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Seite 2 / Kummer 2g.

tue herrliche Landschaft gleiten, die sich vor ihm ausbvsitet. Er sieht die festen Mauern und Tore der Stadt, sieht chre stolzen Paläste ruqen, sieht die Zinnen des gewaltigen Tempels im Sonnen­glanze leuchten, sieht den Rauch des täglichen Op­fers vom Vorhofe emporsteigen. Ein Anblick der das Herz eines jeden Israeliten höher schlagen läßt! Der Blick des Eottmenschen aber geht tiefer und weiter. Er sieht die äußere Herrlichkeit Jerusa­lems überschauet von der großen Sünde des Vol­kes, sieht die dunkeln Wetterwolken eines unab­wendbaren und furchtbaren Strafgerichtes Herauf­ziehen, sieht die Mauern und Tore zerbrochen, die Paläste zerstört und an Stelle des ragenden Tem­pels einen rauchenden Trümmerhaufen. Und Jesus weint.....

Es muß ein tief aufwühlender Seelenschmerz gewesen sein, der dem Auge des Herrn Tränen erpreßte. Der tiefste Schmerz, den das Menschen­herz überhaupt kennt: das Leid verkannter, miß- achte.er, zertretener Liebe. Einer Liebe, die er­lösen wollte und nicht zu erlösen vermochte, weil ihrem werbenden Rufe der unbekehrbare Wille eines Volkes entgegenstand. Das war ja das dunkle Verhängnis, das über der Geschichte des Volkes Israel lastete: Zwei Jahrtausende hin­durch lebte es von der Sehnsucht nach dem Erlö­ser, berauschte sich an den Verheißungen der Pro­pheten über den Messias, schöpfte in Zeiten der Not immer wieder innere Kraft aus der Hoffnung auf ihn. Aber über solchem Warten und Hoffen geriet die Sehnsucht Israels auf Irrwege. Rich­tete sich auf irdische statt auf ewige Ziele. Träumte von nationaler Freiheit und Größe statt von Be­freiung aus Sündenschlüd. So kam es, daß die Stunde der Erfüllung ein ungläubiges, von blin­den Führern mißleitetes Volk fand, und daß der ersehnte Erlöser klagend vor den Toren Jerusa­lems stehen mußte: „Wenn du doch erkannt hät­test an diesem deinen Tage, was dir zum Frieden dient! Nun aber ist es vor deinen Augen ver­borgen."

Christus klagend vor den Toren Jerusalems! Wir wollen einmal bei der Vorstellung dieses er­greifenden Bildes verweilen. Hat es nich-t auch uns und unserer Zeit etwas zu sagen? Ja, ist es nicht, als wandle es sich vor unserm geistigen Auge und erweitere sich zu ungeheuern Ausmaßen, als werde in ihm Vergangenheit zur Gegenwart? Chr stus klagend und anklogend vor den Toren der Menschheit! Eine Vorstellung, hinter der eine erschreckende Wirklichkeit steht. Das Geschick Israels ist in mancher Hinsicht Vorbild des Menschhxjts- qe-tbicfes geworden. Die Sehnsucht nach Erlösung, nach Frieden und Glück, die untilgbar in jedem Herzen lebt, hat die Menschen unserer Zeit auf verhängnisvolle Irrwege geführt. Auf Wege, die sich verlieren in irdischen Sehnsüchten, in den Tie­fen der Sinnlichkeit, des brutalen Kampfes um G->Z und Besitz, des ausschließlichen Strebens nach irdisch-nationaler Macht. Sozialismus, Kommunis­mus, Nationalismus, Freiheit von den Banden des Sittengesetzes, und zutiefst Ent­thronung des ewigen Gottes selbst — das sind die Ziele, die glückverheißend aus dem Chaos der Gegenwart aufgerichtet worden find, und an denen sich heute ungezählte Massen berauschen. Millionen von Menschen, denen die Klage des Welterlösers gilt: „Wenn du doch er­kannt hättest, was dir zum Frieden dient! Aber es ist vor deinen Augen verborgen."

„West du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast!" Wir jammern über die un­erhörte Not, die heute auf uns lastet; mir flu­chen den Menschen, den Völkern und Ereignissen, denen wir die Hauptschuld an solcher Not zuschrei- ben; wir stellen politische, wirtschaftliche, soziale Programme auf, die helfen sollen. Wie wenige von uns aber erkennen klar und bewußt den tief­sten Sinn dieser Notzeit: daß sie eine Zeit der Heim-uchung Gottes ist. Daß Gott seine Zuchtrute schwingt über ein Geschlecht, das ihn und sein Ge­setz vergessen will. Daß er mit Kreuz und Leid, mit Sorgen und Hunger an den Toren der Seelen rüttelt, die sich ihm mehr und mehr verschlossen haben. Für den gläubigen Christen aber ist es erschütternd zu sehen, welche Antwort dieser ge-

waktige Gottesruf findet. Der Unglaube hat das Ringen um das tägliche Brot mit dem offenen Kampfe gegen Gott verbunden. Der Schrei nach Arbeit und sozialer Gerechtigkeit ist zur Losung des Umsturzes geworden. Die gemeinsame Not der Völker hat eine nationalistische Bewegung erzeugt, die den Völkerhaß entzündet und neuen Krieg zu entfesseln droht. Wiederum ist das trauernde Er­löserwort tragische Wirklichkeit geworden: Eine Zeit der Heimsuchung, die nicht erkannt wird!

