Seile 18 / Kummer 43.
und innenpolitische Experimente nicht herumge- kommen wären Diese Gafahr ist in den lebten Monaten gebannt worden. Heute stehen wir einer
Herrenkasten-Diktatur
sehr viel näher als einer Hitler - Diktatur. Bei bieiem Wahlkampf gilt es daher, durchzusetzen, daß auch die Bäume des Herrn Hugenberg nicht in den Himmel wachsen. Der Unterschied^mischen den Nationalsozialisten und der Hugenberg-Gruppe ist u. a. der, daß die Nationalsozialisten nicht daran glauben, daß in Deutschland jemals eine Re- gierung gegen die breiten Volksmassen erfolgreich arbeiten könne, während die Hugenberg-Gruppe heute der politische Sammelpunkt a I • ler Reaktion ist, die alsdünneOber- schicht bewußt gegen die Massen re - gieren will.
Wenn diese Kaste wieder zur Herrschaft gelangen sollte, dann dürfen der dichtbevölkerte Westen und die Bezirke mit der ältesten deutschen Kultur also der Westen und der Süden nicht glauben, daß sie in diesem Staat etwas zu melden haben würden, dann würde in Deutschland wieder genau so wie vor 1914 ostelbisch regiert.
In den letzten Tagen sagte mir ein in Deutschland sehr angesehener Ausländer: Es sei unbegreiflich, wie das deutsche Volk den Kräften von gestern, die es doch in Wahrheit in den Dreck der Gegenwart hineingesührt hätten, jetzt wieder nachzulaufen beginne.
Der Sinn des gegenwärtigen Wahlkampfes
läßt sich am klarsten Herausstellen, wenn wir uns vergegenwärtigen, was das Kabinett Brüning wollte, was das Kabinett von Papen bis jetzt erreicht hat und wohin es zu steuern gedenkt.
Wenn im Jahre 1930'31 die Neuaufrollung der Reparationsfrage glücken sollte, dann durfte das nicht von Deutschland geschehen, dann mußte dieses durch eine ausländische Macht erfolgen. Und das konnte nur Amerika sein. Es gibt aber kein zweites Land der Welt, das für politische Diktaturallüren so wenig Sinn hat wie der Amerikaner. Diese haben es schon früher nicht verstanden, warum sich das deutsche Volk die wilhelminische Regierung solange gefallen ließ. Und für eine Hitler-Diktatur hätten die Amerikaner noch weniger Verständnis aufgebracht.
Bei Beteiligung der Nationalsozialisten an der Reichsregierung im Herbst 1930 wären die Amerikaner bestimmt nicht zur Aufrollung der Reparationsfrage, wie es durch den Hoover-Plan im Luni 1931 geschehen ist, zu bewegen gewesen.
Außerdem wurden in den ersten 14 Tagen nach der Wahl rund 2 Milliarden Mark aus Deutschland zurückgezogen. Wenn während einer solchen internationalen Panikstimmung die Nationalsozia- . listen zur Regierung herangezogen worden wären, würden auch die restlichen kurzfristigen Auslandsguthaben aus Deutschland zurückgezogen worden sein. Das hätte in der damaligen Zeit den deutschen Staatsbankerott und den Bankerott dec deutschen Privatwirtschaft bedeutet.
Inzwischen sind wir durch langsam abtastende und mühselige Stillhalte-Abkommen um diese Katastrophe herumgekommen. Im Sommer 1930 hatten sodann die Nalionasozialisten den Wahlkampf mit allseitigen großen Versprechungen geführt. Bei einem Eintritt in die Reichsregierung unmittelbar nach diesem Wahlkampf hätten sie wenigstens einen Teil ihrer Versprechungen wahrmachen müssen. Wenn davon nur 10 Prozent verwirklicht worden wären, wäre eine neue Inflation nicht zu vermeiden gewesen.
Aus diesen Gründen hat Brüning es abge- lehnt, Ende 1930 die Nationalsozialisten in die Reichsregierung einzubeziehen.
Um Volk, Staat und Wirtschaft über das Jahr 1931 hinüberzubringen, waren ungeheure Anstrengungen notwendig.
Von 65 Millionen Deutschen wissen heute noch keine tausend, wo Staat und Wirtschaft im Juli 1931 bei der Dankenkrise gestanden haben.
