Ausgabe B
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Sonntag, 31. August 1930.
40. Zahrg.
Religiöses Wochenblatt für die katholischen Gemeinden Kassels
Erscheint jeden Sonntag und kostet monatlich Ausgabe A 40 «.-Pfennig B 45 «.-Pfennig (Zustellgebühr extra) Redaktionsschluß Montag. Anzeigen-Preise: Eolonelzeile im Anzeigenteil 0.15 Goldmark, Colonelzelle tm Reklameteil 0,60 Goldmark. Bei Wiederholung Rabatt. Auskunft und Off.-Geb. 0,10 Goldmark. Porto eftra Anzeigen müssen spätestens bis Montag morgens im Besitz der Fuldaer Aetiendruckerei in Fulda fein
—— Druck und Verlag der Fuldaer AcNendruckerel. Verlagsort Fulda. — ■
Wochenkalender.
Sonntag, 31. August. 12. Sonntag nach Pfingsten. Raymundus Nonnatus, Bek., f 1240.
Montag. 1. Sept. Aegidius, Bek., f 700.
Dienstag, 2. Sept. Stephan, König von Ungarn, Bek., T 1038.
Mittwoch, 3. Sept. Vom Tage.
Donnerstag, 4. Sept. Vom Tage.
Freitag, 5. Sept. Laurentius Justiniani, Bek., f 1453. Herz-Jefu-Freitag.
Samstag, 6. Sept. Marien-Samstag.
Zwölfter Sonntag nach Pfingsten
Epistel. 2. Korinther 3, 4—9.
Evangelium. Lukas 10, 23—37. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter.
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: „Selig die Augen, die sehen, was ihr seht! Denn ich sage euch, viele Propheten und Könige wollten sehen, was chr seht, und sahen es nicht, wollten hören, was ihr hört, und hörten es nicht." Und siehe, ein Gesetzesehrer trat auf, um ihn auf die Probe zu stellen. Er ragte: „Meister, was muß ich tun, um das ewige Leben Ul erlangen?" Er antwortete ihm: „Was steht im Sesetze geschrieben? Wie liest du 5a?" Jener antwar- ete: „Du sollst den Herrn deinen Gott lieben mit dei- em ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele, lit allen deinen Kräften und mit deinem ganzen lèmüte, und deinen Nächsten wie dich selbst." Er sprach u ihm: „Du hast recht geantwortet. Tu das, so wirst u das Leben haben." Jener aber wollte sich rechtfertigen ud fragte Jesus: „Wer ist denn mein Nächster?" Da ahm Jesus das Wort und sprach: „Ein Mann ging an Jerusalem nach Jericho hinab und fiel unter die "Uber Diese plünderten ihn aus, schluaen ihn wund, eßen ihn halbtot liegen und gingen davon. Zufällig 19 ein Priester denselben Weg hinab, sah ihn und ging ipriiber. Ebenso ein Levit: èr kam an die Stelle und ng vorüber. Da kam ein Samariter des Weges an in vorbei, sah ihn und ward von Mitleid gerührt, r trat zu ihm hin, goß Oel und Wein in seine Wun- m und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Laster, brachte ihn in eine Herberge und sorgte für ihn. m andern Tage zog er zwei Denare heraus, gab sie 'm Wirte und sagte: „Trag Sorge für ihn; was du 'cht noch ausgibst, will ich dir bezahlen, wenn ich zu- mkomme." Wer von den dreien scheint dir nun der ach sie gewesen zu sein für den, der unter die Räuber Hallen war?" Jener antwortete: „Der Varmherzia- ™. ihm geübt hat." Und Jesus sprach zu ihm: Geh hin und tu desgleichen!"
Der Mann mit dem WmMNherzsn.
des Jubels und der Freude er- $ klingen in allen katholischen Gotteshäusern. Schwungvolle, begeisterte Lobreden erschallen von den Kanzeln, _Festgottesdienste werden veranstaltet ü unseren Altären. In Kathedralen und Kloster- rchen ertönt die Stimme des Chores und trägt ner Begleitung der Orgel die kraftvolle Antilon vor: O doctor optime, beate Augustine =
D bester Lehrer, der heiligen Kirche Licht, seliger Augustinus, des göttlichen Gesetzes Liebhaber, lege Fürbitte für uns ein beim Sohne Gottes. —
Es ist ja das Augustinus-Jubiläum, das wir feiern. Auch wir haben ein bescheidenes Scherflein dazu beigetragen. Das ist heute schon die fünfte Lesung, die wir in unserem wackeren „Boten" dem großen Kirchenlehrer widmen. Wahrhaftig, er hätte es verdient, daß wir ihm einen ganzen Jahrgang gewidmet hätten. Und nicht bloß für ein Jahr, nein, für hundert und tausend hätte der Stoff ausgereicht. Ist ja der Schatz religiöser Gedanken und Wahrheiten im Schrifttum dieses geistreichen Afrikaners einfach unerschöpflich. Aber nicht nur ist sein Mund beredt und seine Feder gewandt gewesen — größeres gilt es vom Sohn der hl. Monika zu rühmen. Lies die Ueberschrift — und du weißt alles: Augustin ist der Mann mit dem „Flammenherzen". So ist er mit Recht schon in der alten Kunst dargestellt. So sah ich ihn abgebildet in her Kathedrale zu Hippo. So schaut er uns an aus dem Titelbild des schönen Augustinusbuches, das die deutsche Provinz der Augustineremiten herausgegeben hat und das du in jeder Buchhandlung erstehen kannst: Augustinus im Ordensgewand, im Gesicht leuchtende Augen, in der linken Hand die Feder, in der rechten aber das durchbohrte Flammenherz. —
So stimmt unsere heutige Lesung wunderschön überein mit dem Evangelium des Sonntags. Da tönen uns wie mit Posaunenschall Die Worte entgegen: „Du sollst lieben den Herrn, deinen Gott, von deinem ganzen Herzen und von deinem ganzen Gemüte und von deiner ganzen Seele und aus allen deinen Kräften. Dies ist das größte und erste Gebot; ein anderes aber ist diesem gleich: du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst."
