Was der Rhön-Suppenmann zu plaudern wußte.
„Sag, Alter, wie lange hälft Du schon Wacht?"
„Puh! Was kitzelt mich da im Ohr? Krabbelt da wieder so ein Viehzeug herum? Was ist das da unten? Geh weg! Sonst zertret ich Dich, tret Dich in die Holle, wo Du hingehörst'. Wer b'st Du?"
„Ich bin ein Mensch"
„Wurm, willst Du lagen!'
„Sei doch nicht gleich so böse! Ich mochte mit Dir plaudern."
„Laß mir meine Ruh." Was wagst Du es, Zwerglein, mit mir zu reden?"
„Wer bist Du denn, daß Du so verächtlich auf mich blickst?"
„Wer ich bin? Das weiht Du nicht, Du abscheuliche Kröte?"
„Nein, woher soll ich es denn wissen? So erzähl mir doch aus Deinem Leben!"
„Der Kuppenmann bin ich! Den solltet Ihr doch kennen, Menschenzeug.
„Ja, der Kupenmann! Wohl. Aber warum stehst Du denn hier so einsam jahraus, jahrein, in Wind und Wetter, Sonnenschein und Flockenwirbel? 3mmer standest Du hier; immer, wenn ich herauf kam. vom Tal, schautest Du schweigend hinunter auf die Dörfer der Menschen. Warum? Sag doch!"
„Freilich steh ich hier schon lange, Du Eintagsfliege. Du Wesen von Heute! Ich bin der Riese von Ewigkeit her!"
„Don Ewigkeit her? Ewig ist nur Gott! Und Du? Stellst Dich Gott gleich?"
„Gott!! Menschlein, mach mich nicht wütend! Du mit Deinem Gott! Allen Fluch der Hölle auf Euch, Ihr Scheinheiligen! Gift und Galle, satanisches Gelichter! Beugt Ihr Euch vor diesem Tyrannen! Ich brauche ihn nicht, ich kenne ihn nicht, — — wül ihn nicht kennen, — nichts von ihm hören. Ich bin aus mir!"
„Warum, Alter, lästerst Du Gott?"
„Dieser, Dein Gott, er hat mich . . . Heb Dich hinweg! Weg! sag ich Dir! Daß ich wüte!"
„Beruhige Dich doch! Erzähl, dann wird Dir leichter."
„Plaggeist, greuliche Kröte! So höre denn! Aber dann verschwinde und laß mich in Ruhe!"
„Erzähl mir nur erst! Dann soll kein Mensch Dich wieder stören, alter Griesgram!"
„Menschlein, wie wett kannst Du zurück denken? Zwanzig Jahre?! Dann, dann bist Du am Ende! Dann redest Du von Geschichte. Geschichte! Eure Geschichte ist doch nur das Heute von meinem Leben! — Höre!
Dor langer Zeit, für Dich fast ewig, lebte ich hier als gewaltiger Riese. Das Land war mir untertan, ein großes, weites Hochland. Da gab es keine Berge, wie Ihr das nennt, was doch nichts ist als Ameisen gehügel. Da wart Ihr noch nicht, Menschengewürm, elendes, erbärmliches Gezücht! Das war große, schöne, herrliche Zeit. Freiheit und Sonne um mich! Sonne der Freiheit! Mein war das ganze weite Land, das Du da vor Dir liegen siehst. Da weidete ich meine Herden und es ging mir gut. Ueber die Triften scholl meine Stimme, wenn ich meine Tiere rief oder wenn ich betete.
Aber mein Gebet gefiel dem nicht, den Ihr Schwächlinge Gott nennt. Er wollte mir befehlen, dos „Fluchen und Lästern", so nannte er mein gewaltiges Gebet, zu unterlassen, denn auch ich sei sein Geschöpf und hätte ihm zu gehorchen. Unter sein Joch sollte ich mich beugen. Nein, lieber zur Hölle fahren, als Sklave sein! Frei war ich und spürte Kraft der Freiheit in meinen Adern. Mochte er kommen, ich wollte schon kämpfen. Mit der Keule hätte ich ihm seinen Schädel zerschmettert.