Es kam das Wahljahr 1932. Brüning hat allmählich eine andere Weltatm o- fphäre gegenüber Deutschland ge
schaffen. Er wollte die heranrekfenden außenpolitischen Erfolge mit Sicherheit in die deutsche Scheune gebracht und sie nicht durch unreife innenpolitische Umgestaltungen gestört wissen. Es kam die preußische Landtagswahl vom 24. April, die den Nationalsozialisten erneut einen großen Wahlsieg gebracht hat. Nun setzten starke Kräfte bei dem Herrn Reichspräsidenten ein mit dem Hinweis, Deutschland habe nur noch die Wahl, entweder die Nationalsozialisten zu einer Regierungspartei zu machen oder aber den Staat in kurzer Zeit einer Partei-Regierung zu überantworten. Die gleichen Kräfte arbeiteten ständig mit dem Hinweis, Brüning sabotiere jede Möglichkeit zu einer Rechtsregierung. Er tue somit das Entgegengesetzte von dem, wozu er vor zwei Jahren vom Herrn Reichspräsidenten berufen worden sei.
Wie Brüning gehandelt hätte!
In Wahrheit wollte Brüning die deutsche Politik im Jahre 1932 in folgender Reihenfolge und nach folgenden Gesichtspunkten geordnet missen:
1. Ende Mai sollte in Preußen ein parteipolitisch neutraler, rechtsgerichteter, aber verfassungstreuer Ministerpräsident gewählt werden; Nationalsozialisten und Zentrum waren sich darüber einig. Dann setzte ein unverantwortliches Intrigenspiel ein mit dem Hinweis, daß die Uhr Brünings ohnehin abgelaufen sei, und daß daher in der nächsten Zeit um größere Dinge gewürfelt werde. Damit sind die Nationalsozialisten ebenso wieder von der Bereitwilligkeit, einen rechtsgerichteten, neutralen preußischen Ministerpräsidenten zu wählen, heruntergebracht worden, wie sie im Januar 1932 von Hugenberg von der Bereitwilligkeit heruntergebrncht worden sind, die Amtsperiode des Herrn Reichspräsidenten durch Reichstagsbe- schluß zu verlängern
2. Nach der preußischen Landtagswahl sollten im Mai noch einige Notverordnungen erlassen werden, die eigentlich schon ab 1. April mit Beginn des Etatsjahres fällig waren, um sowohl gegenüber der Lausanner Konferenz als auch gegenüber dem kommenden Winter ausreichend gerüstet zu sein. Der Herr Reichspräsident wollte aber unter Brüning keine Notverordnung mehr erlassen wissen.
3. Lausanne sollte die endgültige Regelung der Reparationsfrage bringen.
4. Nach Lausanne war Brüning wieder jederzeit entschlossen, allerdings ohne seine Mitwir- kung, die Bahn für eine verfassungsmäßige Rechts regierung freizugeben, ebenso wie er im Oktober 1931 bei der Umbildung des Kabinetts Brünino und im Januar 1932 bei der Vorbereitung der Reichspräsidentenwahl dazu durchaus bereit war. Als Reichskanzler, dem man den Erlaß neuer Notverordnungen als Rüstzeug von Lausanne und für den kommenden Winter verwehren wollte und der man den maßgebendsten Kreisen als erledigten Mann hinstellte, also mit gebrochenem Rücken wollte Brüning freilich nicht nach Lausanne gehen. Ebenso konnte er nicht als Mitglied einer Regie- rung dorthin gehen, deren Wirtschafts- und Finanzpolitik jede erfolgreiche Außenpolitik von vornherein zur Unmöglichkeit machen mußte.
Was Papen statt dessen tat.
Und welchen Weg ist unterdessen von Papen gegangen?
Er hat Notverordnungen, die der Reichspräsident von Hindenburg unter Brüning nicht mehr wollte, in viel größerem und schlimmerem Ausmaße erlassen, als es die frühere Negierung jemals in Aussicht genommen hatte;
er hat den Reichstag zweimal aufgelöst und damit das deutsche Volk ein halbes Jahr lang in Unruhe gehalten und die wirtschaftliche Unternehmungslust gelähmt;
er hat einmal den Reichstag aufgelöst, weil er dem Volkswillen nicht mehr entspreche, und hat ein zweites Mal den dem Volkswillen entsprechenden Reichstag aufgelöst, weil er seine Politik ab= gelehnt hat;
er ist in Lausanne der Gegenseite weiter entge. gengekommen als die alte Regierung willens war. und hat trotzdem erzielt, daß seit Lausanne die deutsche Außenpolitik eine Niederlage nach der an
deren erlitten hat und Deutschland in der Welt immer noch mehr isoliert worden ist;
er hat eine Wirtschaftspolitik eingeleitet, die voller innerer Widersprüche ist, von der eine Maß- | nähme die andere totschlägt und die bewirkt, daß, Deutschland seinen letzten Freund in der Welt ver- : > liert, ohne daß damit den Kreisen, denen er helfen j wollte, in Wahrheit wesentlich geholfen wird;
er hat eine Regierung gebildet, die das Entge« ; gengesetzte einer Mehrheitsregierung der Rechten ist, womit der Reichspräsident von seinen drückenden Sorgen um die Gestaltung von Notverordnungen befreit werden sollte;
die Regierung von Papen wollte unabhängig von den Parteien sein; in Wirklichkeit ist sie stär- ter denn je unter den Druck einzelner Interessen« tengruppen geraten, in Wirklichkeit betreibt sie ebenso deutschnationale Außen-, Wirtschafls- und , Personal-Politik, wie vor dem Kriege volks- und weltfremde ostelbische Politik betrieben worden ist .
