ging sein Atem. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Mit unruhigem Blick musterte er die Gerichtsuhr über dem Portal. Es ging stark aus halb elf. Ob er sie noch einholte?--Endlic! hatte er es geschafft. Aufatmend blieb er stehen Er schaute zurück, suchend, fast ängstlich und scheu. Wie einer, der im Begriff steht, Gemeines, Häßliches zu tun.
Hastig stieß er die schwere Tür auf. Da — die große Tafel. Sie gab Auskunft: Erdgeschoß, Zimmer 134 . . . Kirchenaustritte.
Ein kurzes Ueberlegen. Paul Jahn hastet weiter. Durch die langen, schmalen, dämmerigen Flure. Hart klangen seine festen Schritte, daß er erschrak. So leise wie möglich versuchte er aufzutreten. Wie war ihm? Warum pochten seine Schläfen zum Zerspringen. Eben wollte er in einen Ouerflur einbiegen. Wie festgebannt blieb er stehen. Da waren sie, die er gesucht. Dort, am Fenster, der Sekretär.
Langsam wich er zurück. Noch hatten sie ihn nicht bemerkt. Noch konnte er zurück. Was kam ihn auf einmal an? Der Pfeiler bot ihm Deckung. Er mußte sich an die Wand lehnen. War es möglich? Der ganze Flur fing mit ihm an zu kreisen. Kalter Schweiß netzte feine Stirn. Ein Zittern befiel ihn. Eine solche Schwäche hatte ihn, den die anderen um seine Kraft beneideten, noch nie angewandelt.
Allmählich, ganz allmählich konnte er wieder klar denken und überlegen. Fast schämte er sich vor sich selbst. Aber so einfach ging es doch nicht. Die Bilder, die seine Seele schreckten und mahnten, ließen sich nicht ohne weiteres beiseite schieben. Die Mutter! Seine Mutter! Die alte, weißhaarige, gebeugte Frau. Durfte er es ihr antun? Deutlich, ganz deutlich, so sehr er sich dagegen wehrte, hörte er ihr leises bitteres Weinen um ihn. Zweimal hatte er ihr den Willen getan. Aber machte er sich nicht auf die Dauer unmöglich? Die anderen Kollegen lachten längst über ihn. Und gestern abend hatte er es ihnen in die Hand versprochen. Und dann Leni Hemmer! Ihr zuliebe mußte er diesen Schritt tun. Von ihr konnte er nicht lassen. Das muhte schließlich auch die Mutter einsehen. Sie war für ihn bestimmt verloren, wenn er nicht ihrem Vater den Willen tat.
Schon wollte er weiter. Und wieder überlegte er. Heiß überlief es ihn. Das Jammern, das Flehen der Mutter. Ja, so hatte sie zu ihm neulich gesprochen. Davon kam er nicht los: „Junge, alles andere könnte ich von dir ertragen. Nur deinen Glauben darfst du niemals verlieren. Das wäre mein Tod. So wahr ich deine Mutter bin." Ihn schauderte. Die Mutter sagte nicht so leicht etwas hin. Seine Mutter nicht. Aber--- aber — Nein am Wort der Mutter gab es kein Drehen und Deuteln. Schon wollte er sich zum Gehen wenden. Da stand das Bild seiner Schwester vor seiner Seele. Seine verheiratete Schwester? Die allein war an allem schuld. Die Mutter hätte es gar nicht zu erfahren brauchen, daß er sich aus der Kirche streichen lassen wollte. — Ein leiser Fluch Als er sich zum erstenmal aufs Gericht zum Kircbenaustritt begeben wollte, da war die Schwester gelaufen gekommen und hatte im letzten Augenblick der Mutter alles aufgedeckt. Was hatte er da nicht alles anhören müssen. Er war geblieben. Und auch das zweite Mal hatte sie es vereitelt. Das aber verzieh er seiner Schwester nimmer! Er sollte die Schuld haben, daß das graue Haar der Mutter schneeweiß geworden. Er allein. Immer wieder mußte er diesen Vorwurf der Schwester hören.
Darum war er heute gleich vom Werk geradewegs hierher gekommen. Die anderen hielten reinen Mund. Sie hatten es ihm zugesichert. Die Mutter brauchte es nicht zu erfahren, was er tun wollte. Sein Schwager war seit gestern aus= wärts auf Montage. So konnte ihn heute niemand bei seiner Mutter verraten. Niemals mehr kam eine so günstige Gelegenheit. Also los, heute mußte es werden.
Das war ein Hallo. Paul Jahn war doch gekommen. Sie schüttelten ihm die Hände. Sie klopften ihm auf die Schulter. Sie nickten ihm beifällig. Und der Sekretär konnte sich gar nicht genug tun in freundlichen Worten: „Also habe ich mich doch nicht in dir getäuscht. Das nenne ich Mut. Du bist ein ganzer Mann. Das soll dir nicht vergessen werden."
