Sonntag, den 12. Mai 1929
39. Zahra
Religiöses Wochenblatt für die katholischen Gemeinden Kassels.
Erscheint jeden Sonntag und kostet monatlich Ausgabe A 40 R.-Pfennig B 45 R.-Psemüg (Zustellgebühr extra). Redaktionsschluß Montag. Anzeigen-Preise: Colonelzeile im Anzeigenteil 0,15 Goldmark. Colonelzeile tm Reklametell 0.60 Goldmark. Bei Wiederholung Rabatt. Auskunst und Ofs.-Geb. 0,10 Goldmark. Porto ejtra. Anzeigen müssen spätestens bis Montag morgens im Besitz der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda ien.
- Druck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei. Verlagsort Fulda. - "■ '■
Wochenkalender.
Sonntag, 12. Mai. 6. Sonntag nach Ostern, Nereus und Gen., Mart.
Montag. 13. Mai. Von der Oktav v. Chr. Himmelfahrt. Dienstag, 14. Mai. Von der Oktav von Chr. Himmelfahrt. Bonifatius, Mart., t 307.
Mittwoch, 15. Mai. Johannes Baptist de la Salle, Stifter der Schulbrüder, t 1719.
Donnerstag, 16. Mai. Oktav des Festes Chr. Himmelfahrt. Johannes Nepomuk, March f 1393, Ubal- dus, Bischof, Bek., h 1160.
Freitag, 17. Mai. Paschulis, Vaylon, Bek., t 1592.
Samstag, 18. Mai. Vigil des Pfingstfestes. Venantius, Mart. V i g i l f a st t a g.
Sechster Sonntag nach Gstern.
Epistel: 1 Petrus 4, 7—11.
Evangelium. Johannes 15, 26—16, 4. Jüngerzeugnis und Jüngerlos.
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: „Wenn der Tröster kommt, den ich euch vom Vater senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater aus« geht, so wird er Zeugnis von mir geben, weil ihr von Anfang bei mir seid. Dies habe ich zu euch gesagt, damit ihr nicht irre werdet. Man wird euch aus den Synagogen ausschließen: ja es kommt die Stunde da jeder, der euch tötet, glaubt. Gott einen Dienst zu erweisen. So werden sie gegen euch verfahren, weil sie weder den Vater noch mich kennen. Aber ich habe habe das euch gesagt, damit ihr euch daran erinnert, wenn eure Stunde kommt, daß ich es euch gesagt habe."
Zwei Kandidaten.
unächst muß ich die wohlgeneigten Leser bitten, ausnahmsweise zuerst die Unterschrift dieser Sonntag», lesung ins Auge zu fassen. Mit Staunen werdet ihr den Titel „Tal* ... ... _ _ pfarrer“ zum erstenmal gedruckt Wn. Ich wäre begierig zu beobachten, wie eure Nerven vor Neugierde sich in Schwingung verletzen! Was mag das für ein Plärrer fein, der »Talpfarrer!" Ist das ein anderer Pfarrer als der seitherige „Burgpfarrer", der schon so viele Jahre
Sonntagslesung geschrieben hat? —--
Nicht allzulang will ich eure Neugierde auf die i™^ spannen und euch gleich verraten, daß der seitherige „Burgpforrer" und der neue „Talpfar- ein und dieselbe Persönlichkeit ist. Ich habe ™d) meinen Pfarrsitz zu Füßen einer alten, a Nauenen Burg vertauscht mit einem lieblichen, ^""^"beglanzten „Tal". Da sitze ich nun am offe= tv? Winter in der warmen Frühlingssonne unb eXr'^ ^.'^ Zeilen. So weit die Blicke reichen, bi Ur 'ch das breitgeöffnete, schöngeformte Tal,
^ 0011 saftigen Wiesen und fetten Acker- Kp n darüber zu beiden Seiten die ragenden nm mit den dunklen Schwarzwaldtannen. Und Kiwn,â"""^ des Tales die Bifchofssradt mit den Nmrnelsiurmenden Münsterturm. -
Somit hätte ich mich zur Genüge als „Talpfarrer" vorgestollt und kann mit meiner Arbeit getrost weiterfahren. Wir haben die Apostel in der Einsamkeit des Abendmahlssaales zurückgelasjen, beschäftigt mit der Vorbereitung auf die Ausgießung des hl Geistes. Bevor nun S. Lukas das große Pfingstgeschehen schildert, macht er uns mit einer Wahl bekannt, bei der zwei Kandidaten eine Rolle spielen. Hören wir aufmerksam feinen Bericht:
„In jenen Tagen erhob sich Petrus inmitten der Brüder — es war eine Versammlung von etwa 120 Personen und sprach: „Liebe Brüder! Das Schriftwort, das der hl. Geist durch den Mund Davids über Judas, den Anführer der Häscher Jesu, vorhergesagt hat, mußte in Erfüllung gehen. Er gehörte zu uns und hatte Anteil an unserm Amte. Um Sünderlohn erwarb er sich ein Grundstück, stürzte kopfüber, barst entzwei, und alle seine Eingeweide traten heraus. Das wurde allen Bewohnern Jerusalems bekannt. Darum erhielt jenesGrund- stück in ihrer Sprache den Namen Ha - keldama, das heißt Blutacker. Im Buch der Psalmen steht ja gesch rieben:
„Seine Wohnstätte soll öde werden;
Niemand soll barm wohnen. Und ferner:
Sein Amt soll ein anderer erhalten."
