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vor sich am Pfeiler, vom gedämpften Schein einer roten Ampel milde überschimmert, Maria mit dem Leichnam ihres göttlichen Sohnes auf den Knieen.

Frau Martha erschauerte und wandte ihre Augen fort. Ein heißes Schluchzen drängte ihre Kehle herauf. Sie dachte an Mechthilde. — Daß Gott ihr das Kind nahm. Ach, sie hatte ihn doch an des Töchterchens Krankenlager mit der ganzen Inbrunst ihrer angstgs- peinigten Seele gebeten: „Lasse es mir, guter Gott. Es ist doch meine einzige Freude. Und alles will ich dir darbringen: den ganzen Reichtum und — ja, und auch meine eigene Gesundheit." Aber der Kleinen Fieber war gestiegen. Der Tod hatte bereits ihr schmales, seines Gesichtchen gezeichnet. Da hatte Frau Martha wiederum gebetet und Gott, wie sie meinte, auch das schwerste Opfer geboten: „Siehe, Barmherziger, ich weihe dir blutenden Herzens meine Tochter. Dir soll sie gehören. Für dich allein will ich sie erziehen, damit sie dir einst als Klosterfrau diene. Nur lasse sie gesunden!" Doch Gott hatte auch dieses Opfer nicht angenommen. Wes­halb nicht? Wußte er, daß ich mein Gelübde doch nicht erfüllen konnte?"

Wieder hob sie das Antlitz, und wieder fiel ihr Blick auf Maria mit dem blutüberströmten Leichnam des Hei­lands auf den Knieen.

Welcher Schmerz lag auf dem bleichen, tiefverhärm­ten Angesicht der Gottesmutter. Wie glühten ihre Augen in unendlichem Mitleid über die taufend Wunden, die ihr einziggeliebter Sohn trug. Welchen Jammer offen­barte ihr kraftlos ineinandergesunkener und nach vorn geneigter Körper. Aber auch welch' heldische Ergebenheit in den Willen des Ewigen.

„Nein, nein — so ergeben und still wie Maria kann ich nicht leiden. Und doch mußte jene heilige Mutter mehr erdulden als ich. Schon bei der Darbringung Jesu im Tempel prophezeite der greise Simeon ihr: „Deine Seele wird ein Schwert durchdringen". Ach, schon da durchdrang es sie ja, denn bereits von jener Stunde an wußte sie um den grausamen Martertod des Heilands, fiel der drohende Schatten Kalvarias mahnend auf alle Mutterfreude."

„Ueber den du, o schmerzvolle Mutter, Simeons Trauerbotschaft empfangen hast," flüsterten unwillkürlich ihre noch vom Schluchzen zitternden Lippen und form­ten leise die lange nicht mehr gesprochenen Gesetzlein des Rosenkranzes von den sieben Schmerzen Mariä, den sie einst als fromme Klosterschülerin von den gütigen Or­densschwestern erlernt hatte, weiter: „Mit dem du, o schmerzvolle Mutter, nach Aegypten geflohen bist. — Ich habe mit meinem Kinde nicht zu fliehen brauchen. Kei­ner war ihm Feind. Alle erwiesen ihm Gutes und Lie­bes. Mutterstolz und -glücklich durfte ich es allen zeigen."

„Den du, o schmerzvolle Mutter, drei Tage lang ge­sucht hast. — Arme Gottesmutter, dein Söhnlein, dein herziges und liebes, mußtest du suchen auf fremder Straße, im fremden Land. Und mein Töchterchen war so behütet und umsorgt. Aber nun habe ich's auch ver­loren, und nie, nie finde ich es wieder."

Aufschrie ihr Herz vor Qual: „Nie, nie finde ich's wieder."

„Nie?" fragte es sie plötzlich geheimnisvoll. „Nie? auch nicht im Himmel?"

