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Die Mutter hielt es nicht mehr aus, als die Uhr wei­ter und weiter rückte.

Ich gehe einmal zu Meyers hinüber. Vielleicht ist er dort---"

Und Berg sagte seltsamerweise nicht, daß sie dablei­ben solle. Auch ihn hatte die Sorge gepackt.

Was soll er denn da?" sagte er nur.Er wird hoch da nicht hingehen---"

Meyers sind nicht so---Ich glaube nicht, datz sie Hans die Tür weisen würden."

Berg empfand diese Antwort wie einen Schlag, der ihm allein galt. Aber er wehrte sich nicht mit einer un­wirschen Antwort. Stumm ließ er seine Frau aus dem Zimmer gehen.

Aber an der Haustür prallten zwei Frauen gegenein­ander.

Frau Meyer---?

i Die Andere sagte:Ich wollte fragen, ob--"

IJa, und ich wollte zu Ihnen---"

F Frau Meyer lachte böse auf.

Natürlich, wie konnte ich auch annehmen, Heinz sei bei Ihnen. Da würde er ja hinausgeworfen. Wo die Kinder nun sein mögen? Wenn ihnen etwas passiert, hat Ihr Mann sie auf dem Gewissen!" Und sie Lier Zurück über die Straße, auf die es sacht und fern -u schneien begann.

Frau Berg ging nach oben zurück. Ihre Schritte waren schleppend. Sie sagte dem Manne, was Frau Meyer gesagt hatte. Er saß mit steifen Knien und hörte zu. Es wurde vollends dunkel. Die Glocken schwangen ihre Stimmen von den Türmen über die zur Feier gerüstete Stadt. Da erhob sich Peter Berg.

Wohin gehst Du?"

Ich gehe Meyer bitten, daß er mit mir suchen geht---" kam es unter äußerster Anstrengung von seinen Lippen.

Meyer?" staunte die Mutter und Tränen preßten sich ihr aus den Augenwinkeln. Warum war nur der unselige Streit gewesen, der die Kinder so verstört ge­macht hatte----?

Meyer sagte nicht nein, als Berg ihn bat, mitzugehen und die Kinder zu suchen. Anfangs gingen sie schwei­gend durch die Straßen, dann regte sich die Gewohnheit des gemeinsamen Gedankenaustausche, wie es früher ge­wesen. Sie machten einander auf dies und jenes aui- ! merksam, blieben vor diesem Schaufenster stehen und I vor jedem und begriffen mit einem Male nicht mehr, warum sie einander so lange feind geblieben waren. Dann aber fiel die Sorge um die Jungens wieder über sie.

Sie hätten den Kindern nicht die Freundschaft ver­bieten sollen," tadelte Meyer.So eine Freundschafr sitzt in jenen Jahren verteufelt tief. Die kann man nicht ousrotten. Bisher spielte sich alles im Haus und unter den Augen der Eltern ab. Nun waren sie hinausgetrie- ben und gezwungen, die Eltern zu belügen---- Mit so rauher Hand dürfen die Eltern nicht in die äu­ßeren und inneren Beziehungen ihrer Kinder eingreifen Wie manches Schicksalswort wurde da schon gesprochen, wie manche Wunde gerissen, wie manche Narbe blieb zurück fürs ganze Leben. Wo eine wirkliche Gefährdung vorliegt, müssen die Eltern natürlich handeln, aber nichl so roh und rasch und rücksichtslos. Und hier lag doch wirklich kein Grund vor, Hans und Heinz zu trennen" Sie suchten überall, wo sie die Kinder vermuten konnten. Sie fanden sie nicht. Betreten machten sie sich auf den Heimweg. Vielleicht waren die Kinder längst daheim.