Ja, (gottesliebe war die Flamme, die das Herz des nimmermüden Bischofs von Hippo erleuchtete, erwärmte und verzehrte. Laßt uns dem Hauch feiner Liebe aus feinen eigenen Worten nachspüren:
„Spät habe ich dich geliebt, o Schönheit, so alt unb doch stets neu; spät habe ich dich geliebt, und siehe, du warst in meinem Herzen. Jeo aber war draußen und suchte dich dort und in der Mißbildung meiner Seele stürzte ich mich leidenschaftlich auf die schönen Gebilde, die du geschaffen. Du warst bei mir, aber ich war fern von dir, weit weg von dir zog mich, was doch nicht wäre, wenn es nicht in dir seinen Bestand hätte. Du hast mit lauter Stimme mich gerufen und meine Taubheit gesprengt. Du hast geblitzt und geleuchtet und meine Blindheit verscheucht. Süßen Duft hast du verbreitet; ich habe ihn eingesogen und lechze nun nach dir. Du hast mich berührt, und ich bin entbrannt vor Verlangen nach deinem Frieden. Den Liebenden sind Mühen nicht lästig, vielmehr ergötzen s?e dieselben, wie wir es bei den Jägern,
Vogelstellern, Fischern, Winzern, Kaufleuten, den leidenschaftlichen Spielern sehen. Es kommt nur darauf an, was man liebt. Denn bei allen Gegenständen der Liebe strengt man sich entweder überhaupt nicht an, oder man liebt sogar die Anstrengung. Wie beschämend und schmerzlich wäre es nun, wenn uns die Mühe, ein Tier zu fangen, Kufe und Beutel zu füllen, Ball zu werfen, Freude bereitet, aber nicht die Mühe, Gott zu gewinnen."
Strahlen der Liebe wollte St. Augustin gleich einer Sonne aussenden in alle Herzen. „O Herr", so hören wir ihn seufzen, „ich möchte dich nicht allein verherrlichen, ich möchte dich nicht allein lieben, dich nicht allein umarmen. Mein Sohn, erwecke in dir die Liebe und rufe: preiset den Herrn mit mir. Ja, dieser Eifer sei in dir die Liebe und rufe: preiset den Herrn mit mir. Ja, dieser Eifer sei in dir. Wenn du Gott liebst, reiße alle zur Liebe Gottes, dir mit dir verbunden sind, und alle, die in deinem Hause sind."
Die Gottes- und Nächstenliebe verschmolzen sich im Herzen des liebeglühenden Afrikaners zu einer einzigen sengenden Flamme. Mit welcher Liebe hing dieser Vater an seinen geistlichen Söhnen, an seinen Pfarrkindern, seinen Diözesanen. Welche Sorge für seine Mitbrüder, die Bischöfe unb die Geistlichen, für die Katechumnen, für die Getauften, für die Schwachen, für die Vollkommenen, für die Sünder, für die Häretiker, für die Armen, für Freunde und Feinde. Alle hatte der weitblickende Bischof in sein Herz geschrieben. Mit dem Apostel konnte er sprechen: „Allen bin ich alles geworden." Mit einer Anzahl von etwa 12 geistlichen Mitbrüdern führte Augustin ein gemeinsames Leben. Keiner besaß Eigentum. Wohnung und Tisch hatten sie gemeinsam wie aUch die geistlichen Uebungen. Die bescheidenen Mahlzeiten würzte Augustin mit geistlichen Gesprächen und erbaulichen Unterhaltungen. Verpönt und verboten war die Kritik an Abwesenden. In großen Lettern prangte an einem Plakat die Inschrift:
„Es haben diesen Tisch zu meiden,
Die andern gern die Ehr abfchneiden."
Die Armen betrachtete er als die Lieblinge des Heilandes. Freigebig verteilte er unter sie aus den Schenkungen und Gütern der Kirchengemeinde Lebensmittel, Kleider und Geld. Waren die Kasten und Vorräte erschöpft, so trug Augustin kein Bedenken, kostbare Gewänder und Gefäße zu veräußern. Ergreifend ist sein soziales Verständnis, das, in die Praxis umgesetzt, der heutigen Not einen Riegel vorschieben würde, „0 ihr Armen", ruft er aus, „hört meine Frage: was habt ihr nicht, wenn ihr Gott habt? O ihr Reichen, hört meine Frage: was habt ihr, wenn ihr Gott nicht habt? Gott macht die Armen, um die Reichen zu prüfen; die Reichen macht er, damit sie den Armen helfen." —
Lassen wir, liebe Freunde, einen Strahl vom Flammenherzen des Jubelpriesters Augustinus in