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Seife 12 / Nummer 3.

Eigentlich ist die Geschichte nun zu Ende.

Ader über Matthias Oberthür, den entlassenen Strafgefangenen, sollen noch einige Worte gesagt werden.

Merkwürdigerweise hat sich alles erfüllt, was dem Manne in dem Schneetreiben auf der Landstraße ge­träumt hat.

Im rauschenden Walde und im weiten grünen Felde ist er jetzt zu Hause. Dort wirkt und schafft er, und sein Gesicht ist wetterfest und sonnverbrannt.

In harter Winterzeit, wenn Weg und Steg vom <ëdjnee bedeckt sind und die Tiere des Waldes große Not leiden, — dann füttert er die schlanken Rehe und freut sich, wenn die scheuen Tiere zutraulich zu ihm herankommen.

So ist sein Leben ein wirklich schönes und zufriede­nes geworden.

Der Förster, der ihm zwar ein wortkarger aber ge­rechter Vorgesetzter ist, hat ihn nie wieder an sein Ver­gehen gemahnt.

Denn in derselben Nacht, in der Petermann zur Er­kenntnis gekommen ist, hat er, der strenge alte Mann, auch eingesehen, daß wir nicht nur diensteifrig und pflichtgetreu — sondern auch barmherzig sein sollen!

Gesühnt.

Ueber dem Dorf schwebt ein Brodem. Ein unsicht­bares Etwas; mit schwarzen schweren Flügeln hockt auf den niedrigen Strohdächern. Es geht um im Dorf, sieht in die niedrigen Fenster, klopft an die blinden Scheiben, rührt das Elöcklein im Turm, bis es wimmert. Es spricht den Leuten aus den gelben Gesichtern, sieht ihnen aus den tiefliegenden Augen, tippt ihnen an die Schlä­fen, daß sie stehen und hämmern.

Im Dorf ist das Sterben. Der Typhus wütet. Vor wenigen Tagen noch klangen in den Feldern Sichel und Senfe, doch jetzt ist alles öd und still.

Ueber Nacht war er gekommen, der grausige Würg­engel. Ein altes, armseliges Gefährt, von einem mü­den Gaul gezogen, wackelte über die holperigen Dorf­straßen. Aus den Fenstern sahen die rotblauen Feder­betten und vorn in der niedrigen Wagentür hockte ein Mann, der die Zügel in der Hand hatte und den Tod im Herzen. Ueber den Anger schwankte das Gefährt, an der alten, ehrwürdigen Kirche vorbei, bis hin zum äu­ßersten Ende des Friedhofes, weit draußen vor dem Dorf. Ueber den Feldern lag bereits das tiefe, fried­volle Dunkel der Nacht, als sie dort ankamen. Mutter Vlada brachte einige Decken aus dem Wagen heraus, um ihren beiden Lieblingen, dem schwarzhaarigen Theo und der kleinen Grete draußen unter Gottes freiem Himmel ein Nachtlager zu bereiten. Ja, ein echtes Pustakind mußte schon von kleinauf lernen, daß es nur die Erde hatte als Ruhekissen und den Himmel als schützendes Dach. Einen Kuß drückte Mutter Blada auf die Wangen ihrer Lieblinge. Dann faltete sie die Hände, um zum Vater im Himmel zu beten und seinen Schutz für die kommende Nacht zu erbitten. Eine Träne rollte Wer ihre Wangen. Sie mußte an jenen ehr­würdigen Priestergreis denken, der vor langen Jahren ihre Herzen für den Heiland bereitet und ihnen so das Glück und den Frieden des Glaubens gebracht hatte. —

