Ausgabe B
Sonntag, 2. Febmar 1930
Religiöses Wochenblatt
für die katholischen Gemeinden Kassels.
Erscheint jeden Sonntag und kostet monatlich Ausgabe A 40 K.-J)fennlg B 45 L-Psenntg (Zustellgebühr extra) Redakiinnsschlutz Montag. Anzetgen-Preise: Tolonelzeile tm Anzeigenteil 0,15 Goldmark. EoloneizeU» tm Reklametetl 0,60 Goldmark. Bei Wiederholung Rabatt. Auskunft und Oss.-Ged. 0,10 Goldmark. Bono extra Anzeigen müssen spätestens bis Montag morgens im Besitz der Fuldaer Aetiendruckeret tn Fulda len.
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Wochenkalender.
Sonntag, 2. Febr. Fest Mariä Reinigung. 4. Sonntag nach Epipl-anie.
Montag, 3. Febr. Blasius, Bisch., Mart., t 316.
Dienstag, 4. Febr. Raban il s Maurü s, Abt von Fulda, f 856. Andreas Corsini, Bischof, i- 1373.
Mittwoch, 5. Febr. Agatha, Jgfr., Mart.
Donnerstag, 6. Febr. lihis, Apostelschüler, t 98. Dorothea, Jgfr., Mart., t 304. 8. Jahrestag der Erwählung unseres Hl. Vaters P i us XL Freitag, 7. Febr. Romuald, Abt, f 1027 Herz- I e s u - F r e i t a g.
Samstag, 8. Febr. Johannes non Math«, Bek., t 1213.
Fest Mariä Reinigung.
Epistel. Malachias 3, 1—4.
Evangelium. Lukas 2, 22—32. Darstellung 3esu im
Tempel.
In jener Zeit waren Tage der Reinigung Marias, die das Gesetz des Moses vorschrieb, zu Ende. Da brachten sie Jesus nach Jerusaleni, um ihn dem Herrn darzu- stellen, wie geschrieben steht im Gesetze des Herrn: „Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn geweiht werden." Auch wollten sie das Opfer darbringen, wie es im Gesetze des Herrn vorgeschrieben ist: Ein Paar Turteltauben oder ein Paar junge Tauben.
lind siehe, in Jerusalem lebte ein Mann mit Namen Simeon. Er war gerecht und gottesfürchtig und harrte auf den Trost Israels, und der Heilige Geist war in ihm Der Heilige Geist hatte chm geoffenbart, er werde den Tod nicht scheuen, bevor er den Gesalbten des Herrn gesehen habe. Auf Antrieb des Geistes war er in' den Tempel gekommen. Als die Eltern das Kind Issas hineinbrachten, um an ihm die Vorschrift des Gesetzes zu erfüllen, nahm er es auf seine Arme, prrs Gott und sprach:
„Nun läßt du seinen Knecht, o Herr, nach deinem Wort in Frieden scheiden:
Denn meine Augen haben dein Heil geschaut,
Das du bereitet hast vor allen Völkern:
Ein Licht zur Erleuchtung der Heiden,
ein Ruhm für dein Volk Israel."
Blinder Aiarm an heiliger Stätte
er heutige liebliche Fraueiltag Mariä Lichtmeß zeigt uns wieder die Groß mut der allerseligfteu Jungfrau, die sich dem Gesetze der Reinigung unterzog, das für s?e gar keine Geltung
hatte, von dem sie gänzlich dispensiert war. Oder was hätte es denn zu reinigen gegeben bet einer makellosen Jungfrau, deren Reinheit die Sonne aus dem Felde schlägt! ilm aber keinem einzigen Anhänger der jüdischen Bräuche vor den Kops zu fto Ken, um auch beim schwächsten jede Spur des Aergernisses zu vermeiden, um alle zu erfreuen und zu erbauen, um allen das Beispiel des Entgegenkommens, der Rücksichtnahme und der Demut zu geben, deshalb unterzog sich die Reinste dem Gesetze der „Reinigung".
Auf dieser lichten Bahn der Klugheit und bet brüderlichen Liebe treffen wir die Heiligen alle ohne Ausnahme. Auch der hl. Apostel Paulus ist darin groß und vorbildlich gewesen.
In der vorigen Lesung haben wir vernommen, daß unser Apostel in seinem Eifer für die Seelen sich durch keine Gefahr und durch keine schlimmen Prophezeiungen ein'chüchtern ließ, nach Jerusalem zu pilgern und sich den Aposteln vorzustellen.
Da blitzte nun ein Erlebnis auf, bei dein Paulus beinahe fein Leben eingebüßt hätte. Vernehmet in möglichster.Kürze, was sich da ereignet hat.
Als der Apostel beim hl. Jakobus vorstellig wurde, der in Jerusalem als, Bischof amtierte sprach dieser zu ihm: „Lieber Bruder! Du siehst, wie viele Tausende unter den Juden gläubig geworden sind. Diese sind auch als Christen noch eifrige Anhänger des Gesetzes. Nun haben sie aber von dir vernommen, du eifertest gegen das Judentum und gegen die alten hl. Bräuche. Daran nehmen sie Anstoß und das schadet unserer Sache. Unterzieh dich darum einem Rasiräergelübde. damit sie alle erkennen, daß du kein Feind althergebrachter Hebungen seist. Paulus nahm diesen Rat willig an und ging unverweilt an den Vollzug. Mtt vier anderen Männern, Juden von Geburt, begab er sich fleißig in den Tempel, verrichtete gewiße Gebete, beobachtete beschwerliche Fasten, enthielt sich des Weines und aller alkoholischen Getränke, ließ Ld) die Haare scheren und brachte zuletzt für sich und seine Genossen ein feierliches Opfer dar. deßen Kosten er auf seine etgene Kasse nahm.
