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Seite 2 / Nummer 15.

Las die Kirche uns heute vor Augen stellt: das Bild vom Guten Hirten.

Der Heiland selbst hat dieses Bild auf sich an­gewandt in einer Stunde, da er den Pharisäern gegenüberstand. Ein Bild, das dem Hirtenvolke Israel aus seinen heiligen Schriften vertraut war. Oft haben die Propheten es gebraucht, um das Verhältnis Gottes zum auserwählten Volke dar- zustellen. Auch die Führer des Volkes werden in Len alttestamentlichen Schriften häufig mit Hirten verglichen. Freilich gab cs unter ihnen auch mancheschlechte Hirten", die ihres Amtes unwür­dig waren. Diesen gegenüber wiesen die Prophe- ien auf den kommenden, von Gott gesandten Hir­ten, den einenguten Hirten" hin, den Messias. Kein Israelit, der nicht das Wort des Propheten Ezechiel kannte:Ich selbst will der Retter mei­ner Herde sein. Und ich will einen einzigen Hir­ten über sie setzen, der sie weiden soll." (Ezech. 34, 1124). Und nun tritt Christus vor die Phari­säer, vor dieseHirten, die sich selber weiden", und bezeugt von sich: Ich bin jener Hirt, von dem die Propheten sprechen. Nicht irgendein guter Hirt, nein:Ich bin der Gute Hirt".

Es gibt kein schöneres Bild der erbarmenden Erlöserliebe als das vom Hirten, der treusorgend seine schutzlose Herde hütet, sie zu guten Weide­plätzen führt, den verirrten Schafen nachgeht und sie zur Hürde heimträgt, der dem Wolfe, dem Herdenwürger, entgegentritt und ihn unter Ein­sah seines Lebens abwehrt. War nichk das ganze öffentliche Leben Jesu ein solches Hirtenwerk? Ein Weiden der Seelen mit der Wahrheit seiner Lehre, mit der Gnade seines Beispiels und seiner Liebe! Ein Suchen und Heimtragen der verirrten Schafe! Nicht ohne Grund haben seine Feinde ihn einenFreund der Zöllner und Sünder" genannt. Den Zöllner Levi berief er von der Zollbank zum Apostelamt. Bei Zachäus kehrte er ein und ließ sei­nem Hause Heil widerfahren. Die Sünderin Maria Magdalena machte er durch ein Wort seines Er­barmens zur Büßerin, zur Heiligen. Bei der ver­achteten Samariterin am Jakobsbrunnen rastete er und gewann sie zum Glauben. Dem von Zwei­feln zerrissenen Nikodemus widmete er eine ganze Nacht, um seiner suchenden Seele Licht zu brin­gen. Noch in der letzten Stunde seines (Erben- lebens trug der Gute Hirt ein verlorenes Schaf in seine Hürde, den Schächer am Kreuze. Und wie sein Leben ein Weiden und Suchen und Heimfüh- ren war, so war es auch ein einziger Kampf wi­der den großen Herdenwürger der Menschheit, den Satan. Ein Kampf, bei dem er sein Wort wahr gemacht hat:Ich gebe mein Leben für meine Schafe."

Auch heute noch steht die Menschheit in der Hut Les Guten Hirten. Er lebt fort in der Kirche. In Ler großen Hürde, die er errichtet hat, und über der sein sichtbarer Stellvertreter waltet. Seit der Stunde, da Christus zu Petrus sprach:Weide meine Schafe!", ist der Hirtenstab des Guten Hir­ten schwachen Menschenhänden anvertraut; aber diese Hände sind mit göttlicher Kraft gesalbt. In unbestechlicher Treue hüten die Erben Petri in Gemeinschaft mit den Nachfolgern der Apostel seit Jahrhunderten die Herde Christi. Gerade die ge­genwärtige Zeit offenbart uns diese Hirtentreue in bezwingender Weise. Bon hoher Warte aus über­schaut der Hirte in der Ewigen Sladt seine erd­umspannende Hürde. Kein Wolf, der sie umkreist, entgeht seinem wachsamen Auge, und stets erhebt er laut seinen warnenden Hirtenruf, so oft einer dieser Würger in die Herde einzubrechen drohr. Die unerschütterliche Festigkeit, mit der unser Hei­liger Vater in seinen Rundschreiben zu den bren­nenden Zeitfragen Stellung nimmt, gegenüber ei­ner ganzen Welt, voll von Unglauben, sittlicher Zersetzung und sozialer Ungerechtigkeit die Grundsätze des Glaubens und der Sittenlehre Christi verteidigt unb keinen Buchstaben des gött­lichen Gesetzes preisgibt, zwingt auch Nichtkatho­liken zu dem Geständnis, daß er der stärkste Halt der Menschheit in dieser Zeit allgemeiner Auf­lösung ijt. Gleiche Hirtenrufe klingen uns aus den Worten unserer Bischöfe entgegen. Ihre ein­dringlichen Mahnungen, ihre Warnungen, ihre entschiedene Haltung gegenüber gewissen Zeitströ­mungen und Bewegungen mögen manchem Ka­

