Ihre letzte geheimste Hoffnung drohte in Stücke zu brechen. Mit der letzten Kraft ihrer Liebe kämpfte sie den letzten Kampf um das Kind ihrer Schmerzen.
„Das kann ich nicht, Käthe, du kannst es auch nicht verlangen. Jetzt, wo ich alles verlor, soll ich auch den Sohn noch hergeben, meines Mannes Eberrbild und seinen Liebling", rief sie erschrocken.
Die Schwägerin sagte beschwichtigeird: „Er kann doch nicht ewig um dich sein, er muß etwas lernen, irgend ein Handwerk, er muß in die Fremde!" Wie redete nach ihrer Auffassung die Röse so kindisch! Sie konnte den großen Sohn doch nicht an der Hand durchs Leben führen wie ein Kindlein.
Frau Röse hatte die Möglichkeit einer Trennung nie erwogen. Der Sohn wäre nach dem Lauf der Dinge dem Vater im Geschäft gefolgt — dies sichere Ziel war nun geschwunden, sie sah keinen Weg für ihn, doch sprach sie: „Er kann bei mir lernen, was er will, wir sind keine Bettler geworden. Ich habe auf Anraten meines sterbenden Mannes unsere Pfandscheine gerettet und trage zwei Glockenrechnungen bei mir, die ich in bar einziehen kann." Sie hob den Kopf freier und leichter.
Betreten sagte die Schwägerin: „Es handelt sich nicht um Geld hier, Liebe! Wir sind wohlhabend, wir können für ihn sorgen, ohne daß unsere Kinder einen Verlust fühlen." Sie stockte, sah Frau Röse schärfer an und fuhr fort: „Ich meine, ein Beisaminenleben wird dir und ihm schwer — des Glaubens wegen."
Die Mutter zuckte zusammen — also das war es! Der Glaube! Der entsetzliche Glaubensunterschied, auch auf dem Brandplatz fand er den Weg und stand da und griff mit allmächtigen Armen nach ihrem Kind!
All ihre Fassung war hin — sie riß mit plötzlicher Bewegung den Sohn an sich und umklammerte ihn, als ob sie ihn nie mehr freilasse.
„Bleib' bei mir, Friedrich — verlaß deine Mutter nicht — du sollst glauben, was du willst — du sollst leben wie dein Vater — nur bleib' bei mir — werd' mir nicht fremd — bleib' bei deiner verlassenen Mutter!"
Ihr Jammer war stürmisch losgebrochen, daß sie alle im Schreck standen und schauten.
Der Sohn löste sich sorglich aus ihrer krampfhaften Umarmung und sprach wehmütig: „Sei ruhig, arme Mutter, ich hab' dich lieb, und behalte dich immer lieb — auch in der Ferne." — Mit entsetzten Augen sah sie zu ihm hin, ihr Ohr hörte nur: „In der Ferne" — wollte er denn von chr gehen, — sie allein lassen, — mit der ihm bis heute fremden Verwandten ziehen? — Sie hob die mageren Hände angstvoll an die Schläfen und starrte ihn an, da er fortfuhr: „Mutter — der Vater hat so viel gelitten — du leidest so viel — ich leide auch an dem Glauben — ich will seinen Glauben lehren — ich will dem Volke den furchtbaren Zwiespalt der Mischehen verkünden — ich will Pastor werden, laß mich mit der Base gehen."
Frau Röse fiel ohnmächtig in die Arme ihrer erschreckten Tochter. Angstvoll bemühte sich Marie um die erstarrte Mutter. Die Frauen legten sie zur Erde, der Sohn trug, von Gewissensbissen gequält, Wasser zu ihrer Belebung herbei.
„Mein Gott, kann ich denn anders?" jammerte seine junge, zerrissene Seele.
Die Schwägerin fühlte mit Schmerz: „Der Gottfried hat leinen Teil durchs Leben geschleppt."
Die Mutter schlug die Augen auf, ihre Arme hoben sich dem Sohn entgegen.
Er fiel vor ihr nieder: „Vergib, Mutter, vergib!"
Ihre Hände bedeckten ihr schmerzverzerrtes Gesicht und die Tränen quollen zwischen ihren Fingern auf die schwer atmende Brust.
Der Mittag kam. Fünf Personen reichten sich die Hände über dem Grabe Gottfrieds, des Glockengießers. Mutter und Sohn, Schwester und Bruder lagen sich noch einmal im Arme, dann wandte sich der Sohn dem Abend entgegen, Frau Röse wankte am Arm der Tochter dem Morgen zu.
Immer wieder sah ihr überflortes Mutterauge zurück nach dem rüstig schreitenden Schmerzenskind. Ihr blutendes Mutterherz zuckte, aber brach nicht — ihr erschüttertes Hirn hämmerte, aber trübte sich nicht. — Sie mußte den Kelch, den sie sich selbst gefüllt, zur Neige trinken mit offenen Sinnen.
