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Seite 12 / Nummer 31.

entschloß sich Bischof Martin zur Flucht nach Holland, die auch gelang. Darauf verlangte Preußen von Hol­land seine Auslieferung. Der verfolgte Oberhirte floh nach Belgien, wo ihn am 16. Juli 1879 der Tod ereilte. „Ich habe die Gerechtigkeit geliebt und das Unrecht ge­haßt, deshalb sterbe ich in der Verbannung."

Der Bischof Blum von Limburg wurde wiederholt ausgepfändet, einmal nahm ihm der Gerichtsvollzieher sogar das geweihte Brustkreuz von seiner Brust weg. Er sloh auf das Besitztum des Fürsten Löwenstein in Böhmen. Ebenso erging es dem 75jährigen Fürstbischof Förster von Breslau, den die Regierung kurz nach sei­nem goldenen Priesterjubiläum ins Gefängnis werfen wollte. Er erhielt aber Nachricht davon und begab sich in den österreichischen Teil seines Bistums. Der Bi­schof von Kulm war so ausgepfändet, daß der Gerichts­vollzieher bei feinem letzten Besuch nur noch einen Tep­pich zum pfänden fand. Nach Abzug der Pfändungs­kosten verblieb dem preußischen Staat noch der Riesen­betrag von ganzen zehn Pfennigen.

Am schlimmsten wurde dem Erzbischof von Gnesen- Posen, Graf von Ledochowski mitgespielt. Er saß volle zwei Jahre im Gefängnis von Ostrowo. Nachdem er seine Strafe bis zum letzten Tage abgebüßt hatte, be­gab er sich, da die Regierung ihm sofortige Internie­rung beim Betreten seines Bistums androhte, nach Rom, wo ihn Papst Pius IX. zum Kardinal erhob. Er wohnte dort im Vatikan. Sein Generalvikar erhielt 6 Monate, sein Weihbischof Enbischowski wegen Weihe der hl. Dele am Gründonnerstag 9 Monate Gefängnis.

Mit den Bischöfen wanderten auch die Priester ins Gefängnis oder wurden mit nahen Geldstrafe vom Staate Bismarcks ausgeplündert Die pharisäischen Schlagworte „vom Mißbrauch der Kanzel und des Beichtstuhles" wurden damals geprägt. Sie wurden mit Vorliebe von jenen ungetreuen Katholiken gebraucht, die der Pfarrer weder unter der Kanzel, noch im Beicht­stuhl zu Gesicht bekam.

Vom Primizaltar in badische Gefängnisse.

Besonders traurig erging es den neugeweihten Prie­stern, die von den kirchlichen Oberbehörden während der Beratung der Kulturkampfgesetze eingestellt wurden. Die Bischöfe durften sich in ihrem Gewissen nicht nach den Kulturkampfgesetzen richten. Die jungen Herren erhiel­ten deshalb entweder keine Anstellung oder mußten Ge­fahr laufen, vor den Richter gestellt zu werden, weil sie leidbedrUckten Menschen die Tröstungen der Religion erwiesen.

So wurden die 35 Alumnen des badischen Priester­seminars in St. Peter in der Morgenfrühe des 31. Ja­nuar ohne weitere Vorbereitung zu Priestern geweiht, um sie vor Erlaß neuer Kampfgesetze noch anstellen zu können. Der große Priestermangel drängte dazu. Ob­wohl die Weihe und die nachfolgende Anstellung voll­ständig korrekt und nicht im Widerspruch zu den bis da­hin bestehenden Gesetzen erfolgte, wurden die armen Neupriester schlimmer als Verbrecher verfolgt. Inner­halb der zwei ersten Priesterjahre brachten sie viele Mo­nate — einer z. B. 325 Tage — in den verschiedensten Gefängnissen zu, weil sie Messe gelesen und Kranke ver­sehen hakten.

Als erste Strafe erhielten sie „wegen Ausübung kirch­licher Funktionen" 100 Mark Geldstrafe. Dann sperrte man sie „probeweise" 14 Tage ein, die sie zu Bruchsal abbllßten. Das katholische Volk holte sie im Triumph­zug ab. Aber kaum drei Tage später wurden sie wie­der vorgeladen: diesmal ginge ins Gefängnis nach Karlsruhe. „Vier Monate Gefängnis", hieß das Urteil.

