Jentages am Donnerstagabend mit zwei großen außerordentlich stark besuchten Versammlungen in jen festlich geschmückten Essener Ausstellungshallen aellaltete sich zu einer eindrucksvollen Feier. In Sen Versammlungen überbrachte Nuntius Orfe- niao die Glückwünsche und die Segenswünsche des Papstes, wobei er der Menge den apostolischen Segen erteilte. Kardinalerzbischof Schulte entbot der Versammlung herzlichen Willkommensgruß und spendete den Teilnehmern den oberhirt- lichen Segen. Den Willkommensgruß der Stadt Essen überbrachten Oberbürgermeister Dr. B r a ch t und B!'raerm"ister G ch. ö f e r.
Zum ersten Präsidenten des Katholikentages wurde der badische Kultusminister Dr. Baumgartner gewählt, zweiter Präsident wurde der Vorsitzende der christlichen Gewerkschaften Otte-Berlin; Vizepräsidenten wurden Frau Staatsminister Bolz-Stuttgart und Oberregie- k rungsrat Weigel- Beuchen. Präsident Baumgartner und Frau Bolz leiteten die Versammlungen in der großen Halle, Herr Otte und Herr Weigel in der Nebenhalle, die zusammen 15 000 Menschen faßten.
In der ersten Halle hielt der Präsident und badische Kultusminister Dr. Baumgartner die Eröffnungsrede. Der Redner erinnerte »an den ersten deutschen Katholikentag vor nunmehr 84 Jahren in Mainz, an die beiden Männer, die dieser Taaung und den nachfolgenden Jahrzehnten das Gepräge gaben: Den großen sozialen Bischof von Mainz, Freiherrn Wilhelm Emanuel von Ketteler, und den Badener Professor Ritter von Buß, der als das Ziel die Geschlossenheit und Einigkeit der deutschen Katholiken zur Verteidigung von Recht und Freiheit der Kirche unter dem päpstlichen Banner bezeichnet hatte. Wir deutsche Katholiken lassen uns von niemand an wahrer, echter, tiefer und opferbereiter Vaterlandsliebe übertreffen. Aus dieser Liebe und aus dem leidenschaftlichen Gefühl für das gleiche Recht aller Völker fordern wir auch für unser deutsches Volk die volle Gleichberechtigung. Unsere Mission ist es, Breschen zu schlagen, Tore aufzumachen weithin, daß wieder einkehren kann das gegenseitige Sichverstehen.
Der Redner behandelte dann den Kampf gegen Bolschewismus und Gottlosenpropaganda und zeigte die äußeren wirtschaftlichen und inneren seelischen Gründe für das Anwachsen dieser Bewegung. Jede Staatsgewalt hat ihre Schranke am göttlichen Recht, am Rechte der überstaatlichen Kirche, aber auch an der Freiheit des christlichen Gewissens. Darum hat die katholische Staatslehre die Vergottung des Staates bekämpft.
Wir Katholiken stehen vor einer Riesen- aufgabe, deren Lösung fast übermenschlich erscheint. Darum richten wir die Mahnung an alle
Der päpstliche Nuntius auf dem Essener Kalholikenlag.
gläubigen Christen, in Waffenbrüderschaft zusammen zu stehen zur Verteidigung der Front Gottes, um das bedrohte Volk, das Gefahr läuft, die Gottesidee zu verlieren, und damit die Zentralsonne aller Kultur zu retten. Denn ohne Gott und ohne Christus ist der Untergang des Abendlandes besiegelt.
Die Eröffnungsrede in der 2. Halle hielt Präsident Otte-Berlin. Er begann mit dem Hinweis darauf, daß das Generalthema des jetzigen Katholikentages „Ch r ist u s in der Großstadt" laute, Christus, der nicht nur im Tabernakel und bei Prozessionen, nicht nur im Herzen und m der Familie lebendig sein dars, sondern in unserem gesamten Sozial- und Wirt- schaftskeben, in der gesamten Oeffentlichkeit durch uns Menschen wirken und herrschen muß. Der Redner erinnerte dann an den zuletzt vor 26 Jahren in Essen stattgefundenen Katholikentag und gab einen Ueberblick über die seitherige Ent- wi-cklung. Es ist notwendig, mit allen Kräften dem lähmenden Pessimismus, dem utopischen und zerstörenden Radikalismus. der Verzweiflungs st immun g, und vor allem dem Mangel an sozialer Gemeinschaftsgesinnung entgegenzurgirken, darüber hinaus an dem werdenden Neuen in Form und Gesinnung tatkräftig m i 1 z u w i r k e n. Es kommt darauf an, den Willen der Staaten und Regierungen in die Richtung durchgreifenden Handelns und erfolgreicher Reformen zu bringen. Wenn die Menschen unzulängliche Wirtschaftsformen schaffen, und diese Formen vom Geist der Gewalt, des Egoismus und der Uneinigkeit beherrscht sind, dann liegt die Schuld bet den Menschen selbst. Wir befinden uns in einer Zeitenwende, die gebieterisch nach neuen Lebensformen drängt. Zwar offenbart sich immer noch eine große sittliche Kraft in unserem Volke. Von Moskau aus weht aber noch immer eine Welle der Gvttesfeindschaft und der Gottlosenpropaganda in die übrige Welt. Die Abwehr der Gefahren kann nur durch Zusammengehen all er erfolgen, die noch die Hände zum ewigen Gottessohn falten, nicht denen, die mit Haß gegen Andersdenkende zum Dolch oder Revolver greifen.
