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Seite 12 / Nummer 6.

auf dem Wege dahin? Nun seufzte sie noch trost- koser. Es war doch so schön gewesen all die Tage, und nun sollte alles aus sein? Und nur deshalb, weil sie um 12 Uhr Schluß machen wollte und es ihrem Kavalier dem Franz, sagte? Er hatte sie dann doch beredet, dazubleiben und sie hatte sich gegen ihren Willen und den der Mutter gefügt. Und das war ihm noch nicht genug. Der Burtche fragte beim Abschied dringend und lauernd- Und wo tanzen wir morgen, Helenchen?" Ihre Stimme zitterte, und fliegende Röte kündete ihre Erregung, aber sie hatte doch möglichst fest geantwortet: „3ri/ tanze weder morgen noch sonst in der Fastenzeit."

Da gab es ein grimmiges Schweigen, dem ein Locken und allerlei Versprechungen folgten, und als sie bei ihrem Willen beharrte, böse und stechende Worte: „Wenn sie so töricht wäre, sönne sie sich, nachdem sie ausgebetet und ausgefastet, einen an­deren suchen, er danke für Betschwestern und ihres­gleichen." So ging es hin und her, bis das ge­peinigte Mädchen diesem Gespräch in die Garde­robe entfloh, und von dort, als sich die Mäntel lichteten, mit ihrem Zeug in diesen Raum. Daß der Franz sie einfach mit den vergangenen Stun­den wegwarf, war chr bitter. Hätte sie sich seinem Willen gefügt, wäre er lieb wie bisher geblieben und sie stände nicht allein in diesem ekelhaften, Saal nnd hätte keine verweinten Augen. Was hatte sie nun eigentlich von ihrem Bravsein? Die Mutter würde doch schelten, weil sie über die Zeit geblieben. Ihr Kleidchen war zerknüllt, ihr Gesicht verheult und schmutzig, und ihr Herz klopfte, daß es weh tat. — Mit Schrecken merkte sie, daß es draußen anfing hell zu werden. Sie mußte nach Hause. — Ganz schwer wateten ihre kleinen wei­ßen Schuhe durch den Schneeschmutz. Die Morgen­luft durchkältete ihre Glieder, aber das war alles nichts gegen die trüben Gedanken. — Was für ein verworrenes Leben führte sie in letzter Zeit? War es nicht am Ende gut, daß sie auf diese Weise vom Tanzboden herunterkam? Die Mutter hatte im­mer so traurig geblickt, wenn sie fortging, und mr sehend, wenn sie am Morgen erzählte. Oft hatte sie nach dem Franz gefragt, nach seinem Beruf und den Möglichkeiten für ihre gemeinsame Zukunft. Helene hatte dann nie mit lauterem Herzen zu­stimmen können. Die Mutier merkte das und schwieg bekümmert.

Sie war am Haus. Die Tür öffnete sich die Mutter trat heraus und blickte suchend die Straße entlang. Helene duckte sich im Schatten, bis die liebe Gestalt nach der Kirche zu verschwand. Dann schlüpfte sie hinein, vertauschte ihr zerknülltes Maskenkleid mit einem Alltagsgewand, wusch ihre Augen und den Puder vom Gesicht und eilte gleich­falls zur Kirche. Ein großes Verlangen war auf einmal in ihr nach dem Aschenkreuz. Es übertönte im Augenblick allen erlebten Schmerz und die Ent­täuschung der Nacht und ließ sie fast glücklick sein, als sie die Mutter entdeckte, wie auch sie gerade zum Altare ging.

Konnten Menschenaugen so beruhigt, glücklich blicken, als es die der Mutter unterer kleinen Nachtwandlerin taten, wie sie ihr Kind neben sich sah? Helene fand in diesem Blick alles, was die Gute um ihretwillen gelitten, was sie gebetet, was sie geopfert Nun war es belohnt worden! Und dasselbe Mädchen, das eine Stunde früher ver­zweifelt in dem verwüsteten Saal gekauert, ein Haufen Elend, kniete setzt beruhigt da. Ein neuer Weg tat sich vor ihr auf. Das Aschenkreuz hatte ihn gewiesen. Er würde etwas stiller sein, aber sie fühlte sich aus ihm in Gottes und der Mutter Hut.

Der Kapuzineresel.

Von Fritz Scholl.

Ein hochgewachsener, unauffällig-vornehm ge­kleideter Mann, blond, mit hellgrauen Augen, seit kurzem Gesandter beim römischen Stuhl, und sein französischer Kollege, ein braunhäutioer Gascogner, standen auf den Zinnen des Kapitols und horchien auf das vieltausendfache Stimmengewirr der gro­ßen Stadt zu ihren Füßen, das gerade noch als ruhiger Gesamtton zu ihnen heraufflüsterte.

