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tin eng umschlungen, als ob es gälte, pe und sich vor biefem Kreuz zu schützen. Sie blickte zu chm hin und sah gerade, wie zwei große Tranen in den grauen Bart des Alten rannen . . . Tränen des Verzichtes und der Liebe. Auch Joachim, der strenge Mann, er weinte. Auch er trauerte, auch er litt um das Kind, das da oben tn seiner ganzen Lieblichkeit stand und dem sie nicht mehr helfen konnten.

Nun rief Zacharias . . . Maria winkte noch einmal mit der Hand, dann schüttelte sie das Schattenkreuz von den Kinderschultern und schritt neben dem Priester durch die Pforte des Tempels.

Die beiden Eltern aber gingen im ruhigen Ge­fühl erfüllter Pflicht langsam, Trost und Stütze aneinander suchend, zu chrem einsamen Hause.

TaRle Ssfis.

Erzählung von R. B.

Denke an Tante Sofie!" So sagte meine Mutter, wenn eine Verdrießlichkeit, ein kleiner Fehlschlag, eine Unbequenüichkeit oder Enttäu­schung die Stimme trüben wollte. ,Lenke an Tante Sofie!" So sage ich auch heute noch zu meinen Kindern oder meinen Freunden, wenn ihnen ein kleiner Kummer oder ein unerwarteter Zwischenfall die Stirn faltig und das Herz schwer inad?en will, wenn ein kleines Leiden, ein War- ienmüssen die Geduld zu nehmen droht, wenn ir­gendetwas sie unerträglich dünkt, was doch zu ertragen ist, ober ihnen auferlegt ist, was doch überwunden werden muß.

Tante Sofie war eine kleine alte Dame, durch­aus nicht in den besten Verhältnissen, aber doch immer in bester Stimmung. Noch sehe ich ihr lie­bes, freundliches, faltiges Gesichtchen, aus dem ein Paar lächelnde blaue Augen wie Sterne glänz­ten. Da faß sie oben am Fenster vor ihrem blan­ken, braunen Nähtischchen, auf dem vor einer rot­blühenden Geranie das Bild ihres früh verstor­benen Gatten stand, und schaute hinunter in den Garten, in dem die Herbstblumen leuchteten. Frü­her hatte sie in der schönen, vornehmen ersten Etage gewohnt; aber da die Inflation das Ver­mögen nahm und ihr nur noch die bescheidene Witwenpension blieb, mußte sie da hinaufziehen. Aber nie hörte man sie darüber klagen.

Wie gut, daß ich die große Wohnung nicht mehr habe, da ich mir doch keinen richtigen Dienst­boten mehr halten kann!" sagte sie ganz zufrieden. ,Unb wie schön man hie roben ausschauen kann! Ünten sah man nur den Garten und die Straße, )on hier oben sieht man über das kleine Dach meg bis an den Fluß. Da kann man sogar die Sonne untergehen sehen."

Als einst eine ihrer Freundinnen über den Ber­uft des Vermögens jammerte, lächelte sie und agte:Wie gut, daß wir unsere Pension haben! Siele haben gar nichts, die sind doch traurig da­nn!"

Tante Sofie fand immer, daß irgendetwas gut n, als anderswo, und daß sie es leichter habe ls viele andere, und oft machte sie ein Gesicht oll Schelmerei und Uebermut, wenn es ihr ge- mgen war, die Angriffe des Schicksals zu parieren nt ihrem sonnigen Lächeln:Wie gut, daß . . .!" inmal hatte Tante Sofie eine schöne Landpartie or, auf die wir uns schon lange sehr gefreut hat- m. Tante Sofie selbst kam so wenig aus ihren Jiauern, daß wir es ihr herzlich gönnten, die schöne lahrt mitzumachen. Aber der Himmel hatte es nders gewollt. Schon zu Mittag ballten sich raue Wolken zusammen, und als die Zeit derAb- chrt gekommen war und wir uns verabredungs- emäß bei Tante Sofie eingefunden hatten, um ge- neinfam zur Bahn zu gehen, regnete es so un= 'armherzig, so unaufhörlich und emsig, daß an den chönen Ausflug nicht mehr zu denken war.

s Acrgerlich und verdrossen gaben wir ihn auf. iur Tante Sofie war nicht ärgerlich.

Kinder, wißt chr was?" sagte sie mit spitz- mbischem Lächeln. ,Ler Himmel soll ruhig den Feldern zu trinken geben, sie haben es nötig. Aber 'ir wollen vergnügt sein. Wir trinken jetzt einen nnen Kaffee, Grete und Else haben die Gummi- mntel an, die holen uns Kuchen! Und heure "end gehen wir ins Kino. Da gibt esDas roße Schweigen", die Fahrt nach dem Südpol, äbej lernen wir und es kostet nicht mef)4 als die ahrkarte nach Königswinter!"-

Als Tante Sofie eine Nervenlähmung an bei­den Füßen erlitt und nicht mehr so munter umher- laufen konnte, war ich weit fort von ihr. Es tat mir weh zu wissen, daß das liebe, alte Gesichtchen, das von dem grauen Gelock so freundlich einge­rahmt war, nun blaß und leidend aussehen und der unverwüstliche Frohsinn dahin sein sollte. Es dauerte Monate, ehe ich sie besuchen konnte. Ich dachte ihrer auf der ganzen Fahrt und konnte sie mir gar nicht traurig vorstellen.