An Schneiders Gäßchen hielt Meyer den Herrn Berg plötzlich am Aermel fest. Dort, wo die Gasse in Meyers­und Bergs Wohnstraße mündete, standen die beiden Jungen. Hand lag in Hand. Auge sah in Auge. Es war rührend anzusehen, wie sie sich offenbar Weihnack,- ten wünschten und sich Treue gelobten für die Zukunft. So heilig nehmen Kinder jede wahre, echte Freundschaft. Beschämt und gerührt stand Berg und schaute auf die Jungen, die er hatte trennen wollen, Dann rief er sie an.

Wie ertappt, rot im Gesicht vor Entsetzen, fuhr Hans herum. Vier Kinderaugen klagten an mit dem angst­vollen, halb auch trotziaen Blick der Abwehr. Dann erkannte Hans Herrn Meyer neben dem Vater. Er traute fast nicht dem, was er sah. Wenn die Väter wie­der befreundet waren---dann--dann--- Mit einem Iubellaut stürzten sie ihren Vätern entgegen. Aber auch die Frauen hatten sich zusammengefunden. Frau Berg hatte die Unruhe nicht mehr ausgehalten und war zu Frau Meyer hinübergelaufen. Unter Meyers Weihnachtsbaum hatte sie sich ausgeweint, von Frau Berg wieder liebevoll und freundschafklich ge­tröstet. Nun standen sie am Fenster, mit den Gesichtern dicht hinrer den Scheiben und warteten.

Sie kommen!" schrie Frau Berg plötzlich." Auf Wiedersehen, Frau Berg, nun muß ich hinüber. Sie

kommen doch morgen 'mal??!" Und die Jun­gen stürmten gemeinsam die Treppen eines jeden tzaus- eingangs hinauf.

Kommst Du gleich mal sehen?" schrie Heinz noch. Ob Ich die Dampfmaschine bekommen habe---"

Jaaa" posaunte Hans und sein Gesicht brannte vor Erwartung.

Als hinter allen Fenster das sanfte und unbeschreib­lich freundliche Festlicht der Weihnachtskerzen aufleuch­tete, herrschte ein anderer Geist in Bergs Wohnung als bisher. Hansens scheues und verschlossenes Wesen war so völlig dahin, als sei es nie gewesen. Vater hatte eingesehen, daß es nicht recht war, Streit zu haben.

Ich habe die Dampfmaschine bekommen---", schrie Heinz strahlend über die Straße, denn Hans stand schon an der Haustür, strahlend, den geliebten Freund wieder bei sich zu sehen. Und die Eltern riefen sich aus den Fenstern kurz und herzlich fröhliche Weihnachten zu

Santt-Stephans-Tag.

St.-Stephans-Tag! Blutroter Schein fällt in den verbleichenden Engelsglanz der Fluren Bethle­hems, Haßgeschrei grellt mißtönig in die Hirten- !chal"'°im.Friede auf E^den den Menschen gu­ten Willens", verhieß der Engelsgesang. Aber es lujeini auch, da,; gerade den Menschen besten Wil­lens, den treuesten und eifrigsten Dienern des neu­geborenen Heilands, dieser Friede aus Erden ver­sagt bleibt, wenn gleich schon der zweite Weih- nachstag zum Gedenktag eines Stephanus des Erzmartyrers", werden konnte. Sind doch die­sem ersten Kämpfer und Blutzeugen für Christus ungezählte andere gefolgt, von den ersten Tagen des jungen Christentums bis hinein in unsre Tage mit ihren grausamen Weltanschauungskämpfen und Verfolgungen, und der unabsehbare Zug der Palmenträger wird nicht abreißen bis zum Ende der Weltzeit.Nicht den Frieden zu bringen, bin ich gekommen, sondern das Schwert." Nur daß dieses Schwert nicht den Händen der Kämpfer für Christus und sein Reich anheimgegeben ist, sondern den Widersachern vom Reiche der Welt, die es rücksichtslos und ohne Erbarmen zu gebrauchen wissen. Mit dieser Tatsache hat sich abzufinden, wer immer unter Christi Banner streiten will.

