Sonntag. 11 Zum 1931
Religiöses Wochenblatt
für die katholischen Gemeinden Kassels.
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Wochenkalender.
Sonntag, 14. Juni. 3. Sonntag nach Pfingsten. Basilius d. Gr.. Kirchenlehrer.
Montag, 15. Juni. Don der Oktav des Herz-Iesu-Feftes. Vitus und Gen., Mart.
■ Dienstag,. 16. Juni. Von der Oktav des Herz-Jefu- Festes.
Mittwoch, 17. Juni. Von der Oktav des Herz-Jefu- Festes.
Donnerstag, 18. Juni. Ephram, Kirchenlehrer, Marcus
, und Marzellianus, Mart.
. Freitag, 19. Juni. Oktav des Herz-Jefu-Festes. Juliana Falconieri, Jg^r. Gervasius und Protasius, Mart.
Samstag, 20. Juni. Mariensamstag, Silverius, Papst, Mart.
Dritter Sonntag nach Pfingsten.
Epistel. 1. Petrus 5, 6—11.
Evangelium. Lukas 15, 1—10. Der Freund der Sünder und Zöllner.
In jener Zeit nahten sich Jesus Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. Da murrten die Pharisäer und Schriftgelehrten und sagten: „Dieser nimmt die Sünder aus und ißt- mit ihnen". Da trug er ihnen folgendes Gleichnis vor: „Wer von euch, der hundert Schafe besitzt und eins davon verliert, läßt nicht die neunundneunzig in der Wüste und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? Und hat er es gefunden, so nimmt er es ■ voll Freude auf feine Schultern. Kommt er dann nach Haufe, so ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: „Freuet euch mit mir; ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war. Ich sage euch: Ebenso wird im Himmel größere Freude sein über einen einzigen Sünder, der sich bekehrt, als über neun- ' undneunzig Gerechte, die der Bekehrung nicht bedürfen. Und zündet nicht eine Frau, die zehn Drachmen besitzt und eine davon verliert, ein Licht an, kehrt das Haus . aus und sucht sorgfältig, bis sie die Drachme findet? Hat sie aber die Drachme gefunden, so ruft sie ihre Freundin- nen und Nachbarinnen zusammen und sagt: „Freut euch mit mir; denn ich habe die Drachme gefunden, die ich verloren hatte." Ebenso, sage ich euch, wird bei den Engeln Gottes Freude sein über einen einzigen Sünder, der sich bekehrt."
Zwei gottgefällige Hebungen- ^^^etd) tiefen, beglückenden ElnbUck in »as heiligste H^lbückten ge- Gesinnungen und Absicht! 8 währt uns das t>euti«®»m ..— ^^ lium. Läßt denn dieser ^ . Hirt das verlorene Schäflein m der W . • en, es für seinen Ungehorsam büßen "nd um! m Soll es aus eigener Kraft den Weg wieoer 6 rückfinden? Nein. Als guber hirt st ^n land bekümmert um das Schicksal d ^ i Schäfchens. Ueber Stock und Stem eckt.er, nach, macht es sachte los von den Dorn , «r, umstricken, hebt es liebevoll auf die Schul
streichelt und liebkost es und trägt es mit Frohlocken ' zur Herde zurück. Und nicht zufrieden mit der eigenen Freude, die der gute Hirt über die Rettung des Schäfchens empfindet, ruft er auch noch die Nachbarn zusammen und bittet sie, sich mitzu- freuen über sein Glück.
Zwei Lehren liegen in dieser Parabel. Der Heiland liebt es, zu suchen, was verloren war. Der Heiland liebt es zu vergessen und zu verzeihen. Sein Beispiel ist aber für uns zugleich eine Vorschrift. Wir sollen nicht unversöhnlich und hart sein, sondern gerne vergeben und anderen Verzeihung gewähren.
Diese beiden herrlichen Lehren hat unsere liebe heilige Elisabeth zu Herzen genommen und zwei gottgefällige Uebungen daraus gemacht. Erstens hat sie Gott den Herrn vertrauensvoll um Verzeihung gebeten und von ihm auch reichliche Verzeihung erhalten; zweitens hat sie denen, die sie beleidigt haben, von Herzen verziehen und für das Wohlergehen ihrer Feinde inständig gebetet. Vernehmen wir, was über diese zwei Uebungen die Legende schreibt.