Während der ganzen Zeit, in welcher der Herr Jesus unter uns aus- und einging — von der Taufe des Johannes angefangen bis zum Tage. da er von uns weg in den Himmel aufgenommen wurde, sind nun Männer mit uns zusammengewesen. Von diesen muß einer zusammen mit uns Verkünder seiner Auferstehung werden."
Sie stellten zwei auf: Joseph, genannt Varsabas, mit dem Beinamen Justus und Mathias. Dann beteten sie: „Du, o Herr, kennst alle Herzen. Zeige an, wen von diesen beiden du erwählt hast, damit er diesen Dienst, das Apostelamt, übernehme, von dem Judas abgewichen ist. um seinem Schicksal zu verfallen." Darauf warfen sie das Los über sie; das Los fiel auf Mathias, und so ward er den Aposteln beigezählt."--—
An Stelle des Judas wurden also von den Aposteln zwei Kandidaten aufgestellt. Ihre Persönlichkeiten geben uns Anlaß zu einigen Gedanken und Bemerkungen. Der erste Kandidat ist 3o- seph, genann. Varsabas, mit dem Zunamen Justus. Mußte nicht 'chon dieser Zuname allein eine günstige Wahlparole abgeben? Iustus heißt ia soviel,' als der „Gerechte". War nicht dieser Titel ein Ausdruck der allgemeinen Achtung und Wertschätzung deren sich Joseph erfreute? Und dennoch! Die Wahl hat unter dem Einfluß des hl Geistes aegen ibn entschieden. Hat nun Joseph ge- aen die Wahl Protest eingelegt? Hat er seinen erfolgreichen Gegenkandidaten beneidet oder „geschnitten"? Nicht im geringsten. Im Gegenteil. Joseph
war mit dem Resultat zufrieden, dankte Gott für den Ausgang und drückt« dem Neugewähi.en die Hand zum Glückwunsch. So ist Joseph an Tugend und Vollkommenheit noch gewachsen und hat es nach der Ueberlieferung zum Bischofsstab und zur Martyrerkrone gebracht. —
Und ein Wort dem zweiten Kandidat. Mathias ist fein Name. Kein schmückender Titel zeichnete ihn aus. Offenbar spielte er bis dahin nur eine bescheidene Rolle. Und trotzdem! Ihn und keinen andern hat der hl. Geist auf den Schild erhoben. Das ist die Art der göttlichen Vorsehung! Gottes Gedanken sind nicht der Menschen Gedanken. So fragte auch einst der Bruder Masäus den hl. Ordensvater Franziskus: „Ich möchte nur wissen, warum der liebe Gott gerade dich erkoren hat, f? Großes in der Kirche zu wirken, da du doch wedel Reichtum noch Wissenschaft, noch Schönheit besitzest! Franziskus aber sprach: Wille. Bruder Masäus, gerade deshalb, weil ich weder Reichtum, noch Wissenschaft, noch Schönheit besitze, gerade darum hat Gott mich auserwählt, so Großes zu wirken; er hat eben auf der ganzen Welt kein ito geringes, armseliges Werkzeug gefunden als mich'
Mathias hat sein Amt angenommen in der Ueberzeugung, daß es ihm durch die göttliche Vorsehung zügespielt wurde. Er hat es nicht als Ruheposten betrachtet, um Ehrungen zu empfangen und ein bequemes Leben zu führen, sondern um tm Weinberg des Herrn zu arbeiten, zu schwitzen, zu leiden, zu bluten und zu sterben.
Gerade wir Deutsche Katholiken haben Ursache, den hl. Mathias zu ehren. Denn wir besitzen in Trier fein Grab, zu dem jährlich Tausende mallen.
Lernen wir aus diesem Begebnis, daß ein jeder auf seinem Platz fein Heil wirken und zum Genuß der Seligkeit gelangen taun. Halten wir uns deshalb an das bekannte Sprüchlein:
„Genieße, was dir Gott befcheden;
Entbehre gern, was du nicht haft:
Ein jeder Stand hat seinen Frieden,
Ein jeder Stand hat seine Last."
Der Talpfarrer.
Gebetsoktav vor Pfingsten.
Der Heiland ist in den Himmel aufgefahren. Voll Freude kehren die Apostel nach Jerusalem zurück Stiegen in den oberen Saal hinauf. Dort verblieben sie. Und «sie alle verharrten im Ve» ein mH den Frauen, mit Maria, üer Mutier Jesu, und mit seinen Brüdern (nahen Verwandten) einmütig im Gebete". Um Diete Einmütigkeit flehen wir in den weihevollen Tagen zwilchen Christi Himmelfahrt und Pfingsten. Im Arevier betet der Priester jeden Tag: „O König der Glorie, der du heute als Sieger über alle Himmel aufgefahren bist, laß uns nicht als Wallen zurück, londem 'ende uns den vom Vater verheißenen Geist der Wahrheit"