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„Der Kübbeler--!

„Befehl — Wir müssen!"

„Wers wagt, dem schlage ich den Schädel ein! Sandsäcke neben die Schienen gelegt! Hier! Rasch, UM! Rasch! Ich verantworte alles!"

„Hein! — Du willst doch nicht —?"

„Hinauf will ich springen!"

„Unmöglich! Du darfst nicht! Denk an die Mia!"

„Her die Sandsäcke! Noch ein! Noch einen!"

„Hein, es geht nicht! Es geht wirklich nicht' Lenk an deine Frau!"

Hein stand schon auf den Sandsäcken und trat darauf herum, um eine feste Unterlage zu gewin-

NèN.

^Es ist dein Tod, Heinl--Es ist ganz gewiß dein Tod!"

„In drei Teufels Namen: Schert euch weg, ehe sie kommt!"

„Da mochten die wenigen Einsichtsvollen doch merken, daß man einem Menschen, der im Be­griff steht, Ungeheuerliches zu wagen, nicht mit klugen Erwägungen kommen darf. „Dis Strecke frei!" schrieen sie und rissen durch diesen War­nungsschrei die andern mit. Alle, darauf bedacht, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, kletterten fluchtartig die steile Böschung hinauf und schrieen und winkten von dort aus, als wollten sie Hein im letzten Augenblick noch von den Säcken ver­treiben. Aber es war, als seien seine Sinne sür die Nähe erstorben und Auge und Ohr nur noch für die Ferne da, aus der die Unglücksmaschine kom­men mußte. Wie bei Träumenden flogen seine Gedanken blitzschnell. Er dachte an Mia, seine Frau. Der alte Kübbeler hatte ihr bei jeder Ge­legenheit in den Ohren gelegen, hatte im Aerger darüber, daß sein Schwiegersohn nicht mit von der Partei war, gehetzt und gehetzt, als ob der ein unschlüssiger Feigling sei: „Der deine, der Schlapp­schwanz, der ist kein Mann!"

Zwischen ihrem Vater und dem Manne ste­hend, war Mia stiller und stiller geworden und hatte das Singen vergessen. Früher, wenn er müde aus dem langen Dienst kam, hatte sie im­mer zu ihm „Du Lieber!" gesagt. Wie lange hatte sie das Glückswort, nach dem er oft ganz hungrig war, nicht mehr gefunden! Wie lange nicht mehr! Aber nun fuhr der Alte, der Frie­densstörer, der ihn überall als Feigling gebrand- markt hatte, rettungslos in den Tod!

Im nächsten Augenblick schrak Hein aus dem Nachtwandel dieser Gedanken auf, wußte wieder, warum er hier auf den Sandsäcken stand, dachte nichts anderes als: Die Maschine, die Maschine! Riß mit einem Ruck den Rock aus und schnallte den Leibriemen ins letzte Loch. Denn nun be­gann die Schiene leise zu zittern und zu klingen. „Da!"

Ganz fern, da käm sie. Vor und hinter ihr der Tod und auf ihr ein Mensch, der jetzt ohne ihn rettungslos verloren ist !

Hein sieht und hört nur noch die Maschine, das Untier, das die Strecke frißt.

Rattata — rattata — rattata--!

Gleich--gleich--jetzt!

Wie ein Raubtier zum Todessprung geduckt, suhlt er die heiße Preßluft, schreit: „Mia!" und - — springt!

Springt etwas zu kurz, hängt mit beiden Armen am Griff und findet mit den Füßen keinen Halt.

Die Jüngsten aus der Rettungskolonne liegen auf den Knien, recken die verarbeiteten Fäuste £™ Himmel — und schreien — halb Fluch, halb ^bat, —: „Großer Gott! Großer Gott! Großer

ilmdonnert vom Höllenlärm der rasenden ^a= hängt Hein einen Augenblick — nein, eine Wigkeit! — zwischen Leben und Tod, und höh- "end pfeift ihn der Wind aus.

« ."Esthalten! Festhalten! Festhalten--Seine , ne! Kommen die den furchtbaren Rädern nicht A ~ Eine Kurve schleudert ihn, daß ihm ue Gelenke knacken und der Atem versagen will. Ein verzweifelter Ruck — noch einer — noch setzt hängt er am Trittbrett — die Hose ’ Arme und Beine zerschrammt. Mit zu- Ickn^Webissenen Zähnen noch ein wildes Zu- schnappen der Hände---.

Bauche rutscht er hinein neben den sick Ä0^ ~ springt schnaufend auf — wirft aus ?• 2™' "is ginge es gegen einen Todfeind, Maschinerie: „Ich hab dich, du Aas!" v)°i^t Pach die Faust den Hebel. Zischend ent- höchst gespannter Dampf---.

Langsame Fahrt!

Mehr weiß er nicht; denn die Welt scheint fr’ um den Atemlosen im Kreise zu drehen; aber die Maschine verpufft ohne Dampf ihre letzte Kraft, gehorcht endlich dem Hebel, zittert wie ein er­schöpfter Renner und--steht!