tholiken zuweilen als hart, ja unduldsam erschei­nen. Aber diese scheinbare Härte ist nichts ande­res als Treue, heilige Jüngertreue gegen Christus und Hirtentreue gegen das ihrer Hut anvertraute Volk. Niemand empfindet es schmerzlicher als sie, wenn einzelne ihrer Schafe sich aus der Hürde verirren, weil sie nicht mehr auf das Hirtenwort hören wollen. Es wäre wahrlich oft leichter für sie, zu schweigen oder Zugeständnisse an die reli­giöse und sittliche Schwäche unseres Geschlechtes zu machen. Aber sie hörten damit auf, gute Hir­ten zu sein, wahre Nachfolger dessen, dem auch einst der Vorwurf gemacht wurde:Diese Rede ist hart; wer kann sie hören?" Und der doch auf solchen Vorwurf nur die eine Antwort hatte: Wollt auch ihr gehen?" Es liegt tiefe Erkenntnis in dem Worte, das der verstorbene Carl Sonnen­schein einmal geschrieben hat:Ich danke dir. Blutter Kirche, daß du hart bist!"

Wir denken zu wenig daran, welche Gnade es für uns bedeutet, in der sicheren Hut der Kirche zu stehen. Zuweilen können da gläubige Nicht­katholiken unsere Lehrer sein mit ihrer tiefen Sehnsucht, aus ihrer religiösen Hilflosigkeit, aus der Zerrissenheit und Führerlosigkeit all der ver­schiedenen Bekenntnisse und Spaltungen sich zur großen Gemeinschaft Christi heimzufinden. So konnte man noch kürzlich in einem Aufsaß, der in einer evangelischen Zeitschrift erschien und sich mit dem Uebertritt eines protestantischen Universitäts­professors zur katholischen Religion befaßte, fol­gendes lesen: DieserSchritt ist ein Symptom für eine tiefe Not inmitten unserer evangelischen Kirche. Es ist die Not um die Gemeinschaft, die hier ihren SOS-Ruf hinaussendet in das Dunkel . . . Hunderte aus der jungen Theologengenera­tion, Taufende vonn schlichten Christen bitten aus ganzem Herzen: Helfen Sie uns in unserer Rot! Zeigen Sie uns den Weg zur einen, wahren, ka­tholischen Kirche!" Der Heimwehruf verirrter Schafe nach dem Schafstall des Guten Hirten!

Wir sind in dieser Hürde geborgen. Seien wir dankbar dafür, indem wir treu zu unseren Hirten stehen in Ehrfurcht, in Gehorsam, in Liebel In einer Ehrfurcht, die nie vergißt, daß sie die berufenen Stellvertreter des Guten Hirten sind. In einem Gehorsam, der sich auch dann bewährt, wenn es gilt, eigenes Meinen und Mögen zu überwinden. In einer Liebe, die um so tiefer wurzelt, je stärker der Haß von außen wider die wachsamen Hüter des Gottesreiches an­stürmt.

Und ?us solcher dankbaren Treue heraus laßt uns auch für unsere irrenden und suchenden Brü­der und Schwestern beten, daß die große Er- 'ösersehnsucht sich erfülle, die stets auch die Sehn­sucht der Weltkirche war: daß einmal ein Hirte und ein Schafstall auf Erden werde!

Der heutige 16. April ein deutscher Schicksalskag.

Gewiß ist das eine politische Entscheidung, vor die wir uns am 10. April gestellt sehen, ja sogar eine der bedeutsamsten politischen Entscheidungen der Rcrchkriegszett. Aber es ist für uns sachlich und ruhig Denkende keine parteipolitische Ent­scheidung, soll und darf es ihrer einzigartigen Be­deutung wegen nicht sein. Die große Staats­politik, die auch für unsere Kirche und die gesamte katholische Weltanschauung von grundsätzlicher Be­deutung ist, darf man indessen auch hier nicht au­ßer acht lassen, als ginge sie uns nichts an.

Wenn Du es für statthaft hältst, die Kandida­tur des jeßigen Herrn Reichspräsidenten von Hin­burg auf eine Stufe mit anderen Kandidaten, etwa mit Hitler oder Thälmann zu stellen, dann gehst Du von einer grundfalschen Vorausseßung aus: die beiden leßteren sind nicht nur die Kan­didaten, sondern ausgesprochene Exponenten und Repräsentanten einer Partei. Ihre Aufstellung schlägt also gerade der Forderung ins Gesicht, die für die Präsidentenwahl eine unerläßliche Vor­ausseßung sein muß, daß das Oberhaupt des Rei­ches über den Parteien stehen und eine überra­gende Führerpersönlichkeit von lauterstem Charak­ter sein muß. Als die Oppositionsführer Hugen­berg und Hitler in gemeinsamen Bemühungen die Ideallösung einer parlamentarischen Amtsverlän­gerung der Reichspräsidentschaft Hindenburg zu Fall brachten, waren sie noch der Hoffnung, der

Generalfeldmarschall werde sich bei diesen Schwie­rigkeiten für eine Volkswahl nicht zur Verfügung stellen. Der selbstlose Wille Hindenburgs, seinen Posten nicht zu verlassen, wenn ihn die Mehrheit des Volkes nicht im Stich läßt, hat die Hoffnungen der Opposition durchkreuzt. So kam es, daß heute ausgesprochene Parteikandidaten mit der Volks­kandidatur Hindenburgs in Konkurenz getreten sind. Wo die charakterliche und sachliche Üeberle- genheit liegt, das hat im übrigen bereits der von den Gegnern Hindenburgs höchst unfair und ge­hässig geführte Wahlkampf bewiesen.

