BH'.BiiimmrrBittiiaiMi
Ausgabe B
KL
27 Januar 1929
--KW
Religiöses Vochenblall
für die katholischen Gemeinden Kassels
Erscheint jeden Sonntag und kostet monatlich Ausgabe A 40 R.-Pfennig B 45 K-Piennig (Zustellgebühr ejtra). Redaktionsschluß Montag. Anzelgen-Preise: Colonelzeile im Anzeigenteil 0,15 Goldmark, Colonelzelle im Reklameteil 0,60 Goldmark. Bei Wiederholung Rabatt. Auskunft und Ofs.-Geb. 0,10 Goldmark. Porto extra Anzeigen müssen spätestens bis Montag morgens im Besitz der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda fe n
~ Druck und Verlag Der Fuldaer Actiendruckerei 8 erläge ori Fulda.
Wochen^alender.
Sonntag, 27. Ian. Septuagesima. Iohannes Chryfostomus, Kirchenlehrer, t 407.
Montag, 28. Ian. Agnes, Igfr., Mart.
Dienstag. 29. Ian. Franz von Sales, Kirchenlehrer, t 1622.
Mittwoch, 30. Jan. Martina, Igfr., Mart., + 222. Donnerstag, 31. Ian. Petrus von Nola, Bek., t 1256. Freitag, 1. Febr. Ignatius, Bischof, Mart., t 107.
H e r z - I e s u - Fr e i ta g.
Samstag, 2. Febr. Fest Mariä Reinigung (L i ch t m e ß).____________
Sonntag Septuagesima.
Epistel. 1. Korinther 9, 24—10. 5.
Evangelium. Matthäus 20, 1—16. Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg.
In jener Zeit trug Jesus seinen Jüngern folgendes Gleichnis vor: „Das Himmelreich gleicht einem Hausvater, der frühmorgens ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg zu dingen. Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Tagèlohn von einem Denar und schickte sie in seinen Weinberg. Um die dritte Stunde ging er wieder aus, sah andere müßig auf dem Markte stehen und sagte zu ihnen: „Geht auch ihr in meinen Weinberg: ich will euch geben, was recht ist." Um die sechste und neunte Stunde ging er abermals aus, und machte es ebenso. Als er um die elfte Stunde ausging, fand er wieder andere dastehen. Er fragte sie: „Was steht ihr hier den ganzen Tag müßig?" Sie antworteten: „Es hat uns niemand ‘ gedungen." Er erwiderte ihnen: „Geht auch ihr in meinen Weinberg". Als es Abend geworden war, sagte der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: „Rufe die Arbeiter und zahle ihnen den Lohn aus, von dem letzten angefangen bis zu den ersten." Es kamen nun die. welche um die elfte Stunde gekommen waren, und empfingen je einen Denar. Als aber die ersten kamen, glaubten sie mehr zu erhalten; aber auch sie empfingen je einen Denar. Da sie ihn empfingen, murrten sie wieder den Hausvater und sagten: „Die Letzten da haben nur eine einzige Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgestellt. uns. diè wir die Last und Hitze des Tages getragen haben." „Freund, erwiderte er einem von ihnen, „Ich tu dir nicht unrecht. Bist du nicht auf einen Denar mit mir einig geworden? Nimm also, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem letzten ebensoviel geben wie dir. Oder darf ich nicht tun, was ich will? Ist dein Auge neidisch, weil ich gut bin?" „So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein. Denn viele sind berufen, wenige aber auserwählt."
Heilige Siebzig.
n deinem Kalender trägt der heutige Sonntag den Namen „Sep- kuagesima". Zu deutsch „Siebzig". Also hat dieser Sonntag etwas mit der Zahl 70 zu tun. Die Er- klärungen sind verschieden. Ge
meint ist die Zeit von heute ab bis Ostern. Rechnest du nun genau bis zum eigentlichen Osterfest, so findest du neun Wochen oder 63 Tage. In diesem
Fall ist die Zahl „siebzig" als ein runde Zahl zu bemessen; die 63 Tage werden auf 70 aufgerundet. Oder man rechnet die ganze Osterwoche dazu, also bis gum Weißen Sonntag; dann stimmt die Rechnung genau. Wir haben in diesem Fall zehn Wochen oder siebzig Tage.
Dabei dürfen wir eines nicht vergessen. Die Kirche huldigt gern in ihren Zeiten und Zahlen den Eingebungen der Mystik. Sie umgibt ihre Feste und Zahlen mit heiligen Erinnerungen und Geheimnissen. So ist es auch mit Septuagesima. Die Kenner der Liturgie sagen uns, daß diese 70 Tage eine Anspielung seien an das Babylonische Exil, das 70 Jahre lang dauerte. Wegen ihrer Sünden, wegen ihres Ungehorsams gegen Gott und seine Propheten, wegen des wiederholten Rückfalls in abscheulichen Götzendienst wurden die Juden etwa 600 Jahre vor Christi Geburt von den Babyloniern mit Krieg überzogen; Jerusalem, die stolze Stadt, wurde erobert, dem Erdboden gleichgemacht. Die Bewohner der Stadt, und zwar gerade die reichsten und vornehmsten, wurden als Gefangene nach Babylon deportiert. Dort schmachteten sie in der Domäne des Götzendienstes und der Unzucht 70 Jahre lang. Ihr könnt euch denken, welches Heimweh in ihrer Brust nagte; Heimweh nach dem Vaterland, Heimweh nach der herrlichen Hauptstadt, Heimweh am meisten nach dem Tempel, nach dem Gottesdienst, nach den Opfern, nach den hl. Gesängen, nach dem goldenen Alleluia, nach den Psalmen mit Trompetenschall und Zitherklang.
