Hermann Iseke in der Heimat.
Von A. Höppner.
Im stillen Friedhofswinkel zwischen Kirche und Vaterhaus ruht seit zinei Jahrzehnten, was sterblich war von dem nimmermüden Dichter des Eichs- feldes. Heimatluft weht über das Grab, Heimatblumen blühen und duften. Jugendfreunde schreiten vorüber, hochgewachsene, kraftvolle Gestalten. Ihre Lieder klingen aus dem Dorstirchlein wie Trutz- und Kampfgefang und Treueschmur medersächsischer Heerbannleute.
Der Tote lebt fort in seinen Werken. Ihm erstand auch bald ein Biograph. Ein Westfale, stammverwandt, doch ihm persönlich fern, setzte ein Denkmal so echt und wahr, so abgerundet und formgerecht, wie es ein Stammesbruder nicht würdiger aufgerichtet hätte: Georg H. Daub, „Hermann Jfeke", Cordier, Heiligenstadt 1920. Nur wenige Striche persönlich heimatlichen Kolorits sollen das Bild des Mannes vollenden, in dem Sachsenblut und Thüringer Sinn zu harmonischem Tun sich einten.
I.
„Als die wilden Gänse zogen, Trat er in der Väter Halle."
Die Osterglocken des Jahres 1902 waren verklungen, da betrat „Jfekens Herre" die Holunger Kaplanei. Gemessen in Gang und Rede, verweilte er nur kurze Zeit. Aus dem Lehnstuhl am warmen Ofen blickte sein offenes, Güte ausstrahlendes Auge durch die von Jugend auf vertrauten Räume, als wollte er sagen: Endlich daheim! Das Kraftvolle in jeder Bewegung des Weltmannes war trotz ruhiger Unterhaltung unverkennbar. Energie sprach aus den unbeweglichen Zügen, und mit der Milde wechselte dann und wann eine wahrnehmbare Härte im Blick der stahlblau blitzenden Augen. Weit klafften die Schneidezähne auseinander, eine Lücke vortäuschend. Doch auch die Anspielung, solche Zahnstellung bedeutet das Brotsuchen in weiter Welt, vermochte das Gespräch nicht auf die Chinafahrt zu lenken.
Jseke's Individualität offenbarte sich deutlicher im Vcckerhause, wo, wie St. Elisabeth auf Kreuzburg „eines eigenen Gemaches er da pflag". Eine geniale Unordnung war das Charakteristische. Auf dem Arbeitstisch Bierflaschen, Meerschaumspitzen. Zigarren, chinesische Götter, Mause- und Specksteingotzen, eine Kriegspfeife, ein Wasserglas diente als Aschenbecher, eine Handvoll Goldstücke, womit Bittsteller brevi manu abgcfertigt wurden.
Bei jedem neuen Zusammentreffen traten neue Seiten seines komplizierten Charakters hervor: Beim Durchschreiten des Gartens sah er meinen Vater in der Laube sitzen: „Warum so still hier sitzen? Müssen mal nach dem Dagasaki fahren oder Heiligenstadt, Bischofferode". Eine halbe Stunde später kam er mit seinem Schwager vor- gefahren. In Bischofferode bäumten sich die Pferde vor dem Pfarrhofs. Da rief er dem des Weges kommenden Schulzen Pfafferott, seinem Onkel, der ob des Pfarrtores mit Pfarrer Kirchner in Fehde gelegen, ironisch entgegen: „Die [dienen nur vor dem wackeligen Tore." Bei der nächsten Bittpredigt zog er den Vergleich: „Der Christ, der aufhört zu beten, gleicht einem morschen Pfarrtor, das zu nichts mehr nütze." Originell gestaltete sich nun die Begrüßung durch den neuen Pfarrer Großheim. Der Besieger der Boxer trug blaues Kami-
sol und Pelzmütze. Unter seinem Schritte dröhnte der Hausflur. Mit dem reichgeschnitzten japanischen Rohrstocke klopfte er, Chinesensprüche hersa- gend. die Türen ab, bis eine kräftige Stimme von innen ertönte: „Was ist denn das für ein Kamel?" Die Tür tat sich auf: „Kamel?" „Kamel?" — „Ich bin der Zar von Rußland."
