halb haben Wir damals angeordnet, daß man in alle Zukunft jährlich an diesem Tage in allen Kirchen öffentlichen Sühnegottesdienst halte für die Beleidigungen, die das göttliche Herz verwunden. r„ ..
Das Fest des heiligsten Herzen sei darum für die ganze Kirche ein Tag heiligen Sühn- und Bitteifers. In Scharen mögen die Kinder dieser betrübten Mutter zum Tische des Herrn eilen, in Scharen eilen, den tm Sakrament verborgenen Heiland anzubeten, den Ihr, ehrwürdige Brüder, an diesem Tage in allen Kirchen feier- Hd) aussetzen laßt; mögen sich versenken in dies er- barmungsreiche Herz, das alle Pein des Menschenherzenszens an sich erfahren hat, die Fülle ihres Schmerzes, die Stärke ihres Glaubens, die Zuversicht ihrer Hoffnung, die Glut ihrer Liebe. Zu ihm mögen sie beten, da ja die allerseligste Jungfrau Maria, die Mittlerin aller Gnaden, ihre mächtige Fürsprache für uns einlegt, für sich und ihre Familie, für ihre Heimat, für die Kirche — zu ihm beten für den Statthalter Christi auf Erden und die andern Oberhirten, die sich mit ihm in die furchtbare Last des Regentenamtes im Reich der Seelen teilen, — beten für diè Glaubcnsbrüder. für die irrenden Brüder, für die Ungläubigen, für die Heiden selbst für die Feinde Gottes und der Kirche, auf daß sie sich bekehren — beten
für die arme Menschheit.
Dieser Geist des Gebetes und der Sühne möge sodann in allen Gläubigen möglichst lebendig und wirksam fortdauern während der Oktav, mit der Wir dieses Fest haben auszeichnen wollen. Nach der Meinung, die Wir vorhin kurz angedentet haben, sollen während dieser Oktav öffentliche Gebete und andere fromme Andachtsübun- gen stattfinden, die ein jeder von Euch, ehrwürdige Brü
der, wie er es mit Rücksicht auf die örtlichen Verhältnisse für gut befindet, vorschreiben und anordnen wird, „damit wir Barmherzigkeit erlangen und Gnade finden, stllfe zur rechten Zeit". (stebr. 4, 16.)
Es soll daher diese Oktav für das ganze christliche Volk eine Oktav der Sühne und heiliger Iraner, Tage der Entsagung und des Fastens sein. Die Gläubigen m^gen wenigstens allen öffentlichen Lustbarkeiten und allen andern, auch erlaubten Vergnügungen scrnblei-
ben. Die Wohlhabenden mögen sich freiwillig im Geiste christlicher Entsagung in ihrer gewohnten, wenn auch bescheidenen Lebenshaltung ein wenig einschränken und lieber den Armen die Frucht dieses Opfers zugute kommen lassen. Denn auch das Mimosen ist ein ausgezeichnetes Mittel, der göttlichen Gerechtigkeit genug zu tun und die göttliche Barmherzigkeit herob- zuflehen. Die Armen und alle durch Mangel an Ar
beit und Mangel an Brot heutzutage so hart Geprüften mögen in gleicher Bußgesinnung mit noch mehr
Ergebung die Entbehrungen mifopfem, die ihnen die schwere Zeit und die soziale Lage auferlegt haben. Die göttliche Vorsehung hat ja in ihrem unerforschlichen, doch stets liebreichen Ratschluß auch diese Prüfungen für He bestimmt.
Demütig und vertrauensvoll mögen sie aus der Hand Gottes die Bürde der Armut entgegennehmen, die durch die Drangsal, mit der zur Stunde die Menschheit ringt, noch drückender geworden ist. Mögen sie sich hochherzig emporschwingen zur erhabenen Gottesböhe des Kreuzes Christi in stetem Gedanken daran, daß, wenn auch die Arbeit zu den höchsten Gütern des Lebens gehört, doch die leidende Liebe eines Gottes die Welt erlöst hat. Mögen sie Trost finden in der Gewißheit, daß ihre Opfer und Leiden, mit christlicher Ergebung getragen, die Stunde der Erbarmung und des Friedens wirksam beschleunigen helfen.
Das göttliche Herz Jesu kann unmöglich unbewegt bleiben bei den Gebeten und Opfern seiner Kirche. Es wird schließlich zu seiner Braut, die zu seinen Füßen seufzt unter der Last so schweren Leides und so großer Drangsal, sprechen: „Dein Glaube ist groß! Dir geschehe, wie du willst!" (Matth. 15, 28.) '
In diesem Vertrauen, das noch zuversichtlicher wird beim Gedanken an das Kreuz, das heilige Zeichen und kostbare Werkzeug unserer Erlösung, dessen glorreiche Auferstehung wir heute feiern, erteilen Wir Euch, ehrwürdige Brüder, Eurem Klerus und Volk und der ganzen katholischen Welt in väterlicher Liebe den Apostolischen Segen.
Gegeben zu Rom bei Sankt Peter am Feste Kreuz- auffinbung, den 3. Mai des Jahres 1932, im elften Jechre Unseres Pontifikats.
