Ja zuvor Erdens wiederholte der Priester, Du hast nur noch einige Minuten zu leben. Jesus t so gut und süß, daß er noch die Zeit Demer Brennung von ihm abkürzen will, um in -Lein S)crg u kommen und darin zu wohnen.
Ganz kurz erweckte Pater Franziskus mit der leinen 'sterbenden Erstkommunikantin Glaube, Hoffnung, Liebe, Demut und Verlangen. Unteresten hatten sich die Kinder hinter dem Halbkreis versammelt und leise ein Sakramentslied ange- timmt. Dann schritt Pater Franziskus vom Altare nit dem heiligen Sakramente herab und reichte Ingelina die erste heilige Kommunion, kin Schluchzen heiliger Freude ging durch die Nenge, und auch die Missionare konnten ihre Trä- en nicht mehr zurückhalten.
Die Sterbende schloß die Augen und vergaß hre schrecklichen Schmerzen für einige Augenblicke.
Christinens Mutter merkte, daß Angelinas fräste nachließen. Sie beugte sich vorsichtig über ms Kind und sagte leise: „Lieber kleiner weißer Engel, sag mir bevor Du uns verlässest, daß Du mir neine Grausamkeit und meine schlechte Behand- ung verzeihst."
Angelina wollte sich, zu ihr umwenden, um ihr nit einem Blicke zu antworten, aber diese Bewe- mng vermehrte ihre Schmerzen, und sie legte die Hand in die Seite. „D, wie sie leidet, wie sie lei= iet," schluchzte die Indianerin, „diese Wunde da in ter Seite ist ihr Tod."
„Gepriesen sei Jesus Christus," sagte schwach )ie Sterbende, „seine Seite ist für mich durchbohrt vorden, nun ist meine Seite verwundet aus Liebe ju ihm."
Es trat eine lange Pause ein. Angelinas To- leskampf hatte begonnen.
„Mein Kind," sagte der gute Priester, „bist Du stücklich, hatt Du nichts mehr zu wünschen?"
Ihre Kräfte schienen sich bei diesen Worten ein renig zu beleben, und sie antwortete ganz leise, iber mit einer ziemlich klaren Stimme: „Mein zuter weißer Vater, ich habe nichts mehr zu München, denn ich besitze den lieben Heiland, Jesus Christus."
Dies war ihr letztes Wort. Noch einmal öffnete ie weit die Augen und sank dann mit einem glück- ichen Lächeln auf den Lippen zurück. Ihre reine Seele hatte sich zum himmlischen Vaterlande em- wrgeschwungen.
Jetzt ordnete sich wieder die Prozession, um das Allerheiligste in die Kirche zurückzuführen. Angelinas Gespielinnen trugen den Leichnam auf einer schnell zusammengelegten leichten Bahre in der Prozession mit.
Man legte ihre sterblichen Ueberreste zwei Tage 'päter neben diejenigen ihres alten indianischen Pflegvaters. Jedes Jahr am Tage vor dem Feste les heiligsten Sakramentes schmücken die Kinder des Jndianerdorfes Loreto mit Kränzen von Pas- Üonsblumen, die sie so sehr liebte, ihr Grab, und wenn ein Fremder durch das Dorf kommt, erzählen die Einwohner ihm die Geschichte der kleinen Schneeblume. Gott habe sie eines Tages zu ihnen gesandt, um sie zu lehren, wie süß und liebevoll sich Jesus gegen die Kinder erweist, die seinen heiligen Namen öfters mit Ehrfurcht und Dankbarkeit aussprechen.
Ganz besonders aber haben stets die Kommunionkinder das Andenken Angelinas verehrt. Sie kannten kein besseres Streben, als die musterhafte Vorbereitung der kleinen Märtyerin na-bzuah- men und den Heiland zu bitten, ihnen eine gleiche Liebe zum allerheilkgsten Altarssakramente zu schenken, wie Angelina sie geübt hat.
Gott lätzt seiner nicht spotten.
Einer wirklichen Begebenheit nacherzählt von A. O. Sartorius.
„Kind, das sind ja nur acht Brötchen, und ich gab dir doch Geld für zehn mit!" — „Gewiß, Mutter, ich habe auch zehn Brötchen gekauft, doch als ich aus dem Bäckerladen kam, trat ein alter Mann auf mich zu und bat mich so flehentlich, ich möchte ihm ein Brötchen schenken, da gab ich ihm zwei." — "Du hast recht getan", sprach die Mutter weich, zog ihren lieben Buben an sich und streichelte ihm glücklichem Lächeln das goldblonde Haar. „Wer den Armen gibt, dem dankt Gott tausendfach.'"