Bis dahin ging alles gut. Jetzt aber gab es bei heiterem Himmel ein gewaltiges Wetter mit Blitz und Donner. Juden aus Asien, Fanatiker übelster Sorte, blinde Eiferer, untolerante Heuchler, sahen den Paulus mit seinen Gefährten, die sie für ungetanste Heiden hielten, und erregten einen riesigen Skandal an heiliger Stätte.
Die wütendsten aus ihnen packten den Paulus mit ihren grimmigen Fäusten, hielten ihn wie einen Verbrecher fest und schrien: „Ihr Männer von Israel, zu Hilfe! Das ist der Mensch, der überall vor allen Leuten gegen das Volk, das Gesetz und diese Stätte eifert. Sogar Heiden hat er in den Tempel geführt und dadurch diese heilige Stätte entweiht."
Die ganze Stadt geriet in Aufregung, und es entstand ein Dottsauflauf. Paulus wurde ergriffen lind aus dem Tempel geschleppt. Dann wurden die Tore sogleich geschlossen. Schon wollten sie ihn töten, da wurde dem Befehlshaber der Besatzung gemeldet: „Ganz Jerusalem ist in Aufruhr!" Sofort eilte dieser mit Soldaten und Hauptleuten zu ihnen hinab. Sobald sie den Befehls Haber sahen, hörten sie auf, Paulus zu schlagen Der Befehlshaber trat hinzu, ließ ihn ergreifen und mit 2 Ketten fesseln. Er fragte, wer er sei und was er getan habe. In der Volksmenge schrie al les durcheinander. Weil er vor lauter Lärm nichts
sicheres erfahren konnte, ließ er ihn auf die Burg bringen. An der Treppe angekommen, mußte er wegen des Ungestüms der Menge von den Soldaten getragen werden. Denn die Volksmenge drängte nach und schrie: „Rieder mit ihm". Als Paulus eben in die Burg gebracht werden sollte, fragte er den Befehlshaber: „Darf ich einige Worte mit dir reden?"
Dieser entgegnete: ,Du verstehst griechisch? Du bist also nicht der Aegypter, der unlängst vier Tausend Meuchelmörder aufgewiegelt und in die Wüste hinausgeführt hat?' —
Paulus antwortete: „Ich bin ein Jude aus Tarsus, Bürger einer nicht unbedeutenden Stadt in Cilicien; ich bitte dich um die Erlaubnis, zum Volke reden zu bürfen." (Apg. 21, 17—40)---
Hat nicht unser Paulus ein bewundernswertes Entgegenkommen an den Tag gelegt? Wie eine Mutter hat er es gemacht, bte mit ihren Kindern spielt, obwohl sie weiß, daß ihr das nichts nützt; aber sie weiß auch, daß es ihr nichts schadet und daß die Kinder sich barübcr freuen. Die Lehre« der eingefleischten Juden über Beschneidung, Reinigung, Opfer und dergleichen betrachtete Paulus als „Kindheitslehren", als überwundenen Standpunkt. Er wußte, daß es der Geist ist, der lebendig macht, nicht der Buchstabe. Er wußte, daß es im Christentum auf die Gesinnung, auf das Innere an- kommt. Und dennoch bat er jetzt solche Gebräuche mitgemacht. Denn, so sagte er sich, sündhaft sind sie nicht, und ich kann dadurch ein Aergernis an meiner Person aus der Welt schaffen, ich kann ein Entgegenkommen zeigen und dadurch viele Juden zu Christus führen. Und das ist die Hauptsache. Allmählich werden stch diese dann in die neue Religion einleben und von selbst gewiße veraltete Bräuche aufgeben. —
So hat es Jakobus, so hat es Paulus gemeint. Doch ihre guten Absicksten scheiterten an der Unbelehrbarkeit, Leidenschastlichkeit, Verbohrtheit und Starrsinn dieser eingefleischten Juden. Sie inszenierten einen Aufruhr und hätten sicherlich den Kcpf des verhaßten Paulus vom Rumpfe getrennt, wenn nicht im letzten Augenblick der römische Befehlshaber als Werkzeug der göttlichen Vorsehung auf den Plan getreten wäre. —
Und was sollen wir lernen aus diesem Vorkommnis? Daß wir in nebensächlichen, in untergeordneten Dingen unsern Mitmenschen so weit als möglich entgegenkommen sollen. Vielleicht werden wir dadurch mehr erreichen für die Interessen Gottes als durch unbeugsamen Starrsinn. Wenn aber unsere Angehörigen oder Mitmenschen auf unsere gutgemeinten Absichten nicht eingehen, dann haben wir keine Schuld. Da trifft der Dichter den Nagel auf den Kopf, wenn er sagt:
„Es kann der beste nicht im Frieden leben — Wenn es dem bösen Rachbar nicht gefällt." —