Aber der Heimtückische überfiel mich im Schlafe. Eines Nachts nämlich fuhr ich auf vor gewaltigem 13ärm. Die Hölle schien losgelassen zu sein. Die Erde bebte und stöhnte. Im Innern kochte es, siedete, fauchte und zischte. Risse Hassten im Boden. Dampf und Rauch quollen hervor. Dann rollte es wie Donner. Die Erdkruste stieß und stampfte, hob sich hoch und fuhr donnernd nieder. Verhaltenes Grollen schlich durch die Erde. Wie ein Trümmerfeld lag das Land. Wildes durcheinander. Mit Wunden bedeckt weitete die Erde. Schollen standen senkrecht hoch, lagen übereinander. 1 Gähnende Löcher, abgrundtiefe Trichter standen im Boden. Darin war ein schreckliches Zischen und Sausen. Heißen Odem wehte es mir daraus entgegen. Giftige Gase, dicker Qualm lagerte sich über die Erde. Die Kehle wurde mir immer enger, ich war dem Ersticken nahe. Dann brauste es und toste. Wahrer Höllenlärm tanzte über das zerwühlte Feld, hüpfte von Scholle zu Scholle. Ganz taub wurde ich von dem Toben und
Wüten. Feurige Augen funkelten die Löcher aus dem Boden. Da kroch es über den Trichterrand, feurige, glühendheiße Massen. Sinnlos vor Angst rannte ich zwischen den Schollen, kletterte auf eine hinauf. Da stand ich hilflos verlassen. Unaufhörlich quoll es aus der Hölle. Der feurige Brodem umgab mich. Höher flieg der Tod. Langsam umfing mich die Lava in feurig-gewaltigem Kuß. Und dieser Kuß der Hölle trank mir das Leben von verdorrten Lippen. Ich starb in der Umarmung der schrecklichsten Braut. Und er, der grausame Feigling sang sein Triumphlied voll Haß, R'che und Hohn im Brodem der Hölle. Das war die Rache Gottes!"
„Und Du hattest sie verdient!"
„Jahrtausende kamen, Jahrtausende gingen. Das Höllengekoch erkaltete. Das Wasser kam, fraß, nagte und sägte unaufhörlich an der Lavadecke und es war stärker als die Ausgeburt der Hölle. Reste nur blieben vor ihr, Steinchen! Und das nennt Ihr Berge! Das Wasser befreite mich aus der Gefangenschaft. So steh ich hier frei, aber vom Kuß der Braut durchdrungen, erstarrt als Stein am Abhang des Berges. Sollte das Gnade des Richters sein?"
„Alter, . . ."
„Sei ruhig! Unterbrech mich nicht!
Dann kamt auch Ihr, Ihr Zwerge, in diese Täler. Wie die Ameisen krabelt Ihr auf den Hügeln herum, emsig, immer geschäftig. Aber wo Menschen sind, da ist Feindschaft. Was Ihr Geschichte nennt, ist es nicht eine Kette von Kriegen und Fehden?
Da kamen die Kelten, die flohen in die Ringburgen, wenn Feinde kamen; drüben am Otterstein kannst du noch den zerfallenen Ringwall sehen.
Die Germanen verdrängten tue. Kelten aus ihren Wonsitzen nach dem Westen Europas. Chatten nannte sich der Stamm, der h'er siedelte. Auch die Chatten verließen wieder die Rhön und siedelten in gesegneteren Landstrichen. So verödete die Rhön.
In diese Wildnis kamen die Andern, die den Haß predigten gegen Wodan. Da ragten von den Bergen Kreuze gen Himmel. Dörfer wuchsen und Städte.
Dann kamen einmal wilde, kleine mißgestaltete Reiter, Menschen noch winziger wie Ihr. Sie verheerten das Land und verbrannten das Kloster Fulda.
