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Schlüssel drehte sich in der Tür, und da stand der hünen- bafte Chinese. Unruhig flackerte der Lichtkegel im Raum umher. Doch er kam nicht zu klarer Ueberlegung. Ein dumpfer Schlag durchzitterte feinen Körper und raubte ihm jedes Bewußtsein. Mit feinen zerrissenen Fesseln band Kurt Lemke dem Mann die Hände, durch­wühlte dessen Taschen und sand seinen Browning, den ihm der Schurke vorher abgenommen hatte.

Langsam und leise huschte Kurt Lemke in den dunk­len Gang hinaus. Irgendwo in der Ferne klang Musik und fröhliches Stimmengewirr. Behutsam schlich er wei­ter den entsicherten Browning griffbereit in der Tasche. Da, plötzlich, wenige Schritte vor ihm ein feines, leises Geräusch Eine Tür öffnete sich und ein Mann trat heraus, um sich sogleich in entgegengesetzter Richtung zu entfernen. Der kurze Augenblick, in dem das Licht des Zimmers seine Züge erhellte, hatte für Kurt Lemke genügt. Der Mann war kein anderer, als Charles Berry, jener Verbrecher aus dem „Roten Stern", der Useme Frau in den Tod jagen wollte, um sich von aller Schuld zu reinigen.

Geräuschlos schritt der Detektiv weiter. Doch plötz­lich stockte sein Fuß. Ein Schrei durchzitterte die Stille. Schauererregend klang es wenige Schritte vor ihm aus einem Zimmer: „Zu Hilfe! Zu Hilfe!"

Gespannt lauschte der Detektiv. Das war Frank Molen, der da sprach: „Heute müssen Sie tanzen. All ? dieser kostbare Schmuck gehört Ihnen. James Urly hat es den Gästen versprochen, und sie wollen sich nicht mehr länger hintrösten lassen. „Laßt mich frei!" jammerte die Stimme von neuem. „Niemals werde ich hier die gemeinen Tänze aufführen." Abermals bat Frank Mo­len, eindringlicher als vorher. Doch das Mädchen blieb n I mutig und stark.

Kurt Lemke schlich wenige Schritte zurück und drückte HM in eine der vielen Wandnischen, um die Rückkehr Frank Molens abzuwarten. Wenige Augenblicke hier­nach öffnete sich die Tür. Ein zarter Lichtschein irrte die Wände entlang und Frank Molen eilte aufgeregt davon.

Wieder schlich Kurt Lemke zu der Tür. Leise drückte er die Klinke nieder. Er mußte um jeden Preis er­fahren, wer hier gefangen gehalten wurde. Ein wehes Stöhnen und neues Angstgeschrei drang ihm entgegen.

„Still", flüstertete der Detektiv. „Wir bringen Hilfe. Ihre Leiden haben ein Ende." Eine zarte Mädchengestalt ruhte auf einem Diwan. Das feingeschnittene Gesicht­chen glich der Weiße des Kissens, in denen es ruhte. Die tränenfeuchten Augen ruhten fragend auf Kurt Lemke. „Wer sind Sie," hauchten die bleichen Lippen. „Brin­gen Sie mich heim zu meiner Mutter. Ich habe schon so lange ihre liebe Stimme nicht mehr gehört. O, Schreckliches mußte ich hier erdulden." „Erzählen Sie," forschte der Detektiv weiter. Und nun erzählte das Mädchen in kurzen Zügen ihr Schicksal, wie sie vor nahezu einem Jahre von dem Astrologen entführt wor­den. Jener Astrologe, James Urly, war der Besitzer dieser Lasterhöhle. Hier sollte sie tanzen. Man bot ihr alles, Diamanten und Perlen, die überall zusain- mengeraubt wurden. „Doch ich blieb stark und treu," flüsterte das Mädchen. „Bei Tag und Nacht habe ich die Hilfe der Gottesmutter angefleht, und ich wußte ja, daß einmal die Erlösung kommen mußte.

„3a, Frl. Siegrit, Sie dürfen der Gottesmutter dankbar fein, erwiderte der Detektiv, denn wäre jener Raubmord in der Kathedrale nicht geschehen, dann wäre ich niemals in Ihr Heimatland gekommen und hätte niemals Ihre Mutter getroffen. Aber haben Sie nun noch wenige Stunden Geduld und verhalten Sie sich vor allem so, als ob nichts geschehen, was auch immer passieren mag.

