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Rumänisches Erlebnis»

Geschichten aus dem drangvollen Leben eines Andern.

Erzählt von Dr. Hanns M. Walte r-Orb.

VI. (Schluß)

Dem Toten gruben sie sein Soldatengrab nicht weit vom Unterstand des jungen Offiziers. Der hohe Hügel legte sich auf die Flauschdecke des Schnees, wie ein schwar­zes Kissen. Als Denkmal wuchs ein Kreuz aus der Erde, darüber der Helm. Den hatte der Leutnant selbst darauf gelegt.

Schwer wie geschmolzenes Blei floß die Erinnerung an den Toten durch die Adern des Deutschen. Wie viele : Gefallene er im Kriege gesehen, wie viele seine Hand viel­leicht auch selbst gefällt hatte in diesen drei wilden Jahren i — keines andern Bild war in seinem Gewissen haften ge- bieben. Doch das war auch alles anders gewesen, freier [ Kampf! Und hier? War es nicht gerechte Rache, erfüllte ■ Pflicht wie früher auch? Hatten jene nicht zuerst gemordet, i aus dem Hinterhalt heraus den besten Mann mit heim­tückischer Kugel getötet nach einer wochenlangen Art von ! Frieden? — Aber da rief es kichernd von irgendwo: „Schuld sühnt nicht Schuld ..." —

Die Nacht kam. Der Leutnant mußte seine Stellung abschreiten zur gewohnten Stunde, um die Posten und Wachen zu kontrollieren. Sein Frontabschnitt war drei Kilometer lang. Die Linien der Deutschen waren dünn und weit auseinander gezogen. Sie konnten sich nur halten, wenn die äußerste Vorsicht beobachtet und die Be­fehle treulich befolgt wurden.

Als der Offizier aus dem Unterstand heraustrat, fiel sein Blick auf das Grab des toten Rumänen. Der aufge­schichtete Hügel lag schwarz im fahlen Schimmer des Mondlichtes. Steil ragte das Kreuz aus lichtem Birken­holz . Auf feiner Spitze hing die zerschossene Helmkappe 1 mit dem abgerissenen Rand und klang klagend im Wind. ; Sie sah aus wie die Sturmhaube eines Kreuzritters, i deren Visier heruntergeklappt war. Tausend Jahre hätte Idas Grab alt fein können — aber es war ja so neu, so entsetzlich neu . . . Und Kreuz und Hügel standen hoch in stummer Anklage. Wieder fiel jenes furchtbare Wort dem Leutnant ins Herz, schwer und dumpf wie ein Fels­block, der krachend ins Meer stürzt: „Schuldig . . ."

Weiter schreitet der junge Offizier auf seinem Rund- . gang. Nicht wie sonst im Frohgefühl der Pflichterfüllung. : So traurig ist sein Mut, so hastig und bang hämmert sein Herz. Gedanken gehen ihm durch den Kopf, Gefühle be­wegen ihn, die er nie zuvuor gekannt. „Doch nicht . Furcht?" fragt er sich und prüft unerbittlich seine Seele. Aber um so lauter und klopfender spürt er das Herz wie einen dröhnenden Hammer in der Brust! Heiß steigt das Blut in die Schläfen, singt in den Ohren! Und die Augen flackern so unruhig in ihren Pupillen, sehen auf einmal gespenstische Gestalten über den Weg huschen! Lautlos ( gleiten sie vorüber. Ihr Fuß läßt keine Spur im hohen • Schnee. Sie schreiten dahin, gewichtslos und leicht, wie 1 der Herr einst über das Meer. Gespenstisch fließt das , Silber des Mondes . . ,

5 Da! Steht dort nicht einer in blaugrauer Uniform 1 mit blutroter Schärpe um den schlanken Leibi Und 3 jetzt! Hebt er nicht eben salutierend die Hand an den 5 Helm. Nein — er deutete nach einem kleinen Loch über d dem rechten Auge Die Augen sind kalt und tot. Ihr ” starrer Blick heftet sich durchdringend auf den Leutnant. Der ist jäh zurückgewichen vor der grauenhaften Cr- scheinung, steht zu Stein geworden. Jener drüben ruht o fahl und ruhig immer noch an den Baum gelehnt. Nun g wird das Schußloch groß und blutig, liegt purpurn mit- : fr ten in der bleichen Stirn---Dann nimmt die Ge- I statt langsam den zerschossenen Helm ab mit einer unend­

