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Nummer 40 / Seite 7.

berg die einseitigste, kurzsichtigste und selbstsüch­tigste Parteipolitik, die je von einer Partei betrie­ben wurde. Dabei ist ihre Abneigung gegen das Zentrum so groß, daß es zweifelhaft geworden ist, ob eine Koalition Mischen Zentrum und Deutsch­nationalen dem ersteren geringere VAer der Selbstüberwindung auferlege, als eine Koalition zwischen Zentrum und Nationalsozialisten.

Den Kreisen der Linken, die dem Zentrum VorM-rfe machen wollen, muß man vorhalten, daß das Zentrum bei den Verhandlungen mit den Na- tionaliozialisten den Richtlinien folgte, welche von führenden Politikern der Linken als richtig aner­kannt und ausgesprochen wurden. Als bei den Preußenwahlen das Resultat bekannt wurde, ga­ben sowohl der sozialdemokratische preußische Mi­nisterpräsident Braun wie der sozialdemokratische preußische Innenminister Severing öffentlich die Parole aus: „Man muß die Nationalsozialisten mit Verantwortung belasten!" Das heißt mit an­deren Worten: Man muß sie in die Regierung nehmen, damit sie nicht mehr törichte Wähler mit unerfüllbaren Versprechungen gewinnen können! Das Zentrum hat bei seinen Verhandlungen mit den nationalsozialistischen Vertretern nichts an­deres getan, als festzustellen, ob man dieses Re­zept ausführen könne, ohne daß Deutschland daran sterbe. Die Kreise der Linken, vom Vorwärts bis zur Frankfurter Zeitung, verleugnen also ihre eige­nen Gedanken und Ratschläge, wenn sie dem Zen­trum Vorwürfe machen wollen.

Denjenigen, die ohne bestimmte politische Orien­tierung aus allgemeiner Oppositionslust das Zen­trum angreifen, muß man ein praktisches Rechen- exempel vorlegen. Wenn auf der einen Seite 230 Nationalsozialisten und auf der anderen Seite 219 Sozialdemokraten und Kommunisten stehen, wie soll dann eine Regierungsmehrheit, ohne die Deutschland nicht existieren kann, möglich sein, wenn nicht die Partei der Mitte mit einem der beiden feindlichen Brüder verhandelt? Das Recht des Volkes, zu bestimmen, wie es regiert werden soll, wird völlig unwirksam werden, wenn jede Richtung, sowohl die Rechte, wie die Linke, wie die Mitte sagen würde, daß sie mit den anderen nicht verhandeln will. Das Volk, das einen solchen Reichstag wählt, würde damit beweisen, daß es sich nicht selbst regieren kann, sondern daß es von einer Herrschaft regiert werden muß. Dieses Ziel schwebt den Deutschnationalen vor, und daß das Zentrum durch seine Verhandlungen diesen Bankrott der Volksrechte zu verhindern suchte, ist die tiefste Ursache des deutschnationalen Zornes.

Wenn unseren Wählern dieses alles klar und deutlich geschildert wird, werden sie wohl einsehen, daß das Zentrum nichts anderes getan hat, als es eben unter dem Zwang der Verhältnisse tun mußte. Die Kunst der Politik besteht darin, auch andere Parteien auf den gemeinsamen Weg nuß­bringender Arbeit zu führen. Und die höchste aller politischen Kunst ist die Kunst, gegnerischen Par­teien das Schwert aus der Hand zu winden und sie vor den Pflug zu spannen, der den deutschen Acker für Saat und Ernte bereiten soll. Wenn dies dem Zentrum mit den Nationalsozialisten ge­lungen wäre, dann wäre das mindestens ein ebenso großes historisches Verdienst gewesen, als es im Jahre 1919 war, als das Zentrum die So­zialdemokratie veranlaßte, die Träume einer so­zialistischen Diktatur aufzugeben, in. der deutschen Verfassung das Recht des persönlichen Eigentums frcicn Religions-Übung anzuerkennen und sich selbst dem Willen der Mehrheit des Volkes zu beugen. Wie weit das Zentrum bei dem Ver­nich, dem Nationalsozialismus seine Giftzähne zu ziehen, gekommen ist, kann erst beurteilt werden, wenn das Resultat der Verhandlungen vorliegt Daß es den Versuch machte, sollte ihm jeder dan­ken, der Deutschland liebt. (Fränk. Volksblatt.)

