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Gottverkrsuen.
Das Evangelium führt uns an das Nordgestade des. Galiläischen Meeres. Die Kunde von Jesu wunderbaren Krankenheilungen hat sich im ganzen Lande verbreitet, und gewaltige Scharen folgen ihm. Sie wollen ihn sehen, wollen seine Worte hören. Immer stärker regt sich in ihnen die Hof,- nung, daß er der verheißene Messias sei. Und diese Hoffnung läßt sie Speise und Trank vergessen. Sie haben nur den einen Wunsch, bei ihm zu sein und Gewißheit der Erfüllung ihrer Sehnsucht zu fin- den. Es wird Abend, und noch immer lagern Tausende am Hange des Berges, auf dem Jesus sich nicberqelaffen hat. Da schweift der Blick des Heilandes erbarmungsvoll über die Scharen hin. Er weiß um ihre Seelennot, die sie bei ihm ausharren läßt. Aber er sieht auch, wie müde und hungrig diese armen Menschen sind, die so sehnsüchtig und vertrauensvoll zu ihm aufschauen. Er weiß, daß manche ohne leibliche Stärkung kaum mehr im- staude sind, den weiten Weg nach Hause zu wandern. Da erfaßte inniges Mitleid das Heilandsher, z. Nicht umsonst sollen sie ihm vertraut haben, nicht unbelohnt sollen sie um ihrer Seele willen die Notdurft des Leibes außer acht gelassen haben Er will ihnen helfen.
Wie packend muß die nun folgende Szene genesen sein, die unser Evangelium nur mit kurzen Worten andeutet! Wie Jesus die vorhandenen fünf Brote und zwei Fische nimmt, sie segnet und dann die Jünger auffordert, sie auszuteilen-, wie das Volk verständnislos diesem Beginnen zusieht; wie die Jünger, zuerst auch ohne Verstehen, aber gehorsam den Auftrag des Meisters ausführen; wie sie Brot um Brot, Fisch um Fisch zerteilen und den Hungernden reichen, immer wieder, Hunderten, Tausenden, und wie die Brote und Fische dennoch in ihren vor innerer Erregung zitternden Händen nicht abnehmen: wie es allmählich in der Menge still wird, wie sie starrt, staunt, nicht begreift und schließlich erkennt: ein Wunder ein großes, unfaßbares Wunder! Und wie dann eine liefe Bewegung durch die Scharen geht, wie laut und lauter der Ruf anschwillt: Das ist wahrhaft der Prophet, der Erwartete, der Messias!
Und der Heiland selbst! Wir können ihn uns wohl vorstellen, wie er währenddessen tief in Schweigen versunken oben auf dem Berggipfel fitzt, und wie fein geistiges Auge bereits ein anderes Bild schaut: die stille Feier im Abendmahls- faal, da er wiederum Brot in seine Hände nehmen, es segnen, brechen und seinen Jüngern reichen wird. Und ihnen wiederum den Auftrag geben wird, es den hungernden Menschen weiterzureichen — immerfort!
Das Bild des Heilandes, der den hungernden Menschen Brot sp-endet, sollten wir gerade in der jetzigen Zeit uns tief in die Seele prägen. Es lehrt uns zunächst Gottvertrauen. Wie jene Tausende in der Wüste ohne Speise weilten und ohne Aussicht, Speise zu erhalten, so gehen heute ungezählte Millionen, denen das Leben zu einer großen Wüste geworden ist, ihren harten Weg, ohne zu wissen, woher sie morgen Brot für sich und ihre Kinder nehmen sollen. Kein Zweifel: Vielen Menschen fällt es heute schwer, nicht an allem zu verzweifeln, auch an Gottes Vaterliebe. Aber gerade in solchen Zeiten härtester Prüfung tut uns allen ein starkes Gottvertrauen besonders not. Des Heilands Herz, das sich damals des hungernden Volkes erbarmte, schlägt auch heute noch in derselben Liebe zu uns. Auch heute noch gilt das Wort des Apostels: „Wir haben keinen Hohenpriester der nicht mitfühlte mit unserer Schwache." Wenn auch die Prüfung dieser Jahre für manche fall über Menschenkraft geht, wenn sie auch endlos lang erscheint, so wird sie uns doch schließlich zum Segen werden, wenn wir alle nur das tiefe Vertrauen auf unsern himmlischen Vater bewahren, dessen Ratschlüsse oft unersorschlich sind, der aber immer für diejenigen, die ihn lieben, alles zum Besten lenkt. Um die Kraft zu solchem Vertrauen wollen wir für uns und für unsere Brüder beten, sooft wir die Vaterunserbitte sprechen: „Unser täglich Brot gibt uns heute!"
