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Der Schnellzug.

Erzählung von Dr. H e le n e Hirsch.

Wie, Herr Direktor, Sie verlassen mich schon?" fragte der Kranke.

Ich muß leider, ich will morgen in R. sein. Heute abend fahre ich mit dem Schnellzuge um 8 Uhr 30 Minuten vom Hauptbahnhofe weg. Sie kennen ihn ja besser als ich, diesen Zug, da Sie vor Ihrer Krankheit Lokomotivführer waren, nicht wahr?"

Der Kranke schloß di« Augen, wurde bleich und murmelte:Gew'ß, kenne ich ihn. Oh, nur zu gut!" Große Tränen liefen über seine Wangen hinab. Er schwieg einen Augenblick, dann sagte er:Niemand kennt ihn besser als ich."

Da ich glaubte, daß nur die Erinnerung an sei­nen alten Beruf ihn so ergiff, sagte ich:Ja, das ist ein schönes Handwerk; dazu gehören Mut und Klugheit."

Er zitterte und seinen gelähmten Körper durch, bebte eine heftige Aufregung. Dann sagte er:Sa­gen Sie das nicht, Herr Direktor. Ein schönes Handwerk? Sagen Sie liever ein Handwerk des Schreckens und des Todes. Sehen Sie, Sie ken-

kuese hl. Gebräuche belehrt und zum richtigen Ver­ständnis derselben angeleitet werden sollen.

Zu den sinn- und bedeutungsvollsten Gebräu­chen der katholischen Sonntage^er gehört das so­genannte Asperges, das vor dem Hochamt statt- j findet. Nach kirchlicher Vorschrift besprengt der Priester an jedem Sonntag vor der feierlichen . Darbringung des hl. Opfers den Altar und die ver- ! sammelte Gemeinde mit geweihtem Wasser, wäh- : rend der Chor folgende Verse aus dem 50. Psalms i singt:Bespreng mich lAsperges me) Herr, so werd : ich rein; wasche mich, so werde ich weißer als Schnee. Erbarm dich meiner, c Gott, nach deiner großen Barmherzigkeit. Ehre sei dem Vater . . " Nach Beendigung dieses Gesanges tritt der Priester I wieder an den Altar und betet an den Stufen des- i selben:Herr erzeige uns deine Barmherzigkeit!" worauf der Chor antwortet:Und dein Heil ver­leihe uns!" Sodann betet er:Erhöre uns, hei­liger Herr, allmächtiger Vater, ewiger Gott, und sende gnädig vom Himmel herab deinen hl. Engel. Er behüte, bewahre, beschütze, besuche und beschirme alle, die miteinander in diesem Hause weilen. Durch Christus, unseren Herrn!"

Wie alt dieser Gebrauch ist, läßt sich nicht genau festlegen. Der Gebrauch des Weihwassers aber findet sich schon in den ersten christlichen Zeiten, und von dieser kirchlichen Handlung ist gewiß, daß sie bis ins 7. Jahrhundert hinaufreicht.

Im Ausland« gab es und gibt es bis heute noch eine äußerst schmerzliche, Ekel erregende und sehr ansteckende Krankheit, den Aussatz. Nach dem mosaischen Gesetze wurde jeder von dem Umgänge mit seinen Mitmenschen abgesondert; er mußte für sich allein außerhalb der Gemeinde wohnen, seine Kleider mußten zerrissen werden. Wenn jemand ihm nahte, muhte der Aussätzige rufen:Unrein, Unrein!"

Wenn überhaupt schon die Krankheiten des Leibes ein Bild der Krankheiten der Seele sind, so trifft dieses bei keiner Krankheit mehr zu als beim Aussatz, und gerade deshalb wird die Sünde von den hl. Vätern sooft mit dem Aussatz verglichen. So häßlich, so ansteckend, so verabscheuungswürdig wie der Aussatz ist auch die Sünde, nur noch viel schlimmer.

An diesen Altssatz der Sünde erinnern beim Asperges die Psalmworte, in denen der Mop er­wähnt wird. Mät Mop bezeichnet man eine Kräu­terstaude, deren Blütenstengel man sich im Alten Testamente bei gottesdienstlichen Reinigungen be­diente, wie wir z. B. beim Besprengen mit Weih­wasser uns eines Vuchsbaumzweigleins bedienen. So mußte beim Auszug aus Aegypten jeder Is­raelit feine Türschwelle mittels eines Mopstengels mit dem Blüte des Paschalammes besprengen. Ferner bediente man sich desselben zur Reinigung der Aussätzigen, wobei dann auch der Aussätzige mittels des Mopstengels mit dem Stute des zum Danke und zur Sühne geopferten Vogels zum Zeichen der Reinigung besprengt wurde.

