zum Bauen doch verpaßt. Die Währung wird fest. Der Eichelbauer hat den Hof gepflastert voll Schulden. Montags ist der Gerichts­vollzieher ständiger Gast. Die Einnahmen sind gering, die Schulden riesengroß. Der Leichtsinn des Bauern ist nicht kleiner, sein Durst und seine Vergnügungssucht wachsen von Tag zu Tag

Da ist nun das Ende: Der Hof unter dem Hammer. Meistbietend wird ein Stück Feld nach dem anderen versteigert. Und spottbillig ist das Land. Die im Dorf tuen sich um. Ihr Land, das sie einst dem Eichelbauer für ein Butterbrot haben wcggegeben, gilt es heute wieder zu holen. Nichts bleibt von dem einst so stolzen Hof. Nicht einmal das Haus. kann der Bauer für seine Familie retten. Irgendwo findet er Unterschlupf in ei­nem alten Auszugshäuschrn.

In der Stunde aber, in der der Versteigerer einen Acker um den anderen ausruft, sagt ein altes Weib im Dorf zu ihrem Enkel: „Gottes Mühlen mahlen langsam, aber furchtbar fein."