Religiöses Wochenblatt
für die katholischen Gemeinden Kassels.
Erscheint jeden Sonntag und kostet monatlich Ausgabe A 40 IL-Pfenntg 3 45 1L- Pfennig (Zustellgebühr extra) Redaktionsschluß Montag. Anzetgen-Preise: Eoionelzeile im Anzeigenteil 0,15 Goldmart. LolonelzeN» ,w Reklameteil 0,60 Goldmark. Bei Wiederholung Rabatt. Auskunft und Ofl.-Oeb. 0,10 Goldmart. Sorte «xtr» Anzeigen müssen spätestens bis Montag morgens im Besitz der Fuldaer AettendruLere» in Fulda fein.
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WochentaSender.
Sonntag, 28. August. 15. Sonntag nach Pfingsten.
Augustinus, Bisch., Kirchenlehrer. Hermes, Mart.
Montag, 29. August. Enthauptung des hl. Johannes d. Täufers. Sabina, Mart.
Dienstag, 30. August. Rosa von Lima, Jgfr. Felix u.
Gen., Mart.
Mittwoch, 31. August. Raymundus Nonnatus, Bet.
Donnerstag, 1. Sept. Aegidius, Abt, Bek. Zwölf Brüder, Mart.
Freitag, 2. Sept. Stephan, König, Bet.
Herz-Jefu-Freitag.
Samstag, 3. Sept. Marien-Samstag.
IS. Sonntag nach MnMen.
Epistel. Galater 5, 25—0, 10.
Evangelium. Lukas 7, 11—16. Der Jüngling zu Naim.
In jener Zeit ging Jesus in eine Stadt mit Namen Naim. Es gingen mit ihm feine Jünger und viel Volk. Als er in die Nähe des Stadttores kam, siehe, da trug man einen Toten heraus, den einzigen Sohn feiner Mutter, und diese war eine Witwe. Mel Volk aus der Stadt ging mit ihr. Als der Herr sie sah, ward er von Mitleid über sie gerührt und sprach zu ihr: „Weine nicht!" Dann trat er hinzu und rührte die Bahre an. Die Träger blieben stehen. Und er sprach: „Jüngling, ich sage dir, steh auf!" Da richtete sich der Tote auf und begann zu sprechen. Und er gab ihn seiner Mutter. Furcht ergriff alle. Sie priesen Gott und sagten: „Ein großer Prophet ist unter uns aufgestanden; Gott hat sein Volk heimgesucht."
Eine èörichte Frage.
Hättest du den Leichenzug, von dem im heutigen Sonntagsevangelium die Rede ist, als stiller Beobachter an dir vorüberziehen lassen, hättest du dem Toten ins fahle Gesicht geschaut und in seinen Zügen einen Jüngling festgestellt, hättest du die erbarmungswürdigen Tränen der tiefgebeugten Mutter gesehen, so hätte sich dir leicht die Frage aufgedrängt: warum hat der Tod gerade einen Jüngling geerntet? Warum hat er gerade diesen Jüngling sich ausersehen und keinen andern? Warum mußte das Todesopfer der Sohn einer Witwe und dazu noch deren einziger Sohn fein, der ihr hätte Stab und Stütze werden sollen? —
Und ich müßte sagen, daß solche Fragen törichte Fragen sind, da ja der Tod keine Rechenschaft gibt über die Anweisungen, die ihm vom Herrn über Leben und Tod erteilt werden.
Eine törichte Frage haben einmal auch die Desusjünger an eben diesen Mann gestellt, der unsern toten Jüngling durch ein Wort seiner Allmacht wieder zum Leben erweckt hat. Damit komme ich zum neunten Kapitel des Johannesevan
geliums, in welchem wir wieder neue Schätze der Weisheit und neue Antriebe zur Vollkommenheit zu entdecken hoffen. Es erzählt das genannte Kapitel die Heilung eines Blinden und zwar mit allen Nebenumständen und mit dramatischer Lebendigkeit.
Den Prolog des Dramas bildet folgende Erzählung:
,Im Vorübergehen sah Jesus einen Mann, der von Geburt ân blind war. Da fragten chn seine Jünger: „Meister, wer hat gesündigt, daß exoblind geboren wurde: er oder seine Eltern?"
Jesus erwiderte: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt; vielmehr sollen die Werke Gottes an ihm offenbar werden! Ich muß die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat, solange es Dag ist. Es kommt die Nacht, da niemand mehr wirken kann. So lange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt." (Joh. 9, 1—5.)
Meister, wer hat gesündigt? Diese Frage soll uns heute beschäftigen. Eine törichte, verwegene, unverfrorene Frage nennt sie der hl. Chrysosto- mus. Ihren Grund hat sie nämlich in einer falschen, ungerechten, lieblosen Voraussetzung, als ob die vorliegende Blindheit und überhaupt jede beliebige Heimsuchung die Folge einer Sünde wäre, die entweder der Kranke selbst oder seine Eltern begangen hätten.