Nach der Verhandlung wurden sie entlassen. Sie ka­men zum Feste „Christi Himmelfahrt" nach Hause und hielten das Hochamt. Wegen dieses Hochamtes wurden sie noch einmal verurteilt und zwar zu weiteren fünf Monaten Gefängnis. Die armen Herren wur­den in Zuchthauswagen, gemeinsam mit verkommenen Dirnen und Landstreichern dem hohen Gerichte vorge- führtll Als ein älterer Geistlicher die Begleitmannschaft auf diese unerhörte Beleidigung und öffentliche Herab­setzung des Priesterstandes aufmerksam machte, erhielt er die freche Antwort: „Wollen Sie auch hinein?" Auch durch die Straßen von Karlsruhe wurden die jungen Kapläne in Begleitung von Dirnen und Verbrechern ge­führt, so daß die Passanten sich empörten.

Als die Neupriester nach Verbüßung ihrer langen Gefängnisstrafen zu Rastatt, Mannheim, Bruchsal und anderen badischen Gefängnissen entlassen wurden, such­ten sie, ehe sie das Land Baden verließen, ihre alten Eltern auf. Einer von ihnen beschreibt in „Sperr­lingsleben" das Wiedersehn wie folgt: „Mich zog's mit unwiderstehlicher Gewalt zu meinen lieben, alten El­

tern, die mich mit Sehnsucht erwarteten. Es war ein Wiedersehen, dessen Schilderung man mir wohl erlassen wird, denn das Herz redete hier eine Sprache, für die es keine Worte gibt. Meine lieben, nun in Gott ruhen­den Eltern waren sehr gealtert, denn sie hatten unsäg­lich gelitten und sicherlich war das Opfer, das sie mei­netwegen im Kulturkampf bringen mußten, nicht ge­ringer als das meinige. Und doch stand ihnen noch ein herber Schmerz bevor, sie mußten mich in die weite Welt hinausziehen sehen, ohne zu wissen, wohin, denn im Vaterlande gab es für mich und meine Kollegen vorerst keine bleibende Stätte mehr."

Der berüchtigte Minister Jolly in Baden begründete diese Verfolgung der neugeweihren Priester, die man in vier Gefängnisse nacheinander schleppte, mit dem trau­rigen Satz: „Ich muh dafür sorgen, daß Kultur und gute Sitte dem badischen Volke nicht entrissen werden durch die katholische Kirche." (!)

Nicht genug, daß die hatten Kampfgesetze den Gikt- uchcn unerhörte Strafen aus Mutwillen unterlegten. so wurden durch manche Beamten die Strr-en au' eine quälerische und schika 'ö se Art a ' s g e k ü h et.

So wies man dem Priester Ruskiwiez aus Posen die Ostseeinsel Zingst als zwangsweisen Aufenthaltsort an. Die Insel ist nur von Protestanten bewohnt; der inter­nierte Priester konnte nicht einmal die hl. Messe hören, geschweige lesen. Da der Priester vollständig mittellos war, wurde er auf Staatskosten verpflegt. Er erkrankte bald schwer an Typhus.

In Marpingen, Kreis St. Wendel, wurde ein Prie­ster, weil er die hl. Messe las, verhaftet und in der unverantwortlichsten, schmachvollsten Weise wie ein Verbrecher, mit einem Landstreicher mittels Handschellen zusammengeschlossen, zu Fuß nach Saarbrücken trans­portiert.

Wegen des gleichen „Verbrechens" wurde ein Prinz Radziwill in Saarbrücken verurteilt. Der Prinz hatte als Feldgeistlicher den Krieg 1870 mitgemacht und dabei heldenmütige Opfer gebracht.

Der Priester Felkowsky, der sich bei Dijon das Eiserne Kreuz erworben hatte, wurde wegen der Ver- sehung eines Sterbenden zu 50 Mark Geldstrafe bezw. acht Tagen Haft verurteilt.