Wie er von der Maschine gekommen ist, weiß Hein gar nicht. Hat er den ohnmächtigen Alten auf den nackten erschundenen Armen und stol­pert, vorwärts über den Schotter.

Von überallher rennen Leute herbei, die ihm die Last abnehmen. Noch ist alles unwirklich, wie das Erwachen aus einem schrecklichen Traum, dessen Vann noch nicht brach. Aber — ist da nicht — ? Ist das wirklich sein Dorf, sein Haus, sein Garten?

Und auf einmal kommt Mia, sein Weib, dem er den Vater bringt. Er rennt auf sie zu, als wäre er jetzt erst gerettet. Und sie hängt an sei­nem Halse und schluchzt und jubelt: „Du Lieber! Du Lieber!"

Immer mehr Leute. Aufgeregt. Schreiend — denn sie können es noch nicht fassen —: „Wer sprang auf die Maschine? Wer hat ihn gerettet?"

Da schlingt Mia die Arme um den Zerschunde- nen, sieht selig zu ihm auf und jubelt vor Stolz und Glück: „Meiner! Mein Mann! Mein Lieber!

Mirlterttchkett.

Von Peter Kintgen.

Gestern sah ich sie wieder zum ersten Mal nach vielen Jahren; gestern, ein Maientag, so gebefreu­dig, so voll warmer, köstlicher Luft, so geschwängert mit Vogelliedern und Blumenduft, daß auch das verlassenste Menschenkind ein seliges Lächeln über­sonnte. — Ein solcher Tag mußte es sein, ein Freu­dentag für mich!

Im Stadtpark; die Kastanienbäume der breiten Allee, die den Park ringsum säumte, standen da wie leuchtende Weihnachtsbäume, tausende von Blütenkelchen brannten und strahlten in die sehnen­den Menschenherzen — da kam sie nun; die großen blauen Augen leuchteten vor Glück, strahlten wie die Blütenkerzen; diese Augen, die mir immer vor- gekommen waren wie ein Märchensee, tief, und doch so klar, und da unten ach so viele Quellen, die spru­delten und den „See" speisten immerzu. — Das Haar war noch von demselben satten Gold wie vor — na, wie lange wars denn, daß ich sie hinter dem Sarge ihrer Mutter hatte schreiten sehen, ach Gott, lange vor dem Kriege — so wie vor etwa 20 Jahren also. Da schaute ich Maria Lenze zum letzten Male, ihr Vater wurde bald versetzt, und so zogen sie fort.

Aber wie oft hat das Bild seitdem vor meiner Seele gestanden: Der Leichenwagen mit dem Sarge ihrer Mutter, dahinter das 14jährige, liebe, blonde Mädel mit den großen verweinten Augen; an der rechten Hand das Brüderchen, das vielleicht zehn Jahre zählte, und die Linke hatte das Patschhänd­chen des achtjährigen Schwesterchens warm gefaßt. Wie das große Kind die Tränen zurückdrängte, wie es im Schreiten die beiden kleinen mutterlosen We­sen sorglich an sich zog, so fest und doch so behut­sam, wie es mit einem Blick von Liebe und Mitleid die beiden Kleinen umfing, so mütterlich warm, da dachte ich, der Mann ist reich, der dich einmal be­sitzen wird, die Kinder sind glücklich zu preisen, die dich einmal Mutter nennen.

Und das kam mir jetzt alles wieder in den Sinn, als ich sie so daher kommen sah und den Kinderwagen vor sich her schob, ihre Augen auf den vor lauter Daseinslust vergnügt lachenden, quitschenden Säugling in dem altmodischen Wagen gerichtet, und zu beiden Seiten zwei krausköpfige Buben, deren Augen gleich verrieten, wer sie unter dem Herzen getragen. Und dann hielt das junge Weib den Wagen an, beugte sich über das mutterse­lige Kind und lachte und herzte und koste, und jener Abglanz von Mütterlichkeit lag auf ihren jugend- frischen Zügen, den selten ein Maler vollkommen festzuhalten vermag, der manchen Madonnenbil­dern jenen Zauber verleiht, darum sie uns so wert­voll, so teuer sind.

Plötzlich fiel mir ein, wie ich ihr zum ersten Male im Leben begegnet war.

Sie war damals ein ganz kleines Mädchen von drei Jahren, ich, eben dem Knabenalter entwachsen — stolz auf den ersten Flaum. — Es war ein ver­regneter Sommertag. Ich schritt eilends heim durch die blühende „Lindenallee", in den alten Kronen sang der warme Südwest ein sommerliches Lied.