Sie sann fort: „Den du, o schmerzvolle Mutter, mit seinem Kreuze beladen erblickt hast. — Unter dessen Kreuze du, o schmerzvolle Mutter, gestanden hast. — Auch ich sah mein Kind leiden wie du, Maria. Nein, nicht wie du, denn ich war verzweifelt und habe Gott, den weisen Lenker aller Geschicke, angeklagt. Du — du aber sprachest schmerzgebrochenen Herzens: „Dein Wille geschehe". — Hätte ich deine Kraft und deinen Starkmut! Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, bitte für mich."

„Den du, o schmerzvolle Mutter, vom Kreuze in deine Arme ausgenommen hast. — Den du zum Grabe geleitet hast."

Frau Thermalen neigte abermals ihr Haupt.

„Auch ich hätte mein Kind gern in den Armen gehal­ten, immer und ewig. Aber auch Mechthilde wurde zu Grabe getragen, aus Freude und Elternliebe, aus Glück und Sonnenschein ins dunkle Grab. Nun bin ich allein und grenzenlos einsam. Habe niemand mehr, für den ich sorgen und den ich lieben könnte. Bin verlassen, wie du, Maria, es warst, als dein heiliger Sohn gestorben. Doch nein, du bleibst nicht einsam, wurdest ja den Jün­gern Jesu Mutter und Sorgerin."

Da fragte es wieder: „Hast nicht auch du Ziele und Pflichten?"

„Ich?" tat sie erstaunt und erschrak: „Ja, Julius, meinen Gatten, habe ich noch," und klagte sich an: „Ihn vergaß ich. Nur an mein .'Leid dachte ich. Ach, und

wie mag er unter meiner Gleichgültigkeit gelitten ha­ben. Wie mußte er doppelt einsam sein im Schmerz um Mechthildens Tod und in der bangen Sorge um mich. Nicht einmal gedankt habe ich ihm für das, was er mir in den letzten Wochen getan. Nie habe ich nach ihm ge­fragt. — Oh ich! — Doch ich will gutmachen und ver­gelten. Das will ich! — Heilige Maria, bitte für mich — Mutter der Schmerzen, hilf mir, gib mir Trost, aber auch allzeit Kraft und Stärke."

Dann stand sie auf, sandte noch einen dankbaren, grüßenden Blick zur Mutter Gottes, ihrer Schwester in Kreuz und Leid, und ging hinaus. Draußen rief sie ein Auto an und fuhr heiny schnell und froh.

Thermalen, der sie bereits in Sorge und Furcht auf dem Friedhof und bei Bekannten gesucht hatte, atmete erleichtert auf und war glücklich, als sie ihn im Vestibül der Villa lächelnd entgegenkam, und war noch mehr erstaunt, als sie auf seine Frage nach ihrem Verbleib antwortete: „Eine Stunde der Einkehr habe ich gehalten bei der Mater dolorosa. Nun will ich wieder tapfer und mutig neben dir stehen."

Dr. Brüning aber blieb seiner Patientin so plötzliche geistige Genesung ein Rätsel, und eine Erholungsreise empfahl er fortan Frau Martha nicht mehr.

Das Sofakissen.

Skizze von Hertha Pohl.

„Du mußt noch einmal in die Stadt gehen, Hannchen! Mir fehlt Wolle."

Die Mutter ließ ihre Hände, die sich durch Stunden mit einer mühsamen Knüpfarbeit beschäf­tigt hatten, einen Augenblick im Schoße ruhen.

„Sieh, diese Farben brauche ich: blaugrau und resoda." Sie reichte dem blondhaarigen Mädchen, das ihr bei der Arbeit zugesehen hatte, ein paar Proben. „Verlier sie nickst!" mahnte sie. „Und komme bald wieder."

Hannchen nickte. Vergnügt zog sie die dunkel­blaue gestrickte Mütze über ihr Köpfchen. Die Sonne schien fast frühlingswarm durch die Schei­ben. Da machte ein Gang durch die Stadt Spaß.