Adlige Grundherren faugten die kleinen Bauern bis aufs Blut aus. Burgen wuchsen auf den Bergfelsen. Geadelte Räuber trugen Unfrieden und Elend ins Land. Dort siehst Du die Ruinen des Ebersberges, dort den Schneeberg, den Otterstein und dort hinter der Dam- mersfeld-Kuppe liegen die Trümmer des Rabensteines; aber das find noch lange nicht alle. Da hinten ragt die Spitze des Wachtküppels hervor, hier schworen die Rhönritter in nächtlicher Stunde dem Abte von Fulda blutige Rache, weil er einen der Ihren in Fulda hatte hinrichten lassen. An heiliger Stätte fiel der Abt durch Mörderhand. Zwei Ebersberger starben zur Strafe in Frankfurt am Rad. Lange noch währten dann die Kämpfe zwischen de,n Rittern der Rhön und den Aebten von Fulda. Dann sanken ihre Burgen in Staub.
Dort unten führte der Abt von Fulda seine Reisigen hinauf zum Dammersfeld zum Kampf gegen den Bischof von Würzburg Um ein Stück Weideland schritt unter Menschen der Tod.
Hier erhoben sich die bedrückten Bauern gegen ihre Herren, für ihre Freiheit zu kämpfen und ernteten Unfreiheit und härtere Fron.
Da zwangen die Herren ihre Untertanen zu anderem Glauben.
Schweden trieben hier ihr Unwesen und hausten wie die Wilden. Da bindnrck, kannst Du den Reesberg sehen; dort bauten sie sich eine feste Schanze.
Da zündete ein Unmensch Baltasar Ruh massenhaft armer) Frauen den Scheiterhaufen an und heimste dann deren Besitz ein.
Dann verheerten Franzosen, Oesterreicher, Preußen, Hessen, Braunschweiger und Engländer die Gegend Das Getreide stampften die Pferde in den Boden. Den Bauern nahmen sie das Vieh und schlachteten es.
Hungersnot schlich in die Rhön.
Und als im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts die bei Würzburg geschlagenen Franzosen durch die Rhön flohen, da erlebten sie die furchtbare Rache der empörten Rhöner.
Dann kamen die Jahre des großen Schacherns. Fortan gab es keinen Fürstbischof mehr in Fulda Wahren Kuhhandel trieb man mit Land und Leuten.
Ja, wir hatten sogar einmal die Ehre, Bürger der „großen Nation" zu fein und den größten Egoisten aller Zeiten zum Kaiser zu haben. Er befreite unsere Bauern von drückender Fron, das danken sie ihm. Teile der großen Armee zogen durch Fuldaer Land, siegestrunken; völlig aufgerieben kamen sie wieder. Um am 28. Oktober 1813, da weilte in Fulda ein geschlagener Imperator, der bei Leipzig sein großes Spiel verlor.
Hummer 39 / Seite 13.
Dann kam auch der alte Bliicher. Und die Gottesgeisel der Kosaken, die Blutsauger der Bauern.
All die vielen Soldaten brachten Seuche ins Land, über es war die letzte in der Rhön.
Dann kam der Handel um den Wiener Kongreß. Schließlich war das ehemalige Fürstentum Fulda lief« sisch, ausgenommen der heutige Kreis Gersfeld, der feit 1814 zu Bayern gehörte.
Wieder schlich der Hunger in der Rhön, buk aus Oueckenmehl Brot, kochte Disteln und zahlte für das Malter Korn 50 Gulden.
Jetzt waren wir Bayern. Wir genossen die Gunst Max II., dem sein Lehrer Dr. Roth aus Lütter die Liebe zur Rhön ins Herz gepflanzt. Und 1857 erlebten wir eines Königs Zug durch unsere Berge.