Ein kleiner Blondkopf kommt mir entgegen, trägt auf dem Aermchen ein Püppchen, duckest die Pup» penkinder an sein Körperchen, herzt bald das eine,: bald das andere, hat für nichts anderes Sinn und Auge, achtet nicht auf den Wèg; da ein Stolper über einen losgelösten Pflasterstein, und das Pup- penmütterchen liegt im Schmutz. Jetzt bin ich ge­rade bei der Kleinen und will ihr helfen; aber ehe ich mich dessen versehe, steht sie schon wieder da, an der Stirne eine blaue Beule — das Kleidchen be­schmutzt. — „Hast du dir weh getan?" Und dabei streiche ich leicht mit dem Daumen die geschwollene Stelle. — „Js spüre nix", lacht sie, dem Weinen näher; achtet nicht die Beule, nicht das beschmutzte blaugetupfte Sommerkleidchen, bückt sich schnell und hebt die Puppen auf. Der Kopf der einen ist ge­sprungen, hat einen klaffenden Riß. Die gesunde gibt sie mir mit einer gewissen Selbstverständlich­keit, daß ich sie halte und wickelt die arme kranke in’ das rotgesäumte Leinenschürzchen, wickelt sie gut ein,preßt sie an sich und weint helle Tränen: „O, die arme Lotte, hat Weh-Weh!---" „Wie heißt du denn? Und sie schluchzt voll Weh und Ach in großem Schmerz: „Maria!" — „Sei still, Maria", sag ich weich zu ihr und streiche leise über das blonde Haar, ich kann die Lotte wieder gesund machen, ganz gesund, bald schon!"--„Bist du denn Doktor?" kommts hoffnungsfroh aus verhal­tenem Schluchzen.--„Ja, weißt du, so ein Pup­pendoktor" und dabei sieht sie mich forschend an, dann kommts spontan: „Dann nimm die Lotte mit, ja, bitte, und morgen bringst du mir sie wieder, ja, Onkel Doktor?" èie wischt sich mit dem Schürzen­zipfel die immer noch quellenden Tränen. „Ich wohne da," und sie zeigte auf ein kleines, mit wil­dem Wein bewachsenes Haus, das in einem blühen­den Garten halbversteckt gegenüber lag —. „Wo bist Du denn zu Haus, wo wohnt Deine Mama?" fragte sie jetzt ganz ruhig. — „Ich wohne in dem letzten Haus, siehst du da an der Ecke weit da hin­ten." — „So weit darf ich nit, will Mama nit" kommts mit tiefem Seufzer, dann, bring mir bitte die Lotte, bitte!" Ich verspreche es ihr, nehme die kranke Lotte und gebe der getrösteten und beruhig­ten Kleinen die „gesunde Puppe" wieder. Sorglich — von zwei blauen Augen scharf beobachtet, ängst­lich überwacht — stecke ich die „Kranke" unter mei­nen Rock. „So, da liegt sie warm, morgen abend, ehe du schlafen gehst, komme ich zu euch und bringe dir die Lotte gesund wieder, gelt?" Sie reicht mir ihre kleine dicke Hand und sagt.mit gemischten Ge­fühlen: „Adjö!"--„Gib mir, bitte noch einmal die Lotte", wendet sie sich noch einmal um, und das kleine Mädelchen drückt die zerbrochene Puppe im­mer wieder an das wehe Herzchen. Dann gibt es sich augenscheinlich einen Ruck: „Da, tust du sie auch ganz gesund machen?" Sie wartet meine Antwort nicht ab. „Adjö, Onkel Doktor, wie heißt du noch mehr? — " „Paul!" — „Adjö Onkel Doktor Paul!" Und dann wendet sie sich ihrem Puppenkindchen zu und erzählt ihm die traurige Geschichte von der kranken Lotte.

Zu Hause habe ich dann den zerbrochenen Por­zellankopf sorgsam mit Kitt geheilt, als der Riß ge­trocknet und die Wunde vernarbt war, die kleine Lotte gesund und munter ihrer Puppenmutter ge­bracht! --war die Freude groß!--

Von nün an waren Maria Lenze und ich gute Freunde und begrüßten uns bei gutem Wetter fast täglich — lange Jahre. Immer mußte ich ihre Puppen bewundern, Freud und Leid der kleinen Puppenmutter teilen, und das will was heißen! —> Manche große und kleine kranke Puppe mit den verschiedensten Leiden behaftet, hat sie dann noch Onkel Doktor Paul gebracht, der und kein anderer besaß das Vertrauen. Ich freute mich täglich neu auf die Stunde unserer Begegnung, etwas eigenes überkam mich, wenn ich sah, wie mütterlich sie mit ihren Puppen umging.

Und dann kam sie später mit Brüderchen und Schwesterchen, jedes am Händchen gefaßt, Fritz rechts, Lotte links, und wollte mal eins meinen, dann streichelte sie und tröstete und koste, daß bald alles Leid gewandelt war.--Manchmal stieg —- wenn auch nur kurz — etwas wie Neid und Sehn­sucht in meiner Seele auf.---

Und nun gestern wieder nach langen Jahren?! Was das kleine Mädel versprochen, hat die junge Mutter treulich gehalten. Mit welcher Seligkeit sie mir noch herzlicher Begrüßung ihre Kinderchen vorstellte--. Wie sie strahlte vor Wonne und Glück, da ging ein Ahnen durch meine Seele: Wie reich begnadet seid ihr, Mütter! !