Draußen plätscherte das Schneewasser von den Dächern. Die lange Marienstraße lag im gleißen­den Sonnenlicht. Alte Ehepaare machten gemäch­lich ihren Spaziergang. Babys wurden in hüb­schen Korbwägelchen spazieren gefahren...... Ueberall spürte man die ersten zaghaften Schritte des Vorfrühlings.

Hannchen entschloß sich zu einem Umweg durch die Burggasse. Dort hatte sie im Papiergeschäft Anziehpuppen ausgestellt gesehen. Aber noch ehe sie das Schaufenster erreichte, wurde sie angerufen. Ein Mädel mit zerzausten Zöpfen kam in langen Sätzen auf sie zugesprungen.

„Hee, Hannchen, warte doch!" Die schwarzhaa­rige Line schwenkte einen leeren Milchkrug in der Hand. Der Deckel klapperte bei jedem Schritt. „Ich gehe nach Buchenhain zur Pate", wandte sie sich atemlos an die Kleinere. „Milch und Käse hol ich. Komm doch mit! Es ist gar nicht weit. Wenn wir über die Brücke gehen, sind wir in einer hal­ben Stunde dort."

Hannchen blickte unwillkürlich die Straße herab. Schön mußte es vor der Stadt sein. Vielleicht sah man auf den Wiesen schon ein paar Marienblüm­chen. Aber dann besann sie sich . . .

„Ich kann nicht", sie schüttelte ohne Line anzu­sehen, den Kopf.

„Warum denn nicht?"

„Weil ich Mutter was besorgen muß. Sie knüpft doch seit ein paar Wochen Sofakissen fürs Geschäft. Und nun fehlt ihr Wolle."

„Kissen knüpft sie? — Wie macht man denn das?"

Hannchen blickte überlegend vor sich hin. „Mut­ter zieht lauter Schlingen aus Wollfäüen durch Kanevas", erktärte sie nun gewissenhaft der an­deren. „Die Schlingen werden mit einem Knoten festgeknüpft. Zuletzt werden sie ausgeschnitten. Dann sieht man erst das hübsche Muster. Heute ist zum Beispiel 'ne Seerose auf der Vorlage. Die war halb fertig, als ich fortging. Aber weist du", — die Kleine seufzte leise — „man darf kaum den Mund aufmachen, wenn Mutter arbeitet. Sonst verzählt sie sich und muß trennen."

„Na, das wäre nichts für mich", Line schüttelte sich lachend. Sie hatte während des Sprechens die kleine Blonde bei der Hand ergriffen und vor­wärts gezogen. Nun sah man schon am Ausgang der Straße die weitgespannten Brückenbogen.

„Komm nur, drängte Line mit berechneter i Freundlichkeit. „Die Pate hat noch viel Winter­

äpfel im Keller. Da können wir schmausen." Mit ihren graugrünen Augen sah sie Hannchen zwin- gend an. Und es gelang ihr wirklich, den schwa­chen Widerstand der Kleinen zu brechen.

Mit roten Backen und durchnäßten Schuhsohlest kamen die Kinder in dem Dörfchen Buchenhain an. In der kleinen Bauernwirtschaft mußten sie lange auf die ländlichen Erzeugnisse warten, die Linie heimbringen sollte. Die Pate hatte große Wäsche und ließ sich in der Arbeit nicht aufhalten.

Die Kinder vertrieben sich die Zeit damit, im Hofe Versteck zu spielen und Hühner und Tauben zu füttern. Erst als es dämmrig wurde, trabten sie fröstelnd ins Haus.

Nun drängte Line zum Aufbruch. Sie hatte sich plötzlich an ihren unfertigen Schulaufsatz er­innert.