Für jeden, der überhaupt dazu fähig ist, in entscheidenden Momenten das Vaterland über die Partei zu stellen, ist schon mit dieser grundsätz­lichen Feststellung die Haltung am 10. April klar entschieden. Er kann seine Stimme nicht für einen Parteifanatiker abgeben, wenn nicht Deutschland in unsausdenkbare innerpolitische Kämpfe, die leicht das Chaos bedeuten könnten, hineingetrie­ben werden soll. Dabei kann ich es mir hier ganz und gar schenken, auf die weltanschauliche Seite der Parteikämpfe in Deutschland, die in leßter Zeit unglaublich rohe Formen angenommen ha­ben, einzugehen. Es sei nur an Leute wie Lu­dendorff, Rosenberg und Johannes Stark erin­nert. Wenn die Kirche den heutigen Natioalso- zialismus seiner weltanschaulichen Grundeinstel­lung wegen nach wie vor ablehnen und als un­vereinbar mit dem katholischen Gewissen erklären muß, dann ist damit auch selbstverständlich für jeden Katholiken verbindlich ausgesprochen, daß er seine Stimme nicht dem Führer und Verant­wortlichen dieser Bewegung, Adolf Hitler, geben kann.

Wenn es je eines Beweises dafür bedurft hätte, daß wir Katholiken uns auch bei unseren politi­schen Entscheidungen nicht von weltanschaulicher Engherzigkeit, oder gar vonkatholischen Macht­gelüsten" bestimmen lassen, so würde er heute mit unserem Eintreten für Hindenburg unwiderleglich erbracht. Wir haben nie daran gedacht, mit einer bestimmten politischen Linie kirchliche Eroberun­gen zu machen, weil dieser Weg doch nie zum Ziele führen kann. Wohl aber ist es uns Gewis­senspflicht, die PoliM, von der wir uns nicht ausschließen, so zu führen, daß die christliche Welt­anschauung und unsere Kirche als ein entscheiden­der Faktor im Leben unseres Volkes erhalten bleibt und die Freiheit und den Schuß genießt, den sie ihrer kulturellen Mission und Bedeutung nach für sich beanspruchen muß. Daß die welt­anschauliche Zerrissenheit unsere Volkes ein auf­richtiges und freundschaftliches Zusammenarbeiten mit allen gottgläubigen Volksgenossen erfordert, ist von uns immer wieder betont und soweit auf der anderen Seite der gute Wille vorhanden war auch stets durch die Tat bekundet worden. Unser Eintreten für Hindenburg ist ein neuer Be­weis für diese Auffassung und zugleich eine Be­kundung höchsten Vertrauens in die verehcungs- würdige Persönlichkeit des Reichspräsidenten von Hindenburg. Seine Charaktergestalt gehört zu den ganz Großen in unserem Volke. Sie basiert auf unbedingter Gerechtigkeit, grenzenloser Psticht- treue, Lauterkeit und nicht zuleßt auf einer tie­fen ernsten Gottgläubigkeit. Darum wissen wir bei ihm die Freiheiten und den Schuß aller christlichen Kulturbestrebungen in den besten Hän­den. Könnte nicht überhaupt gerade das Treue- verhältnis, das sich zwischen Hindenburg und sei­nem Kanzler Dr. Brüning herausgebildet hat, eine symbolhafte Bedeutung für unser gesamtes Volk haben, über alles Trennende hinweg sich zu ^ge­meinsamem Schaffen in guten und schlechten Ta­gen im Dienste des Vaterlandes die Hände zu rei­chen? Wahrhaftig, es stünde dann manches besser in Deutschland!

Du greifst vielleicht, ohne es Dir zu eigen zu machen, ein Argument der Gegner auf, Hinden­burg sei zu alt. Gewiß, mit 84 Jahren noch an der Spiße Deutschlands zu stehen, ist keine Klei­nigkeit. Aber es kommt nicht auf die Zahl der Jahre allein an, sondern mehr noch auf die Persönlichkeit, die in der Haut des 84jährigen steckt. Hätten etwa die Kreise, die heute mit dem Argument des Al­ters opperieren, ehedem einen Wilhelm I., ber auch an die neunzig heranreichte, in die Wüste ge­schickt, oder wäre Deutschland vielleicht nicht besser gefahren, wenn sich Wilhelm II. nicht von dem alten Bismarck getrennt hätte? Das leichtfertige