Von Wahl zu Vahl.

Die „unabhängige" Regierung Papen hat den Reichstag aufgelöst. Die bisherigen Leistungen dieser Regierung reichten nicht aus, einem sicheren Mißtrauensvotum zu entgehen. Wie schmal ihre Basis auch im Parlament ist, hat das — wenn auch formal ungültige, so doch moralisch vernichtende — Votum des Reichstages vom 12. September ge- Zeigt. Noch nie in der Geschichte des Parlamen­

tarismus hat eine Regierung ihre Volksfremdheit derart augenfällig bescheinigt erhalten.

Der kommende Wahlkampf wivd daher noch stärker als der letzte um die Grundrechte des Vol­kes gegen die gefährlichen Experimente und die selbstherrlichen Bestrebungen einer „hauchdünnen Oberschicht" gerichtet sein.

Das Reichsgeneralsekretariat der Deutschen Zen­trumspartei hat in der soeben erschienenen Wahl­nummer des Mitteilungsblattes „Das Zentrum" das für den Wahlkampf notwendige und geeignete Material in leichtfaßlicher und übersichtlicher Form zusammengestellt. Das Heft, das den Titel trägt „Der Weg des Kabinetts Papen", enthält eine kritische Uebersicht über die Politik der Regierung Papen, insbesondere eine Nachprüfung ihrer kul­turpolitischen Ziele, ihrer wirtschaftspolitischen Maßnahmen und ihres außenpolitischen Weges. Es sei hier aus diese Wahlnummer besonders emp­fehlend hingewiesen.

Das Mitteilungsblatt „Das Zentrum" ist durch das Reichsgeneralsekretariat der Deutschen Zen­trumspartei, Berlin NW 23, Brückenallee 24, zu beziehen. Der Jahresbezugspreis beträgt nur 3 RM. einschließlich Zustellung. Preis der Wahl­nummer 50 Pfg.

Kleine peilt. Harhtithtcn

Die 68. Ratstagung des Völkerbundes wurde unter dem Vorsitz des Präsidenten des irischen Freistaates, de Valera, eröffnet. Deutschland ist durch seinen Außen­minister Freiherrn von Neurath vertreten.

Anziehen der Arbeitslosenzahl. Nach dem Bericht der Reichsanstalt betrug die Zahl der bei den Arbeitsämtern gemeldeten Arbeitslosen am 15. September rund 5 261000, lag also nicht wesentlich über der Zahl vom 31. August. In einzelnen wichtigen Berussgruppen fand eine Entlastung, in anderen eine Neubelastung des Arbeitsmarktes statt, beides überwiegend aus jahres­zeitlichen Ursachen. In der Arbeitslosenversicherung wurden am 15. September rund 659 000 (gegen 697 000 Ende August), in der Krisenfürsorge rund 1280 000 (gegen 1295 000 Ende August.) Hauptunterstützungs­empfänger betreut. Die Zahl derjenigen Arbeitslosen, die bei Notstandsarbeiten beschäftigt waren, belief sich Ende August schätzungsweise auf 65 000 Personen. Im Freiwilligen Arbeitsdienst waren Ende August rund 144 000 Arbeitsdienstwillige beschäftigt. Die Zahl der Wohlsahrtserwerbslosen kann für Mitte September noch nicht geschätzt werden. Für Ende August steht sie nun­mehr mit 2 030 000 fest.