„Als Elisabeth eines Tages ihre Sünden bitterlich beweint, erschien ihr der Tröster Jesus und tröstete sie mit diesen Worten: quäle dich, meine geliebteste Tochter, nicht länger; alle Sünden sind dir erlassen. Denn an allen Gliedern und Teilen meines Körpers, mit denen du deinen Schöpfer beleidigt hast, habe ich gelitten. Hast du ihn mit den Händen beleidigt, so wurde ich mit den Händen und Füßen an das Kreuz genagelt; hast du ihn mit deinem Haupte beleidigt, so wurde das meinige für dich mit einer Dornenkrone gekrönt, von deren Stacheln nach allen Seiten das Blut Herabfloß. Hast du ihn mit deinen Augen beleidigt, so wurden die meinigen von den Kreuzigern verschleiert und von ihren Fingern gedrückt, zerquetscht -und schmählich verzerrt. Hast du ihn mit deinen Ohren beleidigt, so mußte ich auch mit den meinigen die Stimme der Lästerer anhören. Hast du ihn mit deiner Zunge beleidigt, so wurde auch die meinige von der Bitterkeit der Galle und der Schärfe des Essigs zerrissen. Hast du ihn mit deinem Angesichte beleidigt, so reichte ich mein Angesicht den Schlägen und meine Wange den zerfleischenden Streichen meiner Peiniger hin. Hast du ihn mit deinem Herzen beleidigt, so wurde das meinige mit der Lanze durchstochen; hast du ihn mit deinem Körper beleidigt, so wurde der meinige vielfach zergeißelt. Scheint es dir nun nicht, daß für deine Sünden schuldige Genugtuung geschehen sei! Ich habe für dich Leiden getragen und für dich Schmerzen erduldet. —
Daß diese gute Seele St. Elisabeth auch die Kraft gefunden, die Verzeihung, die ihr Gott gewährt, auch auf ihre Beleidiger zu übertragen, ihnen herzlich zu verzeihen und für sie sogar Segensgebete zu verrichten, das lerne aus folgendem Bericht der Chronik:
Eines Tages, als Elisabeth eine große Beschimpfung erlitten hatte, nahm sie, tief erschüttert, zum Gebet ihre Zuflucht, fing inständigst und weinend für. alle diejenigen zu beten an, von denen sie jemals beleidigt worden und flehte zu Gott, ihnen für jede Beleidigung eine Freude gnädigst zu gewähren. Als sie so abgemüdet betete, hörte sie eine Stimme, die zu ihr sagte: niemals hast du so wohlgefällige Gebete wie diese an mich gerichtet. Sie sind eingedrungen in das Innerste meines Herzens. Deswegen vergebe ich dir alle Sünden, die du jemals in deinem Leben mit Worten oder Werken begangen hast. Und alle ihre Sünden aufzählend, sprach die Stimme: ich vergebe dir diese Sünden. Und zählte sie alle einzeln her. Und als die Dienerin Christi fragte, wer diese Stimme sei, antwortete diese: ich bin derjenige, zu dessen Füßen sich Maria Magdalena in dem Hause Simons, des Aussätzigen, geworfen; auch schenke ich dir meine Gnade wieder. Und als sie darüber nachsann, welchen Weg sie vor Gott zu wandeln habe, antwortete ihr der Herr, der ins Verborgene blickt: hoffe auf Gott und tue Gutes .---
Praktiziere auch du diese beiden Uebungen. Ich kann dir heute am Herz-Jesu-Sonntag wahrhaftig nichts besseres empfehlen. Vertraue also wegen deiner Sünden auf die göttliche Barmherzigkeit und dulde nicht den geringsten Zweifel über deren Vergebung, wenn du sie bereut und gebeichtet hast und ernstlich dich von ihnen abwendest. Höre Gottes Stimme und glaube: „Wenn der Gottlose Buße tut über alle seine Sünden, so soll er leben ja leben und nicht sterben." Denke auch mit Vorliebe an die Worte des sterbenden Erlösers, mit denen er einen ehemaligen Räuber und Mörder getröstet hat: „Wahrlich, ich sage dir, heute noch wirst du bei mir im Paradiese sein." Halte es mit der schwäbischen Jungfrau Kreszentia, die sprach: „Ich gestehe, daß ich Gott oft beleidigt habe. Aber dadurch will ich ihn wenigstens nicht beleidigen, daß ich nicht auf ihn hoffe. Deshalb habe ich nicht das geringste Mißtrauen gegen feine Güte und Barmherzigkeit."
Vergiß aber auch nicht die zweite Uebung. Ge- währe gerne Verzeihung denen, die dir Unrecht oder wehe getan und erhebe deine Hand nicht, um sie zu strafen, sondern um für sie zu beten. Nichts ist verhängnisvoller als die Unversöhnlichkeit. An frommen Seelen gar ist sie unerträglich und unverständlich. Oder ist es nicht ungereimt und widersinnig, täglich mehrmals im Vater unser zu beten: vergib uns unsere Schuld wie auch wie vergeben unseren Schuldigem, und dabei den Unversöhnlichen zu spielen? Katholiken von dieser traurigen Sorte machen das Christentum verächtlich. Verzeihung von Gott zu erhalten und Verzeihung den Mitmenschen gewähren, das sind zwei unfehlbare Flügel zum Himmel.
Der Talpfarrer.