Paul Jahn, der die anderen um Kopfeslänge
überragte, schaute benommen über die anderen hinweg. Ansehen mochte er keinen. Aber schließlich mußte er auch etwas sagen. Er versuchte zu lacken, denselben Ton wie die anderen anzufchlagen, zu witzeln und — zu spötteln. Fast gelang es. Da! Eine Bewegung ging durch die Harrenden „Paul Jahn? Deine Mutter!"
Wirr hingen der Alten die weißen Haarsträhnen um das blutleere, zerfurchte Antlitz. Sie sahen es ihr an: so wie sie daheim sich trug, war sie gekommen Angetan mit einer zerstopften schwarzen Stricksacke und einer verwaschenen Schürze. — Keuchend ging ihr Atem. Das war nicht das alte, stille, duldende Weib Hochaufgerlch- tet stand sie da vor ihrem Sohn. Die Mutter, die um ihr Kind zu kämpfen bereit war, ihr Recht forderte. In der rechten Hand hielt sie ein zerknittertes Papier, das sie daheim unterwegs immer wieder gelesen: „Paul ist vor zehn Minuten fortgegangen zum Amtsgerickt. Er läßt sich heute aus der Kirche streichen." Darunter die Unterschrift des Schwiegersohns.
Paul Jahn starrte unverwandt seine Mutter an. Auch bei ihm war jeder Blutstropfen aus dem Gesicht gewichen. Eine atemlose Stille. Selbst Sekretär Kainer wagte nicht, dazwischenzutreten. Dann der Alten zitternde, flehende Stimme: „Paul, was tust du hier? Komm, laß uns gehen!"
Der stand w'e angewurzelt da. Schlaff hingen ihm die Arme herab. Und wieder das Bitten, nur eindringlicher, noch flehender: „Paul, laß uns gehen! Noch ist es Zeit. Und ich will es dir nicht gedenken."
Sie faßte mit ihren knochigen, verarbeiteten Händen nach feinem Arm. Widerstandslos wollte er sich fortführen lassen. Da packte ihn Kainer und hielt ihn: „Du, ich hab dein Wort. Denk, was du Hemmer versprochen hast." Und zur Mutter gewandt: Bitte, Frau Iahn, machen Sie hier keinen Auftritt? Ihr Sohn ist großjährig und frei. Sie haben kein Recht, chn zu Dingen zu zwingen, mit denen er längst gebrochen hat."
Die Alte blickte den Sprecher groß an. Und sie musterte langsam die anderen. Das also war ihres einzigen Jungen Gesellschaft. Ein schmerzliches Aufstöhnen. Langsam hob sie ihre schwielige Hand: „Pfui über euch! Ihr Verführer! Ihr wollt. . ." In demselben Augenblick ging die Tür auf. Zimmer 113. Kirchenaustritte. Die geschäftsmäßige, knarrende Stimme des Gerichtsbeamten: „Noch jemand da, der feinen Kirchenaustritt vollziehen will?"
Kölners prompte Antwort: „Jawohl, hier 17 Personen."
Sie gingen hinein. Der Sekretär flüsterte Paul etwas zu. Der ruckte sich zusammen — und gino mit.
Einen Augenblick stand die Alte allein. Ein todtrauriger Blick aus ihren grauen Augen. Jetzt wankte sie langsam gegen die Tür. Ihre Hände preßte sie gegen die Brust. Dann warf sie plötzlich die Arme hoch. Ein kurzer, markerschütternder, gellender Schrei- „Paul! Paul!" Ein Taumeln. Fallen. Aufschlagen.
Mehrere Türen flogen zugleich auf. Erschreckte neugierige Gesichter. Hilfsbereite Menschen. Paul Jahn unter ihnen. Zu spät. Wohl drängte er sie zurück. Wohl kniete er neben der Röchelnden nieder. Zu spät. Aus einer Stirnwunde tropfte das Blut und färbte das Silberhaar rot. Leise, kaum hörbar, ging ihr Atem. Verlöschendes Leben.
Er fühlte es. Ein furchtbares Erkennen. Heftig schlang er seinen Arm um sie. Er suchte sie emporzuziehen. Schlaff hing ihr Kopf zurück. Seine Worte überstürzten sich: „Mutter, Mutter! Um Gotteswillen. Mutter! Was ist dir?"
Sie schlug noch einmal die Augen auf. Suchend irrte ihr Blick. Jetzt blieb er an ihm hasten. Ein Lallen: „Paul — hast — du — es — getan?"
„Nein, Mutter, nein! Niemals," beteuerte er. Kaum hörbar sprach sie weiter: „Schwöre mir, — daß — du — es — niemals — tust!"
„Ja, Mutter, ich schwöre. Ach, Mutter, Mutter, was habe ich getan!"
