Aus Hirthe ««d Welt
Der Tag der Entscheidung naht!
Noch eine Woche trennt uns von dem schick- falschweren Tag, an dem 45 Millionen deutscher Frauen und Männer durch Ausübung ihres höchsten Bürgerrechts über die Zukunft des Deutschen Reiches bestimmen sollen. Seit den Revolutionswahlen von 1919 war kein Wahltag von solcher Bedeutung wie dieser 31. Juli 1932. Die Luft ist gesättigt mit drohenden Gewittern. Eine schwüle Stimmung herrscht im ganzen Lande. Stehen wir vor neuen Erschütterungen? Unterirdische Kräfte sind am Werke, deren dunkle Treibereien man wohl spürt und ahnt, aber noch nicht ans volle Tageslicht zu ziehen vermag. Deutsches Volk sei auf der Wacht!
Verfassungsbruch und neue Revolution — Gedanken, mit denen Sendlinge einer großen /Partei heute spielen — würden eine furchtbare Katastrophe für unser Volk und Vaterland herauf- beschwören. Diesesmal ginge es nicht unblutig ab wie vor 13 Jahren. Schon liegen die Agenten der Parteien von Moskau und von Braunau aus der Straße als Feinde einander gegenüber. KeinTag vergeht ohne Tote, in Altona allein fielen am leiten ü Sonntag 12 kostbare Menschenleben der politischen Demonstrationswut zum Opfer. Gewissenlose Elemente treiben ihre Anhänger auf die Straßen, um die politischen Gegner zu provozieren und so die erschreckend hoch gestiegene Spannung für ihre dunklen Zwecke auszunutzen.
Deutsche Wähler und Wählerinnen, sollen diese Parteien des Bürgerkrieges und des Blut lerrors auch im Reichstag — wie es schon im Preußischen Landtag der Fall ist — die Mehrheit erlangen? Sollen auch im Reichstag blutige Schlägereien unser Vaterland vor der ganzen Welt zum Gegenstand des Spottes und der Verachtung machen? Gebt den Vertretern des Klassenhasses und des Rassenhasses, der Reaktion und der Revolution nicht eure Stimme! Ihr ladet sonsteine schwere Verantwortung auf eure Schultern. Thälmann und Hiller, Moskau und Braunau bedeuten in diesem Augenblick Mord und Totschlag, Aufruhr und Bürgerkrieg. Wer jetzt diese Kräfte des Verderbens fördert und unser Volk ihnen ausliefert, lädt eine furchtbare Schuld auf sich. Deutsche Bürger seid gewarnt!
W Nur einen Mann hat Deutschland zur Zeit, der den gewaltigen Aufgaben, die da zu lösen sind,
Was fiat Brüning geleistet?
Was hat das Kabinett Brüning in den zwei Jahren seiner Regierung verhindert, und was hat es erreicht, und zwar unter den furchtbarsten Verhältnissen, denen je eine Regierung gegenübergestanden hat?
Das Kabinett Brüning hat:
1. Durch sehr schwierige Stillhalteverhandlun- gen das Abziehen weiterer kurzfristiger Auslandskredite abgestoppt. Ohne dieses Abstoppen hätten wir schon seit längerer Zeit weiter zwei bis drei Millionen Arbeitslose mehr zu verzeichnen.
2. Es hat das Hoover-Freijahr durchgesetzt, ohne daß Frankreich gegen Deutschland etwas unternehmen konnte.
3. Es hat im Januar dieses Jahres durch den Reichskanzler ausgesprochen, daß Deutschland überhaupt keine Reparationen mehr bezahlen könne ' und daher keine Reparationen mehr leisten werdv Cs wurde also auch das endgültige Rein in der Reparat'onsfrage ausgesprochen, ohne daß neue Repressalien gegen Deutschland erfolgt sind. Es war von langer Hand die Weltatmosphäre für dieses Nein vorbereitet.
