Ausgabe B.
Sonntag, den 28. Juli 1929
Nr. 30
Religiöses Wochenblatt
für die katholischen Gemeinden Kassels
Erscheint jeden Sonntag und kostet monatlich Ausgabe A 40 H.-Pfennig B 45 H-pfennig (Zustellgebühr extra) Redaktionsschluß Montag. Anzeigen-Preise: Eolonelzeile im Anzeigenteil 0,15 Goldmark, Colonelzeile tm Reklameteil 0,60 Goldmark. Bei Wiederholung Rabatt. Auskunft und Off.-Geb. 0,10 Goldmark. Porto extra. Anzeigen müssen spätestens bis Montag morgens im Besttz der Fuldaer Aetiendruckerei in Fulda sein.
■ Druck und Verlag der Fuldaer AcNendruckerel. Verlagsork Fulda. ———
39. Jahrg
wochenkalendsr.
Sonntag, den 28 .Juli. 10. Sonntag nach Pfingsten. Nazarius u. Gen., Mart.
Montag, 29. Juli. Simplicius, Faustinus u. Beatrix, Mart., f 304. Martha, Jungfr.
Dienstag, 30. Juli. Ebdon u. Sennen, Mart., f 250.
Mittwoch, 31. Juli. Ignatius von Loyola, Bek., f 1556.
Donnerstag, 1. August. Petri Kettenfeier. 7 makkab. Brüder.
Freitag, 2. August. Alfons von Liguori, Kirchenlehrer, t 1787. Stephan I., Papst, Mart., f 257. Portiunkula. Herz-Zesu-Freiiag.
Samstag, 3. August. Auffindung der Reliquien des hl. Stephanus.
Zehnter Sonntag nach Pfingsten.
Epistel. 1. Korinther 12,2—11.
Evangelium. Lukas 18,9—14. Das Gleichnis vom
Pharisäer und Zöllner.
In jener Zeit sprach Jesus zu einigen, die sich für gerecht hielten und die anderen verachteten, folgendes Gleichnis: Zwei Männer gingen hinauf in den Tempel, um zu beten; der eine war ein Pharisär, der andere ein Zöllner. Der Pharisär stellte sich hin und betete: »Gott, ich danke dir, daß ich nicht bin wie die übrigen Menschen, wie die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder wie dieser Zöllner da. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich besitze." Der Zöllner aber blieb von ferne stehen und getraute sich nicht einmal, seine Augen zum Himmel zu erheben, w'wmi schlug an seine Brust und sprach: „Gott, sei mir , "der gnädig!" Ich sage euch, dieser ging gerechl- erK"m ^ Huuse jener nicht. Denn jeder, der sich eryoyt, wird erniedrigt, und wer sich erniedrigt, wird erhöht werden.
Sollen wir einen altehrwürdigen christlichen Brauch abschaffen?
n der letzten Lesung haben wir das blutige Schicksal des s,l. Stephanus kennen gelernt, der unter dem fos Steinregen seiner Peiniger das
Leben aushauchte Was nun nach s.„„ seinem Tode geschah, erzählt uns
r N- Lukas mit folgenden Worten:
„Gottesfürchtige Männer bestatteten den $fe- Pyönus und hielten um ihn eine große Tokenklage." <> .^ue alte Ueberlieferung will wissen, daß die P ??, des Stephanus den verhaßten Diakon auch t^ 1 Innern Tode noch schänden und entehren woll- éi". ?urum warfen sie den Leichnam auf ein dem bnrt®uy5Pla^ nahegelegenes Feld, damit er hL „»!",.»raß der Vögel und Geier würde. Doch nmlÄ iche Vorsehung hat es nicht gelitten. Ga- er s^ T?dn dem wir bereits gehört haben, daß sick b ^'Apostel ein warmes Wort einlegte, nahm §l“e5 Verstorbenen liebevoll an. Unter seinem » R hoben die Christen den zermarterten Leib
auf, wuschen ihn von Wunden und Striemen, hüllten ihn in weiße Leinentücher, gaben Salben und Spezereien dazu und übergaben ihn unter Geleite von Fackeln und unter frommen Gebeten und Liedern dem Grabe. —
So ruhte der tote Held etwa 400 Jahre in dieser Gruft. Dur Verfolgungen und Versprengungen der Christen zu Jerusalem geschah in der Folge, daß allmählich das Grab in Vergessenheit geriet. Da entdeckte ein Priester zu Jerusalem durch höhere Offenbarung das ehrwürdige Grab. Man öffnete es und begrub den kostbaren Schatz der Märtyrerreliquien in der Kirche auf Sion. Ungeheuerer Jubel durchbrauste damals die Stadt, und nicht weniger als sechs- Tote wurden zum Leben erweckt. Auch nach Afrika kamen einige der Reliquien, und der hl. Augustinus erzählt als Augenzeuge, welche Menge von Wundern durch Verehrung dieser Reliquien sich ereignet hat. Noch später wurde der Leib des Erzmärtyrers nach Rom übertragen und den Reliquien des hl. Laurentius beigesellt.--
Da siehst du nun einen alkehewürdigen, christlichen Brauch. Stephanus wurde begraben. Diese Sitte haben von Anfang an die Christen von den Juden übernommen im bewußten Gegensatz zu den Heiden, die vielfach ihre Toten verbrannt haben. Und hat nicht Christus selber das Beispiel gegeben9 Wie lautet seine Vorhersage? „Gleichwie Jonas drei Tage und drei Nächte im Bauche des Fisches war, so wird auch der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoße der Erde sein." — Und was schreibt ausdrücklich der Evangelist? „Und sie legten Jesus in ein neues Grab."