Mit schnellen Schritten eilte der Detektiv zurück. Der Chinese lag noch immer gefesselt. „So," sagte Kurt Lemke, „Sie führen mich nun sofort und ganz unauf­fällig nach draußen." Zuerst sträubte sich der Bursche, aber der drohende Lauf des Brownings belehrte ihn doch bald eines andern. Als sie nach einer Weile ins Freie traten, war es dunkle Nacht, so daß sie ungesehen die Polizeiwache erreichen konnten. Eine Anzahl der tüch­tigsten Leute suchte sich Kurt Lemke aus, und dann ging es im Wagen zurück nach dem verborgenen Schlupfwin­kel. Gegen Zusicherung von Straffreiheit erbot sich der Chinese, die Führung zu übernehmen. Ein paar Be­amte wurden am Eingang aufgestellt, und mit den üb­rigen begab sich Kurt Lemke hinein in den Verbrecher- schlupfwinkel. Aus der Ferne drang immer noch die fröhliche Musik. Hierhin führte sie zunächst der Chinese. Dicke Vorhänge trennten den weiten Saal von den

D1A12N* Puder bewahrt ihren Liebling vorWundsein

Korridoren. Kurt Lemke tat einen Blick in das Innere. Menschen saßen hier schreiend und lärmend zusammen an runden Tischen, über die die kleinen Roulettekugeln rollten. Sie waren so in ihr Spiel vertieft, daß sie nicht merkten, wie die Beamten in den Saal traten. Nicht eher, bis sie in die drohenden Läufe der Pistolen blick­ten. An ein Fliehen war nun nicht mehr zu denken, sondern die ganze Bande wurde gefesselt abgeführt. Nur James Urly konnte der Aufforderung der Beamten keine Folge mehr leisten. Er sah oben, am äußersten Ende des Saales in einem Sessel starr und stumm. Seine gelben Hände hielten noch eine kleine Spritze mit einer feinen, zarten Nadel umfaßt. Er hatte sie einem brau­nen Kästchen entnommen, das vor ihm auf dem Tische stand.

Der Chinese mußte ihre Bedeutung erklären. Sie war gefüllt mit flüssigem Zyankali. Ihre Spitze war so fein, daß das Opfer nicht eher den Stich fühlte, bis es bereits zu spät war. Nur ein kleiner, bräunlicher Fleck blieb an den Toten zurück, als geheimnisvolles Symbol der dunklen Macht, die hier ihr Opfer gefordert hatte. Wenige Tage später saßen drei glückliche Men­schen auf dem großen Vestibül der Villa Jones. Ihre Herzen waren voll Dank gegen die Himmelskönigin, die ihre kostbare Krone geopfert hatte, um einer Familie wieder das Glück zurück zu bringen.

(Schluß).

Die Septemberheziigen.

In der großen Prozession der Heiligen, die im Ablauf eines Jahres an uns vorüberzieht und den einzelnen Tagen einen heimlichen Glanz verleiht, weil jeder von ihnen in den Heiligen seinen Weg­weiser, sein Vorbild, seinen Schutzgeist hat, sind auch in diesem Monat wieder alle Lebensalter und Stände vertreten.

Zwei gekrönte Häupter gehen strahlend im Zuge: Die Könige von Ungarn und Böhmen. Stephan und Wenzeslaus. Beide führten ein Gott unb ihrem Volke geweihtes uneigennütziges Le­ben, das auch in dem niedrigsten feiner Mitmen­schen den Nächsten und Bruder sah. Dem heiligen Stephan verdankt Ungarn das Christentum und einen weiteren Heiligen, nämlich des Königs Sohn Emerich. Beide wurden in einem Grabe beige- setzt. Als man etwa 50 Jahre nach dem Tode Stephans den Sarkophag öffnete, um die Gebeine nach der neuerbauten Basilika von Stuhlweißen­burg zu überführen, fand man die rechte Hand des Toten mit seinem Ring noch unversehrt und un­verwest. Seitdem feiert man diesen Wundertag, den 20. August, mit Prozessionen durch die ungari­sche Hauptstadt, in denen die Reliquie der rechten Hand durch die Straßen getragen wird. Die übrige katholische Welt begeht den Stephanstag am 3. September, dem Tag der Türkenbesreiung Un­garns durch die christlichen Heere im Jahre 1686, nachdem man zuvor die Hilfe des heiligen Stephan angerufen hatte. Weniger glanzvoll verlief das Leben des Königs Wenzeslaus, der sich in seiner Bescheidenheit am liebsten Herzog nannte und auch so unterschrieb. Er wurde von Häschern seiner bö­sen, heidnischen Mutter, die schon dem Knaben nach dem Leben trachtete, in einer nächtlichen Kirche vor dem Altar erschlagen, als er, seiner Gewohn­heit gemäß, vor dem Tabernakel betete.

Drei andere Heilige fallen durch ihre Beglei­tung auf: ein Tier der Wildnis geht an ihrer Seite. Es sind Einsiedler, die der Welt entsagten und ihr Leben in der Abgeschiedenheit menschenferner Höh­len und Grotten verbrachten. So lebte der h»ilige Aegidius, ein Grieche, lange Jahre in einer Wild­nis nahe der Rhonemündung. Der heilige Hierony­mus, ein Römer, verbarg sich über dreißig Jahre lang in einer Höhle bei Bethlehem und übertrug doch noch die ganze Heilige Schrift in die lateinische Sprache. Noch größeren Mut setzte das Höhlen­loben bei einer Frau wie der heiligen Rosalia voraus, die als schönes und reiches Mädchen dem königlichen Hofstaat in Palermo entfloh und bis zum Ende ihrer Tage in einer Grotte im Gebirge hauste.