11,
Nach dem Daheimsein stand all sein Sehnen. Nirgends hielt es ihn über Nacht, und er pflegte zu antworten: „Den Weg nach Holungen finde ich nur bei Nacht." Ihm graute vor einer Badereise: „Der Kriegsminister fragte mich, ob ich nicht mal ein Bad aufsuchen wolle. Da konnte ich doch nicht nein sagen. Jetzt haben sie mir wahrhaftig Geld geschickt, da muß ich mich doch mal in Sooden sehen lassen." Am zweitfolgenden Morgen stand er wieder in der Sakristei. Fast jeden Morgen kam er zur Kaplanei, und dann ging es hinaus auf die Allerburg bis Rhumspringe, Pöhlde, Seeburg-er See, zum Bodenstein, auf die Hasenburg, die Buhlaer und Krajaer Höhen. Seine robuste Natur trotzte allen Unbilden des Wetters. Viele Stunden ohne Speise und Trank zeitigten bei ihm nicht die geringste Ermüdung. Wehe dem Konfrater, der ihm einen nicht aus Xaver Müllers Keller stammenden Trunk bot. Der alte Eremitus Bergener in Jützenbach fetzte uns einen süßen Spanier vor- „Nimmer, wo haben Sie den her? Davon bekommt man ja Plattfüße." — Um den Pöhlder Reichshof, die Ruhmequelle, den Seeburger See. die Hasenburg, die wilde Kirche und den Sonnen- stein wob sein Phantasie lyrische Ranken. Die gleitenden Wellen des Bodebaches realen ihn an zu einem Hymnus auf die altdeutsche Sprache. Sinnend stand er dann unter dem Hafenberge und rezitierte, was der Mönch von St. Gallen, Notker der Stammler, um das Jahr 1000 übersetzt hatt-" Ps. 1.: „Unde der gediehet also wola so der Baum, der bei demo rinnenten Wazzern gesezzet ist, der ntigo sinen Wuoker gibst noch sin Loub ne riset.. So wola ne gediehent, aber die argen, so ne gedie- Hent sie. Nube sie gefarent also daz Steppe der Erde daz der Wint ferwehet ... und dero argon Fart wirt ferloren . . . Der Mann ist salig, der in dero argon Rat ne gegieng, noh an dero sündigem Wege ne stuent, noch an demo Suthstuole ne saz ..."
(Fortsetzung folgt.)
Aus dem Dekanat Erfurt.
Die Wahlschlacht ist vorüber. Das Zentrum hat sich in unseren Diasporagegenden überall glänzend geschla-^ gen. In der Provinz Sachsen wurden 20 000 Stimmen gewonnen und damit das bei der Wahl 1925 verloren- gegangene fünfte Mandat wieder zurückerobert. Damit ist das Zentrum wieder imstande, eine eigene Fraktion zu bilden. Die Namen der Zentrumsabgeordneten im kommenden Provinziallandtage sind: ' Oekonomierat Lorenz-Geismar (Eichsfeld), Gewerkfckaftsfekretär Wiedemann-Mühlhausen, Direktor Schilling-Halberstadt, Dr. Herwegen-Halle, Amtsvorfteher Degenhardt-Bernterode (Eichsfeld). In Erfurt wählten zum Provmzial- landtage 2910 Zentrum und die Kirchendörfer brachten noch weitere 800 Stimmen. Sehr betrüblich ist es, daß im Kreistage des Landkreises Erfurt trotz der Zunahme der Zentrumsstimmen der 2. Sitz verloren ging. Der Grund ist in der stärkeren Beteiligung der andern Parteien bei der diesiährigen Wahl zu sehen. Aber damit tritt ein anderer Nachteil ein. Das Zentrum wird d-es- mal im Kreisausschuß unverteeten sein.
In dieser Woche wird der Pater Schmidt (Exped'.tus) in Erfurt über Goethes Faust und die christliche Gedan
kenwelt sowie über die Entwicklung des Stoffes der Teufelspaktsage bis zu seiner Gestaltung in Goethes Dichtung referieren. Die Abende werden im Rrsulinen- Foster abgehalten. Die Veranstalter sind: der Borro- mäusoerein. der katholische Frauenbund, die Unitas und der Verband kachol. Akademiker. Dem Redner geht ein hervorragender Ruf voraus, bezeichnenderweise besonders aus jenen literarischen Kreisen, die dem Kirchlichen und Religiösen leicht Unkenntnis, Befangenheit und geistige Minderwertigkeit zum Vorwurf machen.
