Einzelbild herunterladen
 

Sippen der Greisin zitterten, ihre wetten hânde gleiten âer den rauhen primitiven Kranz.

Dr. Wendel sitzt erschüttert vor ihr. Er versucht, ihr mit beredten Worten ihren Plan auszureden, macht sie aus die mühevolle und beschwerliche Reise aufmerl- am, sagt ihr, daß man st- 'n diesem fremden Lande nicht verstände, da man dort eine andere Sprache rede, er spricht von komplizierten Bahnverbindungen und Umsteigeplätzen, wo sich nur ein routinierter Reisender zurechtsinden könne, von einem Bisum, das sie aus dem französischen Konsulat in Köln beschaffen müsse usw., aber L.e alte Christel hört ihm kaum zu, sie er­widert, daß sie schon zu ihrem Ziel käme. Der Ge- banke der Reise hat sich in den Jahren derart in ihr festgesetzt, daß sie einer Verwirklichung nicht mehr aus dem Wege gehen kann.

Nachdem sie im Besitz eines Reisepasses ist, bringt sie ein Beamter zu dem Zug, der nach Köln fährt.

Dr. Wendel ist eine Persönlichkeit mit sehr viel Verantwortungsgefühl. Er telephoniert fast eine Stunde mit der Eisenbahndirektion und dem Verkehrsamt in Köln. Ms die alte Bäuerin in der Domstadt dem Zuge entsteigt, wundert sich nicht, daß zwei Männer aus sie zukommen und sie fragen, ob sie die Frau Chri- siel Mahring sei, die nach Frankreich reisen wolle. Es sind zwei Männer in Uniform, ein Schupo und ein Ei­senbahnbeamter. Sie hat sofort Zutrauen zu ihnen und als sie ihr sagen, Ler Bürgermeister ilner Heimat habe gebeten, ihr Schutz und Hilfe angeWhen zu lassen, läßt sie sich willig von ihnen führen.

Es ist ganz seltsam, wie wunderbar sich die Reise des alten Mütterchens vollzieht. Sie ist des Staunens voll, wie freundlich sie überall behandelt wird. Es ist so, als ob sie jedermann kenne. Ein unsichtbares Auge scheint über ihr zu wachen. Die alte Christel hat viel von der Schlechtigkeit der Menschen gehört, aber sie glaubt nicht daran, nein, sie glaubt nicht daran. Es gibt nur gute, nur sehr gute Menschen. Man ist be­sorgt um sie, wie sie einst Sorge um den Sohn trug. Christel, die Bäuerin, schläft in einem Kölner Hotèl die erste Nacht. Am andern Tage, gegen Mittag, soll die Reise fortgesetzt werden. Auf dem französischen Kon­sulat hat der Schupo mit dem Konsulatsbeamten gespro­chen und die alte Christel verstand einiges von dem, worüber sich die beiden unterhielten: „Wir haben ge= naue Informationen vom Verkehrsamt und von der Direktion", sagte der Franzose. „Die Maires von La Fere, Noyon und Nouvron werden sofort von uns ver­ständigt. Madame Mahring wird in bester Obhut sein, ich versichere Sie! . .

Christel hat nicht nötig, sich um etwas zu kümmern. Sogar den Kranz trägt man ihr. Die Personen, die sich um sie bemühen, lösen sich sozusagen gegenseitig ab. Man schützt das alte Weiblein vor dem rasenden Ver­kehr der Grohlstadtstraße, man führt es durch das Ge- woge der Bahnhofshalle, bringt es zum Bahnsteig und weist ihm einen Platz im Zuge an. Am Mittag fährt Christel Mahring dem Westen zu. Der D-Zug saust un­heimlich schnell, aber fast lautlos, durch die Lande. So­was hat sie noch nie erlebt. Die breiten Fenster ge­statten einen Blick über weite Landschaften, die zu fliegen scheinen. Die geröteten Augen der Frau sind wie ge­bannt. Stundenlang währt die Fahrt, sie rührt und regt sich kaum. Das faltenreiche Gesicht ist fast grau, die blaugeränderten mageren Hände hält sie im Schoße. Ihre Knie halten den großen Kranz, der von der Reise Kbon einigen Schaden genommen hat. Ihr Kopftuch ist aus die Schultern gerutscht, das silbergraue Haar ist glatt gekämmt und in einem Nest zusammengeflochten. Den Mund hält sie geöffnet, die Augen sehen gespannt und eindringlich durch das Fenster in die Ferne.