lich schweren schmerzlichen Geste, lehnt den entblößten Kopf weit zurück an den Baum---Ist das nicht der Kapitän vom fliegenden Holländer, den sie mit einem Nagel durch dis Stirn an den Großmast des Gespenster­schiffes hefteten----? Der Offizier weiß nicht, wie er zum nächsten Posten kam. Nur zusammenneh­men, daß keiner das Furchtbare merkt, denkt er bei sich, und unterhält sich länger als sonst mit dem Mann. Er ist froh, daß Leben um ihn ist, pochendes Leben! Daß nicht mehr der Tote ihn begleitet, lautlos vor ihm her- fchreitet, neben ihm, hinter ihm! Leben ist ja so köstlich, ist warm, ist glühend--„Köstlich?" höhnt ein Echo aus der Brust, „köstlich? — Hast Du es nicht gestern so leicht vernichtet?" —

Am anderen Tag ist der Leutnant übernächtig und fahl. Grau ist fein Gesicht, tief liegen die Augen in ihren Höhlen. Die Nacht hat den jungen Menschen um Jahre gealtert. Er weiß, was ihm begegnete, P Hirn­gespinst, Täuschung und Wahngebilde überreizter Sinne. Er sagt es sich wieder und wieder, und hat doch ein müdes Lächeln nur für die Schrecken der Nacht, müde und hoffnungslos. Vergeblich ist alles Wissen: in den kommenden Nächten wird er ja doch wieder da sein, der tote Rumäne!

Und er kam in jeder neuen Nacht! Schritt spurlos über den Schnee, ging ohne Laut neben dem Leutnant und legte ihm die bleiche Hand auf die Schulter--- Dann wieder reckte er den Kopf mit dem Blutmal aus dem Gebüsch---Was war das nur: Abel trug hier das Zeichen Kains an der Stirn? Entsetzlich! — Dann lehnte der Tote wieder bleich und stumm an einem Baum, wies mit erstarrter Gebärde auf seine Wunde und klagte lautlos, klagte an!

Da! — Der Leutnant hemmt den hastigen Schritt — liegt nicht vor seinem Fuß eine dunkle Gestalt! Zu- sammengekrümmt im rasenden Todeskampf? Klingt nicht ein lebloser Schrei mit hellem Echo kreischend durch die Schlucht! — Aber der Tote liegt ja so ruhig und starr, den Rücken nach oben. Der Helm ist aufgerissen von der breiten Wucht der Ausschußössnung am Hinter­kopf, und aus dem dunklen Gelock der schwarzen Haare quillt eine Masse hervor, gelblich-weiß. Ist es Schnee? — Nein! Es ist das Gehirn des toten Rumänen, das noch vor ein paar Tagen die zitternden Verse der Liebe er­sann —---

Nacht geht, Nacht kommt. Der Leutnant ist so ge­quält, daß er sich den Burschen mitnimmt auf die nächt­liche Runde. Er, der in tausend Schlachten gekämvft. fühlt jetzt, zum ersten Male, abergläubische Furcht! Aber dann denkt er, daß es feige ist, sich durch den Begleiter decken zu lassen vor den Schauern der Nacht und des Gewissens. Und wieder ist es da, das Unbeschreibliche voll gigantischen Grauens! Abend für Abend, Nacht für Nacht kommt der Rumäne und klagt — klagt ihn an — Und bei ihm steht gespenstisch und weinend ein braunes Mädchen---

Langs sind jene Tage versunken. Wer weiß, ob der Leutnant noch atmet im Scheine des Lichtes--Ob er endlich die Ruhe fand, die er so sehnsüchtig gesucht? Wer weiß?

Gott gebe Frieden den Seelen der beiden! — Ruhig schläft der Rumäne auf den verlassenen Höhen. Ver­weht ist der Hügel, verrostet der Helm und eingesunken das Kreuz. — — Vielleicht liegt auch der Leutnant lange in einem vergessenen Graben in Frankreich ober in Flandern--Gesühnt hat er eine Schuld, die er doch nie begangen. Die tragen die andern, die den Krieg hetzten aus Westen und Osten über alle Länder.

Der Herr gebe seinen Frieden den Seelen der beiden, dem Leutnant und dem toten Rumänen.