Christus steht auch vor uns. Vor jedem ein­zelnen! Und jedem, der sich zu seinen Jüngern zählt, drängt sich da die Frage auf: Gilt auch mir seine Heilandsklage? Eine Frage, die zur Gewis­senserforschung zwingt. Es genügt heute nicht, daß wir uns von den großen Lastern der Zeit freihal­ten. Zeiten der Heimsuchung fordern von dem gläubigen Menschen mehr als andere Zeiten. For­dern einen lebendigeren Glauben, eine tiefere Treue, eine hingehendere Opferbereitschaft, ein höheres Maß von Bruderliebe und Apostelgesin­nung. Mit ernsten Worten hat der Hl. Vater in seinem letzten Rundschreiben hierzu gemahnt und uns vor allem zu Gebet und B'ße aufgerufen als zu den stärksten geistigen Mächten, mit denen wir helfen können, „die irregeleitete Menschheit, die unstet und führ-^los dochintaumelt, zu Gott zu­rückzugeleiten." Die Stimme des Vaters der Chri- nenheü muß uns die Stimme Christi sein. Sein Ruf darf nicht ungehört verhallen. Gebet und

Die AreaMr.

Leben magst du hundert Jahre: Einst mi§ Dampf im Vergaelände Gehst du hin. — Wo kannst du bleiben? Gott ist aller Dinge Ende.

Ward dir Kraft, von allen Kräften hast du Rechenschaft zu geben. Wirke recht; du wirst gerichtet. Magst du hundert Jahre leben.

Denn die Kreatur ist Gottes, And sie kann ihm nicht entfliehen; Einmal, morgen oder später. Liegst du doch vor seinen Knien.

Friedrich Wilhelm Weber.

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Buße, das De profundis des Wortes und der Tat, müssen im katholischen Volke der gegenwärtigen Notzeit ihr Gepräge geben. Gebet und Buße — das soll das Echo unserer Seelen sein auf die Er- löserklage über die Verblendung der Menschheit des 20. Jahrhunderts.

Der Kampf gilt Rsm.

In der letzten Nummer berichtete der Bonifa- tiusbote den Ausspruch des derzeitigen wirklichen Gewalthabers des Nationalsozialismus Gregor Strasser, den dieser in seiner Rede im hessischen Friedberg am 13. Juni d. I. getan hat. Nach der Mitteilung des gewiß unverdächtigen nationalso­zialistischen „Westd. Beobachters" vom 13. Juni (Nr. 126) sagte Strasser:

„Nach einem zwölfjährigen Kampf gegen das Geld, gegen Internationalismus, g e gè n Rom und gegen die Anwärter der Staatsfutterkrippe steht die Hitler-Bewegung auf der Vorstufe der Wacht."

Hier ist also Rom ausdrücklich unter den Geg­nern genannt, die bekämpft werden. Nicht mehr das Zentrum. Nicht mehr „das System". Nicht mehr „nur der Parteibuchbeamte", sondern Rom selbst, d. h die katholische Kirche in einem ihrer Wesensbestandteile, in ihrer übervölkischen Eigen­art, in ihrer Weltgeltung, eben in ihrer Katholi- Zität.

Nicht von der erstbesten Persönlichkeit inner­halb der Partei wird der Kampf gegen Rom ge­führt, auch nicht nur von der einen oder anderen Richtung. Nach Gregor Strasser ist die Partei selbst der Träger dieses Kampfes.

Leider haben die rechtzeitigen, ernsten und ein­dringlichen Warnungen der Oberhirten Deutsch­lands, die ausschließlich die religiösen Gefahren der nationalsozialistischen Bewegung herausgestellt haben, nicht genug Beachtung im katholischen Volke gefunden. Ja, der deutsche Katholizismus, oder sagen wir einmal besser die Katholische Aktion