Diese Strecke ist einstmals Rudolf gefahren — und nicht mehr zurückgekehrt. Den einzigen Sohn traf eine Kugel, sie sah ihn nicht mehr wieder. Aber nun fährt sie zu chm. Wenn sie chn auch nicht sieht, so wird sie auf dem Boden, der ihn bedeckt, knien und für ihn be­ten. Ein Kranz soll sein Grab schmücken, denn er ist ihr Sohn und starb für seine Heimat, für sein Vater­land. Auf die Stunde, die sich nähert, hat Christel viele Jahre gewartet, sie hat nur dem Gedanken gelebt, ein­mal an jener Stätte zu sein, wo er, der geliebte Sohn, seit langer Zeit seine ewige Ruhestätte gefunden hat.

Der D-Zug hält in Herbesthal an der Grenze. Es Ist Zoll- und Paßrevision. Die Tür zu dem Abteil, in dem Christel allein sitzt, wird geöffnet. Die Männer wechseln einige Worte, nicken verstehend mit den Kö­pfen und gehen weiter.

Der gigantische Zug scheint in die Ewigkeit zu fah­ren. Die alte Christel weiß kaum, daß sie in fremdem Londe weilt. Ihre tränennassen Augen sehen nicht den Unterschied zwischen belgischer und deutscher Landschaft. Nun kommen auch plötzlich auf einer Haltestelle noch

andere Leute ins Abteil. Dadurch, daß sie eine fremde Sprache reden, wird Christel gewahr, daß sie nicht mehr in Deutschland ist. Die Mitreisenden unterhalten sich freundlich, sie schäkern mit Kindern, lachen und scherzen, sind genau so gekleidet wie die Deutschen in den Stä­dten, es ist also kein Unterschied zwischen ihnen und ih­ren eigenen Landsleuten, als daß man jene nicht verstehen kann. Als der D-Zug am Abend in La Fere einläuft, betritt ein französischer Beamter mit Käppi und blauer Uniform das Abteil. ,

„Kommen Sie bitte, Madame Mahring, hier müssen Sie umsteigenl"

„Ja, ja, mein liewer Herr, ich komme schon!" erwi­dert die alte Christel. Die lange Reise hat ihren alten gebrechlichen Körper fast gelähmt, der Beamte stützt sie und bringt sie zu dem andern Zug, der auf dem Ne­bengeleise steht. Nun sitzt sie in behaglichen Polstern.

Dieser Zug hat wohl auch lange Wagen, aber er fährt nicht so schnell wie der andere. Draußen dunkelt es bereits und es fällt der Greisin schwer, die Land­schaft zu erkennen. Da die Bäuerin nun in diesem Lande weilt, steigen in ihrem Geist immer wieder Er­innerungen an Jean auf, an Jean Lassour, den jungen Kriegsgefangenen, der in der Kriegszeit drei Jahre lang ihren Hof bewirtschaftete. Jean war auch der einzige Sohn einer Mutter, der in höllischer Schlacht in deutsche Hände gefallen war und jahrelang von der Heimat fernbleiben mußte. Jean hatte immer zu ihr, der alten Christel, Mutter gesagt. Sie war ihm auch eine zweite Mutter gewesen. Sie hatte in der langen Zeit alle Liebe, die sie einst dem Sohn schenkte, auf ihn übertra­gen, weil er in der Einsamkeit der einzige Mensch war, der sich um sie mühte und für sie sorgte. Jean war ein lieber Junge gewesen, ein prächtiger anhänglicher Kerl, ein braver, ordentlicher und fleißiger Mensch, der dem Schicksal zu jeder Stunde des Tages dankte, daß es ihn in diesen schweren Zeiten zu Mutter Christel verschlagen hatte.