Ein Dichter aus ihnen hat diesem Heimweh einen stimmungsvollen Ausdruck verliehen im Psalm 136, den ich zu deiner Freude in sinngemäßer Verdeutschung hierhersetze.
Wir saßen fremd an Babels Flüssen Und weinten Tränen bittern Heimwehs.
Wir hingen an den Trauerweiden Die Harfen auf so stumm und schmerzlich.
Da baten uns mit kaltem Spotte Die Feinde, die uns weggeführet:
Singt uns ein Lied von Sions Liedern Und preiset euren Gott Jehova.---
Wie sollten wir ein Lied anstimmen Auf unsern Gott — im Heidenlande?
Jerusalem, vergäß' ich deiner, So soll verdorren meine Rechte,
Am Gaumen klebe meine Zunge, Wenn du entschwindest meinem Sinne.
Wenn ich Jerusalem nicht setze Zum Grund- und Eckstein meiner Freude.
Die Kinder Edoms wird bestrafen Der Herr am Tage der Vergeltung
Die unsern Feinden zugerufen: »Reißt nieder ihre Stadt, reißt nieder."
Auch du, elende Babelstochter, Wirst der Vergeltung nicht entgehen:
Im Sturinschritt wird der Rächer nahen Und Gottes Strafgericht vollziehen;
Erfassen wird er deine Kinder, Erbarmungslos am Stein zerschmettern. —
Ein Lied voll Trauer, Schmerz und Heimweh: ein Lied voll der Hoffnung auf baldige Befreiung; ein Lied voll der Erwartung des Strafgerichtes gegen die Unterdrücker. Wenn der hl. Bischol Franz von Saks in seiner bischöflichen Kirche zu Annezy diesen Psalm herber Wehmut mit seinen Geistuchen sang, tropften jedesmal bittere Tränen auf seinen Psalter. Denn er dachte an das herrliche Genf mit feiner wunderbaren Kathedrale, liche Genf mit seiner wunderbaren Kathedrale, wo nun Saturn und die Sektierer ihre Kanzel aufgeschlagen hatten. Wie vielmehr sollte auch uns ein hl. Heimweh beschleichen, wenn wir an die Himmels- stadt denken, an die Straßen des himmlischen Jerusalem. wo die Alleluja tönen wie das Rauschen vieler Wasser und das Rollen starker Donner, wo keine Verführung und keine Sünde mehr droht, wo keine Klage und kein Weinen mehr ertönt, wo die Dissonanzen des Schmerzes und.der Verbitterung aufgelöst find, wo unser einziges Geschäft sein wird, das Lob Gottes zu singen. Einstimmen müssen wir in die Worte des frommen Thomas von Kempis:
Halte dich wie einen Pilgrim und Fremd- l i n g auf Erden, den die Geschäfte dieser Welt nichts angehen. Bewahre dein Herz frei und zu Gott emporgerichkek; denn hier hast du keine (leibende Stätte. Dorthin entsende täglich Seufzer unter Tränen, damit deine Seele verdiene, nach dem Abscheiden glücklich zum Herrn hinüberzugehen." (Bachs. Chr. 1,23.)
Heilige Siebzig; Tage des Exils, Tage der Verbannung; Tage, an denen wir das Gewicht der Sünde und der Begierlichkeit spüren, klagen und beweinen; Tage, an denen wir einer heiligen Trauer uns überlassen; Tage, an denen wir uns befleißen, unser Fleisch zu kreuzigen; an denen wir dem Opfer der Versöhnung entgegenschauen, an welchem wir den Erlöser begrüßen, der durch sein Leiden und seinen Tod unsere Schuld sühnen und den Zugang zur ewigen Heimat durch seine Auferstehung uns erschließen wird; Tage der Vorbereitung auf das Haupt- und Zentralfest der Christenheit, das Triumph- und Siegesfest des Heilandes, das hochheilige Osterfest.
Heilige Siebzig. Darum auch Tage, aus denen die Kirche die Zeichen der Freude verbannt; vor allem das süße, klangvolle Alleluia. Am Tage vor Septuagesima in der Vesper des Nachmittags nimmt der Priester und der Liturgiefreund Abschied von diesem wohlvertrauten, liebgewonnenen Freund. Sowhl dem „Benedicamus Domino" als auch dem „Deo Gratias" werden je zwei Alleluia