Sonntag, 16. August 1931,
Religiöses Wochenblatt
für die katholischen Gemeinden Kassels.
Erscheint jeden Sonntag und kostet monatlich Ausgabe A 40 R.-Pfennlg B 45 8.-Pfennig lZustellgebllhr extra) Redaktionsschluß Montâg. Anzeigen-Preise: Lolonelzetle tm Anzeigenteil 0,15 Goldmark. LolonelzeUe tm Reklameteil 0,60 Goldmark Bei Wiederholung Rabatt. Auskunft und Osj.-Aeb. 0.10 Goldmark. Porto extra Anzeigen müssen spätestens bis Montag morgens tm Besitz der Fuldaer Actlendrulkerel in Fulda sein.
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Wochenkalender.
Sonntag, 16. August. 12. Sonntag nach Pfingsten. Fest des hl. Joachim. Rochus, Bek., Patron gegen Pest und Seuchen.
Montag, 17. August. Hyazinthus, Bek.
Dienstag, 18. August. Wigbert, Abt zu Fritzlar, Bek. ' Agapitus, Mart.
Mittwoch, 19. August. Johannes Eudes, Bek.
Donnerstag, 20. August. Bernhard von Clairvaux, Kirchenlehrer.
Freitag, 21. August. Oktavtag des Festes der Domkirch- weihe. Johanna Franzica v. Chantal.
Samstag, 22. August. Oktavtag der Himmelfahrt Mariä. Vigil des hl. Apostels Bartholomäus. Timotheus u. Gef., Mart.
Zwölfter Sonntag nach Pfingsten
Evangelium. Lucas 10, 23—37.
Epistel, 2 Korinther 3, 4—9. Die Herrlichkeit des apostolischen Amtes.
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: „Selig die Augen, die sehen, was ihr seht! Denn ich sage euch, viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr seht, und sahen es nicht, wollten hören, was ihr hort, und hörten es nicht." Und stehe, ein Gesetzeslehrer trat auf, um ihn auf die Probe zu stellen. Er fragte: -Meister, was muß ich tun, um das ewige Leben zu erlangen?" Er antwortete ihm: „Was steht im Gesetze geichrieben? Wie liest du da?" Jener antwortete: „Du sollst den Herrn deinen Gott lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit allen deinen Kräften und mit deinem ganzen Gemüte, und deinen Nächsten wie dich selbst." Er sprach zu ihm: „Du hast recht geantwortet. Tu das, so wirst du das Leben haben/ Jener aber wollte sich rechtfertigen und fragte ^sus: „Wer ist denn mein Nächster?" Da nahm Jesus vas Wort und sprach: „Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und fiel unter die Räuber. Diese plünderten ihn aus, schlugen ihn wund, ließen ihn halb- rot liegen und gingen davon. Zufällig zog ein Priester oenidben Weg hinab, sah ihn und ging vorüber. Ebenso Levit: er kam an die Stelle und ging vorüber. Da ram ein Samariter dem Weges an ihm vorbei, sah Ä"nd ward von Mitleid gerührt. Er trat zu ihm hin, «o» Del und Wein in seine Wunden und verband sie. onn hob er ihn auf sein Lasttier, brachte ihn in eine ^er.-erge und sorgte für ihn. Am anderen Tage zog zwei Denare heraus, gab sie dem Wirte und sagte: A°bge für ihn; was du sonst noch ausgibst, x1 “9 oir bezahlen, wenn ich zurückkomme." Wer von für ^^ièn scheint dir nun der Nächste gewesen zu sein Lh« /, r unter die Räuber gefallen war?" Jener n„s ^.è „Der Barmherzigkeit an ihm geübt hat." ^esus sprach zu ihm: „Geh hin und tue desgleichen."
Em Gotteshaus ohne Wände.
Maria geht zum Himmel heut:
Torob der Engel Heer sich freut.
stE0 todt frohgestimmt die hl Kirche an ..H diesem Gedächènistag, der uns von M der Aufnahme der allerseligsten X3 Jungfrau in den Himmel erzählt, in hm ^ Nun ist die Hochgebenedeite versenkt
"Mn der göttlichen Liebe und Seligkeit
und wohnt in jenem unermeßlichen Palast, der- widerhallt von den Freudengesängen der Engel z und Heiligen. Dorthin erheben wir Adamskinder Herz und Auge und beten mit den Worten des „Salve Regina":
„Zu dir rufen wir elende Kinder Evas; zu dir seufzen wir trauernd und weinend in diesem Tale der Tränen." —
Und doch, wir haben hienieden einen großen Trost. Ist nicht die ganze Erde, dieser Schauplatz unserer Arbeiten und Kämpfe, unserer Freuden und Leiden, ein riesiger Gotteskempel ohne Wändè ohne Mauern und Dach? „Des Herrn ist die Erde und was sie erfüllt", sagt der Psalmist. Und abermals ruft er mus: „In Gottes Tempel rufen alle: dem Herrn sei Ehre."