Die Nachricht von Rudolfs Tod warf die Bäuerin einst auf Wochen nieder. Was hätte sie tun sollen, wenn Jean nicht bei ihr gewesen wäre? — Der Tod ihres, ihm unbekannten Sohnes hatte ihn derart er­schüttert, als ob er der eigene Bruder gewesen sei, denn er wußte, wie sie, die alte Frau, um den Einzigen litt. Als Jean nach dem Kriege von ihr ging, hatte es einen schmerzlichen Abschied gegeben. Seitdem war die Chri­stel ganz vereinsamt.

Die Dunkelheit des Abends zeichnet viele Bilder vor das geistige Auge der Greisin.

Es ist schon ziemlich spät, als der Zug in Nouvron hält. Nouvron ist ein kleines Dörfchen mit einer kleinen Bahnstation. Die Ankunft in dem Ort, in dessen Ge­markung der Sohn gefallen ist und begraben liegt, scheucht nun das stille sinnige Wesen der Greisin auf. Die Finger der Hand, die den Kranz hält, zittern. Der Maire des Ortes sicht auf dem Bahnsteig und begrüßt sie freundlich. Es ist verwunderlich, daß er geläufig deutsch spricht.

Da weiten sich plötzlich die Augen der beiden. Das Körbchen entgleitet dem Arm der alten Christel.

„O Gott, o Gott, Jean!!" ruft sie.

„Mon Dieu, Mutter Christel!" Der junge Maire umarmt die Bäuerin und küßt sie auf die Stirn. Die beiden sind im Augenblick derart von dem unverhofften Wiedersehen überrascht, daß sie sich kaum zu fassen wis­sen. Jean hält die mageren welken Hände der Grei­sin in den {einigen und führt sie vom Bahnsteig.

*

Allerseelen in Deutschland.

Draußen in Frankreich, auf einem blutdurchtränkten Schlachtfeld, kniet eine deutsche Mutter, eine hochbetagte Greisin, vor einem unscheinbaren Hügel am Wegrand. Ihre knochigen Finger halten den Rosenkranz umspannt, krampfhaft und fest. Nur ab und zu lösen sie sich, um immer wieder nach anderen Perlen zu tasten, vom Kreuz an beginnend bis zum Kreuz zurück. Der große Kranz, der aus dem deutschen Walde stammt, liegt vor ihr auf dürrem, verwelktem Gras. Die Aefte eines Dornbuschs hängen herab bis fast auf den Hügel, sie streifen symbolhaft die Stirn der betenden leidenden Frau. Aus ihren Augen kommen heiße Tränen und rinnen die durchfurchten Wangen herab, sie fließen ohne Unterlaß. Ihre Lippen beben und sind in fort­währender Bewegung. In der stillen Schlucht am mur­melnden Bach ist ein Schluchzen aus enger bedrückter Brust. Etwas hinter ihr kniet, den Kopf bis auf die Brust geneigt, betend der junge Maire Jean Lassour. Das Holzkreuz über dem Hügel ist fast morsch. Kaum ist noch die Inschrift zu lesen: Hier ruht unser treuer Kamerad Rudolf Mahring in Gott! Gefallen am 12. Juli 1916.

Nummer

45 / Sette

In der Ferne ragen die kampfumtosten Höhen von Soissons gen Himmel. In den Tälern, durch die einst das Kriegsschwert raste, das Donnern der Geschütze und das Bersten der Granaten die Erde erzittern lieh, ist feierliche Stille. Nicht ein Laut dringt in die Schlucht, in der eine trauernde Mutter ihres gefallenen Sohnes gedenkt und an feinem Grabe kniet und betet.