Die Trümmer der Stadt rückten ferner, die verfallenen Türme sanken tiefer, der Wagen rasselte weiter-- da horchten Mutter und Tochter auf — tiefe, volle Töne klangen von dort langsam, feierlich herüber--
„Hörst du," flüsterte die Tochter, ahnungsvoll weitete sich ihr Auge, ,chie gedrungene Glocke von Mörderhausen läutet!"
„Der Vater grüßt uns," sagte die Frau feierlich, und die Tochter wußte nicht, sprach sie von dem Manne oder dem Vater.
„Was doch die Gießerkinder alles hören," brummte der Vetter kopfschüttelnd in seinen Bart.
Ein Knall der Peitsche. Der Glockenklang verstummte; die Stadt verschwand.
Der Wagen trug die ruchlose Seele vergebens einer ruhigen Heimat zu.
*
Die junge Marie überwand das Elend der Tage leichter als die gebrochene Mutter.
In eine weite schöne Gegend führte sie der Vetter. Niedere Hügel standen im freien, grünen Land, ihre Höhe war gekrönt mit dem Diamant eines Kirchleins oder dem Kranz breiter Klostergebäude. Da läuteten die Glocken am frühen Morgen in die Messe, alle Türen öffneten sich. junge Frauen. das liebe Kind an der Hand, schritten neben ernsten Männern über flachen Wiesenplan dem Kirchlein zu: alte gebückte Mütterchen und zitternde Greise humpelten steile Fußwege empor, dem Glockenklang zu, in die heilige Messe. Ein Glaube, ein Weg, am Morgen früh, ein Gebet am Abend spät. Wenn die Dämmerung die weite Fläche mit grauem Schleier zu decken begann, dann ertönte die Aveglocke in allen Dörfern. Der Knaben lärmernd Spiel ward plötzlich stumm, der Mägdlein Ringelreihe riß auseinander — die Kinderhände legten sich auf offener Gasse kreuzweis ineinander, sie beteten — und keiner kam, der lachte, und keiner, der laut redete, so lange die Glocke schlug. Frauen senkten in Andacht das Gesicht zur Erde, Männer zogen den Hut voll Ehrfurcht Dor der Jungfrau Maria, alle, alle dachten sie der einen, die das Heil gebracht. Maria sog diesen Frieden der Glaubenseinheit in ihr unverdorbenes Herz. Ihre Seele fühlte tief: „Es ist kein Segen zwischen zweien, denn in einem Glauben." So daheim wie hier
kam je fo arm ein Ne sch zur Nell?
Sag Du, sag an, willst Du ob Deiner Armut nun noch weifet klagen.
Wo Du doch selbst nun Deinen Herrn und Gott
Hier siehst als Kind schon Leid und Not ertragen? Sag mir, muß da Dein Aug sich nicht beschämt zu Boden senken.
Weil Du im Elend ost gemurrt hast und gestöhnt? M'ßl Du nicht immer an den Stall zu Bethlehem still denken.
Der Dich mit Deinem eignen Leid versöhnt? —
Waldemar Sturm.
hatte sie sich nie gefühlt in ihrer durch religiösen Haß vergifteten Stadt. Der Hader der verschiedenen Glaubensansichten hatte ihr den Vater und die Heimat und das Glück der Kindheit geraubt. — Maria hatte den ernsten Sinn von Mutter und Vater geerbt, von der Mutter noch eines: das Grübeln.
Oft sprach sie zu dieser mit Wehmut: „Alles ist gut und schön und recht da — aber ich kann nicht mithelfen an dem, was mich bewegt, ja, wär' ich ein Knabe wie Friedrich — ich würde katholischer Priester — auch ich möchte lehren den Segen eines einigen Bekenntnisses, ich möchte festigen alle Wankenden und aufrütteln alle Gleichgültigen —"
Die Mutter sah nur stille vor sich hin. Was konnte sie sagen? Ihren Kindern mußten ja diese großen Gedanken im Blute liegen.
Zwei Jahre zogen dahin. Die Frauen arbeiteten in Haus und Feld mit den Verwandten.
Eines Abends nach der Ernte, als die Dienstboten die Stube verlassen hatten und der Vetter mit der Base, Frau Röse und Maria und nebst des Vetters drei Söhnen gemütlich am Tische saßen, sprach Maria plötzlich: „So, jetzt ist alles unter Dach, jetzt braucht ihr mich nimmer und ich kann meinen Weg gehen."
Frau Röse sah das blühende Mädchen erstaunt au. „Was willst du denn?" fragte sie herzlich und ihre immer etwas blassen Wangen färbten sich rot.
Die Verwandten schauten zu der hübschen Base mit offener Neugierde hin, die jungen Söhne stießen sich an.
Das Mädchen antwortete: „Ins Kloster will ich, zu der. Lehrschwestern."
Frau Röses Gesicht wurde noch dunkler rot. „Mein Gott, auch sie verlier' ich," fuhr der Gedanke wie ein Schmerz in ihr Mutterherz.
Aber sie hatte Schweigen gelernt, sie ließ die andern reden und nur ihre Augen sprachen mit der Tochter, und diese las Wehmut und doch Freude darin.
Der Vetter schlug die Faust auf den Tisch und rief in drolligem Zorn: „Donder, Mädle, fast ists zu schad für dich."
