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Seite 2 / Nummer 40.

amten, nach Kapharnaum zu kommen und seinen sterbenskranken Sohn zu heilen. Der Verweis gilt aber nicht nur dem Beamten, sondern dem ganzen Judenvolke. Jesus hat allen Grund zum Tadel. Ungezählte Wunder hat er schon gewirkt, und jedes seiner Wunder ist ein vollgültiger Be­weis für seine messianische Sendung, für seine Gottheit. Und doch steht er immer wieder vor ei­ner Mauer des Unglaubens. Das Volk vertraut wohl seiner Wunderkraft. Von nah und fern bringt man Kranke aller Art zu ihm. Er soll sie heilen, soll Teufel austreiben, soll Tote erwecken. Und dann drängt sich die Menge um ihn, sensa­tionslüstern, begierig nach immer weiteren Wun­dererlebnissen und bereit, dem Herrn bei jedem neuen Wunder zuzujubeln. Wie wenig aber die Wunder Jesu ihren eigentlichen Zweck erreicht ha­ben, den starken Glauben an ihn und seine Lehre, das zeigt die Stunde seiner Passion, da er sich seiner Wunderkraft begibt, um sich zu opfern. In dieser Stunde, da die Juden keine Zeichen und Wunder mehr sehen, ist ihr Glaube erloschen. Und das ist ihre große Schuld.

Die Wunder haben eine tiefe Bedeutung für unser Glaubensleben. Sie sind der äußere Beweis für die Tatsache der göttlichen Offenbarung. Das Beglaubigungsschreiben der Gesandten Gottes, das für deren Sendung und für die Wahrheit ihrer Boischaft bürgt. Nur ein Werk, das allein durch Gottes Kraft vollbracht werden kann, gibt die un­trügliche Gewißheit, daß Gott durch den fprid)tr der dieses Werk vollbringt. Deshalb hat Christus im eigenen Namen Wunder gewirkt; deshalb hat er die Apostel in seinem Namen Wunder wirken lassen; deshalb hat Gott auch so viele Heilige mit Wunderkraft begnadigt. Eine überwältigende Fülle von Beweisen für die Tatsache und Glaub­würdigkeit der göttlichen Offenbarung!

Aus solcher Gewißheit aber ergibt sich für uns die Glaubenspflicht. Wenn unsere Vernunft uns sagt, daß Gott gesprochen hat, müssen wir die ge­offenbarten Lehren annehmen. Bedingungslos und ohne Einschränkung! Auch dann, wenn sie Ge­heimnisse enthalten, die wir nicht erfassen können. Auch dann, wenn sie Pflichten auferlegen, deren Erfüllung unserer schwachen Natur zuweilen schwer füllt. Auch dann, wenn wir persönlich nicht Zeu­gen eines Wunders geworden sind. Es wäre Ver­messenheit, von Gott zu verlangen, daß er jedem einzelnen aufs neue seine Offenbarung beglaubige. Die Wunder Christi, der Apostel und Heiligen sind so sicher bezeugt, daß sie keinen vernünftigen Zwei­fel zu lassen und jedem, der guten Willens ist voll­auf genügen.

Gewiß, auch heute noch oeschehen Wunder, und der gläubige Christ freut sich dankbar dieser sicht- taren Erweise göttlicher Macht, die seinen Glauben festigen; aber Wundersucht ist kein Zeichen echten Elaubensoeistes. Eher das Gegenteil! Christus selbst hat darauf hingewiesen: „Selig die nicht se­hen und doch glauben!" Deshalb ist die Kirche auch io vorsichtig zurückhaltend gegenüber allen neueren Wunderberichten und prüft diese mit so peinlicher Gewissenhaftigkeit. Denken wir nur an Konnersreuth! Manche Katholiken haben schon Anstoß genommen an der Zurückhaltung, die hier von den kirchlichen Behörden geübt wird. Aber diese Haltung zeigt nur die Weisheit und erhabene Selbstsicherheit der Kirche. Sie kann in Ruhe warten, bis jede Möglichkeit eines Zweifels besei­tigt ist. Sie bedarf keiner weiteren Wunder. Sie weiß, daß sie auch ohne diese das unverkennbare Siegel Gottes trägt. Und sie weiß auch, daß Wun­dersucht geradezu eine Gefahr für den echten Glau­ben des einzelnen werden kann. Gar zu leichi vergessen wir dabei den eigentlichen Sinn der Wunder und ziehen sie herab in den Bereich rein irdischer Wünsche und Bedürfnisse. So war eG bei den Juden "ir Zeit Christi und in ist es auch heute noch bei manchen „frommen" Christen. Mit Recht schreibt Kardinal Faulhaber: „Ja, wenn man mit einem Ave Maria schönes Wetter machen, mit einem Rosenkranz eine Krankheit sich vom Leibe halten könnte, o sie würden in Haufen zur Mutter- flottes laufen, und wir wären vor lauter „Reli­gion" religionslos geworden. Der Glaube ist fein Geschäftsträger irdischer Vorteile."