Da ist es gerade die hl. Elisabeth, bei der wir heute wieder in die Schule gehen wollen. Obwohl ihr Lieblingsplätzchen in der Kirche vor dem Tabernakel war, wo sie Christus den Herrn gegenwärtig wußte, so fühlte sie doch allerwärts und zumal in der Einsamkeit Gottes Nähe und öffnete ihm, ihr Herz in heimlicher Zwiesprache. Darüber entnehme ich der Legende folgende Einzel- heitem
Oestlich der Stadt Marburg, am Fuß und Rand eines Waldberges, liegt der Elisabelhen- brunnen, so genannt, weil die hl. Elisabeth öfters ganz allein sich dorthin begab, um recht ungestört von der Welt sich der Andacht hinzugeben. Auf dem ganzen Weg, der beinahe zwei Stunden lang ist, betete sie dann — nur ein einziges Vater Unser; ihr Geist nagte und zehrte, gleichsam daran, indem sie den unendlichen Reichtum und die Güte seines Inhaltes erwog. Denn das Vater unser ist nicht nur ein Gebet zu Gott, sondern ist auch eine Predigt an die eigene Seele, und alle guten köstlichen Predigten sind dem Wesen nach im Vaterunser enthalten. — Was wäre das für ein schönes Schauspiel, wenn wir all die Gedanken und Empfindungen schauen könnten, welche die gottselige Frau, vom hl. Geist erleuchtet, aus dem zweistündigen Vaterunser saugte, wie eine Biene den Honig aus dem Blutenstaub! Wie arm und nackt an der Seele ist doch der Weltmensch, welchem das Gebet beschwerlich, gleichsam eme geistige Fronarbeit ist. die er möglichst abkürzè oder ganz unterläßt! Wie wird es ihm gehen in jener Welt, wo die Seligkeit in unaufhörlicher, ewiger Andacht besteht? Wie wenn nun das Beten der hl. Elisabeth an jener Waldkapelle als Samenkorn liegen geblieben und Jahrhunderte lang Frucht getragen hätte, so hat sich auch an jener Stelle im Wald das Gebet bis auf den heutigen Tag fortgepflanzt. Ober der Quelle wurde zum Andenken an die Heilige eine Kapelle gebaut; diese ist schon längst nicht mehr da; aber das Beten daselbst ist geblieben. An Sonn- und Feiertagen versammeln sich hier die Leute aus dem benachbarten Dorf Schröck und verrichten eine
1 gemeinsame Andacht. Die Natur selbst bildet jetzt 8 dort den Tempel, hohe Waldbäume sind die Säulen, das Himmelsgewölbe die Decke, der grüne Rasen der Fußboden; und statt einem Altarbild tragen diese Landleute das Andenken und dis Verehrung unserer lieben Heiligen im Herzen, und als Orgelspiel bei dieser gemeinsamen Andacht dient das Brausen des Brunnquells und Windeswehen in den Baumwipfeln — und wohl mag ihr Geist hier lieber unter den frommen Betern im Wald weilen als in der prächtigen Steinkirchs, welche ihr zu Ehren in Marburg gebaut und deren Inneres in neuerer Zeit mit reichem Gold- und Farbenschmuck wiederhergestellt worden; —* denn die Hauptsache dort ist eben nicht hergestellt; weil sich die Kirche jetzt nicht mehr im Besitz der Katholiken befindet. So fehlt darin der eigentliche Diamant, das hochheilige Sakrament des Altars.
Gewöhnen wir uns daran, nicht bloß im Innern der Kirchen zu beten. Gewiß wird die Kirche immer und zu allen Zeiten der eigentliche, schönste und würdigste Gebetsort sein und bleiben. Jener Ort, von dem geschrieben steht: mein Haus ist ein Bethaus. Jenes Haus, für das der Heiland eiferte, so daß feinen Jüngern das Wort der Schrift einfiel: „Der Eifer für Gottes Haus verzehrt mich." Großer Irrtum wäre es aber, kleinliche Beschränktheit und unersetzlicher Schaden, wenn wir nur in der Kirche beten würden. Die Wahrheit liegt in der Mitte. Man muß das eme tun, sagt der Heiland, und das andere nicht lassen. Wir müssen und wollen als gute Katholiken mindestens jeden Sonn- und Feiertag in unsern schönen Kirchen und Kapellen einer hl. Messe beiwohnen. Wir wollen aber darüber hinaus nicht vergessen, was der hl. Paulus unerschrocken vor dem Areopag zu Athen ausgesprochen hat: „In Gott leben wir, bewegen wir uns und sind wir, und er ist nicht ferne von jedem aus uns." —
Welch ein Vorzug ist doch dieser Gedanke, daß wir überall im „Haufe Gottes" find und überall das Herz zu ihm erheben und überall unsere Anliegen ihm vortragen können. Nicht überall kann man arbeiten, aber überall kann man beten. Dieses Privilegium hat das Gebet für sich allein. Man kann auf dem Markte herumgehen und beten, in der Gerichisstube sitzen und beten, in der Werkslütte sein und beten; man kann Einkäufe macken und beten man kann zu Hause sich beschäftigen, krank auf dem Vette liegen und beten. Manasses betete im Kerker, Ezechias auf 'einem Schmerzenslager, Daniel in der Löwengrube, dis drei Jünglinge im Feuerofen, Jonas im Bauchs des Walfisches, der Schächer am Kreuz, Paulus in Ketten, Job auf dem Düngerhaufen, Christus in der Wüste, auf dem Berge, im Garten, am Kreuzesstamm.
Ja, die Welt ist eine große Kirche ohne Wände. Die Menschen darin sind alle Beter, sollen es sein.