Berlin. Der Reichspräsident hat den Gesandten in Belgrad, v. Hassel, zum Botschafter bei der italienischen Regierung an Stelle des in den einstweiligen Ruhestand versetzten bisherigen Botschafters von Schubert ernannt. Weiter hat der Reichspräsident als Nachfolger des frühe­ren Botschafters, jetzigen Reichsministers des Auswär­tigen, Freiherrn von Neurath, den bisherigen Botschafter in Paris, von Hoesch, zum Botschafter in London und an seine Stelle den derzeitigen Ministerialdirektor im Aus^ wärtigen Amt, Koester, zum Botschafter in Paris er­nannt.

Ein nationalsozialistischer Gotlesdienst. Am letzten Freitag fand ein nationalsozialistischer Gottesdienst für die in den Straßenkämpfen und bei politischen Zusam­menstößen getöteten Sturmabteilungsmänner in der neuen protestantischen Garnisonskirche statt. Aus ganz Berlin waren die Mannschaften der Sturmabteilungen zusammengezogen worden, die mit 60 Hakenkreuzfahnen in die Kirche einzogen. Die Fahnen wurden rechts und links vom Altar aufgestellt. Die Einziehenden wurden von den in der Kirche Anwesenden mit dem Faschisten­gruß empfangen. Der Neu-Köllner Pastor Wenzel miß­brauchte den Gottesdienst zu einer rein nationalsoziali­stischen Propaganda. Er verfälschte die Liturgie und lieh zum Beispiel bei der Verlesung der Seligpreisungen die Stelle von den Friedfertigen aus, um so stärker die „um der Gerechtigkeit willen Verfolgten", mit denen die Nationalsozialisten gemeint waren, hervorzuheben. Die Schriftlesung schloß er mit den Worten: „Daß ihr alles wohl ausrichten und das Feld behaupten mögetI" In der Predigt über Lukas erlaubte sich der Pastor ein Gleichnis auf die nationalsozialistische Bewegung, indem er sagte, in ihr sei das Feuer, das Jesus habe entzünden wpllen, das Schlechte zerstörend und das Gute läuternd. In seiner Predigt verglich der Pastor auch Hitler mit Jesus und nannte ihn einen „Feueranzünder". Er schloß mit den Worten: „Möge die Botschaft sich erfüllen und dieses Feuer alles Widerstrebende vernichten, auf daß das neue Reich kommel" (Thür. Volksbote.)

Aus der nationalsozialistischen Partei ausgetreten. Der sächsische Landtagsabgeordnete Fischer, der in Plauen als Volksschullehrer tätig ist, hat seinen Austritt aus der nationalsozialistischen Landtagsfraktion, der er seit Jahren angehört, vollzogen und hat diesen Schritt mit einem Schreiben an den Präsidenten des sächsischen Landtags begründet. Fischer stellt u. a. fest, daß das Fehlen eines klaren Kultur- und <5 cf) u I p r o * gramms der NSDAP, auf die Dauer unmöglich zu ertragen fei, daß selbst bei den Führern Meinungsgegen­sätze bestehen, die zwischen bolschewistischen Gedanken­gängen und mittelalterlicher Enge alle Schattierungen durchlaufen, und daß jeder Versuch, hier auf eine klare Stellungnahme zu dringen, mit der Kaltstellung der allzu Neugierigen geendet hätte. Ebenso habe jeder Ein­spruch gegen Mißstände in der Partei und gegen Ver­fehlungen und schwere Verstöße von Führern kurzerhand zum Ausschluß geführt, ohne daß die Beschwerdeführer überhaupt angehört worden seien. Selbst Proteste an der höchsten Stelle in München seien erfolglos geblieben, so daß das Vertrauen in die Führung der Partei immer schwerere Stöße erlitt.