Eine Frage drängt sich hier auf: Wie kommt es, daß es trotz der überzeugenden Kraft der Wun- derbeweise !o viele Ungläubige gibt? Diese Frage rührt an das Wesen des Glaubens. Der Glaube

ist nicht ein Akt des Verstandes. Dieser erkennt nur, daß es vernünftig ist zu glauben. Der Glaube selbst aber ist Sache des freien menschlichen Willens in Verbindung mit der göttlichen Gnade. „Die menschlichen Dinge", sagt Pascal einmal, „muß man erkennen, um sie zu lieben; die göttlichen muß man lieben, um sie zu erkennen." Dadurch, daß der Mensch mit freiem Willen die Autorität Got­tes anerkennt, indem er auf das Wort Gottes hin auch diejenigen Lehren annimmt, die über fein Be­greifen hinausgehen, wird der Glaube ein Akt höchster Gottesverehrung. Wer aber diese Lehren annimmt, muß sich auch ihren Forderungen unter­werfen, muß bereit fein zur Aufgabe der eigenen Selbstherrlichkeit. Hinter dem Glaubensakte war­tet ein ganzes Leben, das aus dem Glauben her­aus gestaltet fein will. Und darin liegt für viele das stärkste Hindernis auf dem Wege zum Glau­ben. Eine Tatsache, die nicht nur von erfahrenen Seelsorgern, sondern auch von vielen Ungläubigen selbst bezeugt wird! So gesteht der Freigeist d'Alembert: „Der Wunsch, den Leidenschaften

Heilands-Fragen.

„Ist dir mein Herz nicht groß genug? Was meinst du Größeres zu finden? Nimm bis zum Himmel deinen Flug, Senk' dich ins Meer, zieh' mit den Winden.

Durcheil' die Welt von Süd und Nord, Such' alles auf, was groß auf Erden, Es wird zuletzt — denk' an mein Wort? Nur groß genug mein Herz dir werden."

,.3ft dir mein Herz nicht reich genug? Warum denn geht so sehr dein Streben Nach Schätzen, &ie wie Sandesflug Zu oft nur deiner Hand entschweben?

And wär' die ganze Welt auch dein, könnt' all ihr Glück dein Herz umfassen, Einst — bei des Todeslichtleins Schein Mußt alles du voll Schmerz verlassen?"

„Ist dir mein herz nicht treu genug? Was wähnst du bei der Welt zu finden? Wo nie die Treu' noch Wurzeln schlug, Wo immer mehr sie scheint zu schwinden.

Nur ich bin, wm- ich ackern war, Heul' und in alle Ewigkeiten, Und meine Hand will immerdar Dich treu und fest zum Himmel leiten.

„Kannst du mein herz denn je genug In heißem Dank entgegenlieben?

Da es allein für dich nur schlug, Da es dir stets so treu geblieben?

O komm, du armes Menschenherz, Laß gehn die Welt und ihre Gaben, Bei mir nur kannst du — frei von Schmerz Der Liebe vollen Himmel haben?"

Cordula Wöhler.

freien Zügel zu gewähren, hat mehr Menschen zu Ungläubigen gemacht als die spitzfindigsten Blend­werke der Philosophen." Und der geistesverwandte Rousseau sagt: „Haltet eure Seelen in einem Stande, daß sie das Dasein Gottes wünschen kön­nen, und ihr werdet nie daran zweifeln." Es ist derselbe Gedanke, den auch der heilige Pfarrer von Ars aus der Fülle seiner Menschenkenntnis heraus ausgesprochen hat: „Brich mit deiner Lei­denschaft, und morgen wirst du gläubig sein!"

Der zerrissene Rosenkranz.

Eine Kriegserinnerung von O. Jäger.

Es war im vierten Kriegsfrühling — 1918 — in dem Reservelazarett eines Vorderpfälzer Städt­chens. Katholische Krankenschwestern walteten dort ihres Engeldienstes an den Braven, die draußen vor dem Feind zu Krüppeln geschossen, unter liebe­voller Pflege der Genesung entgegensahen. Schwe fter Gundisalva hatte gerade Krankendienst. Mit dem Ausbessern einer Montur beschäftigt, saß sie am weitgeössneten Fenster der ehemaligen Arbeits­schule des Städtchens. Plötzlich fiel bei einer wei­teren Durchsicht der Uniform ein Stück eines Ro fenkranzes aus der Tasche. Schwester Gundisalva

suchte Ren noch fehfenRen Teil, doch umsonst; nichts war mehr zu finden. Die Hose gehörte dem Landwehrmann Ignaz Bucher, der bereits vier Wochen in diesem Saale lag. Ein Granatsplitter hatte ihm das linke Bein unter dem Knie weg­gerissen.