Die Versuchung.
Von Meta Kurz.
In seiner Kammer stand der Bachleitner Christi und beguckte sich aufmerksam im Wandspiegel, denn dieses Prunkstück wies die sonst recht dürftige Kam mer auf. „Ja — sehr genau beguckte er sich: so sah ein „rassiger Kerl" aus! Das hatte nämlich der fremde Skifahrer gesagt, der drunten beim Bauern auf der Ofenbank lag. Mit bandagiertem Fuße. Knöchelbruch Das dauerte ein Weilchen. Ski fuhr der so schnell nicht mehr. Und wenn ihn der Christl nicht draußen gefunden und nach hier geschleppt hätte, so wäre er wahrscheinlich erfroren. • Auf dem besten Wege dazu war er. War keine leichte Arbeit mit dem großen schweren Herrn den Berg herunter, aber er hatte es geschafft Na ja — wenn man ein rassiger Ker! ist! Der Christl hing den Spiegel wieder an die Wand, schade daß er so klein war. Nachdenklich schaut er durchs Fenster, viel haben die Eisblumen nicht davon frei gelassen. War schon ein rechtes Kreuz mit dem
Ler verlorene Sohn.
Die Well hat dich belogen. Die lockend dich gezogen In ihren Rausch der Lust. Wo suchst du nun Erbarmen, Da sie dich ließ verarmen Und du jetzt darben mußt?
Wie tief du auch gesunken, Wom Wein der Lüste trunken. Den dir die Fremde bot. Wie groß auch deine Schande, Wie dürftig die Gewände, Wie nahe dir der Tod;
Dein Vater sieht dein Gramen Und wird sich dein' nicht schämen, Dich nicht mit Fluch bedrohn; Er tritt mit offnen Armen Entgegen voll Erbarmen Dem tief gefall nen Sohn.
Vertraue seiner Treue
Und schütt' in Scham und Reue Dein sündig' Herz ihm aus; Bei ihm ist viel Vergeben, Er führt zu neuem Leben Sein Kind ins Vaterhaus.
Iulius Sturm.
Wetter in diesem Jahr. Jetzt, wo's auf den März zu ging, noch einen Schnee bis unterm Hausdach. Aber jeden Tag konnte der Föhn kommen, dann war's aus mit der Herrlichkeit. Grausam lang ist so ein Be^--' ‘nr — aber wenn's keinen Schnee gibt, formn ..ne Skifahrer. Freilich, solche wie ter Fremde unten, sind selten. Rein aus dem Häuschen war es mit dem Christl. Einen schwindelnd hohen Geldbetrag hatte er seinem Lebensretter geschenkt. Herrgott — Saren, so ein Geld' In seinen ganzen 25 Jahren hat der Christl noch nicht soviel beisammen gesehen. Was man damit alles anfangen tonnte! Als erstes mal dem Bauern aufsagen, Knecht zu sein braucht er schon nimmer. Jetzt kann er die Schulden ablösen, die auf seinem Vatergütchen liegen, kann die alten Eltern entlasten und später sogar ein paar Sommergäste nehmen. Jawohl, die obere Stube baut er aus und einen Schrank stellt er hinein mit einem Spiegel, darin man sich mal von Kopf bis zum Fuß sehen kann! Aber was hat der Fremde zu ihm gefegt? Schade wär's um ihn, daß er sich in solch eine Einöde vergräbt, wo's im April noch Schnee hat und im Oktober schon wieder. Freilich. der weiß ja nichts von der Herrlichkeit eines Alpensommers, vom Tannenrauschen und dem Zauber der Bergwelt, die feine Heimat ist . . aber trotzdem, durch den Kopf wird er sich sein Anerbieten schon gehen lassen
„Christl, Christl", riß ihn die Stimme der Bäuerin aus seinem Träumen, „du sollst abi kommen zum Herrn Professor!" Denn ein gesuchter Chirurg war der Fremde. Hatte eine große Klinik zu Hause, viel Arbeit, Hetze und jetzt so ein Pech dazu. Mit Mühe hatte er den gewünschten Vertreter gefunden, um für einige Wochen in die Berge fahren zu können, und da mußte er sich schon am dritten Tag den Fuß brechen Aber er wollte trotzdem hier bleiben, der Bauer hatte Platz, und die absolute Ruhe war vielleicht das Beste für ihn. Der Christ! konnte seine Pflege übernehmen, konnte alles Nötige besorgen, denn der Bursche fuhr ja Ski, als ob er damit auf die Welt gekommen wäre. „Ja, den Christl lasse ich nimmer los, das ist wirklich Rasse! Was kriegt unsereiner oft für minderwertiges Zeug unter die Finger — werde ich also die Heilung hier abwarten und ein bißchen die Volksseele studieren . . ." sagte sich der Patient. Aber die Volksseele ist ein sprödes Ding, sie will erwartet, nicht erobert sein, und dazu hatte der Herr Professor keine Geduld. Nach einigen Tagen, als die Schmerzen nachließen, war es ihm schon zu langweilig.