Wer von uns fühlt sich nicht mehr oder weniger mit diesem Aussatz der Sünde beh»ftet. wer ist rein vor dem Herrn, wer hat das reine Kleid, das er in der hl. Taufe empfangen, unbefleckt bewahrt? Sollen wir in diesem Sündenaussatze zugrund«- gehen oder ist auch für uns ein reinigender Mop da? Können wir hoffen, daß unser Sehnen nach Reinigung erfüllt, daß unsere Bußtränen Erhörung finden?

Der ins Blut getauchte Mopstengel, durch den der Aussätzige die priesterliche Reinigung empfing, war nach der geheimnisvollen Weisheit Gottes das Vorbild des in das Blut und Wasser der Sei»« Christi getauchten hl. Kreuzes, durch dessen Be­sprengung wir gereinigt undweißer werden als Schnee". Auf unsern Altären ist das Kreuz Christl aufgerichtet. Zum hl. Sühnopfer, das dargebracht wird, sollen wir eilen, dann werden auch wir ge­reinigt undweißer als Schnee". Wie das Waffer den Leib reinigt von allen Flecken, so reinigt der Heiland durch die Kraft des hl. Opfers und der damit im Zusammenhang stehenden Sakramente unsere Seele von allen Sünden, und so weist uns das 2lfperges vor dein sonntäglichen Hochamt hin auf die reinigende und heiligende Kraft ebendieses hl. Opfers und verlangt von uns, mit wahrer Reue und Zerknirschung, aber auch mit festem Glauben und Vertrauen demselben beizuwohnen

Wieder daheim

Ich bin hinauf, hinab gezogen Und suchte Glück und sucht' es weit, Es hat mein Suchen mich betrogen, Und was ich fand, war Einsamkeit.

Ich härte, wie das Leben lärmte, Ich sah sein tausendfarbig Licht, Es war kein Licht, das mich erwärmte. Und echtes Leben war es nicht.

Und endlich bin ich heimgegangen Zu alter Stell' und alter Lieb', Und von mir ab fiel das Verlangen, Das einst mich in die Ferne trieb.

Die Welt, die Fremde lohnt mit Kränkung, Was sich, umwerbend, ihr gesellt.

Das Haus, die Heimat, die Beschränkung, Die sind das Glück und sind die Welt.

Theodor Fontane.

idle Augen schloß und in die Knie sank. So ver. harrte ich einige Sekunden in dumpfer Starrheit.

Endlich kam ich wieder zur Besinnung. Ich lag noch immer auf den Knien und es schien mir, cis üb ich von weither gekommen wäre. Ich ver- suckste, mich zu erheben, allein es war unmöglich. Meine Glieder schienen weich und kraftlos. Ich glaubte, daß ich mir bei meinem Fall etwas ge­brochen hätte, obwohl ich nicht den geringsten Schmerz empfand. Ich wollte mich mit Hilfe mei- ner Hände aufrichten. Steif und leblos hingen meine Arme herab. Bestürzt fühlte ich, daß mir meine Glieder nicht mehr gehorchten, daß sie leb­los waren wie meine Kleider, die der Wind in die Höhe blies. Ein unbestimmtes Etwas zwang mich, die Augen geschloffen zu hatten. Wir fausten mit größter Schnelligkeit dahin.

Noch grollte das Gewitter, aber schon schwä­cher und entfernter. Es regnete stark und ich fühlte mich ganz wohl, nur ein wenig müde. Die Erinnerung an mein Handwerk, an meine Arbeit riß mich jedoch aus meiner Ruhe, und da ich noch nicht wußte, daß ich gelähmt war, rief ich mei­nen Heizer, damit er mir attfhslfe. Ich erhielt keine Antwort. Es war ein betäubender Lärm auf dieser dahinsausenden Maschine. Ich rief noch lauter:Karl, Hörst Du?" Stille. Eine furcht­bare Angst ergriff mich. Ich fürchtete mich, ohne zu wissen, warum. Ich öffnete die Augen und stieß einen Schrei aus. Die Plattform war leer; Mein Heizer war verschwunden. In diesem Au­genblick wurde mir alles klar, was seit dem Don­nerschlage geschehen war. Der Blitz hatte in die Lokomotive geschlagen, meinen Heizer getötet und auf die Schienen geschleudert.

Ich war gelähmt.

Herr Direktor, wenn ich ein Gelehrter wäre und die Worte zu setzen verstünde, so könnte doch kein Wort der ganzen Welt Ihnen eine Vor­stellung von dem furchtbaren Schrecken geben, der firb meiner bemächtigte. Im Kriege sehen die Sol­daten, wie ihre Kameraden vor ihren Augen fal­len, und doch bleiben sie auf ihrem Posten. Aber sie wissen, woher der Todesstreich kommt, sie sehen die blutig aufgerissenen Körper, sie fürchten die Kugeln, aber sie erwarten sie. Allein, mein Ge­fährte war mir wie durch Zauberei entrissen.