Die Sterbende grüßte mit einem schmerzlichen Lächeln. Ein Hauchen: „Jetzt — ist — alles — gut. — Ich — sterbe — gern — für — dich — dich!"
Ein Ausstöhnen. Vorbei. Er hielt sie fest um= schlangen. Leise schüttelte er sie. Er strich ihr
über das Antlitz. Er suchte nach den zärtlichsten Namen, mit denen er sie früher genannt: „Mütter, chen! Meine liebe, gute Mutter!" Er bedeckte ihre erstarrten Hände mit Küssen. „Mutter, nur dieses eine Mal! Laß deinen Paul nicht allein! Mutter, bleib, du darfst nicht sterben!"
Kein Leben. Kein Zurück. Ihre Seele war heimwärts gegangen. Da ließ er sie langsam zurückfallen. Jetzt erhob er sich. Sein Auge blickte gläsern — stier, an allen vorbei. Er luchte — und fand: „Kainer! — du Kainer!" schrie eK da sieh, du — du — bist mit schuld." Ehe . die anderen hindern konnten, hatte er sich au geworfen. Ein Ringen — Keuchen. Mit Nühe befreiten sie den Sekretär.
Immer größer wurde die Zahl der Neugierigen. Einer der Richter wollte Ruhe stiften und suchte zu beschwichtigen. Da streckte Paul Jahn die Hände entgegen: „Da ist meine Mutter. Ich habe sie gemordet. Und da, der Schuft, der Kainer auch. Führt mich ab! Ich bin schuldig. Hier nehmt mich!" Und wieder kniete er neben der Toten und flehte und bat und jammerte.
Eine Stunde später verließ Paul Jahn das Gerichtsgebäude. Vor dem Hauptportal stieß er auf seine Schwester. Sie wich vor ihm zurück. Das war ihr Bruder? Ihn erdrückte seine Schuld. Er stand vor ihr als ein gebrochener, bis in seine innerste Seele getroffener Mann.
Prolitarisches kindergeSöbnis.
Der Freidenker sucht mehr und mehr die Kinder zu erfassen und mißbraucht die Feier der sogen. Jugendweihe zu einem erschreckenden Gelöbnis: Der Funktio- när fragte: „Kinder, wollt ihr, daß ihr weiter hungert?" „Nein!" antwortet der Chor der Kinderstimmen. „Wollt chr der Profitgier des Kapitals hingeworfen werden?" „Nein!" „Wollt ihr, daß ihr in Schule und Kirche weiter verdummt und geknechtet werdet?" „Nein!" „Wollt ihr hingeschlachtet werden zu Nutz und Frommen der Imperialisten im Kampf gegen das Vaterland der Werktätigen, die Sowjetunion?" „Nein!" schallt es wieder zurück. „Wollt ihr mit uns kämpfen gegen alle Ausbeuter des Proletariats?" „Ja, das wollen wir." „Wollt ihr euer Leben hingeben im Kampf um die Befreiung der Arbeiterklasse? Wollt ihr euer Blut vergießen für die Sowjet-Union?" „Ja!" — Damit ist die Jugendweihe beendet. Der Priester der kommunistischen Internationale hat die gottlose Messe vollzogen. Mit Angst und Sorge sieht man dem Heranwachsen einer so „geschulten" Kinderschar entgegen. Katholiken, die Augen auf!
Der Verfasser des Psaffeusplegels.
dieses grundsätzlich gehässigen und unheilvollen Buches, ein gewisser Gervinus, starb anfangs der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts in Bad Seeon in Oberbayern. Es ist für jeden Katholiken interessant, über die näheren Umstände seines Endes etwas Authentisches zu erfahren. Man sagt ja oft: Wie gelebt, so gestorben! Als Gervinus zum Sterben kam — er wohnte in einem Schlößchen am See — da kam der alte D-ener zu einem katholischen Geistlichen des Städtchens und bat ihn, er möge doch einmal zu dem Sterbenden kommen. Als der Priester ins Zimmer trat und Gervinus ihn als solchen erkannte, sprang er wie ein Besessener aus dem Bett in die Ecke des Zimmers und tobend, schreiend und, fluchend starb er in dieser Situation in der Zimmerecke. Das ist keine Legende. Der betreffende katholische Priester war der am 7. Mai 1925 zu Hofheim im Taunus verstorbene Prälat Buus. der damals während des Kulturkampfes als Kaplan in Bad Seeon wirkte und es persönlich verschiedentlich erzählt hat. (Aus „Martinsblatt".)
Die Kuh aus Amerika.
Von Betly Schneider.
Heute muß ich unbedingt einmal meine Schublade aufräumen, seufzte die junge Frau Lisa, als ihr Mann am Nachmittag in sein Büro gegangen war. Aber ihr Seufzer war nicht ernst zu nehmen, denn im Grunde ihres Herzens freute sie sich auf die paar freien Stunden, die ihr ein ungestörtes „Kramen" erlaubten.