„Warum haben sie kein Radio, der Anschluß wäre doch nicht schwer?" fragte er den Bauern.
„Brauchen wir kans!" meinte der lakonisch.
„Und wenn ich Ihnen auf meine Kosten eins herstellen lasse?"
„Ja, dann — dann sag i halt: „Vergelts Gottl^ lachte der Bauer.
Der Christl wurde eilends zu Tal geschickt und hat feine Aufträge aufs beste erledigt.
Am nächsten Sonntag war ein Schneefall, daß es vor den Fenstern wie ein weißer windbewegter Vorhang hing, keinen Schritt weit konnte man sehen. „Heut kann kai Mensch in die Kirchen", sagte der Bauer, „so schneits scho seit gestern, 's wär direkt lebensgefährlich."
„Kommen Sie herein und hören Sie wenigstens im Radio die Morgenfeier", meinte der Professor. In der halbdunklen Wohnstube saßen sie dann beisammen und hörten andächtig dem fernen Gottesdienste zu. Da schellt es zur Wandlung und alles fällt auf die Knie. Nachdenklich schaut der Professor über die gesenkten Köpfe. ein Ahnen faßt ihn, wieviel diese einfachen gläubigen Menschen voraus haben vor ihm, dem reichen beneideten Manne. Kein Geheimnis des menschlichen Körpers ist unter seinem Messer verborgen geblieben, aber eines, den Ursprung des Lebens, den göttlichen Funken, den wir Seele nennen — den hat er nicht gefunden. Denn dazu gehörten die Augen eines Gläubigen.
Später, als er mit dem Christl allein ist, fragte er ihn: „Sucht ihr denn nie nach Beweisen für das, was ihr glaubt?"
„Beweise", meint der Christi erstaunt, „na, Beweise brauchts da kane, das sind lauter alte Wahrheiten, da zweifelt niemand dran."
Lauter alte Wahrheiten — zum ersten Male kamen dem Manne Zweifel, ob er auch recht daran täte, diesen Menschen aus dem Erdreich zu reißen, darin er tief verwurzelt ist, als er selbst weiß. Wie der Versucher kam er sich vor, der mit den Herrlichkeiten der Welt blenden will, von denen er doch genau weiß, wie hohl sie sind, wie sie den Menschen um Glück und Glauben betrügen.
„Aber wenn S i e Beweise brauchen", meint jetzt der Christl, „da kann ich Ihnen Rat geb'n. Drunten in Mariazell is a alter Pfarrer, a ganz g'lehr- ter Herr, Doktor is er a. Nächstens, wenn der Schnee g'ringer is, hält er uns wieder a Messen in der Waldkapell — den müssen S' fragen, der kann Ihnen alles ausdeuten."
„Meinen Sie?" lächelte der Professor; es war sein altes skeptisches Lächeln.
Die Tage gingen hin, gleichförmig und ruhig. Doch der Schnee hatte jetzt eine graue Farbe und war merklich eingesunken. In den Bergen murrte es, der Föhn war nahe. Der Professor war jetzt öfter im Freien. Wenn er auch noch hinkte bis zur Waldkapelle wagte er sich schon. Er rief dem Christl, der den winterlich kahlen Raum mit Tannengrün schmückte, einen scherzhaften Gruß zu. Aber der tosende Wildbach verschlang fein Worte.
Am nächsten Sonntag ftjeg der Pfarrer von Mariazell herauf, in der Hand den braunen polierten Holzkasten, der Kelch und Hostien barg, denn nach altem Brauche ging auch jeder zur Kommunion. Zu der Messe im Kapellchen blies der Föhn-