Sonnlag. 17. Zuli 1932.
Religiöses Wochenblatt für die katholischen Gemeinden Kassels.
Erscheint jeden Sonntag und kostet monatlich Ausgabe A 40 L-Pfenuig B 45 L-Pfennig (Zustestgevadr extra). Redaktionsschluß Montag. Anzetgen-Pretse: Eolonelzeti, tm AnzetgenteU 0,15 Goldmark. Tolonelzetie tw Reklamstell 0,60 Goldmark. Bet Wiederholung Rabatt. Auskunft und Off.-Ged. 0,10 Goldmark. Port» extra Anzeigen müssen spätestens bis Montag morgens tm Besitz der Fuldaer Aetiendruckerei io Fulda (ein
...... Druck und Verlag der Fuldaer AcNeudruckerei. Verlagsort Fulda. >— , -
Wochenkalender.
Sonntag. 17. Juli. 9. Sonntag nach Pfingsten. Alexius, Mil Bek.
Montag, 18. Juli. Camillus von Lellis, Bek. Sympho- rosa u. Gef., Mart.
Dienstag, 19. Juli. Vincenz von Paul, Stifter der Vin- centinerinnen, Bek.
Mittwoch, 20. Juli. Hieronymus Aemilianus, Bek. Margareta, Jgfr., Mart.
Donnerstag, 21. Juli. Praxedes, Jgfr.
Freitag, 22. Juli. Maria Magdalena, Büßerin.
Samstag, 23. Juli. Apollinaris, Mart. Vigil des hl.
Apostels Jakobus. Liborius, Bisch., Bek.
Neunter Sonntag nach Pfingsten.
Epistel. 1. Korinther 10, 6—13.
Evangelium. Lukas 19, 41—47. Jesus weint über
Jerusalem.
In jener Zeit näherte sich Jesus Jerusalem. Als er die Stadt erblickte, weinte er über sie und sprach: „Wenn du es doch erkenntest, und zwar an diesem deinem Tage, was dir zum Frieden dient! Aber es ist vor deinen Augen verborgen. Denn es werden Tage über dich kommen, da deine Feinde dich mit einem Walle umgeben, dich ringsum einschließen und dich von allen Seiten bedrängen werden. Sie werden dich und deine Kinder, die in dir sind, zu Boden schmettern und keinen Stein auf dem anderen lassen, weil du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast." Dann ging er in den Tempel und trieb die Käufer und Verkäufer hinaus. Er hielt ihnen entgegen: „Es steht geschrieben: Mein Haus ist ein Bethaus; ihr aber habt es zu einer Räuberhöhle gemacht". Und er lehrte täglich im Tempel.
Christus, Herr der neuen Zeit.
arum dieses Strafgericht? Warum der Einmarsch der Legionen durch die Stadt Jerusalem? Warum dieses Hinmorden der Männer und Frauen, der Greise
und Kinder?
Warum diese radikale
Zer-
störung, daß kein Stein auf dem andern bleibt? — Der Heiland hat sich selbst gewürdigt, die Schuld an dieser ungeheuren Katastrophe aufzudecken, indem er der unglücklichen Stadt die Worte zurief: „Das Strafgericht wird dich treffen, weil du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast.-
Und welches Glück hat doch der Stadt Jerusalem gelächelt! Welche Sonne ist in ihren Mau
ern aufgegangen. Welch herrliches Los ist ihr erblüht: Christus, der Lehrer der Wahrheit, der Spiegel der Heiligkeit, der König der Herrlichkeit ist in ihrer Mitte erschienen und ließ seine Stimme rm Tempel erschallen. Die Stadt brauchte das Glück nur zu ergreifen. Hätten die Bewohner an Jesus geglaubt, an seine Würde als Messias und Gottessohn, wäre sie bereit gewesen, seine Ermahnungen zu befolgen, wahrhaftig: kein Feind
hätte seinen Fuß in die Stadt gesetzt, der Regenbogen des Friedens hätte darüber geglänzt, und die Pforte des Himmels wäre allen offengestanden. Christus hätte die Stadt erkennen sollen als ihren Herrn und Gott. Das hat sie versäumt. Und das war ihr Verhängnis, das ihr Unglück, das ihre Schande, das ihr Untergang.
Wir haben nun in letzter Lesung vernommen, daß eben dieser Jesus in eben dieser Stadt beim Laubhüttenfest das Tagesgespräch bildete. Das Volk ließ seiner Bewunderung für den großen Lehrer und Wundertäter freien Lauf. Die Führer aber, richtiger Verführer, waren darüber neidisch und ungehalten. Sie wollten mit dem unbequemen Propheten kurzen Prozeß machen, ihn ergreifen und hinrichten. Was tat nun unser Heiland? In aller Ruhe gab er die Erklärung:
„Itur noch eine kurze Zeit bin ich bei euch, und ich gehe zu dem, der mich gesandt hak. Ihr werdet mich suchen, aber nicht finden, und wo ich bin, dahin könnt ihr nicht kommen." —
Bleiben wir bei diesen Worten einen Augenblick stehen und sie werden wie ein greller Blitz das kommende Unglück beleuchten.