Am vergangenen Sonntag sprach im Stadttheater in Erfurt der Präsident der deutschen Dichterakademie, der Dichter Walter v. Molo, über das Thenra: Die Ent- deckung Schillers. Molo reinigte das Bild Schillers vom falschen Glanz, mit dem die „Schillerlakeien" cs beputzt haben. Er zeichnete den „vom Schicksal Geschleiften, Zermürbten, Ringenden", der durch quälenden Kampf sich zur inneren Freiheit durchrang, der durch das Ringen von der Materie zur Idee unserer Zeit lebendigstes Vorbild ist. Die Hörer dankten v. Molo mit herzlichem Beifall. Der glänzende Vortrag verdiente breiteste Oeffentlichkeit. Es war eine eindringliche Predigt zur Abkehr von allem toten Materialismus unserer traurigen Zeit.
j Aus -SV Hemmk. ß
Eiichsfeldische Rundschau. Ershausen: Überraschend schnell ist den Folgen einer schweren Blinddarmerkrankung der 17jährige Simon Göbel erlegen. Die vorgenommene Operation konnte ihn nicht mehr retten. — Geismar: Der im Kriege eingegangene Gesangverein ist unter Hauptlehrer Feldmanns Leitung wieder aufgelebt. — Flinsberg: Oblatenpater Josef Brodmann, der bereits 23 Jahre in den Missionen in Südwestafrika wirkte, hat dieser Tage zum zweiten Male die Heimat verlassen. — Bischofferode : Der hiesige Kirchbauverein hat bereits recht erfolgreiche Arbeit geleistet. Sein Guthaben beträgt 3335 RM. — Gerbe rs hausen: In der vergangenen Woche ist nunmehr auch hier eine Fortbildungsschule eröffnet worden. — Thalwenden: Der Grundstein für die neue Schule ist gelegt worden. — Heiligen st adt: Bei den letzten Kommunalwahlen war allerwärts auf dem Eichsfeld ein Zuwachs an Zentrumsstimmen zu verzeichnen. In Heiligenstadt errang die Partei neun Mandate. — Zum neuen Pächter des Gesellenhauses wurde Ignaz Hartung gewählt, der seither lange Jahre im Kasseler „Schöfferhof" wirkte. Hartung war ein hochgeschätztes Mitglied der Kasseler Katholikengemeinschaft. — B e r n- t e r o d e : Auf dem hiesigen Bahnhöfe wurde der Zimmermann Alfred Göppel beim Anfahren des Zuges von einer offen stehenden Abteiltüre so heftig getroffen, baß er ienen Bruch des Schlüsselbeins davontrug. — Fretterode: Das hiesige Kirchlein wurde stimmungsvoll ausgemalt. Der neue Stationsweg von Gebhard Fuget hinterlässt auf jeden Andächtigen eine tiefe Wirkung. — Breitenworbis: Anton Wand, ein Sohn des Landwirts Johann Georg Wand, nahm nach dreieinhalbjähriger Ausbildung als Kirchenmaler im Kloster zu Driburg das Ordenskleid. Sein Bruder Franz erhielt kürzlich im Dome zu Fulda die niederen Weihen — Jützenbach: Der weit über die Grenzen des Eichs- feldes bekannte Maurerpolier Johannes Otto, wurde 84- jährig zu Grabe getragen. — Duderstadt: Der seither hier wirkende Schulrat Strecker wurde nach Hildes- Heim versetzt. — Bebendorf: In der Scheune des Landwirts Beck brach Feuer aus, als die meisten Ortsbewohner auf dem Hülfensbergs im Gottesdienste weilten. Der Brand wurde durch spielende Kinder verursacht. — $t e I l a : Das feit langem erstrebte und MU vielem Opfersinn erbaute Schwesternhaus konnte seiner Bestimmung übergeben werden. In dasselbe sind Schwestern der Hildesheimer Vinzentinerinnen eingezogen. — Lengen feld unterm Stein: Die Eheleute Nikolaus Eberhardt und Maria Anna geb. Hartmann konnten di Goldene Hochzeit feiern. — Büttstedt: Der Dorfälteste Heinrich Goldmann feierte seinen 90. Geburtstag.