4. Das Kabinett Brüning hat das deutsche Volk und die deutsche Wirtschaft über die ungeheure Banken- und Kreditkrise des Jahres 1931 hinüber
gewachsen ist: Heinrich Brüning. Frivole Treibereien haben es fertiggebracht, diesen Kanzler zu stürzen. Die gegenwärtige Reichsregieruna hat die bewährten Bahnen Brünings verlassen. Der Mißerfolg von Lausanne, der Straßenterror im Innern sind die Folgen. Erst, nachdem größtes Unglück geschehen ist, hat man sich entschlossen, die Straße für Demonstrationszüge politischer Kindsköpfe und gemeingefährlicher Demagogen wieder zu sperren. Niemals wird die gegenwärtige Reichsregierung eine gesicherte Mehrheit im Reichstag erlangen. Abhängig von Hitler und seinen Legionen, ist sie seither von einer unglücklichen Entscheidung zur anderen gedrängt worden.
Es ist höchste Zeit, daß wieder ein Mann das Steuerruder das Reiches in die Hand nimmt, der im Inland und Ausland höchste Autorität genießt, der durch eine mehr als zweijährige kraftvolle Regierung uns vor dem Sturz in den Abgrund gerettet, der den Reparationen ein Ende gemacht und im Innern für Ruhe und Ordnung gesorgt Brüning muß w eder auf den Schild gehoben werden, der selbstlose, opferfreudige Kanzler, dem auch jeder ehrliche Gegner höchste Anerkennung zollt, der alle weitverzweigten Gebiete der politischen Lage durchschaut und in der Lage ist, selbst zu regieren. Ist es nicht beschämend, wenn man in gewissen Zirkeln ^ur Bezeichnung der Stellung unserer Regierung heute den Satz verbreitet:
. Papen firmiert, Schleicher regiert, Hitler diktiert!?
Und das, obwohl wir einen Brüning haben!
Mit ihm kämpfen wir für Klarheit und Wahrheit in der Regierungsführung!
Mit ihm kämpfen wir für Be'eitigung jeder unverantwortlichen Rebenregierung!
Mit ihm kämpfen wir gegen alle geheimen Wühlereien und schändlichen Intriguen, die der ostelbischen Reaktion die Gewalt in die Hände spielen wollen.
Mil ihm kämpfen wir f ü r Ordnung, Ruhe und Verfassung, gegen Umsturz, Diktatur und Bürgerkrieg!
gebracht und wenige Monate später die Banken- sanierung durchgeführt.
5. Es hat über die ungeheuren Ereignisse vom September 1930 bis zum Frühjahr 1932 die deutsche Währung erhallen. Das ist geschehen in einer Stunde, in der die Währungen von 25 bis 30 Ländern der Welt ins Wanken geraten find. Die Erhaltung der Währung war die größte soziale Tat, die in den Wirren der Gegenwart von einer deutschen Regierung überhaupt erwartet werden konnte. Gegenüber dieser großen Tat sind alle dem Volk auferlegten Opfer als Bagatellen anzusehen.
6. Das Kabinett Brüning hat das große Heer der Arbeitslosen über zwei sehr schwere Winter hinübergebracht, und zwar ohne größere Unruhen im Lande. Ich beglückwünsche das Kabinett von Papen schon jetzt, wenn ihm das für den nächsten Winter ebenso gelingt, vorausgesetzt, daß es bis dahin noch existiert.
7. Auch sozialpolitisch hat es die Partie im großen und ganzen gehalten. Bis zum Sturze Brünings war sozialpolitisch nichts zerschlagen; es war lediglich ein Abbau der Leistungen erfolgt, nicht aber ein Abbau der Einrichtungen. Geblieben war die Gleichberechtigung der Arbeitnehmer mit den Arbeitgebern, die durch den Artikel 165 der Reichsverfassung zur Grundlage des Arbeitsrechts gemacht ist; geblieben war der Tarifvertrag,!
geblieben war der paritätische Arbeitsnachweis gegenüber den einseitigen Arbeitgeber-Nachweisen in der Großindustrie der Vorkriegszeit. Geblieben war die allgemeine Arbeitsgerichtsbarkeit, der Mutter- und Kinderschutz hat seine Fortbildung eriah- ren, daneben stehen die Verbesserungen in dem Recht der Sonntagsruhe, des Ladenschlusses, der Nachtruhe mm. Geblieben war trotz aller Stürme auch der staatliche Lohnschutz.