Viele Soldaten, die einst in heidnischen Dien­sten standen und dann Soldaten Christi wurden, schreiten in bem Zuge einher. Zunächst der Rö­mer Hadrian, der mit dreiund^wanzig Leidensge­fährten den Tod für seinen christlichen Glauben er­duldete und besten Andenken am Tage von Maria Geburt gefeiert wird. Eustachius, ein anderer Sol­dat und siegreicher Feldherr in des römischen Kai­sers Trajans Heer, ließ ebenfalls sein Leben für Christus, weil er nicht den Götzen opferte. Mit ihm errangen sich seine Frau und seine beiden Söhne

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die Märtyrerkrone. Mit dem heiligen Mauritius, dem Führer einer römischen Legion, starben alle 6000 Mann für ihren Glauben. Eine ganze heilige Legion!

Auch zarte Jungfrauen der September-Heiligen tragen Schwerter und andere Blutwerkzeuge in ihren Händen, die ihr irdisches Leben ausloschten und ihnen dafür die Palme des ewigen Friedens verschafften. Die schöne Schäferin Regina, die von ihrem Vater wegen ihres christlichen Glaubens ver­stoßen worden war, mußte sich zerfleischen und brennen lassen, und die heilige Thekla wurde wil­den Tieren vorgeworfen, aber sie erduldeten diese Qualen gern für Christus. Die heilige Hildegard von Bingen, deren 750. Todestag vor drei Jahren die kathol. Christenheit feierte, starb hochbetagt im ^eiundachtzigften Lebensjahr als eine der größten deutschen Frâuen, als erste deutsche Mystikerin, Naturforscherin und Aerztin.

Von den christlichen Aerzten werden auch die Brüder Kosmas und Damian verehrt, die als Ara­ber in Syrien Arzneiwissenschast studierten und ihre große Kunst in völliger Uneigennützigkeit aus­übten, nicht nur, daß sie keine Bezahlung von ihren Patienten nahmen, sie schenkten auch vielen Armen, die sie gesund gemacht hatten, Geld und andere Gaben. In ihrer Umgebung gab es keine Not, und ihr Beispiel fand Nachahmung. Schließlich war auch ihnen die Märtyrerpalme beschießen, als eine Christenverfolgung in jener Gegend aus­brach.

Mehr als in einem andern Monat find im Sep­tember die Engel vertreten. Außer dem großen Fest der Schutzengel, dem die Kirche einen Sonntag widmet, begeânet" uns der berühmte Führer in die Fremde, Raphael, der einst dem jungen Tobias hilfsbereiter Begleiter war, und der mächtige Kämpfer und Ueberwinder Luzifers, Michael. Da er auch als der Schutzengel Deutschlands gilt, dür­fen wir hoffen, daß wir mit seiner Hilfe auch den Widersacher unserer Tage, den Geist der Gottlostg- keit, in die Flucht schlagen werden, wenn wir uns zu diesem Kampfe mit den Waffen Christi wapp­nen: mit Gottvertrauen und Bruderliebe.

Sein Schutzengel.

Von Josef Kamp.

Friedrich Runde hatte morgens seinem Nach­bar Kleier auf d-m Felde geholfen. Einsilbia kam er zurück, und beim Mittagessen sah ihn seine Frau verstohlen mit besorgten Blicken an. Das stille und doch unruhige Wesen des Mannes entging ihr nicht. Er suchte sich möglichst zwanglos zu ge­ben, konnte aber doch den besorgten Blicken kei­ner Frau nicht standhalten. Wider seine sonstige Gewohnheit stand er gleich, nachdem er den letz­ten Bissen kaum hinunter und hastig das Tisch­gebet gesprochen hatte, ohne die übliche Nackti'ch- pfeife in Brand gesetzt zu haben, auf und ging in dca Hof.

Es war ein trüber Spätherbsttag Feine, kalte Regenruten peitschen die müde Erde, und der Wind heulte durch die nackten Eichen, die das kleine Anwesen Friedrich Rundes schützend um­standen, daß die Aeste stöhnten.

Nach dem Abendbrot, als die Kinder noch einen Augenblick vor die Tür gelaufen waren, konnte die Frau ihre Angst nicht mehr stillhalten. Den gan­zen Nachmittag war sie von1 einer peinigenden Unruhe in Spannung gehalten worden. Nun drohte ihr das Herz vor Angst zu springen, wenn sie die Aufregung länger ertrug.

„Du bist so still", sagte sie mit bebender Stimme.

Der Mann gab keine Antwort. Er grämsterte bloß und zog. um seine Unruhe zu verkleiden, die Pfeife aus der Tasche und steckte sie in Brand.

Der Frau Therese entging es nicht, daß feine Hände dabei bebberten.

„Du warst heute morgen bei Kleier, seitdem bist du so still, Friedrich. Was habt ihr vor?"

Der Mann sah stur vor sich hin und zog an der kalten Pfeife, sehr hastig. Da stand die Frau auf, legte ihren Arm um feinen Nacken, und ihr Kopf fiel schwer auf seine Schulter. „Mann ihr wollt diese Nacht wieder los? Der Kleier hat dich wieder überholt, ich merk's dir an. O, er macht uns unglücklich! Geh nicht mit, Friedrich, es pas-