Sonntag. 18. September 1932
Religiöses Wochenblatt
für die katholischen Gemeinden Kassels.
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Wochenkaiender.
Sonntag, 18. Sept. 18. Sonntag nach Pfingsten. Joseph von Kupertino, Bek.
Montag, 19. Sept. Januarius und Gen., Mart.
Dienstag, 20. Sept. Eustachius u. Gen., Mart. Vigil des hl. Apostels Matthäus.
Mittwoch, 21. Sept. Matthäus, Apostel u. Evangelist. Quatembermittwoch.
Donnerstag, 22. Sept. Thomas von Villanova, Bischof, Bek. Mauritius u. Gen., Mart.
Freitag, 23. Sept. Linus, Papst, Mart. Thekla, Jgfr. Quatemberf-reitag.
Samstag, 24. Sept. Fest unserer lieben Frau vom Loskauf des Gefangenen. Quatembersamstag.
16. Sonntag nach Pfingsten.
Epistel. 1. Korinther 1, 4—8.
Evangelium. Matthäus 9, 1—8. Die Heilung des
Gelähmten.
In jener Zeit stieg Jesus in ein Boot, fuhr über den See und kam in seine Stadt. Und siehe, da brachte man einen Gelähmten zu ihm, der auf einem Bette lag Ais Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: „Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!" Da dachten einige der Schriftgelehrten bei sich: „Der lästert Gott!" Jesus durchschaute ihre Gedanken und sprach: „Warum denkt ihr Arges in eurem Herzen? Was ist denn leichter, zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben? oder zu sagen: Steh auf und wandle? Doch ihr sollt wissen, daß der Menschensohn die Macht hat, auf Erden Sünden zu vergeben." Und nun sprach er zu dem Gelähmten: „Steh auf, nimm dein Bett und geh nach Hause!" Und jener stand auf und ging nach Hause. Als die Volksscharen das sahen, gerieten sie in Furcht und priesen Gott, der solche Macht den Menschen gegeben hat.
Blinb trotz gesunder Augen.
W^^^ls Augustin in seinem dreißigsten Le- MWgKsIH bensjahr die große Krise seiner Be- kehrung durchmachte und immer noch AMW nicht den Weg zur Kirche finden konnte, hörte er eines Tages die Geschichte zweier Hofleute, die auf einer Jagdtour wie von ungefähr in eine einsame Hütte eintraten, dort auf dem Tische ein Büchlein fanden, aus welchem sie zu ihrem größten Staunen das strenge Leben des hl. Einsiedlers Antonius lasen, davon im innersten betroffen dem hofdienst entsagten und ein Leben der Buße und Tugend führten nach dem Vorbild jenes großen Wüstenmannes.
Als St. Augustin diese Geschichte vernommen, packte er wie verstört seinen Freund Alypius am Arme und rief:
Wie geschieht uns? Was hast du vernommen? Die Ungebildeten stehen auf und reißen das Him
melreich an sich: und wir mit unserer Gelehrsamkeit, siehe, wie rief wir im Fleisch und Blut begraben sind.
Es war der letzte Sturm vor der endgültigen Ruhe in Gott.
An diese Geschichte mußte ich denken, als ich mich anschickte, die heutige Sonntagslesung zu schreiben Erkenne ich doch in dieser Erzählung den Grundgedanken unserer Lesung, daß nämlich so manche ungebildete, einfache Menschen den Glauben an Gott und das Leben in Gott finden, während beides so manchen gebildeten, aber hochmütigen Seelen verschlossen bleibt. Und nun zu unserm Text im Johannesevangelium, der die Er- leud)tunq des Blindgeborenen und die Verblendung der Pharisäer zum Gegenstand hat.
Nachdem die Pharisäer den geheilten Blindgeborenen aus der Gemeinschaft der Synagoge ausgestoßen hatten, traf ihn Jesus und sprach zu ihm: „Glaubst du an den Sohn Gottes?" Jener erwiderte: „Herr, wer ist es, daß ich an ihn glaube?" Jesus erwiderte ihm: „Du siehst ihn. Der mit dir spricht, der ist es." Da rief jener aus: „Herr, ich glaube", fiel vor ihm nieder und betete ihn am
Da sprach Jesus: „3 um Gericht bin ich in die Welt gekommen: die Blinden sollen sehend, die Sehenden sollen blind werden."