Pius P. P. XL
Das gesegnete Fest.
Von Arnold Frank.
An diesem Morgen war der alte Driessenbur so aufgeräumt und guter Dinge, wie er es vielleicht nur in jungen Jahren am Kirmestag war.
Er verfütterte sowohl das gekochte Ei als and) die schweren Käsescheiben an die Sohneskinder, die neben ihm auf der Holzbank saßen.
„Och, Opa! Was tut Ihr denn nun?" tadelte die Schwiegertochter, „die Kinder werden ja rein fri üppig. Schmeckt es nicht? — Ich schneid Euch was vom Schinken ab, ja? Ihr braucht doch auf Pfingsttag nicht trocken Brot zu essen."
»Laß nur, Trina, es schmeckt mir gut mit
Butter allein* erwiderte der Atte gelassen und ruhig, wie Achtzigjährige sprechen. „Es schmeckt extra fein heute, wahr Peterke? — Und dir auch, Anneke?" Er knifft den Kindern ein Auge und fütterte sie weiter, bis er zu essen aufhörte.
„So, nun muß Opa zur Kirche gehen."
„Wenn Jakob zurück ist", sagte die Frau, „komme ich nach und wir gehen dann zusammen heim; ja — sollen wir das tun?"
„Wenn es dir nicht zu langsam geht, ist es mir gern recht, Trina. Und nun Kinder: Ein gesegnet Fest!" Der alte Bauer seßte den Hut auf und ging mit steifen Schritten. Die Kinder sprangen durch den Baumgarten mit über bis zum Hoftor.
„Wie lange dauert die Kirche, Opa", frug der Junge.
„Bis sie aus ist!"
Dann das Mädchen: »Wann kommst du zurück, Opa?"
„Das weiß ich nicht. Mutter bringt mich wieder mit, hast du ja eben gehört." Er gab ihnen die Hand.
„Tjö Opa! — Tjö Opa!---Tjö — O — paaa —!"
Der alte Driessenbur schritt, seinen Stock bei jedem Tritt nachschlurfend, des Weges. Es roch so maifrisch, wie in diesem ganzen Frühjahr nod) nicht. In einem Baumgarten hörte er irgendwo eine Drossel sch'agen. Schönes Vieh stand in den Weiden; schönes Vieh! Aber das vom Driefsenhof sonnte dagegen bestehen, öne Stute weidete mit hängendem Kopf, und ihr Fohlen stand vorwitzig am Zaun und sah den Vorübergehenden dumm an. Dieser schnalzte ein paarmal mit der Zunge. Da spitzte das Jungtier die Ohren und ließ sich den Hals kraulen: „Ach — Minka — was ist das fein heute morgen, was ist das fein!"
Nun hatte er die Honschaft hinter sich und kam ins Feld und in die Benden. Alles stand gut, das Grünt und die Frucht, die gesät und gepflanzt war. Ja — dä Mai köhl on naat, fällt dem Bur Schüer on Faat! Mitten im hohen Feld kam der junge Driessenbur gegangen, auf dem Heimweg aus der Frühmesse.
„Nun steht aber alles so schön, Jcvkob, das ist ein Staat zu sehen!"
„Ist wahr, Dadder, aber wir hätten doch heute für dich an spannen können auf den hohen Pfingsttag. Wirst du nicht müde?"
„Das ist gar nicht nötig, Junge, ihr könnt mich noch fahren, wenn ich nicht mehr kann, aber noch geht es ziemlich Doch nun spute dich, damit Trina auch zur Kirche kommt."
„Alah denn, komm gut heim, Vadder!"
„Auch so. Und ein gesegnet Fest!"
Als der Alte sich demDorfe näherte, begannen die Glocken das Hochamt einzuläuten. Was ist das doch?, dachte er, das klingt ja, als hätte ich es im Leben noch nie gehört. Hat man denn sonst keine Augen und Ohren gehabt, oder ist alles neu auf der Welt?"
Aber auch als dann in der Kirche die Orgel aus allen Pfeifen blies und die drei Herren hinter den Meßdienern an den Altar schritten, kam ihm alles erhabener, feierlicher vor, wie in vergangenen Tagen und Jahren. Wenn du auch kein sehr frommer Christ gewesen bist, deine Kirchenlach hast du doch immer ordentlich gehalten, alter Drissenbur, was ist denn nun, daß heute alles anders ist? Gewöhnlich betete er seine Messe aus dem Gebetbuch, wie es drin stand, und wenn etwas Besonderes in Haus oder Hof war, so wurde das mit dem Herrgott besprochen, und damit roar es erledigt. Heute konnte er mit Andacht den Worten des Gesanges, obwohl sie lateinisch waren, folgen, ja — er spürte sogar den Sinn der Melodien des Gesanges, aus denen er sich früher nie etwas hatte machen können. Auch der Altar, die ruhig glimmenden Kerzen darauf, die alten Holzfiguren des hl. Antonius und der hl. Anna, an denen er sich seine achtzig Jahre lang jeden Sonntag sattgesehen hatte, eben weil die Sprache dieser Dinge nicht zu ihm fand — heute redeten sie ihn förmlich an, und er war beglückt bei dem Gedanken, daß er sie immer in Ehren gehalten und auf verträglichem Fuße mit ihnen gestanden hatte. Beim Evangelium, als die ganze Gemeinde aufstand, langte er dann aber doch in feine Rockschöße und holte das silberbeschlagene Gebetbuch
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hervor, um seine Messe zu beten. Von ungefähr kam ein Finger zwischen den Deckel, und in Gedanken schlug er ihn zurück. Dann las er die ungelenke Bauernschrift feines Vaters:
Egidius, Petermatis Dressen und Annakatrina Heythausen ziend geehligt den 14. jannewari gen H et ja ar 1845.