Stephanus, der Diakon, hat sich mit dieser Tat­sache abzufinden gewußt. Wohl war er zunächst zu friedlichem Dienste bestellt, zum Dienste der Barm- ber^Mr an den Arm»n und Krönten, an Witwen und Waisen, zurkaritativen Wohlfahrtspflege", wie wir heute sagen wurden. Und die Erzählung der Apostelgeschichte läßt keinen Zweifel darüber, daß er diesen Dienst mit größter Treue und Sorg­falt ausübte.Stephanus aber, voll Gnade und Kraft, tat Wunder und große Zeichen unter dem Volke." Daß er zu diesem Apostolat der Tat auch das des Wortes fügte, ist selbstverständlich; und ebenso selbstverständlich ist es, daß er damit den böckst^n Zorn der Christus'einde erregte. So war es damals, so ist es auch heute noch. Wer immer mit ganzer Kraft sich einsetzt in dieactio catho- lica", und dabei Erfolge zu haben wagt, der wird den Unwillen der Christusfeinde aller Lager gegen sich haben. Und wenn er dann gar tragt dem sich unfehlbar erhebenden Sturm der Schmähungen und Verleumdungen das entschiedene Zeugnis für Christus entgegenzustellen, dann mag er sich hüten. Dann ist kein Stein scharf und zackig, kein Dolch und Degen scharf und spitzig genug, um solch unbe­quemen Zeugen zu erledigen, moralisch und phy- üich. Und auch die Men'e die den Gezeichneten zu Tode hetzt, ist nur zu schnell und leicht gefunden. Wie ein Mann stürzten sie auf ihn los, stießen ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn."

Sie haben ihn getötet und stumm gemacht, den Erzmartyrer Stephanus. Aber seinen Geist und seine Kraft in der Kirche Christi konnten sie nicht töten und werden es nicht können in alle Zukunft. Wir haben diesen Geist sich offenbaren sehen bis in unsere Tage hinein in den blutigen Verfolgun­gen in Ost und West, in Rußland und Mexiko, wir werden ihn sehen, wo immer die Flugfeuer der Verfolgung aufspringen. Wer aber weiß, ob nicht vielleicht schon bald auch von uns Stephanuszeug- nis und Stephanustreue verlangt werden? Be­drohlich genug stehen die Zeichen.

Dann aber wird es für jeden von uns zur un- abweislichen Pflicht, daß er sich prüfe, ob Stepha­nus", des Erzmartyrers, Geist wenigstens keimhaft auch in ihm lebe, jener Geist der Liebe Christi, der zur mutigen Tat drängt, zur Liebestat an allen bedrängten Brüdern, zur ZeuMistat ohne Men­schenfurcht, zum Opfer bis zur Selbsthingabe. Ste­

phanus Arbeitsfeld liegt vor jedem von uns aus» gebreitet. Zum Stephanusdienft ist heute jeder von uns berufen, da der Ruf der Kirche zur actio catholica, zum Hilfswerk des Apostolats in dem weiten Feld der Karitas und Seelsorge lauter und drängender erging als je bisher in der Kirchenge­schichte. Wohl dem, der ihm recht zu folgen ver­stand. Er wird, wie Stephanus, einst den Himmel offen sehen und den Menschensohn stehen zur Rech­ten Gottes, auch dann, wenn nicht das Aeußerste und Letzte von ihm gefordert wird.

Das ist der Ruin . . .