Das Vorbild des Heilandes war den Christen Richtschnur und Gesetz. Unser Dichter Schiller hat für die altehrwürdige christliche Sitte die ergreifenden Verse gefunden:
„Dem dunklen Schoß der heiligen Erde
Vertraut der Sämann seine Saat
Und hofft, daß sie entkeimen werde Zum Segen nach des Himmels Rat.
Noch köstlicheren Samen bergen Wir trauernd in der Erde Schoß.
Und hoffen, daß er aus den Särgen Erblühen wird zu schönerm Los." —
Nun die neue Zeit, die so mancher guten Sitte Hohn spricht, unternimmt einen Sturmritt gegen das christliche Begräbnis. Willst du wissen, aus welchem Geiste diese Neuerung geboren ist, so brauchst du nur diejenigen aufs Korn zu nehmen, die ihren Leichnam den Flammen verschreiben. Fast ausnahmslos sind es Leute, die schon zu Lebzeiten die Religion wie eine unbequeme Zwangsjacke abgeworfen haben, Freimaurer, Sozialisten, Atheisten, Kapitalisten, die schon aus Hochmut sich dem Krematorium anvertrauen, weil es vornehmer und teurer ist, und die gewöhnlichen Sterblichen sich den Luxus der Verbrennung nicht leisten kön
nen. Gewöhnlich wollen solche Leute auch noch dem Christentum einen Fußtritt versetzen, indem sie jeder christlichen Sitte hohnsprechen. Da wirst du dich auch gar nicht weiter verwundern, sondern es als Selbstverständlichkeit betrachten, daß die Kirche bei der Einäscherung jeden priesterlichen Beistand versagt und auch öffentliche Totenmessen für die Eingeäscherten verbietet. Die Brücke zwischen der Kirche und den Verbrennungsfreunden ist abgebrochen. Wenn du deshalb noch einen Funken von Anhänglichkeit an deine hl. Kirche hast, dann gibt es keine Besinnung auf die Frage:
„Sollen wir einen altehrwürdigen christlichen Brauch abschaffen?" Mit aller Entschiedenheit wirst du antworten: Nein und abermals nein. Wir bleiben der alten Sitte treu und wünschen wie Christus und Stephanus und alle guten Katholiken nach dem Tod den Frieden des Grabes. Das find wir auch unserem Leibe schuldig. Wenn jemand hingehen würde und einer Leiche ein Glied abschneiden oder eine Hand mutwillig wegbrennen, so würden wir das als schwere Beleidigung und als Leichenschändung ansehen. Und nun, was geschieht? Der ganze Leichnam wird den gefräßigen Flammen übergeben, daß er gräßlich entstellt wird, sich krümmt und aufbäumt, knistert und verkohl und nichts übrig bleibt als ein Häufchen Asche. Ist das Pietät gegen die Toten? Ist es nicht menschlicher, den Leichnam dem stillen Prozeß der Natur in dunkler Grabestiefe zu überlassen, wo er von selbst sich auflöst und zerfällt?
Das Verbrennen ist ein Anschlag gegen die Tradition und altehrwürdige Sitte. Das Verbrennen ist ein Anschlag gegen die christliche Religion. Das Verbrennen ist eine Demonstration für das Heidentum. Darum restlose Ablehnung. —
Noch einen Gedanken. Gottesfürchtige Männek sorgten für die Bestattung des Stephanus. Es ist also ein gutes Werk, für die Bestattung Sorge zu tragen. Das ist Sache der Hinterbliebenen. Cs ist aber auch deine eigene Sache. Es gibt jetzt im katholischen Volk Sterbevereine, deren Mitglieder Beiträge zahlen und dafür nach dem Tode ein würdiges Begräbnis erhalten. Die Angehörigen bekommen im Todesfall ein Kapital ausgefolgt, mit dem sie die Unkosten des Begräbnisses und der Opfer aufbringen. Einer solchen Sterbevorsorge beizutreten ist ein Gebot der Selbstliebe und der Klugheit. Der Talpfarrer.
Mutter Anna.
Ein Eharaklerbild auf den 26. Juli.
Von Hans Sauerland.
Wieviel Frauen und Mädchen tragen wohl ihren Namen? Ich weiß nicht, ob es in der ganzen Welt so ist — im lieben deutschen Land aber ist St. Anna sicherlich die Haus- und Familien heilige. Ein Strählchen von dem herrlichen Himmelslicht, das ihr Kind Maria vom ersten Bettlein bis zur Totenbahre umfloß, fiel