In dem Westerwalddorf ist man um das Schicksal der alten Christel sehr besorgt. Niemand wußte, wo­hin sie sich gewandt hatte. Seit ihrer Abreise sind drei Wochen verflossen. Endlich erhält der Bürgermeister des Amtsbezirks eine Nachricht, und zwar von Jean Lassour. Der Maire teilt ihm mit, daß es feiner und seiner Mutter Ueberredung gelungen sei, Mutter Chri­stel noch einige Wochen als Gast im Hause zu be­halten. Es wäre ihm so die Möglichkeit gegeben, seinem Dank der Frau gegenüber, die ihn in den schweren Jah­ren der Gefangenschaft, fern von zu Hause, immer auf­gerichtet habe und ihm eine zweite Mutter gewesen sei, Ausdruck zu verleihen. Madame Christel Mahving fühle sich wohl und werde in dem Dorfe, in dem er als Maire wirke, von allen Leuten sehr verehrt.

Es ist erklärlich, daß sich der Inhalt dieses Schrei- . bens bald in dem Dorfe des Westerwaldes von Mund zu Mund fortpflanzte. Jetzt war allerdings das Er­staunen sehr groß und man schüttelte den Kopf ob des Mutes der alten Frau, die diese weite beschwerliche Fahrt in früheres Feindesland unternommen hatte.

Das Grab Rudolf Mohrings ist jetzt nicht mehr ver­wildert. Es hat eine gediegene Einfassung und ein Marmorkreuz bekommen. Im nächsten Frühjahr wer­den prächtige Blumen auf dem Hügel blühen. Jean Lassour hat für alles gesorgt.

Als der erste Schnee auf den Höhen in den Tälern des Wefterwaldes liegt, kehrt die alte Christel in ihre Heimat zurück. Es ist begreiflich, daß die Neugierde der Dörfler sich nicht zurückhalten läßt. Einige Frauen begrüßen die Heimgekehrte. Und sie verwundern sich, darüber, daß sich die Christel so verändert hat. Sie: spricht wieder und erzählt von der Reise. Den Besuch am Grabe des Sohnes erwähnt sie kaum. Was sie dort erlebt hat, verschließt sie in ihrem Innern. Auf dem Antlitz der alten Frau liegt ein verklärender Schim­mer. Ihre Hoffnung ist erfüllt, die Sehnsucht gestillt'

Sie hatte den Weg zu ihrem Einzigen, zu ihrem lieben Toten gefunden.

Das Gebet.

Beten heißt auf Gott zuqehen, Gott entgegen» trippeln mit den zaghaften Schritten eines Kindes, Gott entgegenwanken mit der Last von Sünden und Sorgen, Gott entgegeneilen mit dem vertrau­lichen Du auf Du, Gott entgegenfliegen auf den Schwingen vollkommener Liebe. Wir hätten nicht gewagt, den König der Herrlichkeit anzusprechen. Da hat uns der Sohn des Vaters das schönste aller Gebete gelehrt: „So sollt ihr beten: Vater unser, der Du bist im Himmel." Am Vaterunser lernen mir auch die Freiheit und Kühnheit der Kin­der Gottes, ohne feste Gebetsformeln, mit eige- nen Worten, in ländlicher Zwiesprache mit dem Vater im Himmel reden. Am Vaterunser erwacht der Glaube an Gdtt täglich zu neuem Leben.

Kardinal Faulhaber«

Die dem Lamme folgen.

Sel ge Scharf

Wollt ein neues Lied nun fingen, Eure Hände Palmen schwingen. Eure Stirnen leuchten, eure Kleider Sonnenklar.

Ewigkeit!

Dank und Jubel ohne Ende, Reinster Gottesliebe Brände!

Selig dort, die einst ihr wart zum Opfer Aroh-bereit! —

Unser Heil

Wollen wir dem Lamm empfehlen, Wöge es auch uns erwählen!

Seiner ew gen Glorie Leuchten fei auch Unser Teil.

Maria Walther, Kassel.