Die runde Base sprach bedächtig:
„Schlimmer hast's auch nicht als im Ehestand: Eh'- stand ist Weh'stand."
„Du siehst gerad' darnach aus," lachte der Mann und klopfte ihr auf die feste Achsel.
Eke seufzte nur.
Die drei Söhne saßen da und hängten die Köpfe, Sie hatten keine Schwester, die Marie war ihnen lieb geworden, dem einen Dunkelschopfigen fast zu lieb —
Der saß und zitterte leicht und krampfte die Hände ineinander--„jetzt wollte sie ins Kloster".
Als nach weiteren zwei Jahren aber der Vater die Wagen anspannte, um in das vier Stunden entfernte Frauenkloster zu fahren, da setzten sie sich alle auf die gepolsterten Sitze im schönsten Festgewand. Der Vetter zwischen sein stattliches Weib und die schmale, stille Frau Röse, die zwei jüngeren Söhne hinten auf; im zweiten Wagen fuhr der Hoferbe mit seinem jungen, blühenden Weib. Sie fuhren zu Mariens Ehrentag, heute wurde sie eingekleidet.
Mit heißen Tränen riß sich am Abend Frau Röse aus dem Arm der jungen hübschen Schwester.
Die Freuden dieser Welt gingen mit diesem Scheiden zu Grabe für dieselbe.
Nun blieb ihr nichts als die Einsamkeit und die Erinnerung. Und sie fürchtete die Erinnerung und mußte deshalb die Einsamkett fliehen.
Frau Röse sah schwer in ihr Alter. Die guten Verwandten gaben sich alle Mühe, die schwermütige Base zu zerstreuen. Da sprach sie manchmal herb:
„Jed' Kreuz ist schwer, am schwersten ist das selbstgezimmerte."
Als in dem jungen Hausstand die Kinder kamen, wurde es heller um die alte Frau. Sie setzte sich an die Wiege. sie faltete ihnen die Hände, sie hütete sie wie ein Schutzengel. Besonders den Knaben hatte sie Tag und Nacht in ihrem Stübchen.
Gott gab ihr in den Kindern den Trost für ihre letzten Tage.
Im Sommer saß sie mit ihnen auf der Bank vor dem Haus, die Nachbarkirrder kamen, die Gassenkinder kamen. Frau Röse erzählte ihnen zum hundertsten Male die immer neue Geschichte von Bethlehem.
Eines Mittags saß sie kalt zwischen ihnen.
Als die junge Bäuerin sie fand, schrie sie laut gellend und alle fingen laut zu weinen an.
An ihrem Grabe stand tieferschüttert ein ernster, fremder Mann, ein lutherischer Pastor, neben ihm, mit dem friedvollen Gesichte jener, die durchdrungen sind von der Wahrheit der Worte: Was Gott tut, das ist wohlgetan, eine junge Klosterfrau, ihre Tochter.
Sie besprengten alle den Sarg mit geweihtem Wasser: auch der Sohn.
Es war ja das letzte, was er der armen Mutter zuliebe tun konnte.
Schluß.
Mr unsere Arbeitslose
Der Arbeitslose in der Werklagsmesse.
Mit einem Pfarrer sprach ich kürzlich über die Arbeitslosigkeit. Der Priester ist in einer Pfarrei mit starker Arbeiterbevölkerung tätig und sieht das Elend täglich vor Augen. Mitleid und Sorge klangen aus feinen Worten. „So traurig das alles ist", schloß er, „fo gibt es auch hier gewisse Lichtblicke. Die hl. Messen an den Werktagen sind jetzt stark von Männern besucht und viele gehen tä^d) zur hl. Kommunion. Die meisten sind arbei s os. Die Gesichter wechseln: viele finden wieder Arbeit und viele andere kommen bafür. Aber ich glaube, daß diese Familien nicht von der Not zermürbt werden."
Hier haben unsere braven Arbeiter aus der Not wirklich eine Tugend gemacht. Es gehört sicher männlicher Mut dazu, in dem trostlosen Einer'ei der Arbeitslosigkeit den Weg zur Kirche zu finden. Den meisten Männern ist der Besuch der Werktagsmesse infolge ihres Berufes unmöglich Doppelt schön, wenn der Mann in der atfoe' ’ u-'ae» nen Muße seine Zeit so anwendet. Wer br ^er hofft und solchen hilft Gott. Möchten viele ')'iän- ner. die heute ein grausames Geschick zur " 'wei- ligen Arbeitslosigkeit verurteilt, dieses schöne Beispiel nachahmen und sich in der täglichen hl. Messe und Kommunion Kraft zum harten Lebenskämpfe holen!
Nein, du kannst das heiße Flehen Deiner Kinder nicht verschmähen Wo die Menschenhilf' gebricht Mangelt doch die Deine nicht.
Die Braut des Erwerbslosen.
Man denkt selten an sie. Und doch leidet auch sie bitter unter der Erwerbslosigkeit des Verlobten. Sie hatten gehofft die beiden jungen Leute, sich nach ehrbarem Verspruch den Segen des Himmels