Die wirtschaftspolitischen Maßnahmen.
Zur Ueberwindung der Wirtschaftsnot gehört 1 Optimismus. Optimistische Gesten allein genügen r freilich nicht. Auch während des Krieges wurde ' reichlich in Optimismus gemacht, ohne daß dieser ' den Sieg herbeizuführen vermocht hatte. Auch die , Steuerscheine allein genügen nicht. Wir sind für die Steuerscheine, wir wünschen, daß sie in ' Arbeit umgewandelt werden möchten. Die Regierung von Papen hat die Steuerscheine einseitig auf die Trumpfkarte „Wirtschaftsumschwung" gesetzt.
Wenn aber diese Trumpfkarte nicht sticht, dann stehen wir in ganz kurzer Zeit vor einer Finanz- kaèasirophe ungeheuerlichen Ausmaßes. Darum muß alles Menschenmögliche geschehen, daß die 4 Trumpfkarte Wirlschaftsumschwung sticht. Die Re- P gierung von Papen hat aber das dafür Menschen- mögliche nicht getan.
Es liegen im Gegenteil eine Reihe großer außen- und innenpolitischer Fehler vor, die geeignet sind, zu verhindern, daß die Karte Wirtschaftsum- schwung sticht. Und dagegen kämpfen wir an. Wir sind auch für eine Reihe weiterer Einzelmaßnah« men zur Verringerung der Arbeitslosigkeit. Aber | ' darüber muß man sich klar sein, daß weder diese I Einzelmaßnahmen noch die Steuerscheine allein aus | der deutschen Wirtschaftsnot durchschlagend herauszuführen vermögen. Voraussetzung dafür finÖ j die großen, entscheidenden Fragen der Außen- und Innenpolitik, ist eine stark mit den breiten Volksschichten vertrauensvoll verbundene Regierung, die Beruhigung und Stabilität verbürgt und sich das Vertrauen aller Gutgesinnten im In- und Aus- land erwirbt.
Wir wollen größtmögliche Entfaltung der Hei- [ mischen, produktiven Wirtschaftskräfte und eine ebenso zielbewußte Wirtschaftspolitik, die Deutschland baldigst und wirksamst wieder eingliedert in den internationalen Kapital- und Warenverkehr. Auf diesem Wege war die frühere Regierung. Nack)* dem das endgültige Nein in der Reparationsfrage ausgesprochen war, wurde die ganze Innen- und Außenpolitik auf die bevorstehende Weltwirtschafts- konferenz eingestellt, auf welche die Gläubigerstaaten mit Deutschland zu konkreten Ergebnissen kom- men sollten Die Einengungen im Gold- und Devisenverkehr müssen beseitigt, es muß wieder mög- liebst bald ein ungehinderter Warenverkehr unter den verschiedenen Nationen hergestellt werden. Das ist das, was die Zentrumspartei wirtschaftspolitisch will.
Wir sind heute noch der Meinung, daß die gegenwärtige Wahl zu vermeiden gewesen wäre.
Ueber bas
Verhalten der Zentrumsparkei zu den Ratio- nalsozialisten
zerbrechen sich manche Leute den Kopf, obwohl für alle Menschen mit politischem Urteil dieses Verhalten sehr einfach zu erklären ist.
Bei der letzten Reichstagswahl und nachher haben die Nationalsozialisten ein Doppeltes einge- sehen.: Einmal, daß sie in Deutschland allein wohl nie Me Mehrheit bekommen werden, und weiterhin, daß sie unter Hindenburg nie die politische Macht allein überantwortet bekommen. Zwischen Papen und Hugenberg auf der einen und Hitler auf der anderen Seite war nach der letzten Reichs-