„Eigentlich ist es einerlei, ob man vom Tower in London, von Not re Dame in Paris, vom römi­

schen Kapitol oder von sonstwo auf die Massen her­absieht, immer hört man dasselbe Geschrei dessel­ben Pöbels im selben Unrat. Als Mann von Stand kann man sich wirklich nur außerhalb solcher Men­schentümpel aufhalten oder darüber", meinte der Engländer. Da ertönte ein Glockenzeichen und so­fort erhob sich der leise Ton von unten zu brau­senden Wellen, aus denen ab und zu einzelne Freudenschreie gleichsam aufspritzten.

„Was ist denn das?" fragte der Engländer erstaunt.

„Der Karneval hat begonnen", belehrte chn der Franzose. „Rom bereiter sich auf den Ascher­mittwoch vor, und heute ist alles erlaubt: Irrsinn, Blödsinn, Tollheit — was Sie wollen —, nur nichts Echtes darf dazwischen kommen, es fei denn Frohsinn. Kommen Sie mit, Baron, wir wollen uns auch ein wenig amüsieren."

„In dem Schmutz —?"

„Ach was Schmutz! — auch darin fault kein Goldkern . . .' Kommen Sie mit, Sie werden

mancherlei finden, was

fen ist." „Gut.

in London nicht anzutref-

Kaum betraten die beiden die ersten Straßen der Stadt, da wurden sie auch schon von einem Dutzend Burschen in Frauenkleidern und ebenso vielen Mädchen in B schenhosen umringt: kleine Staubbesen fuhren .in unter die Nasen, Wol­ken von Confetti hüllten sie ein — lln Ing e e!" — „Un Pazzo!" (Narr) schrie alles durcl>einan- der und immer größer wurde der Maskenhaufen um sie. Der Franzose gab sich redlich Mühe, sei­nen Neuling frei zu bekommen, aber es wäre ihm schwerlich gelungen, wenn nicht gerade berittene Stadtsoldaten die Straßen geräumt hätten: das Wettrennen begann und zog die Aufmerksamkeit der Menge auf sich. Dann brausten die Pferde vorüber, hinter ihnen schloß sich der wilde Masken- trubel wieder zum Chaos, und sofort tutete ein weiblicher Pulcinell dem Engländer mit einem rie­sigen Horn dermaßen ins Ohr, daß er eilig in einem Hausgang Deckung suchte. Aber da emp­fingen ihn etliche Stallknechte und glätteten ihm die Unmutsfalten mit großen Pferdestriegeln von Stirn und Gesicht und was sonst noch an ihm war. Die Knechte schlug dann ein Rechtsgelehrter im langen Talar mit dem corpus juris in die Flucht und hielt eine Verteidigungsrede für den Englän­der ans Volk, aber plötzlich brach er ab — Deo gratias! Deo gratias!" schallte eine fröhliche Stimme: ein Kapuzinerbruder wurde von der Menge dahergeschoben und suchte auch in dem Hausgang Zuflucht. „Platz, mein lieber Herr, Platz für den Kapuzineresel!" rief er den Englän­der an Der war nun auch schon ein wenig auf­getaut und fragte lustig: „Wo hast du denn deinen Esel, Bruder Bettelsack" — „Der bin ich selber, lieber Herr!" war die ebenso lustig gegebene Ant­wort. Rasch warf der Mönch nun seinen Sack ab, schnürte ihn auf, steckte bittend beide Hände aus und von allen Seiten wurden ihm Orangen. Man­deln und Früchte aller Art gereicht, die er im Sack verschwinden ließ. „Eine originelle Maske!" meinte der Engländer zu seinem Begleiter. Aber der zuckte die Achseln: „Kaum. Religiöse Masken sind verboten. Da wird etwas Echtes untergelaufen sein." — „Unmöglich! Dann würde er doch keine solche Spässe machen." — „Geben Sie ihm ein­mal einen Soldo." Der Engländer tat es, aber der Mönch schob die Hand mit dem Geldstück sanft bei Seite: „Deo gratis!" rief er dem Engländer freundlich zu und: „Bravo, Esel!" — „Bravo. Deo gratias!" rief alles um ihn herum, und nun schneite es geradezu Früchte. „Sehen Sie, Baron" sagte der Franzose, „der ist doch echt." — „Echt —9 Wir wollen es einmal etwas eindringlicher ver­suchen", meinte der Engländer und warf einen Goldscudo in den Sack. Der Mönch hatte den Wurf anscheinend nicht bemerkt und füllte feinen Sack weiter ein. Endlich aber band er ihn zu und warf ihn über die Schulter: „Deo gratias, Signori, Deo gratias! — Bitte ein wenig Platz für den Kapuzineresel!" rief er und wollte weiter, aber er kam nur ein paar Schritte weit. — „Warum ist denn der Sack heute gar so schwer?" murmelte er und blieb stehen. Dann warf er die Last ab und leerte aus: Frucht um Frucht legte er neben sich, und ganz zuletzt blinkte ihm der Goldscudo entge­gen. Da nahm er seinen Sack zusammen, ging zur Straßenrinne, dahin, wo der Morast am tief­

sten war, und schüttelte das Goldstück hinein. — „Deo gratis!" rief der heilige Felix von Canta- lice dem Engländer freundlich zu.

Nach Damaskus.