Dann folgten die Namen feiner drei Geschwister und zuletzt sein Name, jetzt nicht mehr Dressen, sondern Driessen genannt. Aber hinter den Mädchennamen waren später Kreuze gezeichnet: t 4. May 1856, f 1861, den 31. Oktober; t gefallen bey Düppel 1866, dies stand hinter dem Namen seines Bruders. Die weiteren Aufzeichnungen waren von seiner eigenen Hand: dann starb der Vater, dann die Mutter, dann und dann hatte er sich geehelicht, waren die Söhne geboren, der Mathias bei Arras gefallen, und die letzte Eintragung nannte den Todestag feiner Ehefrau. Auf den zwei schmalen Seiten zog dem Driessenbur das eigene Leben durch die Erinnerung. Der noch unbeschriebene Raum des vergilbten Papiers war nun bereit für seinen Sterbetag, und alle die vor ihm Gestorbenen würden ihn sicher gern bei sich aufnehmen und sich freuen, wenn er einmal da oben Guten Tag! oder Guten Morgen zusammen, sagen könnte.
Da läutete mahnend das Altarglöckchen, und er suchte das Gebet zur Opferung. „Nimm an, o heiliger Vater, allmächtiger ewiger Gott, dieses unbefleckte Opfer, welches ich, deyn unwürdiger Diener dir, meynem lebendigen und wahren Gott darbringe . . ." O, er konnte es auswendig, und eifrig formten feine Lippen die Worte weiter, er fühlte sich in des Sakramentes Nähe als die Weihrauchwolken ihn einhüllend anwehten und blickte erst wieder aus feiner Vergessenheit auf, als bei der Präsation die Knienden sich erhoben.
Su—ursum co—ord—a—a—! sang der Priester. Habemus ad Dominium! antworteten die Sänger im Namen des Volkes. Lasset uns dem Herrn unserm Gott danken, denn es ist billig, würdig und gerecht und heilsam . . . Was hatte doch der Pastor heute für eine Stimme? Wie die Lerche vorhin im Feld, immer höher aufsteigend und immer näher zu Gott: Laß unfere Stimmen zu deinem Thron gelangen, die wir demütig ausrufen: Heilig, heilig, heilig ist Gott der Herr der Heerscharen! Hosannah in der Höhe!
Nach der Wandlung fühlte der Driessenbur eine schiwache Müdigkeit, die ihn leise anfröstelte. Er schob sich auf die Sitzbank, und da ging es wieder, denn er konnte das Memento für die Verstorbenen gut beten: „Gedenke, allmächtiger Gott, beym Anblicke dieses kostbaren Opfers, deyner Diener und Dienerinnen, welche uns im Zeichen des lebendigen Glaubens vorangegangen sind, besonders derer, die mir nahe standen. Laß sie alle, die in Christo ruhen, zu dem Orte des Lichtes, der Er- quicfung und des Friedens gelangen. Und auch uns Sündern, die wir auf deine Erbarmung vertrauen, wollest du nach diesem zeitlichem Leben gnädigst Anteil verleihen an der Seligkeit deyner Apostel, Märtyrer, Bekenner und Jungfrauen, durch unfern Herrn Jesum Christum. Durch ihn sey dir in Einigkeit des Heiligen Geistes alle Ehre in Ewigkeit. Amen."
Wonnig erschöpft, legte der Alte feine Hände mit dem Gebetbuch auf die Knie. Dann sank auch der Kopf ein wenig herab, und den Blick auf die gefalteten Hände gerichtet, verharrte er mit fernen Gedanken. Durch eine geöffnete Fensterlnke fiel in das Dämmerdunkel der Kirche ein Streifen Sonnenlicht, der, von Weihrauchwolken und Staubatomen durchweht, auf die Stelle ging, wo der Driessenbur saß. So kam es, daß der Blick des Pfarrers, als er den letzten Segen gab, den lächelnd dasitzenden Alten traf, und obzwar er die ganze Gemeinde segnete, so war es doch, als wenn es ihm allein gegolten hätte. Er rührte sich auch nicht, als nach der Messe die Schwiegertochter, ihrer Verabredung gedenkend, die Hand auf seine Schulter legte. Da gewahrte die Frau mit eisigem Schauer, daß er von hier aus still und friedlich aus der Welt fortgegangen war.
Für den Achtzigjährigen ein gesegnete Fest!