Das Schwesterchen rm*^ Toben, wohin ihm hie Brüder c ,
Jahre u„.... vu^e gingen. Die verwaisten Kinder gingen zur Schule und die Brüder waren hübsche, kräftige, brave Burschen geworden
„Was Gott will erquicken, kann niemand unterdrücken"; — kein's is g'storb'n von den Kindern so gern das auch die Stiefmutter g'habt hätt," sagte oft die Magd, die schon zu Lebzeiten der ersten Frau auf dem Hof war.
Zum Kind der Stiefmutter aber kam häufig der Doktor.
„Mehr abhärten, liicht fo verzärteln das Kind, sonst wird er nicht gesund und kräftig wie es seine Geschwister sind," warnte oft der alte Arzt, wenn er gerufen wurde.
Die Mutter aber wollte das nicht glauben. Sie wachte über ihren Buben, daß ihn kein rauher Lusthauch streifte, und sie hüllte ihn in die warmen Tücher und Decken aus dem Nachlaß der Vorgängerin, daß er nicht fror. Er ober blieb klein und schwächlich und bleich neben seinen Geschwistern, wie eine Treibhauspflanze unter Bergblumen.
Wie alle verzogenen Kinder war der Knabe egoistisch, eigensinnig, jähzornig, kurz, er besaß alle jene Eigenschaften, die schlechterzogenen Menschen eigen sind.
Von den Stiefkindern hatte die Mutter nie ein grobes Wort gehört und geduldet; der eigene Sohn warf ihr jeden Tag böse Reden an den Kopf. Und doch sorgte und hamsterte und sparte sie von früh bis nacht für ihn, zum Nachteil der anderen Kinder.
Sie mußte sich beeilen, dem Knaben ein Vermögen zu schaffen, denn mit der Volljährigkeit des ältesten Stiefsohnes ging das Anwesen auf die Stiefkinder über. — Ihr graute vor diesem Tag Um desientwillen fraß der Haß gegen die Kinder der ersten Frau tiefer und tiefer und machte sich bei der geringsten Kleinigkeit auch nach außenhin bemerkbar.
Aber es half nichts; der Tag der Volljährigkeit des ältesten Stiefsohnes kam und sie hatte ihre zusammengesparten, den Stiefkindern gestohlenen Pfennige so viel erhöht, daß sie sich ein eigenes Anwesen kaufen konnte, sie ließ dies gleich' dem eigenen Sohne zuschreiben.
Vergebens bot ihr der Stiefsohn in seinem Haust die weitere Heimat an; vergebens stellte er ihr die zwei schönsten Zimmer zur Verfügung; — mü höhnischem Lachen schlug sie jedes Anerbieten ab
Sie bezog mit ihrem Sohn das neue Heim, und die Stiefkinder hausten unter sich verträglich weiser
Es war, als hätte sie allen Segen im Haust der Stiefkinder zurücklassen müssen. Was sie be- onnn, zerfloß wie Schnee in der Sonne in ihren Händen; wenn sie mit ihm zankte, sagte er es ihr rundweg, daß der Herr vom Hause èr sei. Dasselbe sagte er auch, als sie ihm den Verkehr mii dem Lammswirt seiner frechen Kellnerin verbot Da lachte er nur. Was hatte er nach der Mutter zu fragen. Das hatte er als Kind nicht getan und nun war er der'eigene Herr.
Die Kellnerin aber erzählte es dem Lammswirt feinen Gästen, daß sie die Braut des Johann sei — Und wenn dann manche fragten, ob dies denn feine Mutter zuließe, streckte sie sich, als wollte sie ihre Kraft messen.
Mit der Alten würde sie wohl noch fertig werden können, wenn dies der Johann selber nicht fertig brachte. —
Er brachte es aber allein fertig.
Es dauerte nicht lang, verkündete der Pfarrer von der Kanzel herunter das Aufgebot des Johann mit der Zenfi, und die Mutter laß daheim hinter dem Herd und weinte.
Sie befaß nun nichts mehr, wie ihr Ausnahmestübchen.
Jeden materiellen Verlust hätte sie ertragen aber den Verlust der Liebe ihres Kindes ertrug sie nicht. Ihre Augen waren immer rot und entzündet vom Weinen; dis S'lberfäden in ihren Haaren vermehrten sich, und ihr Gang wurde müd und gebeugt.
An dem Tag, wo die Kellnerin als Herrin in das Haus zog und unten in der Stube die Musikanten spielten und alles johlte und schmauste und lackte, verließ sie weinenden Tücher gehüllt durch eine Hintertür das Haus. Sir wankte im Dämmerdunkel am Haus ihrer Stiefkinder vorbei.