Es war mir eine echte Tante-Sofie-Geschichte eingefallen, als ich durch die Landschaft fuhr: Sie hatte sich einmal ein sehr hübsches Kleid machen lassen, für das sie wohl längere Zeit hatte sparen müssen. Als die Schneiderin es brachte, war es viel zu wenig. Nicht zu gebrauchen, einfach ver­paßt! und es war doch solch ein hübsches Kleid! Ich weiß viele Frauen, die sich die Augen ausge­weint hätten. Ich wartete beinahe neugierig, wie sich Tante Sofie ausnehmen würde, wenn sie ein­mal wirklich ärgerlich wäre. Aber nichts davon! Tante Sofie ließ eine junge Verwandte kommen, eine Lehrerin, der es nicht besonders gut ging und bat sie, das Kleid doch einmal anzuprobieren. Es paßte, wie für das Mädchen gemacht.

Da lächelte Tante Sofie ihr gewohntes Lä­cheln:Wie gut doch, daß es dir so schön paßt, Lisbeth! Nun ist es doch nicht umsonst genäht, und man braucht sich nicht zu ärgern, daß es zu eng ist."

Aber, Tante Sofie, nun hast du doch keines!" meinte die beglückte kleine Lehrerin zaghaft,das nützt dir doch nichts, wenn es mir paßt!"

Doch!" lachte Tante Sofie.Es macht mir Spaß, daß du es so schön tragen kannst. Und dann, weißt du, es muß doch nicht alles uns selber nützen. Wenn es nur irgend jemand nützt, dann ist's schon gut, und dann sollen wir uns darüber freuen. Siehst du, nun freut mich das verpaßte Kleid, nun hat es einen Zweck."

Gute Tante Sofie! Wenn wir doch alle so denken könnten!Es muß nicht immer uns selber nützen, wenn es nur überhaupt nützt!" Ein wun­dervoller Kommunismus! Wie zufrieden wären wir alle!--

Als ich die Treppe zu der kleinen Wohnung hinaufging, war mir weh zu Sinn. Einen so präch­tigen Menschen, der so viel Sonne um sich verbrei­tet hat, mag man nicht krank und traurig sehen.

Die alte Auswärterin machte mir die Flurtür auf. Sie erzählte mir, daß meine Tante gar nicht gehen könnte.

Sie saß am Fenster im Rollstuhl und lächelte mir entgegen. Die grauen Härchen waren dün­ner geworden, aber die Augen glänzten noch klar und blau und freundlich.

Da sitze ich nun", sagte sie, aber das Lächeln wich nicht aus ihrem lieben alten Gesicht.Wie gut doch, daß es die Füße sind und nicht die Hände! So kann ich doch nähen und sticken. Die Hand­arbeit ist doch ein Trost für uns Frauen. Und so manches schöne Buch lese ich jetzt, zu dem ich mir früher nicht die Zeit genommen hätte."

Wie gut doch!" Wie gut doch, daß Tanre Sofie diesen alles überwindenden Optimismus hatte! Er trug sie über alle Widrigkeiten des Lebens mit leichten Schwingen. Er nahm ihrem bescheidenen und oft mühevollen Leben alle Erden- schwere und half ihr auch andere Enttäuschungen leicht nehmen. Wären es nicht die Füße gewesen, sondern die Hände, Tante Sofie hätte sich gefreut daß sie umhergehen könne; wären es die Augen gewesen, hätte sie sich noch cm Vogelsang und Blumenduft erfreut.

Und als sie mit siebzig Jahren den Tod kom­men fühlte, da sah sie uns noch einmal mit ihrem lieben, frohen Lächeln an:Wie gut doch, daß ich nun bald zu meinem Franz gehen kann! Er hat schon lange genug auf mich warten müssen. Und wenn man nicht mehr so flink auf den Beinen ist, kommt man hier unten auch nicht mehr recht nach."

Sie ist schon lange bei ihrem Franz. Aber ihr sonniges, altes Gesichtchen lebt in unserm Erinnern wie ein freundliches Lied und ist uns allen ein Segen. Wenn irgendwelche Schwierigkeiten, ir­gendwelche Enttäuschungen oder Geduldsproben uns auferlegt werden, braucht nur eines von uns zu sagen:Denke an Tante Sofie!" Und wir sehen uns an und lächeln wie sie und suchen das andere Ende des Geschehens:Wie gut doch ^J"

Die große Kunst.