Der Redner befaßte sich dann aussührlich unter besonderem Hinweis auf die letzte Enzyklika des Papstes mit der Sozialpolitik. Wahre Sozialpolitik muß ausgehen von der Menschenwürde. Sie ist anzusehen als Anspruch des schaffenden und arbeitenden Menschen auf Schutz und Erhaltung einer Persönlichkeit. Leider ist es so, daß die Entwicklung, in der wir stehen, und daß viele Verlautbarungen nicht nur weit entfernt sind von dem, was die Gegenwart im besonderen erfordert, sondern vielfach auch als im Widerspruch zur christlichen Sozialaufsassung stehend empfunden werden.
Nummer 37 / Seife 7.
Der Redner erinnerte weiter an die kürzliche Essener Tagung des Volksvereins für das katholische Deutschland, auf der die Idee der berufsständischen Ordnung verhandelt wurde. Trotz aller noch bestehenden Unklarheiten liegen hierin Möglichkeiten einer segenbringenden und schöpferischen Neugestaltung des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens. Sie bedeuten die Ablehnung einer Wirtschaftsordnung und Gesellschaft, in der die Freiheit der freiwillig geschaffenen Berufsorganisationen durch den Staat mißachtet und unterdrückt wird. Weder Liberalismus und Sozialismus, noch Kommunismus und Faschismus, können die Grundlage für eine segensreiche Zukunftsentwicklung abgeben. Die Formen, an deren Herausbildung wir mitschaffen wollen, sollen sowohl dem in der Wirtschaft tätigen Einzelmenschen als auch feiner Korporation mehr eigene Verantwortung auferlegen, und sollen mehr innere Verbindung mit der beruflichen Arbeit, und den für den arbeitenden Menschen bestimmten Einrichtungen schaffen. Unsere Zeit ist — trotz besserer sozialer Gesetze — vielleicht innerlich weniger sozial als die frühere. Der Redner geißelte hier vor allem einen falschen Begriff von Heldentum durch Sport und andere äußere Dinge. Ebenso begegnen wir einem unrechten und schädlichen Begriff des Nationalen. Weik für uns deutscher Geist und deutsche Sitte ein Ausfluß unserer christlichen Grundhaltung find, wollen wir die Kultur in christlich-deutscher Eigenart entfalten.
Der Freitag.
Waren schon am Donnerstag die beiden Hallen des Katholikentages, die 15 000 Menschen fassen, überfüllt, so war der Andrang am zweiten Tag womöglich noch stärker. Diele Tausende neuer Teilnehmer sind in Essen eingetroffen. Der Flag^ genschmuck in der Stadt hat sich noch verstärkt.
Die Tagesarbeit wurde wie am Vortage ein* geleitet mit einem feierlichen Pontifikalamt in der Münstsrkirche. Trotz schlechten Wetters waren wieder die großen Veranstaltungen, die neben zahlreichen Sonderveranstaltungen neben-, hergehen, überfüllt.
Die erste große allgemeine Veranstaltung am Freitag morgen war die Literarische Morgenfeier, die im überfüllten Städtischen Saalbau um 11 Uhr stattfand. Den Hauptvartrag hielt P. Friedrich Muckermann S. J. über „Goethes Sendung für das Zeitalter der Technik". Der Tag brachte noch eine Reihe literarisch und kulturell wichtiger Sondertagungen, so um 3 Uhr die Generalversammlung des B o r r o m ä u s o er« eins, um 4 Uhr die Versammlung des Werk- k reifes im Museum Folkwang. Am Abend trat noch im Börsensaal eine große Versammlung der Künstler und Kunstfreunde unter der Leitung des Landeshauptmanns Dr. Horion zusammen.
Einen imposanten Eindruck hinterließ diS Kundgebung der Mütter am Nachmittag, die von etwa 20 000 Frauen besucht war. Ferner tagte der Volksverein sowie die Katholische Aktion, und die Vertretertagung setzte ihre Beratungen innerhalb der Arbeitsgemeinschaften fort.
Die Kundgebung der TNütter.
In der Kundgebung der Mütter sprach neben anderen Rednerinnen und Rednern Frau Schumacher-Köhl aus Bonn über das Apostolat der katholischen Frauen- und Müttervereine in der Großstadt.
Erstes Ziel der katholischen Frau ist es, Christus wieder hineinzutragen in das bewegte Leben der Großstadt. Gottes Stimme, die in der Stille spricht, wird hier so leicht überhört. Unglück und Gottesferne ergreift die Seele und bedroht vor allem die Jugend. Dennoch aber glauben wir an die Großstadt und die Großstadtmenschen. Wir glauben an die Frau in der Großstadt, daß sie fähig ist, innere und äußere Not zu verstehen und ihr abzuhelfen. Katholische Frauenvereine sollen religiöse Frauenhochschulen sein. Aus ihnen soll das häusliche Leben und darüber hinaus das Leben der Stadt und der ganzen Ge«