Dann lagen wir uns als Bayern auf Oesterreichs Seite mit den Preußen in den Haaren. festige Kämpfe wurden in der Rhön ausgefochten, besonders hartnäckig im Feldatal und um den Nebslberg. Versprengte bayerische Kürassierregimenter flohen vor den Preußen: hier ganz nahe kamen sie vorbei, ein Teil durch Gersfeld, die anderen über Thalau nach Brückenau und Hammelburg.
Preußen sind wir dann geworden, sind es noch heute und bleiben es. Und Feindschaften, Kämpfe und Verwüstungen haben die Rhön seitdem nicht mehr gesucht. Habt Ihr Menschen auch nicht so schon genug zu tragen, müßt Ihr Euch auch noch gegenseitig quälen und plagen?
Der schrecklichste Krieg der Zeiten tobte draußen. Was sah ich davon? hörte ich? Ein paar Flieger surrten über mein Haupt; dort unten auf dem Feld gingen Frauen hinter dem Pflug, weil die Männer fort waren. So geht die Zeit. Es geschieht etwas; aber was ist das, das Geschehen Eurer Geschichte, gegen den Aufbruch der Erde am Abend meines irdischen Lebens, am Mittag meines Seins als Felsenmann?
Was erlebt ich noch Großes? Niebts! Da hinter mir, schau doch hin, setzte man eine Tafel in Stem: „Albert Leo Schlageter zum Gedächtnis." Segelflieger ziehen ihre Kreise drüben um die Wasserkuppe. Touristen stapfen dort unten den Pfad hinauf, staunen an mir empor. Ich achte ihrer nicht! Kuhglocken klingen über mir auf der Kuppe. Drunten geht das Jahr über die Felder. Kommen und Gehen. ' Keimen, blühen, verwelken. Taufglocken fingen und Totenglocken weinen. Und dort verrichten Arbeitslose Notstandsarveit. Armes Menfchenaezücht!
Das war mein Leben, mein Schicksal, meine Auferstehung. das ist meine Warte---Geh jetzt!"
„Gleich, Alter! — Viel hast Du erlebt! Wohl. Du hast die Rache Gottes beschworen. Allen Lästermäulern zu abschreckendem Beispiel stehtst Du. Du bist der Sonne ausgesetztes Kind, das heim verlangt. Weißt Du das? — Gedenk auch daran: Gott ist gerecht und größer als Du, alter Stein!"
Für den Studenten.
Skizze aus dem Böhmerwald von Heinrich Baar.
Sie hatten sich in der herrschaftlichen Waldung eine Parzelle Schlagholz gesteigert und fuhren schon in aller Frühe, in der Dunkelheit, um Holz. Den ganzen Vormittag schleppten sie die ausgeästeten Zweige von den Stämmen weg und schnitten die ästigen Gipfel ab, bis der ganze Wagen voll war von dem schweren, grünen Holz.
Gegen Mittag machten sie sich auf den Heimweg. Auf einem engen, ausgefahren, muldigen Waldweg rasselte der Wagen dahin, knarrend unter der schweren Last. Plötzlich stand er stille.
„Wia, weiter! Wia!" ertönte eine schneidige Stimme. Die Oechslein stemmten sich — jedoch vergebens; sie zwangen's nicht und blieben stecken.
„Wir müssen nachhelfen" sagte der Mann zu seiner Frau, die von rückwärts herbeigeeilt war. „Wia — Wia!" hallte es im Walde, und Peitschenhiebe sausten auf die Tiere hernieder.
„Das ist gewiß der Holubak, der so wiart. Kauft sich Ochsen wie die Katzen, zwingens nicht, und unsereiner soll ihn dann jeden Augenblick herausziehen . . ." So rief recht laut, damit es der Holubak auch hörte, der Nachbar Eryda seinem Knecht zu. Auch sie luden unweit Holz auf; ihre löwenstarken Ochsen waren ausgespannt und an einen Baum gebunden, wo sie von einem Heubund fraßen.
„Wia, Wia! Weiter!" erscholl es gleich darauf