Neben den Priestern wurden alle Laien gestraft, die den Priestern irgendwie zur Seite standen. Der Zen­trumsabgeordnete und Schriftsteller Paul Majunke wurde wegen angeblicher Beleidigung des Kaisers und des Reichskanzlers zu einem Jahr Gefängnis und 400 Mark Geldstrafe verurteilt.

36 Damen des westfälischen Adels, die gegen die Verhaftung des Paderborner Bischofs protestiert hatten, erhielten dafür je 100 bezw. 200 Taler Geldstrafe oder sechs Wochen Haft.

Lehrer und Kirchendiener, die bei der Messe eines Geistlichen Orgel spielten oder ministrierten, wur­den hart gestraft bezw. strafversetzt.

Wer für die vertriebenen Geistlichen, die ja keinen Pfennig Einkommen bezogen, eine milde Kollekte ver­anstaltete, wurde gestraft und das Geld beschlagnahmt. Am Krönungstag des Papstes wurde jede Illumination der Häuser, „selbst hinter den Scheiben", von der kgl. Regierung in Arnsberg streng verboten. Kirchliche Pro­zessionen wurden willkürlich untersagt.

Die gewohnten Empfänge der Bischöfe zu Firmun­gen wurden polizeilich überwacht und als „staatsge­fährlich" unterdrückt.

Am schlimmsten erging es den katholischen Schrift­leitern. Die „Germania" in Berlin hatte im Laufe des Jahres 1874 wegen Bekämpfung der Kulturkampfgesetze 39 Strafprozesse; ihre Redakteure sahen abwechselnd im Gefängnis.

Beamte, welche katholischen Vereinen angehörten, versuchte man durch Ordnungsstrafen zum Austritt zu bewegen. Weigerten sie sich, wurden sie aus dem Amt strafweise entlassen. Besonders gehässig zeigte sich die Regierung gegen den „Mainzer Verein deutscher Katho­liken", der große Versammlungen organisierte; er wurde 1874 aufgelöst, fein Vorsitzender Freiherr von Loë zu sechs Monaten Festung verurteilt.

In den katholischen Schulen wurden die katholi­schen Distriktsschulinspektoren abgesetzt und dafür pro­testantische Geistliche oder nicht vorgebildete Laien zur Visitation beordert. Unter Minister Falk wurden 382 katholische Konfessionsschulen zu Simultanschulen um- gewandelt.

Preußen und andere Länder sperrten weiterhin die Gehälter der verurteilten und nicht genehmen Geist­lichen. Nicht weniger al-. 16 Millionen Mark konnte der Staat auf diese Art im Laufe der Zeit an ammeln.

Sterbende ohne Priester. — Nächtliche Messen in Scheunen. — „Staatskatholiken '

Bismarck ließ später durch Dr. Busch erklären, er habe den Kulturkampf „nicht gegen die religiöse

sondern die politische Seite des Katholizismus" geführt. In Wirklichkeit wollte er und feine „nationalen" Hel- fer einen allgemeinen Glaubensabfall der Katholiken mit dem Ziele einer deutsch-protestantischen National­kirche. Zum Beweise genügt es, an die Förderung der Altkatholiken zu erinnern, jener einmal sehr an­maßenden Sekte, die um der Staatsgunst willen die Katholiken zu kirchlichen Separatisten machen wollte. Die Staatsgewalt hegte und unterstützte die Altkatho­liken wo sie nur konnte; so wurden den Katholiken in Baden nicht weniger als 18 Kirchen geraubt und der neuen Sekte übereignet.

Während die rechtmäßigen katholischen Priester oft in Verkleidung von Spähern verfolgt zu den ihnen an­vertrauten Gläubigen sich begeben mußten, und heimlich in abgeschlossenen Bauernstuben oder in Scheunen die hl. Messe lasen und die Sakramente spendeten, ließ sich eine kleine Schar abgefallener, besonders „national" ge- finnter Geistlicher als „Staatspfarrer" in die verwaisten Pfarreien einführen. Sie waren aber so unbeliebt, daß kein Mensch mit ihnen twas zu tun haben wollte. Lie­ber hielten die Leute ihren Gottesdienst mit Gebet und Gesang für sich, bis wieder ein rechtmäßiger Priester kommen sollte.