Minuten beiderseitigen Schweigens folgten. Der Kuckucksuhr emsiger Pendelschlag erfüllte die Stille, heulend und wimmernd stob der winterliche Sturmwind um das Haus, durch die Gasse, stöhnte im Kamin. Dicke Regentropfen prasselten gegen die Fensterscheiben. Dann und wann die hastigen Schritte eines Menschen, der draußen am Fenster vorbei feinem Ziele zustrebte.
„Mutter", flüsterte der Knabe beklommen, „ich muß noch immer an den alten, armen Mann denken. Weißt du, Mutter, er hatte so seltsame schwarze Augen, die mir Angst machten." — Die Mutter gab keine Erwiderung; trübe Erinnerungen durch die Worte des Söhnchens wachgerufen, stimmten sie traurig. Inniger zog sie ihren Buben an sich.
„Soll er, der Aermste, immer noch keine Ruhe gefunden haben?", fragte sie sich im stillen, und das Herz tat ihr weh. „Eigentümlicherweise mußte ich schon den ganzen Tag an ihn denken. Dieser Alte da draußen, soll er etwa?"--Sie erschauerte. Der naßkalte, seelenbedrückende Wintertag ging zur Neige. Einer Abendglocke wehmütiges Tönen rief zur Andacht. Im Gebirge, an dessen Hang die sangesmüden, sterbenden Wälder lagen, tanzten die Nebelfrauen ihren lautlosen, gespenstigen Neigen. Schwarze, schwere Wolken am Himmelsdom verkündeten eine unwirtliche Nacht.
„Wie seltsam, liebe Mutter! Der Mann dort auf dem Bild sieht dem Alten von vorhin ähnlich!" — Wolfram deutete bei diesen Worten auf ein altes, vergilbtes Bild, das an der gegenüberliegenden Wand hing.
Wiederum vergingen Minuten, in denen Mutter und Kind regungslosem Verharren aneinandergeschmiegt ihren Gedanken nachhingen. Der Knabe hatte nicht bemerkt, daß die Mutter bei seiner letzten Aeußerung zusammengezuckt war, auch vernahm er jetzt das Seufzen nicht, das sich der Brust der stillen Frau entrang. — In wahren Gießbächen stürzte nun der Regen vom Himmel, schlug klatschend gegen die Hauswand, drohte die Gasse zu überschwemmen. Ein Rauschen, Gurgeln und Stöhnen, ein Heulen und Wimmern, als klagte die Erde in Todesnot. Immer tiefer sank die Nacht, schon konnte Wolfram das Ziffernblatt der Kuckucksuhr, deren unermüdlicher Pendelschlag so laut und eindringlich durch die Stille drang, nicht mehr erkennen.
Da fiel eine Träne auf die Wange des Knaben. „Mutter, weinst du? Mutter!" Die Mutter antwortete nicht. „Du bist so still, liebe Mutter! Bitte, erzähle mir doch etwas! Weißt du, etwas, wobei man das Gruseln verspürt!" — „Gut, ich will dir etwas erzählen", sprach die Mutter nach einer Weile. „Zuerst aber will ich das Feuer schüren."
Während die Mutter mit dem Herd beschäftigt war, stand der Kleine am Fenster und drückte das Gesicht gegen die Scheibe. Menschenleer lag die düstere Gasse, in die der Regen rauschte. Am gegenüberliegenden Haus hing eine Laterne, deren Licht jede Sekunde zu erlöschen drohte, so ungestüm stob der Sturmwind einher. Drüben am westlichen Horizont, bogen sich die alten Pappeln unter den grausamen Peitschenhieben des Unwetters.
Nachdem das Herdfeuer feine notwendige Nahrung erhalten hatte, nahm die Mutter ihren Buben wieder auf den Schoß und begann zu erzählen.
*
Vor vielen Jahren — ich war noch ein Kind so jung wie du — da lebte in meiner Heimat ein kaltherziger, herrschsüchtiger Mann. Er bewohnte ein einsam gelegenes Haus an der Landstraße außerhalb des Dorfes, dessen Räume niemand in der ganzen Gegend mit ihm teilen mochte. Ueber all war er gefürchtet. selbst die Mutigsten gingen ihm aus dem Wege. Kein Gesetz, keine Lehre war ihm heilig, er spottete über alles. Er verhöhme den Ortspfarrer, er verhöhnte die Kirche, ja, er spottete sogar Gottes, des allmächtigen Schöpfers. In früheren Jahren hatte er ein braves, ehrbares Weib zur Frau, die ihn oft zum Guten ermahnt hatte. Als sie ihm jedoch eines Tages seines Hochmutes und seiner Spottsucht wegen auch wieder Vorwürfe machte, mißhandelte er sie und trieb sie samt dem einzigen Töchterchen aus dem Hauss, das er seitdem allein bewohnte. Ein bissiger Kettenhund am Toreingang verwehrte jedem Menschen den Zutritt ins Haus.