Aus dem Dekanat krkurZ

Am Sonntag, 11. Januar, fand wiederum eine Gauq tagung des Zentrumsgaues Erfurt statt. Außer den or­dentlichen Mitgliedern waren auch die Vorstände sämt­licher Jugendverbände des Dekanats Erfurt eingeladen. Die Tagung galt der Vorbereitung von Wochenendkursen für die Zentrumsjugend, die in den kommenden Mona­ten abgehalten werden sollen. 14 Vertreter der Jugend­vereine wurden zu einem Jugendausschuß zusammenge­schlossen. Zur Durchführung des ersten Kursus soll der Reichstagsabgeordnete Winkler gewonnen werden. Es gilt zunächst, staatspolitische Kenntnisse grundlegender Art der Jugend zu vermitteln. Sodann gilt es auch, po­litisches Interesse in die katholischen Jugendverbände hin­einzutragen, in denen dann fortsetzende Arbeit geleistet werden soll. — Am Montagabend sprach im Marienstift in Erfurt der H. H. Joseph Kühnel, der Herausgeber der Zeitschrift „Heiland". — Kürzlich fand hier in Erfurt eine Konferenz der Mitglieder des Bonifatiusvereins statt. Auch die Nachbardiözefen waren vertreten. Die Diözese Fulda hatte einen Domkapitular entsandt. Es wurde die wichtige Frage der Zukunft der Diasporaschule be­sprochen. Leider ist der Staat Thüringen noch immer nicht bereit, für die katholischen Sammelschulen emen Staatsbeitrag zu leisten, obwohl ihm durch das Bestehen dieser Schulen große Beträge gespart werden. Sehr ein­gehend wurde über die Frage des Lehrernachwuchses für! die katholischen Schulen in der weiten Diaspora verhan­delt. — Am Dienstag kam es in Erfurt zu ernsten Zu­sammenstößen zwischen Polizei, Arbeitslosen und Strei­kenden der Firma Henri Pels u. Co. Em geschlossener Trupp Arbeitsloser, der sich von der Harmonie nach Er­furt-Nord bewegte, wurde polizeilich aufgelöst. Von einem Straßenbahnwagen wurden die Scheiben einge­schlagen. Die Polizei wurde, als sie die Poststraße vom Bahnhof Erfurt-Nord räumte, in der Nähe der Straße nm Salpeterberg mit einem Steinhagel empfangen. Da die Räumung auf Schwierigkeiten stieß und die Beamten fortgesetzt mit Steinen beworfen wurden, mußte von der Schußwaffe Gebrauch gemacht werden. Hierbei wurde der 28jährige arbeitslose Maurer Hugo Hoffmann aus dem benachbarten Gispersleben tödlich getroffen, eine wei­tere Person durch einen Armschuß verletzt.

Mus bot Heimat

Birkenfelds: Die Eheleute Christian Meister und Frau Theresia geb. Backhaus feierten die goldene Hochzeit. — Unter Pater Mußhoffs Leitung wurde hier eine Missionserneuerung abgehalten.

D e u n a: Die Eheleute Valentin Huschenbeth und Frau Christina konnten ihre goldene Hochzeit feiern.

Dieterode: Franziskanerpatres hielten hier eins Mission ab, an der sich auch viele Einwohner von Für­stenhagen, Eichsstruht und Mackenrode beteiligten.

Geismar: Auch unsere Gemeinde erfreut sich der Gnadentage einer heiligen Mission.

Geisleden: Hauptlehrer Wilhelm Diete konnte sein ZSjähriges Ortsjubiläum begehen. Er erfreut sich allseitiger Beliebtheit und hat sich um die Gemeinde u. a. verdient gemacht durch die Herausgabe einer umfang­reichen Ortschronik.

Heiligen ft ad t: In» Saale des Kolpingshausss sprach der Generalsekretär Pater Wahl aus Köln über die Not unserer Zeit und den Vinzenzverein. Seit lan­gen Jahren leitet Seminaroberlehrer o. D. Fiege den Heiligenstädter Vinzenzverein mit vorbildlicher Treue, Umsicht und Geschicklichkeit. — Der hiesige Gesellenverein beging am vergangenen Sonntag sein 73. Stiftungsfest. Die Mitglieder zogen geschlossen zur Neustädter Pfarr­kirche, wo sie nn Hochamt die heilige Kommunion emp­fingen. In der Morgenansprache sprach Reichskanzler a. D. Marx anläßlich der Reichsgründungsfeier.

Mackenrode: Schmiedemeister Johann Gabel,

der mehr als ein Vierteljahrhundert das Schulzenamt innehatte, ist nach kurzem Krankenlager 75jährig ge­storben.