Als sie zum Wagen zurückkehrte, trat hinter den dunklen Wolkenbänken der silberne Schweif des Mondes hervor. Ihr Mann, der Bartl, war gerade damit be­schäftigt, das Pferd abzukoppeln, um es in die Schenke zu bringen. „Ich bin gleich zurück", rief er, und ver­schwand mit dem Gaul im Dunkel der Nacht. — Mutter Blada horchte, bis das Hufgeklapper in der Ferne ver- stummt war. Dann stieg sie in den Wagen, um sich zur Ruhe zu legen. Eine tiefe Trauer lag auf ihren Zügen. Ach, wie oft hatte ihr Mann schon so gespro­chen und nie sein Wort gehalten. Wie war es früher doch so schön gewesen, wenn sie gemeinsam zur Kirche gingen. Seitdem ihn aber der Trinkteufel in seine Klauen gezwungen hatte, war alles, alles aus. Es war einmal ein stilles, großes Glück in Mutter Bladas Her­zen. Doch wie ein Rauhreif war es auf ihre Seele ge­fallen und hatte alle Freudenblüten geknickt. Sie wühlte den Kopf tief in die bunten Kiffen und lauschte auf jedes Geräusch, das ihren Mann nach Hauff bringen würde. Doch die Nacht verging und erst als der Mor­gen graute und die weißen Nebel von den feuchten Wiesen in die Gassen huschten, kehrte er heim, mit fie­bernden Augen und jagenden Pulsen. Drei Tage lang raste das Blut in den Adern, dann wurden die Lippen schwarzblau und trocken, und Mutter Blada wußte, das war der Tod Jener grausame, unerbittliche Tod, der einen Menschen unausgesöhnt dahinrafft und ihn hin­

über trägt zu seinem Herrgott. Sie durfte diesen Ge­danken nicht weiter ausdenken. Ihr schwindelte und gleich Feuerrädern tanzte es vor ihren Augen. Wie von einer übernatürlichen Macht gezogen, verließ sie den Wagen, rannte zum Dörfchen hinunter, an dem alten Kirchlein vorüber, hin zu dem freundlichen Pfarr­haus, dessen weißgetünchte Wände durch das Laub der mächtigen Kastanien hindurchschimmerten.

Pfarrer Berger saß schon am frühen Morgen in sei­nem Arbeitszimmer. Er paßte so recht zu dem freund­lichen Hause und zu der Ruhe, die ringsum verbreitet lag. Gefaßte Heiterkeit und stiller Friede, der keine Stürme und Wirrnisse kennt, sprachen aus seinen Zü­gen. Er gehörte zu den Menschen, deren bloße Nähe schon ungemein wohltut. Er hatte es im Leben gelernt, seine ganze, große Liebe hinzugeben für die armen Menschenkinder, wenn er auch manchmal eine schlechte Vergeltung fand für seine Güte, und gezwungen war über rauhe Dornenpfade zu wandeln.

Als die Haushälterin ins Zimmer trat, fuhr Pfarrer Berger halberschrocken aus seinen Arbeiten auf. „Was gibi's", rief er. „Ein Verjehgang und dringend. Drau­ßen an der Tür steht ein armes Weib, das sie zu dem Kranken führen wird." Jetzt gab es kein Besinnen. Wenn Pfarrer Berger hörte, daß ein Sterbender nach ihm verlangte, dann trieb er sich selbst zur Eile. Schnell hatte er den Heiland aus dem Kirchlein geholt, und dann schritten sie dahin durch den dämmernden Morgen. Das Lichtlein der Laterne zitterte im weißen Nebel vor ihnen her. Auf halbem Wege kamen ihnen die beiden Kinder entgegen geeilt. Sie hatten den Vater stöhnend im Wagen gefunden und waren aus Angst ins Dorf ge­laufen.

Nach wenigen Minuten stand Pfarrer Berger vor dem Kranken, und der Heiland hatte in der armseligen Hütte seinen Einzug gehalten. Vor ihm lag auf bunten Kissen eine hagere, vor Schmerz gekrümmte Gestalt. Ein abgetragenes, durchlöchertes Wams bedeckte die knochigen Glieder, und ein grauer Vollbart umrahmte das faltige Gesicht. Eben wollte sich der Geistliche lie­bend Wer den Kranken neigen, als ihm dieser sein Ge­sicht zuwandte und zwei fieberbrennende haßerfüllte Äugen ihn anstarrten. Dann wühlte es sich aus den blauen, aufgedunsenen Lippen hervor: „Elender Pfaff, wer hat dich gerufen? Ich brauch dich nicht! Pack dich sofort aus dem Wagen heraus, hier ist mein Recht!"