Durch die Jahrtausende hindurch war Gottes Stimme von Sinai, waren Gottes Gebot« der Menschheit heilig, unerschüttert als Grundfeste und Säule des sittlichen Lebens, unbestritten in ihrer absolut verpflichtenden Kraft. Jetzt aber ist ein Geschlecht erstanden, das jeden Menschen zu seinem eigenen Gesetzgeber machen will. Die Gebote des Ewigen werden umgedeutet, umgestallet. Die un­gezügelten Triebe werden als vermeintliche Rechte der Natur ausgespielt gegen die Grundlagen der göttlichen Sittengesetze. Nur solche Gebote will der Mensch anerkennen, die er selbst für zweckmäßig hält oder die ihm bequem sind. So wirft sich der Mensch auf zum Richter über Gott. Das ist der Ruin der Sittlichkeit, der Ruin aller Kultur.

Kardinal Bertram.

DieProfitgier der Missionare.

Neulich fand in Berlin der Weltkongreß der sozialistischen Freidenker statt. Bei dieser Gelegen­heit ist einiges Gehässige über die Missionare ge­sagt worden, die mit Sklavenhaltern verglichen wurden, deren einzige Aufgabe es sei, die Kassen Roms zu füllen. Die opfervolle Arbeit der afri­kanischen Missionare wurde einfach als Profitgier bezeichnet. Wer seinen Profit sucht, pflegt gewöhn­lich sein Leben sehr lieb zu haben. Denn er will doch genießen, was er errafft. Die afrikanischen Missionare haben aber nie etwas anderes vor Augen geseher als Not und Entbehrung sowie einen frühen Tod.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Er­schließung Afrikas begann, war dieser Erdteil be­kannt alsdes weißen Mannes Grab". Die Ozean­dampfer hielten sich fern von den fieberschwangern» den Küstenrerchen Wejtafritas Nur die Mchio- nare wagten sich ins Land hinein. Die ersten 3 Lyoner Missionar« in Westafrika starben 5 Wochen nach der Landung Stets neuer Nachwuchs folgte, der dasselbe Schicksal hatte. Das Lyoner Missions­seminar zählte bis 1914 400 Tote (Priester und Schwestern). Das Durchschnittsalter der Priester betrug 30 Jahre, das dèr Schwestern 28 Jahre. Von den damals in Liberia landenden 7 Priestern war nach der bald einsetzenden Regenzeit noch einer übrig. Zwe« neue Genossenschaften versuch­ten die Mission. Das mörderische Klima zwang sie zum Rückzug. Erst 1906 gelang das Werk 5 Priester und 2 Brüder, die 1853 in Sierre Leone landeten, waren in wenigen Wochen vom Gelben Fieber dahingerasft. In Senegambien fielen in 11 Jahren von 75 Missionaren 42 dem Sumpf­fieber zum Opfer. In 6 Jahren wurden 4 Aposto­lische Vikar« in der Blüte der Jahre Hingeraftt. Dn Kamerun starben in 13 Jahren 21 Glaubens- boten; Togo sandte 1910 16 Patres krank nach Europa zurück. In Fernando Po zählte man in 18 Jahren 80 tote Missionare. Innerhalb 10 Jah, ren mußten im Sudan 20 Jesuiten im besten Man­nesalter ins Gras beißen. 35 Franziskaner kamen zu Hilfe. Wenige von ihnen konnten, nachdem der Tod ihre Reihen dezimierte, zurückkehren. Im Seengebiet Ostafrikas verzeichnete die Mission der Weißen Väter 34 Tote bei insgesamt 87 Missio­naren. Am Sambesi ließen in 20 Jahren wohl 80. meist deutsche Missionare das Leben.

Das war früher, als die Mittel gegen den Tod und die Seuchen noch wenige waren. Wie steht es heute? Nach einer im Jahre 1929 zu Mailand veranstalteten Untersuchung haben die Afrikamis­sionare nur 78 Prozent der Lebensdauer jener Mif« fionare, die in Europa bleiben. Wer nach Afrika geht, kann ungefähr 14 Jahre seines Lebens vor­her abstreichen. Je einer von 20 Missionaren stirbt auch heute noch eines gewaltsamen Todes.

Wer hat Lust, aus ,Profitgier" das Erbe der Afrikamissionare anzutreten?