Erzählung von Friedrich Franz Goldau. ,

Bei dem geistlichen Rektor einer Notkirche einer rheinischen Vorstadt, in der rote Agitatoren jedes erdenkliche Mittel brauchten, der Kirche die Gläu­bigen abzuwenden, erschien eine junge, gebildete Frau. Sie hatte die dreißig noch nicht erreicht, trug aber die Runen des Grams in ihren sonst feinen Zügen. Offenbar hatte dieser Gang einige Ueber­windung gekostet. Mehr flüsternd als sprechend be­stellte sie eine heilige Messe in besonderer Angele­genheit und bat anschließend: „Bitte, beten Sie für meinen Mann und mich."

Der von dem Erscheinen dieser Frau überraschte Geistliche lud sie ein, Platz zu nehmen, sagte, er habe in jedem Jahre besonders an sie und ihren Mann gedacht, wenn er in der Fronleichnamspro- zefsion den Heiland an ihrem Hause vorüber ge­tragen habe und fragte milde: „Sie waren seit Jahren nicht mehr in der Kirche, Frau Paul?"

Die junge Frau zögerte, Platz zu nehmen. Sie wolle sich nicht lange âufhalten, bejahte die Frage unb setzte hinzu, sie habe eine schwere Schuld zu sühnen. „Wenn ich nicht beten lerne, verliere ich meinen Mann!"

„Wenn das Haus der Ehe nicht auf dem Fel­sen Gottes steht . . .!"

Frau Paul schluchzte: „Wir glaubten damals, daß es so sei. Sie werden meine Verhältnisse ken­nen, Herr Rektor. In diesem Vororte spricht sich ja alles herum. Ich habe einen herben Kummer neun Monate schweigend ertragen. Jetzt wird mir die Last unerträglich Und wenn Gott nicht hilft . .! Mein Mann steht vor der Entlassung und will nicht heimkommen. O, es ist furchtbar!"

In dem Gesicht des Geistlichen erschien der gü- tigmilde, zugleich auch Trost spendende Ausdruck des verstehenden und verzeihenden Vaters. Diesen Weg hätte er dem jungen Paare, das von ihm vor sechs Jahren den Segen der Kirche empfing, vor­aussagen können. Frau Paul, damals Junglehrerin, hatte trotz vieler Warnungen ihr Herz an einen unreifen Idealisten gehängt, der das Heil der Welt in sozialistischen Ideen glaubte. Paul war als Mensch ein gärender Wein. Der mußte, um gut zu werden, in die Kur des Küfermeisters. Dann brauchte er Zeit, um abzuklären zu kristallreiner Helle. Dem widersetzte sich aber der junge Stür­mer. Er überflutete die Zeitungen mit Ergüssen seines humanen, die ganze Welt veredeln wollen­den unreifen Geistes, vergaß das' Gehirn in den Menschen köpfen, auch die Weisheit, die aufbaut, aber nicht zerbricht und strandete an sich selbst, weil er jede wohlwollende Kritik der Reifen und Er­fahrenen als Bosheit, oder rückständige Dummheit nahm. In dieser jungen Ehe konnten die Gegensätze und die Not nicht ausbleiben. So war Paul all­mählich ein Feind jeglicher Tradition und Kon­vention geworden und endlich mußte er als roter Frontkämpfer ins Gefängnis. Der Tag feiner Ent­lassung stand bevor- Er wollte nicht zu seiner Frau heimkommen. Fürchtete er das Gerede? Oder war der Haßfunke jetzt Flamme in ihm geworden? „Liebe Frau Paul", sagte der Priester, „es wird nid)t leicht sein, Ihren Mann aus den Irrungen herauszuführen. Verzagen Sie aber nicht. Ich hoffe doch, daß er wenigstens zu Ihnen zurückkom­men wird und werde für Sie beten. Tun Sie es auch." Er öffnete ihr, weil sie gehen wollte, die Tür und drückte ihr marin die Rechte

Frau Paul mufÜe an der kleinen Kapelle vor­über. Hier hatte sie vor sechs Jahren mit ihrem Hermann gekniet. Jetzt schämte sie sich, die Augen aufzuschlagen. Dieses kleine Gotteshaus klagte sie an: „Du hättest diesen Menschen, der im Kerne gesund und edel war, in Liebe führen sollen. Wärest du ihm standhaft vorangegangen, er wär nicht ge­fallen. Du weißt doch, das Frauenherz läßt die Welt erfrieren, wenn es erkaltet. Aber als dein Vater wortbrüchig wurde an deinem Mann und dein Mann durch diesen Stein des Anstoßes deine Kirche eine Brutstätte der Heuchler nannte und über dich lachte, wenn du zur heiligen Messe gingst, da fürchtetest du, deinen Mann verlieren zu können und übertratest die kirchlichen Gebote. Eleonore! Verlörest du deinen Mann jetzt nicht erst recht? Wäre er von dir gegangen, wenn du standhaft ge­blieben wärest? Nein, Eleonore, er hatte dich auf­richtig lieb. Aber du wurdest ihm ein zweiter S ein