in Deutschland hat, wohl ihrer Wesensart ent­sprechend auch selbst den Schein einer Abschwen­kung ins Parteipolitische zu vermeiden, vielleicht doch zu lange damit gewartet, wenigstens die re­ligiösen Kerngedanken der Warnungen der deut­schen Bischöfe zum Gegenstand eingehender Bera­tungen, Beschlüsse und Maßnahmen zu machen. Sonst wäre es nicht möglich, daß viele, auch gebil- dete Katholiken, die gefährlichen, „schiefen und fal­schen Auffassungen, die von führenden Vertretern M der nationalsozialistischen Bewegung in öffentlichen 1 Versammlungen, in Presse und Literatur über fundamentale christliche Glaubenswahrheiten" und „ über einzelne sittliche Grundsätze . . . kundgetan wurden" und die Förderung der hinter solchen Irrtümern stehenden Bewegung bisher so leicht genommen haben. Glaubt denn ein Katholik ernst­haft, daß die Bischöfe ein Mitglied der Kirche aus politischen Gründen vom Höchsten in unserer Glau­bensgemeinschaft, vom Bußsakrament und von der heiligen Kommunion ausschließen würden? Aber weil die Warnungen der Bischöfe von Vielen un­beachtet blieben, darum geht die Kirche Deutsch­lands heute wieder Gefahren entgegen, wie wir sie im Kulturkampf, im Febronianismus und Josephi­nismus, in der Reformation und auf dem Konstan­zer Konzil und zurück in all den Kämpfen erlebt haben, in denen ein unerleuchteter Nationalismus gegen die Uebernationalität des Christentums und der Kirche ankämpfte. Sollte der Nationalso­zialismus jemals zur ausschlaggebenden Stellung in Deutschland kommen, dann ist eine Neuauflage des Bismarckfchen Kulturkampfes so sicher, wie das Amen in der Kirche. Was damals, nach dem sieg­reichen Ausgang des deutsch-französischen Krieges nicht gelang, wird jetzt, in der Stunde der deut-- schen Not, aufs neue versucht werden: Eine katho­lische Rakionalkirche zu gründen, losgelöst von Rom. Katholik wird gegen Katholik aufgehetzt werden, Priester gegen Priester. All die traur aen i Erscheinungen, die sich um die Namen „Altkatbo­lizismus", „Deutschkatholizismus" usw. gruppie­ren, werden sich wiederholen.

Die Friedberger Rede Strassers setzt all die andern Aeußerungen ins rechte Licht, die wir aus seinem oder anderem nationalsozialistischem Munde über die Stellung dieser Partei zur Religion ba­den. Gern wiederholen ihre Redner in großen Versammlungen die Wendung: „Der Weg des Bolschewismus zu unsern christlichen Gotteshäu­sern geht nur über die Leichen von 12 Millionen Nationalsozialisten." Wir sind überzeugt, daß die­ser Martyrermut durchaus ernst gemeint ist. Ge­gen den Bolschewismus wird der Nationalsozialis­mus unsere Gotteshäuser unbedingt schützen. Fragt sich nur, wer schützt sie gegen den Rakionalsozialis- mus? Wer schützt die Kirche gegen die Zumu­tung, Hausangestellte im Hause Strasser-Göbbels zu werden? Daß man uns recht gute Behand­lung will zuteil werden lassen, davon sind wir überzeugt. Aber wir würden aufhören müssen, die freie Kirche zu sein, die wir heute sind. Die Re­ligion würde zur Dienftmagd des Staates. Vor allem würden wir unser Verhältnis zum Stellver­treter Christi, zum Heiligen Vater in Rom, lösen müssen. Rom oder deutscher Faschismus. Beides zusammen ist nicht möglich.

Gerade an dieser Stelle ober sehen wir einen Einwand voraus. Auf ihn stützen sich nicht nur die Nationalsozialisten selbst, sondern auch manche Katholiken, die mit ihren Ideen sympathisieren. „Zeigt nicht gerade der italienische Faschismus, daß der behauptete Gegensatz zwischen Nationolso- zialismus und Katholizismus sich doch übertrof­fen läßt? Hat der Papst nicht die Lateran-Ver­träge geschlossen? Weiß nicht die Presse alle Tage von neuen Freundlichkeiten zu berichten, die der italienische Staat der Kirche erweist?"

Dieser Einwand verkennt das einzigartige Ver­hältnis, in dem gerade der italienische Faschismus zum Katholizismus steht. Es ist so einzigartig, daß es sich in keinem zweiten Lande nachahmen läßt. Ja, man kann sagen, gerade das gute Ver­hältnis des italienischen Faschismus zum Heiligen Stuhle ist der beste Beweis dafür, daß diese Freundschaft bei jedem anderen Faschismus in töd­liche Feindschaft umschlagen muß. Die Verständi­gen unter unseren Lesern wissen schon, worauf unser Beweisgang hinaus will. Die andern aber werden es lernen, wenn sie nochmals die Reden nachlesen, mit denen Mussolini damals die Oppo­sition in den eignen Kreisen beschwichtigt hat. Viele haben diese Reden für reine Taktik gehalten. Sie waren mehr als das. Sie waren ein Bekennt­nis. Für Mussolini ist das Papsttum ein Bestand­teil der italienischen Rationalität, ein von her Vor-