Traurig, ganz traurig war es freilich, wenn ein Sterbender nach dem Priester verlangte, seinem Prie­ster, der zur gleichen Zeit im Gefänis sah oder aus der Flucht sich befand. Viele eifrige Katholiken starben da­mals zum größten Schmerz ihrer Angehörigen und unter bitteren Zähren ohne den Trost beroSaframente; ohne Priester wurden die Leichen beerdigt. Ein ganzes Meer von Trübsal und Herzensnot hat die Kulturkampfgefeh- gebung Bismarcks und feines Kultusministers Dr. Falck, eines gebürtigen Pastorensohnes, über die guten Ka­tholiken ausgegossen. And diese waren die treuesten, dem Staate aus ihrem Gewissen heraus ergebenen Un­tertanen!

Als „S t a a t s k a t h o l i k e n" bezeichnete man zu­erst eine Anzahl von adeligen k a t h ol i s ch e n H c r- r e n im Osten Deutschlands, die in einer Erklärung Bis­marck zu der Verfolgung der katholischen Kirche auf= munterten und sich gegen die Bischöfe und das treue katholische Volk aussprachen. Führer waren der Herzog von Ratibor und ein Fred von Frankenberg. Sie ver­sprachen „als Katholiken den Ultramontanismus" be­kämpfen zu helfen. Von den Unterzeichneten waren 172 in Schlesien wohnhaft, davon 34 Adelige. Die Re­gierung zeigte sich den „Staatskatholiken" — ca. 6000 Unterschriften hatten die schlesischen Herren gesammelt — sehr gnädig und schanzte ihnen auffällig wirtschaftliche Vorteile zu. Wer denkt nicht an die 30 Silberlinge, die einmal ein Judas empfing? Das übelste Streber­tum fand hier das Sprungbrett.

Das Volk steht auf. — Zentrum rettet Freiheit und Recht.

Die kirchenfeindlichen Gesetze des deutschen Reiches und der deutschen Länder waren in den Parlamen- t e n geschaffen worden, also mußten sie auch in den Par­lamenten wieder beseitigt werden. Dazu brauchten die deutschen Katholiken eine eigene Partei. Sie schufen das Zentrum. Das Zentrum hat im Bunde mit der bayerischen Patriotenpartei den Kulturkampf über­wunden und das Lebensrecht der katholischen Kirche im Deutschen Reiche wieder zurückerkämpft.

Bismarck und seine Nationalliberalen haßten das Zentrum und seinen großen Führer Windthorst wie der Teufel das Weihwasser. Schon damals war es eine beliebte Ausrede, daß man ja nicht die katholische Kirche, sondern nur das böse Zentrum bekämpfen wolle. In Wirklichkeit mußte man zuerst das Zentrum be­kämpfen, um nachher die katholische Kirche um so besser angreifen zu können. Die Zentrumspartei war mit d"r katholischen Kirche nie identisch, aber in ihm kämpften die deutschen Katholiken um ihre religiöse Freiheit und um ihr Recht als Staatsbürger. Das hatten die Katholiken im Kulturkampf begriffen: das Zemrum mit seinen 100 Mandaten wurde bald die ftärfftp Partei im Reichstag.

Um was es damals letzten Endes ging — und auch in den kommenden Jahren vielleicht wieder gehen wird — hat die amtliche „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" bei der Ernennung des altkatholischen Bischofes ausge­plaudert:

„In gar nicht vielen Jahren", so hieß es wörtlich, „werden infolge des Ungehorsams der Bischöfe und des energischen Vorgehens der Regierung zahlreiche katho­lische Gemeinden ohne Seelsorger sein. Das Volk muh Priester haben und wird sie schließlich vom altkatholi­schen Bischof Reinkens erbitten, und der sendet m i t Genehmigung des Staates Männer seines Geistes, die in dem bestehenden Weinberge der deutschen Kirche nach seinem Sinne wirken und arbeiten, mit