Der Pfarrer erkannte, daß hier feine Arbeit erfolglos fein würde, und deshalb ging er heim. Vorher bat er jedoch Mutter Blada, noch einmal nach ihm zu schicken, wenn es mit dem Kranken zu Ende gehen würde. Die Sonne stand auch noch nicht um Mittag, als der Pfar­rer sich abermals unterwegs befand nach dem Kranken. Die kleine Grete war gekommen und hatte ihn mit Tränen in den Augen gebeten, doch noch einmal nach dem Sterbenden zu sehen. Als der Geistliche den Wagen betrat, sah er sofort, daß hier ein Mensch in der letzten Not mit dem Tode rang. Doch wie seltsam, der Sterbende schien sein Kommen bemerkt zu haben, denn er richtete sich auf und rief ihm mit brechender Stimme die furchtbaren Worte entgegen: „Pfaff, wenn du mit willst, dann komm, ich fahre jetzt zum Satan." Dani, fiel er leblos zurück. Furchtbare Worte gesprochen im letzten Todesröcheln, gesprochen im Angesicht des ewigen Richters. Pfarrer Berger schauderte. Er hatte zwar in seinem Leben schon an manchem Sterbebett gestanden, aber das war ein Tod, wie ihn gewiß kein gläubiger und vernünftiger Mensch sterben möchte. Er fiel vor dem Lager nieder, um für die Seele dieses armen, verirrten Menschenkindes ein Vaterunser zu beten. Mutter Blada stand mit Tränen in den Augen daneben. Pfarrer Ber­ger tröstete sie und versprach, auch in Zukunft für sie und die Kleinen besorgt zu sein. —

Noch am selben Tage wurde in der äußersten Ecke des Friedhofes ein Grab geschaufelt, und am Abend trugen sie den Gottesleugner hinaus. Keine Menlchen- scele aus dem Dorf begleitete den traurigen Zug. Kein Sterbelied erklang an der Gruft. Nur hoch droben in den Baumkronen heulte und harfte der Wind ein letztes Abschiedslied.

Wenige Tage nach dem Begräbnis kam der Müller Franz plötzlich fiebernd und fröstelnd heim. Am Abend fiel er in die furchtbaren Delirien und am an­deren Morgen war's aus. Auf dem Friedhof schaufelte man neben dem frischen Grab ein noch frischeres. So ging es jetzt Tag für Tag. Die Menschen starben dahin wie die Fliegen. Da packte es die Bauern mit den wetterharten Zügen wie Angst. Sense und Sichel ruh­ten. Die Schenken waren völler denn je. Man disku­tierte Wer die grausige Krankheit und goß Branntwein die Kehle hinunter, erhitzte sich und lärmte und hieb mit der Faust auf den Tisch, daß die Gläser klirrten Aber hinter den verrußten Fensterscheiben stand hohn­lachend der unbarmherzige Knochenmann, und während man hier noch überlegte und beratschlagte, hatte er schon