Sachsen. In Sachsen hat das Siedlungswerk und der freiwillige Arbeitsdienst einen großzügigen Umfang angenommen. Nun stellt sich auch das ehemalige säch­sische Königshaus in diesen Dienst. Der Prinz Friedrich Christian von Sachsen, der nach dem im April dieses Jahres erfolgten Tode des Königs Friedrich August an­stelle des in den Jesuitenorden eingetretenen Kronprinzen zum erblichen Eigentümer von mehreren Rittergütern im Kreis Oels (Schlesien) geworden ist, hat ein neues Sied­lungsverfahren in die Wege geleitet. Er läßt zunächst die Güter Fürsten-Ellguth und Wilhelminenort in Parzel­len aufteilen, um damit eine große Anzahl von Siedler­stellen zu schaffen. Dem Staate sollen dabei keinerlei Unkosten entstehen; staatliche Hilfsmittel werden bei der Durchführung des Unternehmens nicht in Anspruch ge­nommen. Am 1. Oktober sollen die neuen Stellen be«! reits von den Siedlern, unter denen sich viele ehemalige Gutsarbeiter befinden, übernommen werden. Diese ehe­maligen Gutsarbeiter brauchen überhaupt keine Anzah­lung für die Parzellen zu leisten. Die übrigen Siedler sind Bauernsöhne aus Hessen, Baden, Rheinland und Mittelschlesien, so daß also verschiedenen Teilen des Reiches das Hilfswerk zugute kommt. Für die Durch­führung der Siedlung sind vom Erbwalter des sächsischen Königshauses bereits 400 000 Reichsmark an Unkosten Krediten und anderen erforderlichen Ausgaben ver­wendet worden. Die vorhandenen Gutsgebäude wurden zum Teil als Wohnungen für die Siedler eingerichtet, und außerdem wurde eine Reihe von neuen Sieddlungs- Häusern erbaut. Ueberall in der mittel- und ostdeutschen Bevölkerung wird das Volk des ehemaligen sächsischen Königshauses, das man als ein Vermächtnis des so be­liebten Königs auffaßt, mit Genugtuung begrüßt.

Mussolini gegen den Rassenwahn. Die Freundschaft zwischen italienischem Faschismus und deutschem Natio­nalsozialismus ist keineswegs so innig, wie die hitlersche Presse es zumeist darstellt. Mussolini hat schon mehrfach sich gegen Grundprinzipien der Hitlerbewegung, z. B. gegen die Rassenlehre, gewandt. In der italienischen Ausgabe der Gespräche Mussolinis mit Emil Ludwig, die vom Duce selber revidiert worden ist, lehnt Mussolini mit einer Mischung von Ironie und Ekel den „Rassen­wahn" ab, es gäbe gar keine reinen Rassen mehr. Ge­rade aus manchen Blutmischungen habe sich oft Kraft und Schönheit einer Nation ergeben, Rasse sei eine Illu­sion, keine Realität. Es sei lächerlich, zu behaupten, einer „germanischen Edelrasse" gebühre die Weltherrschaft. Mussolini erklärt: „Der Nationalstolz bedarf durchaus nicht der Delirien der Rasse". Mussolini lehnt auch die Judenhetze ab: „Die jüdischen Italiener haben sich als Bürger stets bewährt und als Soldaten tapfer geschlagen. Sie sitzen in hervorragenden Stellungen an Universi­täten, in der Armee, in den Banken." Die Juden als Sündenbock für politische und wirtschaftliche Mißstände hinzustellen, sei abgeschmackt.

Indien. Der indische Nationalistensührer Gandhi, der von den englischen Behörden in milder Haft gehalten wird, hat sich zum Hungerstreik und zum Hungertod ent­schlossen. Die Engländer boten ihm Freiheit an, jedoch unter Bedingungen, unter denen Gandhi das Gefängnis nicht verlassen will. Sein Hungerstreik soll zugleich eine eindringliche Mahnung an das indische Volk sein, ihre bisherige Gesellschaftsordnung mit der Trennung in Ober- und Untertasten aufzugeben. Die Konfessionen will Gandhi gleichberechtigt sehen und will die Bestimmungen, wodurch einzelne Volksklassen in ihren Rechten beschränkt werden, aufgehoben wissen. Seine letzte Mahlzeit am 20. September gestaltete sich zu einer in ihrer Art ungekün-