Von Marga Thomè

Sie ist die unangenehmste Perfon, die mir je begegnet ist", sagte Ella Marx mit Nachdruck. Alles kritisiert sie und muß immer recht haben. Wer war denn nun wieder schuld an dem Zank bei uns? Nichts wie Aerger geht von ihr aus."

Die mit Ella zusammen nach Hause gingen, mußten ihr recht geben. Hedwig Kreuzer war wirklich eine unangenehme Person. Keine mochte sie leiden.

Man braucht nur ihr Gesicht zu betrachten, dann hat man schon genug", rief Maria Schulte. Ist es ein Wunder, daß alle ihr aus dem Wege gehen? Ich weih es auch von denen, die im Büro mit ihr zusammen sind. Sie nennen sie dort nur das Nadelkissen. Das wird einmal eine bissige alte Jungfer, wie sie im Buche steht."

Ja, sie ist unerträglich, es ist nichts mit ihr anzufangen", stimmte Hanna Wagner bei.Wir wollen sie einfach links liegen lassen. Ich glaube, das ist das beste Heilmittel für eine, der es an­scheinend Freude macht, andere zu quälen. Sie kann sehen, wie sie allein zurechtkommt."

Das war sehr entschieden gesagt, und der Vor­schlag fand Beifall. Diese Kur schien ihnen das Richtige zu sein. Nur Traute Stein sagte nichts dazu.

Sie gingen gerade durch eine enge, graue Straße, in der man mit dem besten Willen nichts Schönes und Erfreuendes entdecken konnte. Auch der Sonne, die gerade hinter einer Wolke heraus­zublinzeln begann, gefiel das graue trofhofe Bild nicht. Rasch warf sie ein Bündel Strahlen m die Fensterscheiben. Da begannen die zu blitzen und zu blinken, als seien Märchenlampen dahin­ter entzündet. Hub dann lachten sie die öden Häuserwände an. Und siehe, die Wände wurden hell und froh und fingen auch an zu lächeln. Ja, selbst den schmutzigen Wasserpfützen entlockte die Sonne Funken der Schönheit und kleidete sie in Glanz, so daß die ganze Straße auf einmal ein anderes Gesicht hatte und vollkommen verwandelt war.

Die vier, die hindurchgingen, sahen es, und ihre Augen begannen mit dem Licht um die Wette zu leuchten. Ah, es war doch gleich anders, wenn die Sonne kam, die schöne gütige Sonne

Wenn die Sonne es fertigbringt, daß die har­ten Wände froh aussehen und die Pfützen schön sind, sollen war das dann nicht mit einem Men­schengesicht fertigbringen?" sagte Traute Stein auf einmal.Meint ihr nicht, daß wir vielleicht aus dem falschen Wege sind, wenn wir Hedwig Kreuzer einfach links liegen lassen und aufgeben?"

Keine antwortete. Schweigsam gingen sie durch die Sonne und freuten sich daran v e chön sie die häßliche Straße gemacht hatte. Was Traute sagte, mochte nicht so unrichtig sein. Und war es das Licht, war es ihr Herz, das es ihnen auf­gehen ließ: es ist so leicht, einen Menschen aufzu­geben und sich nicht mehr um ihn zu bekümmern. So leicht, wie es der Sonne ist, an einer düste­ren Ecke vorüberzugehen und sie düster und gräm­lich zu lassen. Aber darüber freut sich auch nie­mand, und es ist keine Kunst. . Eine ganz große Kunst aber ist es, das Häßliche schön zu machen und die warme gütige Liebe so lange in ein ver­ärgertes, grämliches Menschenherz scheinen zu las­sen, daß alles, was gut darin ist und in wel­chem Herzen wäre nicht ein Fünkchen Gut ans Licht tritt. Daß die bissigen Züge lächeln und in die unfreundlichen Augen ein heller Glanz kommt.

Mit leuchtenden Augen gingen die vier durch die Sonne. Ein Lächeln blühte auf ihren Lippen. Sie sahen sich an und lasen es sich aus den Blicken: wir probieren es. Selbstverständlich probieren wir es. Wir wollen doch sehen, ob wir das nicht fer­tigbringen, was die Sonne fertigbringt, wir wol­len die Macht unserer Liebe erproben, wenn uns auch die Zeit ein bißchen lang darüber werden sollte. Ist es nicht ein Jammer, wenn eine so unangenehm ist, daß niemand sie leiden mag? Vielleicht ist sie so bissig und grämlich geworden, weil sie in ihrem Leben zu wenig Liebe erfahren hat.

Nein, wir geben sie nicht auf. Wir wollen doch sehen, ob die Sonne unserer Liebe und Güte das grämliche Antlitz nicht lächeln macht.

âSonnenland", Tyrolia, Innsbruck.