wieder einem anderen Menschenkinds den Todeskelm in die Brust gesenkt. —

Allmählich war es im Dorfe durchgedrungen, daß die schreckliche Krankheit durch die fahrenden Leute ein» geschleppt worden sei. Die Menge tobte wie wild und schrie nach Rache. Rache wollte man für das elende Bettelpack, das solches Elend über das friedliche Dorf gebracht hatte. Der junge Talmüller schrie in einem fort: „Anzünden werde ich ihnen die Bude Wer dem Kopf. Wer wettet mit mir, bis Mitternacht hab ich mein Wort wahr gemacht, dann ist mein Weib gerächt." Mit einem Fluch verließ er das Wirtszimmer und warf die Tür ins Schloß, daß die Scheiben klirrten. Die Bauern wollten ihm nacheilen, den Rasenden zu­rückzuhalten. Allein er war schon verschwunden im Dunkel der Nacht. Während sich im Wirtshaus diese wüste Szene abspielte, schickte sich Pfarrer Berger ge­rade an zu einem Versehgange. Als er in die Nähe des Kirchhofes kam, drangen entsetzliche Hilferufe und Angstschreie an sein Ohr. Er blieb einen Augenblick stehen, denn er glaubte ein Mensch liege in der letzten Todesnot und könne seine Hilfe brauchen. Doch plötz­lich stand er da wie versteinert, das Blut drohte ihm in den Adern zu erstarren. Die Kirchgaffe herauf kam ein Weib mit wehenden Haaren und brennenden Klei­dern. Ein Gedanke durchzuckte sein Gehirn: „Mutter Blada." Niemand wohnte sonst in diesem verlassenen Winkel. Der Meßner ließ entsetzt die Laterne stehen, und beide eilten nun hinzu, die Flammen zu ersticken. Furchtbar hatte die Arme gelitten. Der ganze Körper war eine einzige, große Wunde. Pfarrer Berger iah wohl, daß hier nicht mehr zu helfen war. Bald würde der Todesengel hernieder schweben und Mutter Blada befreien von einem Leben voll Sorge und Not. Aber eines konnte er. Er konnte Mutter Blada die schwerste aller Stunden erleichtern und ihr zum Führer werden ins Land der Verklärung, zur Seligkeit der Kinder Got­tes. Mutter Blada ergriff feine Hand und hielt sie fest umklammert. Pfarrer Berger wagte nicht, sie zurückzu­ziehen. Er mochte nicht die heilige und weihevolle Stunde stören, in der eine Menschenseele sich an schickt vor den ewigen Richter zu treten. Mit weicher, gütiger Stimme sprach er ihr kleine Stoßgebetlein vor und siehe, wie sanfte Mutterhand legte es sich auf die Seele der Sterbenden und trug sie empor zum Licht. —

(Forti ehuny folgt.)

Kolländi^ckes.

Von zwei Deutschen in Holland wurde mir be- richtet: Holland ist voll von Freidenkern; auch mancherlei Sekten sind da, die auf den Straßen Reden halten lassen, um Anhänger zu gewinnen. Die Königin von Holland hat jüngst im Rundfunk gesagt, daß, wenn die Zeiten besser werden sollten, zuvor erst die Menschen sich bessern müßte'- ^u letzterem bemerkte jemand: „Was soll ein solcher Trost einem Erwerbslosen nützen? Die Königin hat keine Not. Die hat gut reden" Zu d^'er Bemerkung antwortet ein christlicher Arbeiter: „Besser werden, um Besserung beten, sollten alle Menschen. Geschieht dieses, so kommt eine wirkliche Notgemeinschaft zustande; Besitzende geben dann nicht bloß von ihrem Ueberflusse. Arme werden dann auch- besser, so daß sie keinen Mißbrauch mit erhaltenerUnterstützuna treiben und für ihre Wohl­täter beten, wozu gerade die Arbeitslosen viel Zeit haben. Trotz bestem Willen wird es bergauf im» mer langsamer gehen als bergab; das sollte man in allen Lagern in Geduld bedenken "

Nach dem Staats-Lexikon 1929 beträgt die Ge­samtbevölkerung Hollands 7,59 Mill.; davon 3 Mill. Kalvinisten, vorwiegend im Norden; 2,6 Mill. (— 35 Prozent) Katholiken, meist im Süden. 700 000 Anhänger anderer protestantischer Be­kenntnisse, 500 000 ohne Bekenntnis und 115 000 Juden.

Kalvin war derjenige unter den Glaubens­neuerern des 16, Jahrhunderts, der sich am weite­sten von dem alten katholischen Glauben entfernt hatte. Seine Anhänger marterten und töteten im Jahre 1572 Ordenspriester, Weltpriester und Or­denspriester, zusammen 21, die als Märtyrer von Gorkum im Jahre 1674 von der Kirche in das Ver- zeichnis der Heiligen eingetragen wurden. Sie ftar* ben vorzüglich für zwei Glaubenswahrheiten: 1. daß Jesus Christus im heiligsten Altarsakramente wahrhaft und wesentlich gegenwärtig ist. Sie star­ben 2. dafür, daß der Papst das sichtbare Oberhaupt der Kirche Jesu Christi auf Erden ist. In der vati­kanischen Gemäldesammlung befindet sich ein Bild