Das hörten einige Pharisäer, die bei ihm waren, und sagten: „Sind auch wir vielleicht blind?" Jesus erwiderte ihnen: „Wenn ihr blind wäret, Le wäret ihr vielleicht ohne Sünde. Nun aber sagt ihr: Wir sehen; also bleibt eure Sünde. Joh. 9,35 bis Schluß des Kapitels.
Suchen wir aus diesem Text einige Goldkörner zu gewinnen, die zwischen den Zeilen ausgestreut sind.
Jesus „traf" also den Geheilten. Nicht aus Zufall hat er ihn getroffen, sondern nach sorgfältigem Suchen ihn gefunden. Denn dazu ist ja Jesus als göttlicher Hirt auf Erden erschienen, zu suchen, was verloren war Das ist sein erklärter Beruf. Von den Pharisäern verstoßen und aufgegeben, wird der Geheilte von Christus gesucht, aufgerichtet und zu einem neuen Glücke geführt. Müssen wir nicht diese Aufgabe mit Jesus teilen, wenn wir seine Freunde sein wollen, wenn wir wohlgeborgen an seinem Herzen ruhen? Der Essener Katholikentag hat uns wieder aufs neue mit dieser schönen Aufgabe betraut.
Ach, viele sind noch fern und tief in Sünden. Lehr uns sie suchen, hilf, daß wir sie finden.
Auch diese nimm ins Jesuherz hinein;
Sie sollen dein und dein auf ewig sein. —
Gerade jene unglücklichen Menschen, die nach verbüßter Strafe oder nach bestandener Probe aus dem Gefängnis, Zuchthaus oder einer Besserungs
anstalt oder einer Fürsorgeerziehung entlassen wurden, sind oft von der menschlichen Gesellschaft verfehmt, geächtet und verstoßen. Wenn du unter Hintansetzung deiner Bequemlichkeit und deines Stolzes um einen solchen Menschen dich kümmerst, wenn du ihm den Eintritt in die Gesellschaft wieder ermöglichst, wenn du ihm den Anschluß an ein christliches, gesittetes, geordnetes Leben wieder erleichterst, kannst du eines guten, gottgefälligen Werkes dich von ganzer Seele freuen.
Rührend ist die Glaubenswilligkeit des Geheilten. Kaum hatte Jesus gesagt: „Der mit dir spricht, der ist es," da öffnen sich schon seine Lippen zu dem Bekenntnis: „Herr, ich glaube", und seine Knie sinken zu Boden zu demütiger Anbetung. Zum erstenmal sieht der ehemals Blinde seinen Wohltäter. Mit welcher Dankbarkeit, Bewunderung und Freude wird er zu dieser Licht- gestalt emporgeblickt haben. Doch weit mehr als er gesehen, hat er geglaubt. Gesehen hat er einen Menschen. An Gott aber, den Unsichtbaren, der in Jesus sichtbar erschienen ist, und den niemand sehen kann, hat er geglaubt. Den wesensgleichen Sohn des Vaters hat er in Ehrfurcht und Demut angebetet. Ueber das weitere Schicksal des Blindgeborenen, der das Licht der Augen und des Glaubens von Jesus empfangen, ist in der Bibel nichts vermerkt. Die Ueberlieferung will aber wissen, daß er ein Jünger Christi und ein Verkündiger des Evangeliums wurde.
Und die Pharisäer? Vom Lichte wurden sie hinabgeschleudert in die Finsternis. Zwei gesunde Augen hatte jeder dieser Pharisäer von unserm Herrgott bekommen. Das Licht der Erkenntnis und des Verstandes war in ihr Inneres gegossen. Und doch gelangten sie nicht zum Glauben, der doch allein die Quelle des ewigen Lebens ist. Und warum blieben sie verblendet trotz einer solchen Lichtfülle? Weil zum Glauben außer der Gnade auch der gute Wille gehört, die demütige Unterwerfung, die Ausschaltung des menschlichen Dünkels und Hochmutes. Nachdem wir alle durch Gottes unendliche Güte das große Gut des Glaubens besitzen, wollen wir es als unsern kostbarsten Schatz hüten, bewahren, pflegen und vervollkommnen. Möge lieber die Sonne auslöschen, mögen lieber beide Augen erblinden. als daß uns je der Glaube verloren geht.
An dich glaub ich, auf dich hoff ich; Gott von Herzen lieb ich dich;
Was als Wahrheit du erkläret, hast durch Wunder du bewähret.
Drum soll mir den teuren Glauben weder Welt noch Hölle rauben.
Ja, im Leben und im Tode glaub ich fest an dich, o Herr.
Der Salpfarrer,