Da stand auf einmal die Schuld und die Reue vor ihr und flüsterten ihr zu: „Du hast es verdient. Um dieser braven Kinder willen. Weißt du
I nofb. wi- lieb sie mit dir waren; wie sie dir folg- iui eich arbeiteten, sich deiner Strenge fügten? — Und du hast sie aus Laune gequält und gewarteter und gehaßt und ihre Habe gestohlen Und doch haben sie dir gedankt. Erinnerst du dich noch an das wohltuende Gefühl des Geborgenseins das dem Hause der Stiefkinder eigen war; an das stolze Bewußtsein Herrin zu sein und Menschen um sich zu haben, die jeden Wink befolgen und anerkannten, was du befahlst?"
Erschüttert lehnte sie an einem Steinpfeiler des Gartens hinter dem Haufe und weinte laut auf.
Da legte sich plötzlich eine Hand auf ihre Schulter; eine weiche Stimme sprach mild und freundlich „Mutter!"
Sie zuckte zusammen. Auch das noch! Sie wollte doch nicht gesehen sein. Niemand sollte um 'hr Leid wissen, am wenigsten die, um die sie es verschuldet hat. Sie wollte ja zum Sterben gehn: allein; unbemerkt und unerkannt. Sie machte einige hastige Schritte, als wolle sie fortgehen.
Da hielt sie die Hand des jungen Mädchens, das vor ihr stand so fest, daß sie sich nicht losreißen konnte.
„Mutter, liebe Mutter, komme zu uns; du darfst nicht fort," bat es nochmal innig.
Da sank die müde Frau in die Knie; ihre Kraft war zu Ende. Sie hotte seit zwei Tagen keinen Bissen gegessen, — und dazu die furchtbare Aufregung. Erschrocken rief das Mädchen die Brüder herbei. Und als sie kamen, führte man die"Stief- mutter zurück in das Haus, und die Liebe der Stiefkinder pflegte sie gesund.
Sie blieb bet ihnen und versuchte es, ihr Leid zu vergessen. Sie halfen ihr redlich dabei. Wo auch hätte sie sonst, ein Obdach gefunden? —
Die neue Schwiegertochter sagte es ja allen Leuten, daß sie die Alte mit dem Hund vom Hof 'agen läßt, wenn sie es wagen sollte, ihr Recht des Auszugsstübchens zu beanspruchen.
Der Johann aber tat, was ihm seine Frau befahl, — er verachtete seine Mutter.
Versand ek.
Erzählung von Henriette Brey.
Vor den Schaufenstern der Hardenschen Kunsthandlung standen zwei Damen. Sie warteten auf die Elektrische und betrachteten inzwischen die ausgestellten Bilder. Oder vielmehr, sie konnten ihre Augen nicht abwenden von dem großen Gemälde, welches die Mitte des breiten Raumes einnahm und die Blicke der Vorübergehenden unwillkürlich fesselte, sodaß der Platz vor dem Fenster selten von Bewunderern leer war.
Es war das Werk eines bisher unbekannten jungen Malers, dem damit ein großer Wurf gelungen war. Sein Name war jetzt in aller Munde. Acht Tage war es noch hier ausgestellt, dann ging es in den Besitz seines Käufers, eines russischen Fürsten, über.
Auf dem schmalen Kupferschilde am untern Rande des Rahmens war der Titel eingraviert: „Geheime Schuld."
Es stellte ein blendend schönes Weib dar, welches in kostbarem Gesellschaftskleide in ihrem luxuriös eingerichteten, von einer rosa Ampel matt erhellten Boudoir in einen Sessel gesunken ist. Sie ist offenbar soeben von einer Festlichkeit zurückgekehrt. Der Abendmantel ist ihr von den weißen Schultern geglitten, ein paar halbwelke Rosen haben sich aus ihrem Haar gelöst. Der Fächer ist zu Boden gefallen. Auf dem Toilettentische liegt achtlos hingeworfen, das funkelnde Geschmeide.
Sie sitzt da, die krampfhaft verschlunaenen Hände um die Knie verschränkt und starrt mit düsterbrennenden Blicken vor sich hin. In ihren nachtdunkeln Augen liegt ein Ausdruck schuldbewußter Qual, kalter Verzweiflung.
„Wie erschütternd aufgefaßt, findest du nicht auch Sabine?" lobte die ältere Dame begeistert. »Man lieft es förmlich auf diesem schmerzverstei- nerten Gesicht: vor den Menschen muß diese Frau ihr Elend verbergen, muß sie die vornehme, lächelnde Weltdame sein, muß unbekümmert und glücklich erscheinen . . . aber in der Einsamk-it ihres Zimmers, da fällt die Maske, da drückt das Bewußtiein ihrer Schuld sie zu Boden!"
Die Angeredete blickte schweigend auf das Bild, sie schien die Gegenwart ihrer Begleiterin verges- fen zu haben.