Was weite das Kabinett Mning in Gegenwart und Zukunft?
Es vertrat den Standpunkt:
1. Daß die ungeheure Wirtschaftskrise, in deren Mittelpunkt Deutschland steht, nicht mit einer dauernden Knechtschaft des deutschen Volkes unter fremdländischer Herrschaft endigen dürfe.
2. Eine Behebung der Weltwirtschaftskrise ist nicht möglich ohne eine ausreichende Befriedung der Welt. Deutschland wollte daran mit allem Nachdruck mitarbeiten, es wollte auch eine weitestgehende Verständigung mit Frankreich, nicht aber eine Verständigung nach einseitigem französischem Diktat.
3. Das Kabinett Brüning arbeitete auf der ganzen Linie an der Neuordnung der Welt, in der der einzelstaatliche Egoismus zurückgedrängt und eine Basis für die Zusammenarbeit geschaffen werden sollte, bei der alle profitieren könnten.
4. Das Kabinett Brüning wollte, daß die zur Ueberdauerung der Weltwirtschaftskrise unvermeidbaren Opfer so gerecht wie möglich verteilt werden. Eine völlig gleichmäßige Verteilung ist ohnehin nicht möglich, weil eine weitere starke Belastung der produktiven Wirtschaft praktisch zur Vergrößerung des Arbeitslosenheeres führt, was das Entgegengesetzte einer sozialen Politik ist.
5. Das Kabinett Brüning wollte die unbedingte Aufrechterhaltung der Währung, wozu eine der ersten Voraussetzungen geordnete Etats der öffentlichen Hand sind.
6. Mit die größten Opfer mußten in den letzten Jahren im Hinblick auf Deutschlands Gesamtlage den Arbeitnehmern auferlegt werden. Dabei mußte unter allen Umständen der Eindruck vermieden werden, als ob in Deutschland ein bewußt antisozialer Kurs gesteuert, als ob die deutsche Politik wieder einer dünnen Oberschicht überantwortet werden solle.
7. Die seitherige Regierung wollte in einer Stunde, in der sechs Millionen Arbeitslose vorhanden sind, die Lohnpolitik zwar elastischer gestalten, den Tarifvertrag und den staatlichen Lohnschutz aber erhalten wissen, weil sonst das Lohnwesen anstatt der staatlichen Beeinflussung praktisch den Syndizi der Arbeitgeberverbände in die Hände gespielt worden wäre.
8. Das Kabinett Brüning wollte den Kern der Sozialversicherung über Lie größte Wirtschaftskrise eines Jahrhrmdsrts hinüberretten, was nur durch eine gründliche Reform der Sozialversicherung möglich war.
In der Zwischenzeit hat auch das Kabinett Papen-Schleicher-Hiller? die Vorarbeit der alten Regierung übernommen, man hat
a) das Positive, das in dem Programm der alten Regierung vorhanden war, auf dem Gebiet« der Arbeitsbeschaffung und der Siedlung beiseite geschoben;
b) die Opfer, die auch die alt« Regierung den breiten Massen auferlegen muhte, wesentlich vergrößert und verschärft; man hat die Bezüge der Arbeitslosen und >jr Invaliden mehr gekürzt als die alte Regierung in Aussicht genommen hatte; praktisch die Arbeitslosenversicherung zerschlagen, indem man schon nach sechs Wochen die Prüfung der Hilfsbedürftigkeit eingeführt hat; die alten Unfollrenten um 7^ Prozent und die seit dem 1. Juli 1927 festgesetzten Renten um 15 Prozent