Nur noch kurze Zeit bin ich bei euch. Jesus will sagen: habt nur noch einen Augenblick Geduld. Die Zeit meines Todes werde ich selbst bestimmen. Jetzt ist der Augenblick dazu noch nicht gekommen. Es wird aber nicht mehr lange dauern, und die Stunde ist da. So lange wird euch eine Gnadenfrist eingeräumt. Wenn ihr zur Besinnung kommt und mir huldiget in Glaube und Liebe, wird euch der Segen des Messiasreiches zuteil werden. Verbleibt ihr aber bei eurer Verstocktheit, dann werde ich mich nach dem Willen meines himmlischen Vaters euren Händen übergeben und den Tod annehmen. Mit meinem Tod ist aber mein Weg noch nicht zu Ende. Wie die Sonne am Abend untergeht und am Morgen mit neuer Herrlichkeit erstrahlt, so werde auch ich aus dem Grabe zu neuem Leben erstehen und bald darauf zu meinem Vater gehen, der im Himmel ist. Für euch aber wird die Zeit kommen, wo ihr mich sucht, um dem Unglück und dem Strafgericht zu entgehen. Ihr werdet mich suchen, aber nicht finden. Denn, wo ich bin, dahin könnt ihr nicht kommen! —
Wie schrecklich hat sich diese Drohung erfüllt beim Untergang der Stadt! Zu spät, zu spät haben dann die Juden erkannt, daß sie mit dem Erlöser das Glück von sich gestoßen haben. Und nicht bloß das zeitliche, sondern wohl auch das ewige. Die Trennung von Christus: „Ihr könnt nicht zu mir kommen." Das ist gleichbedeutend mit der ewigen Verdammnis.
Hüten wir uns vor solchem Unglück. Eine Warnungstafel ist uns mit dem Schicksal der
Stadt Jerusalem aufgerichtet. Auch uns wird Christus verkündigt. Durch die Kirche. Der ganze Christus. Seine Person nicht bloß, sondern auch seine Lehre und seine Gebote. Besonders das Hauptgebot, die Liebe. Christus muß also unsere Parole bilden.
Christus, Herr der neuen Zeit!
Neue Zeit? Nein. Die Zeiten sind immer die gleichen. Aber die Menschen sind andere. Christus ist dann Herr der neuen Zeit, wenn wir Menschen, wir Christen, wir Katholiken unserer Tage zu Christus halten, sein Testament erfüllen. Ohne Christus ist das Verderben unaufhaltsam. Nur Christus und seine Liebe kann noch das Heil bringen für dieses und für das andere Leben. Wenn wir die Liebe nicht haben, gleichen wir da nicht jenen törichten Jungfrauen, die kein Oel für ihre Lampen mitgenommen haben? Der Bräutigam kommt, und die klugen Jungfrauen, deren Lampen gerichtet und mit Oel versorgt sind, gehen in den Hochzeitssaal, und er wird geschlossen. Nach einiger Zeit kommen auch die Törichten und klopfen heftig an der geschlossenen Tür. Doch weh, welche Stimme müssen sie hören! „Wahrlich, ich sage euch, ich kenne euch nicht!"
Wann kommen wir also zu Christus, unserm himmlischen Bräutigam? Unter welcher Bedin- qunq ist uns die Himmelstür geöffnet? Wenn unsere Lampen gefüllt sind mit Oel; wenn unser Leben bereichert ist durch Werke der Barmherzigkeit. „Wenn uns das Oel der Nächstenliebe fehlt, wenn wir es versäumen, nach Kräften Almofen zu geben, Not zu lindern, können wir nicht zu Gott kommen", lehrt der hl. Johannes Chrysosto- mus. Nicht zu Gott kommen, nicht zu Jesus kommen, das ist aber die Verdammnis. Rede mir nicht vom ewigen Feuer, nicht von den unerträglichen Oualen, sagt derselbe Kirchenlehrer: von Jesus getrennt sein, das ist schlimmer als tausend Höllen! So wollen wir wieder zu Christus halten, wir alle, die wir uns Katholiken nennen, mögen wir nun Greise sein im Silberhaar oder Jugendliche im Lebensmai — wir gehören zur „neuen Zeit", deren Herr Christus ist.
Der Talpfarrer.
Erlöserklage.
Zum neunten Sonnlag nach Pfingsten.
Ein erschütterndes Bild: der Welterlöser vor der Königsstadt des auserwählten Volkes — klagend und anklagend!
Lehrend, segenspendend ist Jesus durch das Heilige Land gewandert. Nun hat er sich Jerusalem genähert und rastet eine Weile bei seinem Anblick. In tiefem Sinnen läßt er sein Auge über