Furcht kannte der eigensinnige Mann keines-
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wegs. So ging er seine gewohnten Wege auch in der dunkelsten, unheimlichsten Nacht. Er war Holzhändler und mußte, um am nächsten Morgen frühzeitig auf dem Markt zu sein, schon oft um Mitternacht von zu Hause aufbrechen. Rücksichtslos, wie er war, klopfte er dann oft den ersten besten Bauern aus dem Bett und verlangte seinen Trunk. Wehe dem, der sich da nicht willig gezeigt hätte! Er wollte Herr sein, er allein!
Doch in einer Nacht sollte ihn sein Schicksal erreichen. Er befand sich auf dem Marsch in ein weit entferntes, abgelegenes Dorf. In einem Gasthof machte er für kurze Dauer Rast. Der Wirt, ein guter Mensch, wollte ihn dazu bewegen, die Nacht bei ihm im Hause zu verbringen; denn es wütete ein Unwetter, wie man es seit Menschengedenken nicht mehr gekannt hatte. Der Holzhändler aber beschimpfte den Wirt noch: er sei ein nichtswürdiger Feigling und ängstlich wie ein Frauenzimmer. „Mir kann keiner etwas anhaben!" schrie er und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die Gläser klirrten. Die anwesenden Gäste getrauten sich nicht, ein Wort der Widerrede zu äußern; stumm saßen sie da, und wenn ein Blitz vom nachtschwarzen Firmament zur Erde niederfuhr, machten sie in Demut das Kreuzzeichen. Und gerade dieses Bekreuzigen der demütigen, gottesfürchtigen! Männer um ihn her brachte den Holzhändler außer Fassung: „O, ihr armseligen Menschen!" brüllte er wutentbrannt „O, ihr bedauernswerten Duckmäuser und Feiglinge! Hier schaut m i ch an! Ha, ich fange nicht wie ein feiger Hund zu winseln an, wenn der Donner ein bißchen rollt, oder ein Blitz ausleuchtet. Ich fürchte mich vor nichts und beuge mich vor keinem! Ja, ich fürchte weder Gott noch den Teufel in der Hölle! Ich bin mir selber mein Gott! I ch bin Herr!" Bei diesen letzten Worten nahm er Hut und Stock und polterte hinaus in die schwarze, regenschwere Gewitternachk.
An einem der darauffolgenden Abende — vier Tage später etwa — saßen die gleichen Gäste in der nämlichen Wirtsä,aft; keiner von ihnen sprach ein Wort, ein jeder hing seinen Gedanken nach. Der Wirt lehnte verschlafen am Schanktisch. Draußen rauschte der Regen — genau wie heute abend' — in Strömen hernieder; seit jenem fürchterlichen Gewitter hatte er noch nicht nachgelassen. Die Menschen sprachen bereits von einer bevorstehenden Sintflut; man glaubte, das Ende der Welt sei nahe.
Plötzlich wurde die Tür aufgestoßen und herein taumelte der Holzhändler. Wirt und Gäste stießen Schreie des Entsetzens aus; denn der Anblick, den der scheinbar Betrunkene bot, war grauenerregend. Gebrochen und zerrüttet, schleppte sich der einst so starke und stolze Mann herein; sein schwerer Körper bebte vor seelischer Erschütterung. Und fein Antlitz! Diese furchtentstellten Augen, diese fast mr Unkenntlichkeit verzerrten Züge? Und was das Erschütterndste war: fein vor einigen Tagen noch tiefschwarzes Haar war in der kurzen Zeit schneeweiß geworden!
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Hier hielt die Mutter im Erzählen inne; war es ihr doch, als habe sie Schritte im Hausflur vernommen Aber sie schien sich getäuscht zu haben und fuhr im Erzählen fort:
Der Holzhändler war auf einen Stuhl gesunken, und als die anwesenden Gäste sahen, daß der an Leib und Seele Gebrochene kaum noch imstande war, den Oberkörper aufrecht zu halten und jeden Augenblick zur Erde zu fallen drohte, eilten sie ihm zu Hilfe, und er ließ es willenlos geschehen, daß man ihn in ein Gemach trug, wo man ihn auf ein weiches Lager bettete. Geraume Zeit lag er wie tot, mit halboffenem Munde, die Augen geschlossen, kein Glied rührend.
Mit einmal entrang sich ein röchelnder Schrei seiner Brust, aufbäumte sich sein schwerer Körper, fiel wieder kraftlos auf das Lager zurück. Dabei hatte er die Augen starr geöffnet; Angst, Grauen und Entsetzen spiegelten sich darin. „Nein, nein!" stöhnte er. „Nein, nicht doch! Barmherziger Gott, sei mir gnädig!" Dann kam wieder Ruhe über ihn. Kraftlos sanken seine großen, schweren Hände auf die Brust, die Augen schlossen sich wieder, und abermals lag er wie leblos da.
„Jetzt bin ich so müde", lispelte er nach einer Weile. „So müde, und ich darf doch nicht ruhen.