Der Heimweg wurde den Mädchen lang. Sie trugen einen mit Käse und Butter gefüllten Korb zwischen sich. Abwechselnd schleppten sie die schwere Milchkanne. Hannchen dachte unwillkürlich, daß Line sie nicht ohne Berechnung mitgenommen hatte. —

Es war schon dunkel, als sie die Brücke erreich­ten. Das spärliche Gespräch der beiden Mädchen war nach und nach eingeschlafen. Hannchen- Schritt wurde schleppend, trotzdem man bereits die Häuser der Kleinstadt sah. Hinter verhangenen Fenstern glühten freundlich die Lichter auf.

„Na, komm schon!" Line zerrte ungeduldig am Korbgriff. „Ich denke, du mußt deiner Mutter noch Wolle besorgen!"

Hannchen war zusammengezuckt. Während des Spiels hatte sie den Auftrag der Mutter vergessen. Erst auf der halbdunklen Landstraße war er ihr an ihre Pflichtversäumnis erinnerte. Dabei hatte Line sie doch mibgeschleppt —.

wieder eingefallen. Es wurde ihr glühend Heitz unter dem Jäckchen, als sie nun die andere trocken

Die Hände der Kleinen zitterten leise. Aber sie raffte sich zu keiner Verteidigung auf. Sie war zu matt dazu.

Endlich hatten die Mädchen den Marktolatz er­reicht. An der Ecke setzte Hannchen entschlossen den Korb ab. „Nun muß ich laufen. Sonst wird der Laden geschlossen."

Sie ließ Line, die sie verblüfft anstarrte, stehen und machte, daß sie weiter kam.

Eine Viertelstunde später war Hannchen zu Hause angelangt. Zaghaft klinkte sie die Stuben­tür auf. Die Mutter stand am Herd und wendete die brozelnden Kartoffeln in der Pfanne.

„Erst jetzt kommst du heim!" Sie sah die Ein- tretettde groß an. Und doch war auch Erleichte­rung in ihrem Blick. „Ich hab mich so geängstigt", fügte sie leiser hinzu.

Hannchen war glühend rot geworden.

„Ich wollte ja bald nach Hause gehen, Mutti, aber ich traf die Line und — und", sie brach ihr Gestammel ab. Der schmerzliche Blick der Mutter brachte sie um die Fassung. Schweigend legte sie das Wollpäckchen auf den Tisch. Dann griff sie in die Manteltasche. Zwei verschrumpfte Aepfelchen, die ihr die Buchenhainer Bäuerin geschenkt hatte, kamen zum Vorschein. Mit einem scheu bittenden Blick sah sie die Mutter an. „Die hab ich für dich aufgehoben." *

Die Mutter strich ihr übers Haar, „'s ist gut , sagte sie rauh. Mehr nicht. Und doch erleichter­ten ihre kargen Worte das Kind. Es fühlte die Verzeihung heraus.

*

Die Schlafkammertür war einen Spalt breit offen geblieben. Hannchen hatte vergeblich ver­sucht, einzuschlafen. Das kam sonst nicht vor.

Es peinigte sie, daß die Mutter noch arbeiten mußte. Sie hatte den Lampenschirm ach einer Seite in die Höhe geschlagen, um besser schen zu können. Ab und zu stand sie auf und hielt die Wollfäden vergleichend gegen das Licht. Sie fürch­tete wohl die Farben zu verwechseln.

Wie alt die Mutter heute aussah, und wie müde die rotumrandeten Augen blickten! Der Rücken schien ihr auch wehe zu tun. Ganz zusam» mengesunken saß sie auf ihrem Stuhl. Die haari­gen Wollfäden blieben an ihren rauhgearbeiteten Händen hängen. So kam sie nur langsam vor­wärts. . _ ,

Hannchen preßte die Lippen fest zusammen. Irgend etwas in ihrem Innern schmerzte, wenn sie auf die Arbeitende blickte. Bis jetzt hatte sie sich nichts dabei gedacht, daß die Mutter ihre kar- gen Mußestunden mit Heimarbeit ausfüllte. Nun begann sie zu begreifen, daß die scheinbar leichte