Wohl wäre eszu verstehen gewesen, wenn die Jünger gefragt hätten: Meister, wie ist es zu erklären, daß dieser Mensch blind auf die Welt gekommen ist? Das ist ja die uralte und ewig neue Frage, die sich uns denkenden Menschen immer wieder auf die Sippen drängt: warum, warum, warum! Unsere Vernunft, unser Gerechtigkeitsgefühl schreit nach einer Lösung. Wir möchten den Vorhang wegziehen vom Theater des Lebens, wir möchten hinter die Kulissen sehen. Gar zu gern hätten wir eine prompte Antwort aus das brennende Leidensproblem, mit dem d>e Menschheit seit Jahrtausenden sich abquält. Sicher wären wir den Aposteln dankbar gewesen, wenn sie diese Frage angeschnittn und die ewige Weisheit um Aufklärung gebeten hätten: warum ist dieser unglückliche Mensch blind auf die Welt gekommen? Diese Frage, sage ich, wäre am Platz gewesen. Diese Frage hätte niemand schelten können. Diese Frage wäre höchst vernünftig und zeitgemäß gewesen.
Doch diese Frage stellen sie nicht. Warum nicht? Weil sie sich einbilden, darüber eine Belehrung gar nicht zu brauchen. Weil die letzte Ursache des Leidens ihnen klar zu sein scheint wie die strahlende Sonne. Woher anders sollte denn das Leiden kommen als von der Sünde? Die Ursache dieser Erblindung ist die Sünde. Das steht bei den Jüngern fest. Das ist ausgemacht.
Darüber kann es keinen Zweifel und keine Anstände geben: der Blinde trägt die gerechte Strafe der Sünde.--
Um es gleich vorweg zu nehmen: bei dieser Ansicht haben die Apostel wahres und falsches vermengt. Wahr ist, daß alle Leiden ihre letzte Ursache in der Sünde haben. In Schmerzen sollst du Kinder gebären, so diktierte der Herr unserer Stammutter Eva zur Strafe für die Sünde des Ungehorsams. Im Schweiß deines Angesichtes sollst du dein Brot essen, bis du zur Erde wieder» kehrst, dieses Urteil erging an unsern Stammvater Adar^ zur Strafe für seine Empörung. Wie ein schmutziger Strom, der in der Erbsünde seine Quelle hat, wälzt sich von Adam bis zum letzten Erdenbürger das menschliche Elend dahin.
Wahres vermischen die Jünger mit Falschem. Worin besteht der Irrtum der Jünger? In der Auslegung der allgemeinen Lösung auf den Einzelfall. Wohl ist es die Sünde, welche die Ursache aller Leiden im allgemeinen ist. Im Einzel- fall aber zu sagen, diese Krankheit, dieses Leiden bat seine Ursache in dieser Sünde, in der Sünde des Kranken selber oder seiner Angehörigen oder in der allgemeinen Erbschuld, darüber steht uns ein Urteil nicht zu. Fällen wir es dennoch, so ist es oft genug ungerecht, anmaßend und lieblos.
Diese Lieblosigkeit begehen die Jünger. Ihnen ist es klar und selbstverständlich, daß die Sünde Ursache der Blindheit ist. Ein Zweifel kann höchstens darüber bestehen, ob der Blinde selbst gesündigt hat oder dessen Eltern?! Wie können aber die Apostel auf den absurden Gedanken kommen, der Blinde könne s e l b st schuld sein an seiner Krankheit! Er ist doch schon blind auf die Welt gekommen? Welches Verbrechen könnte er also auf sich geladen haben? Mir scheint, daß die Apostel auf diesen Einfall durch eine weitverbreitete Ansicht der Pytagoräer gekommen sind, wonach die Seele schon vor dem Körper existiert hat, vielleicht schon tausend Jahre zuvor. Und in diesem Vorleben hat sie vielleicht gesündigt und ist zur Strafe dafür in einen Leib verbannt worden! Doch das sind Spitzfindigkeiten, Phantastereien und Träumereien, die von der Kirche verworfen sind. Die Seele wird erst erschaffen bei Bildung des Leibes. Durch einen Akt der göttlichen Allmacht wird sie dem Gebilde des Leibes im Mutterschoß eingehaucht. Und das ist keine Strafe, sondern eine Gnade, ein Beweis der göttlichen Huld und Güte.
Mit dem Schwert seiner Weisheit löst nun der Heiland den Knoten der verzwickten Frage. „Weder er noch die Eltern haben gesündigt. Sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden." Wie das zu verstehen ist, wollen wir für die nächste Lesung aufsparen. Der Talpfarrer.