- Ja, das ist die Schuld!" murmelte sie, wie zu sich selbst sprechend, „die Schuld, die das Leben
vergiftet. Welche die schlaflosen Nächte kennt und die Seele niemals zum Frieden komuren iatzt! Keine Reue kann sie auslöschen und vergessen machen."
Verwundert blickte die andere sie an.
„Wie seltsam du sprichst, Sabine! Das klingt ja — ah, da kommt mein Wagen! Nun, bis dieser Tage. Du mußt wohl noch auf den folgenden warten."
Sabine Ettlinger nickte mechanisch und schaute dem Wagen nach, wie er in dieDämmerung tauchte und verschwand.
Aber sie wartete nicht, sondern ging gedankenvoll weiter, bald in eine stille Gasse einbiegend. Sie schritt eine Mauer entlang, die den Garten des Hospitals, eines früheren Franziskanerklosters, umschloß.
Als sie schon eine Strecke vorbei war, besann sie sich und ging zurück. Sie wollte doch eine Viertelstunde in die Kirche emtreten. Denn sie liebte es, gegen Abend still eine Weile im dämmerigen Gotteshaus zu fitzen und des Tages rastlose Kämpfe und heiße Schmerzen vergluten zu lassen.
Als sie durch den romanischen Kreuzgang schritt, wo rings an den Wänden die Steingestalten und Grabmäler vergangener Jahrhunderte lehnten, hob sie lauschend den Kopf: aus der Kirche drang gedämpfter Gesang. Es war doch jetzt kein Gottesdienst?
Ach so, nun wußte sie es: die Schwestern hatten diese Woche Exerzitien; sie fangen jetzt, wie allabendlich, das Milerere.
Sabine trat ein und kniete in der letzten Bank.
In der Kirche war es beinahe völlig dunkel, die gemalten Elasfenster schlossen schon früh den Tagesschimmer aus. Nur vor dem Altare schwamm das matte Licht der roten Ampel und wob am Gewölbe und an den Wänden zitternde Krei!e.
Und in diese geheimnisvolle Dunkelheit hinein hallten die ergreifenden Klagetöne des MUerere — dieses erschütterndsten Bußgeianges aller Zei- tn. Ernst und getragen, von weichen, dunkel» Frauenstimmen gesungen, flutete der Gesang durch das Schiff der Kirche, klang an den Gewölben wieder wie Geisterecho.
Kein Priester stand am Altare, keine Kerzen brannten. Sabine sah die Gestalten der Nonnen, die im Chore knieten, nicht. Sie hörte nur den feierlich-ernsten Klagegesang.
Das gab ihm etwas Unkörperliches, vom Irdischen Losgelöstes. Er schien aus einer anderen Welt zu kommen. Ihr war, als seien es körperlos Wesen, die hier um Erbarmen flehten — nicht Menschen, sondern dis Schatten der Unterwelt, die büßend und sühnend im Reiche des Todes weilten. Wie peinvolle, sehnsuchtzitternde Klage, wie ein Aufschrei um Barmherzigkeit klang es ihr — — und riß und rüttelte an ihrer Seele, daß sie sich wand und in Schmerzen zuckte.
„Tibi soll peccavi ..." sangen die Nonnen. Und als Sabine Ettlinger diese Worte hörte, krampfte sich ihr Herz in Weh zusammen. Ein Schauer wehte durch ihre'Glieder
„Tibi soll peccavi et malum coram te feci . . . Dir allein habe ich gesündigt und Böses vor dir getan ..." wiederholte sie mit zuckenden Lippen.
Tibi soli peccavi ... Ja — auch sie, auch fiel
Auf ihrer Seele lastete eine geheime Schuld, von der die Meirichen nichts wußten.
Einmal in ihrem Leben hatte eine dunkle Stunde über sie Gewalt gehabt. Und diese Stunde hatte all' ihre ferneren Tage vergiftet. Seitdem war der Friede von ihr gewichen. Sie konnte nicht vergessen.
Wie hätte sie auch vergessen können! Hatte doch jene unselige Stunde ihr dafür immer ein sichtbares Zeichen ausgeprägt. Wenn sie auch, wie jetzt, die Augen schloß, siè sah es dennoch das Zeichen, sah es durch die Dunkelheit hindurch . . den feinen weißen Strich, der sich quer über die! Pulsader ihres Handgelenkes zog . . .
Jahre waren darüber hingegangen. Sie lag damals im Krankenhause und litt Furchtbares. Aber nicht Körperschmerzen waren es, dir sie so weit trieben, sondern die Gewißheit, daß durch ihr Leiden ihr Zukunstsglück zerschlagen war auf immer.
Und das kalte Gespenst der Verzweiflung rückte ihr Linie um Linie näher. Bis es sich in ihr Herz eingefressen hatte, ihre Gedanken verwirrte, 'hren Willen lähmte. Und sie nicht mehr losließ.