Kaum hatte ich diesen Gedanken erfaßt, als ein zweiter aufstieg, so furchtbar, daß ich noch bei der Erinnerung daran schauere. Hinter mir schliefen oder plauderten zu-eihundert Renende in ihren Ab­teilen. Zweihundert Menschen, die in schwindeln­dem Lauf fortgerissen wurden. Zweihundert, die in den sicheren Tod fuhren, denn ihr Führer war eine leblose, gelähmte Masse und konnte kein Glied rühren. Je unfähiger mein Körper wurde, desto lebhafter arbeitete mein Geist.

Zuerst sah ich die Schienenttränge im Hellen Mondlicht leuchten. Wie ein Blitz sauste der Zug durch einen kleinen Bahnhof. Trotz der rasenden Geschwindigkeit konnte ich deutlich einen Beamten erkennen, der neben seinem Teiegrapenspparat schlief Dann lag reicher der lange Schienenstrang vor mir und wir fuhren durch die finstere Nacht. Mit orkanartiger Geschwindigkeit sausten wir durch einen Tunnel.

Als wir herausfuhren, sah ich, daß die Strecke frei war. Ich wußte genau, wo mir waren und dachte:Jetzt entgleisen wir. In wenigen Augen­blicken kommen wir zu einer so scharfen Kurve, daß wir bei dieser rasenden Geschwindigkeit un­bedingt entgleisen müssen. Allein, Gott hatte be­schlossen, daß es hier noch nicht sein sollte. Die Maschine und alle Waggons neigten sich, die Na­der knirschten auf den Schienen, wir waren glück­lich hinübergekommen. Diese Kurve hatte ich am meisten gefürchtet. Jetzt atmete ich auf. Da ma nicht nachheizte, mußte die Maschine endlich stey bleiben. Dann wären wir gereuet Aber nw Ruhe bauerte nicht mnue. Als wir durch kleinen Bahnhof fuhren, bemerkte ich, daß der maphor geschlossen war, das Geleise, auf ^m fuhren, war nicht frei. Daß ich in dieâ b blicke nicht verrückt wurde verstehe ich Nicht.

kn Sie sich vor. was im Gehirne eines i0< vorgshen muß, der auf einer laufenden tine dahinfährt und weiß, daß ein Hmdeum

nen mich ja kaum und doch bitte ich Sie um einen Gefallen. Nehmen Sie jeden Zug, den Sie wollen, aber nicht den um 8 Uhr 30 Minuten."

Warum", fragte ich lächelnd,find Sie etwa abergläubisch?"

Ach nein", sagte der Kranke,ich bin eben der Lokomotivführer, der den Schnellzug an jenem Unglückstage geführt hat. Die Erinnerung daran ist so furchtbar, daß ich sie nie vergessen werde. Wir fuhren zur planmäßigen Stunde vom Bahn- W m»g Es war ein erstickend heißer Tag. Ob­wohl wir mit größter Geschwindigkeit dahinfuh- ren, war die Luft auf der Maschine drückend und schwer. PKtzlich wurde die ganze Gegend stock­finster, kein Stern war Zu erblicken. Grelle Blitze erhellten die Nacht mit so blendend weißem »Licht, daß die Finsternis dann um so furchtbarer erschien. Ich sagte zu meinem Heizer:Jetzt wird es gleich regnen."

Es wäre höchste Zeit", erwiderte er.Man hält es in diesem Backofen gar nicht mehr aus. Jetzt heißt es, auf die Signale aufpassen."

Nur keine Angst", sagte ich,ich werde schon aufpassen." Es donnerte so stark, daß ich weder den Lärm der Räder, noch das Keuchen der Lo­komotive hörte. Es regnete aber noch immer nicht, das Gewitter kam aber nur näher. Wir fuhren gerade in seine Richtung, ia, es schien rast, als ob wir ihm nachliefen. Man kann noch so mutig sein, es ist doch keine Kleinigkeit, wenn man üch auf diesem Stahltier fortgerissen fühlt, das wie toll dahinbraust. Kaum hundert Meter vor uns fuhr ein Blitz gerade in den Boden. Noch iah ich,

furchtbares Donnern ertönte, dann ein

Weg versperrt.

Nur dieser Gedanke lebte noch in mir: Wenn tu bte Maschine nicht aufhalten kannst, so wirst ' iT~s um freie*

wie sein grelles Licht vor mir ausflammte, als ein i vu Ute ;uiu|u;uie mu;i uuiom» - " " . zweiter du und dein Zug zerschmettert. Und an - nU,

Schlag, so dumpf dröhnend, daß ich unwillkürlich «furchtbare Unglück au vermeiden, bedarf