„Ja. Herr Bucher, was finde ich denn da in Ihren Taschen? Der Rosenkranz hat scheinbar auch mitgekämpft und dabei seine vier Kameraden ver­loren?" meinte lächelnd die Schwester zu ihm ge­wandt.

„Ja, Schwester, und wie! — Aber geben Sie mir bitte das teure Andenken; es ist der Rest mei­nes Rosenkranzes, den meine inzwischen verstor­bene Mutter mir schenkte bei Kriegsausbruch", sprach der 40jährige Bucher. — „Von dem Schick­sal dieses Rosenkranzes will ich Ihnen, Schwester, gern berichten."

Schwester G. war an Buchers Lager herange­rückt und gab ihm das Stück Rosenkranz.

„Mein Regiment, Schwester, lag im November vorigen Jahres im Choumewald, westlich Ornes. Es war eine wüste, versumpfte Trichterstelluna. und das Wetter war naß und kalt. Der Feind war in der Uebermacht, und so hatten wir des öfteren wütende Angriffe von seiner Seite abzuwehren. Vier Kameraden und ich — wir waren zufällig fünf Katholiken — lagen an einem recht unfreund­lichen Novenibertag in einem bis zur Hälfte mit Wasser gefüllten Granattrichter. Unablässig, un­barmherzig funkte die feindliche Batterie auf uns herüber, bereits seit einer Stunde. Wir wußten, daß der feindliche Angriff bevorstand, ja — wir sehnten ihn geradezu herbei. nur um mal aus die­sem Höllentrichter heraus, zukommen. Schwester, in jener Stunde waren wir fünf abgeschlossen von der Welt, nur einem fühlten wir uns nahe, unterm Herrgott. In der höchsten Not griff ich zu mei­nem Rosenkranz. Kaum hatte ich eines der glor­reichen Geheimnisse zu beten begonnen, als einer der Kameraden bat: Du, Ignaz, gib mir auch ein Gesetzchen? — Ignaz, mir auch! — Und so bo­ten auch die beiden anderen. Ja, Not lehrt beten, das bewahrheitete sich auch in unserem Trichter, ganz besonders an unserem Kameraden Alfred Wimbauer, der, wie ich wußte, schon jahrelang nicht mehr Ostern gehalten hatte. Und Schwester, was mir früher unmöglich gedünkt hätte, tat ich jetzt; ich zerriß meinen Rosenkranz und gab jedem ein Gesetzchen. Ich selbst behielt das Kreuzchen mit den drei Ave zurück."

„Hier fehlt aber das Kreuz!" bemerkte leise die Schwester.

„Das kommt jetzt. Schwester; die Erinnerung daran wird mir zeitlebens teuer bleiben. Wir mö­gen eine halbe Stunde wohl in vertrauendem Ge­bete gelegen sein, als sich immer mehr die Gra- nateinfchläge unserm Versteck näherten. Da — ganz nahe das Pfeifen und Explodieren von Geschoß- garben; einmal fast neben mir ein Einschlag — — — und ein sinnbetäubendes Krepieren der Granate. Ganz dicht an die schlammige Erde ge­preßt, von Schlamm und Erdbrocken überschüttet, hörte ich plötzlich das Jammern eines Kameraden. Wir anderen vier krochen zu ihm und sahen das Furchtbare — ein Granatsplitter hatte ihm den linken Arm dicht am Körper weggerissen. Mir war sofort klar, daß eine Rettung ziemlich aus­sichtslos war; denn der Sanitäteruntsrstand war zirka 25 Minuten rückwärts und ein Zurückschaffen des Verwundeten wäre sowohl dessen als auch unser sicherer Tod gewesen. So bemühten wir uns selbst, das Blut zurückzudämmen — doch ver­geblich — immer mehr schwanden mit den Strö­men des Blutes die Kräfte unseres Kameraden Wimbauer. In der Rechten hielt er krampfhaft dos Gesetzchen des Rosenkranzes.

Urplötzlich fiel mir ein, daß er schon jahre­lang nicht mehr gebeichtet holte. Deshalb rief ich ihm ins Ohr: Alfred, denke an deine Seele — be­reue alles Vergangene — der liebe Gott ist gut und verzeiht gern einem reumütigen Soldaten. Da, nach einer Weile schmerzlichen Stöhnens bat er leise: Das Kreuz, Ignaz! Und ich übergab ihm den Restteil meines Rosenkranzes mit dem Kreuz­chen, das er alsbald zum Kusse an seine immer bleicher werdenden Lippen führte, dabei mehrmals den Namen „Jesu" aussprechend."

Dabei wandte Ignaz Bucher sich ab, die Er­innerung an jenes Geschehen übermannte ihn.