Kassel, den 22 Januar 1928.
38. Iahrg.
Religiöses Wochenblatt
für die katholischen Gemeinden Kassels.
Erscheint jeden Sonntag und kostet monatlich Ausgabe A 40 R.-Psennlg B 45 R.-Pfemüg (Zustellgebühr ejira). Redaktionsschluß Montag. Anzeigen-Preise: Colonelzeile im Llnzeigentell 0,15 Goldmark, Colonelzeile im Reklameteil 0,60 Goldmark. Bet Wiederholung Rabatt. Auskunft und Off.-Teb. 0,10 Goldmark. Porto extra Anzeigen müssen spätestens bis Montag morgens im Besitz der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda sein.
'■ Drei und Sertag Der Fuldarr Acüsudruckerrl Bèrlagrort Fulda. - —
lvochenkalender.
Sonntag, 22. Jan. 3. Sonntag nach Erscheinung des Herrn. Vinzentius und Gen., Mart., f 304.
Montag, 23. Ian. Raymund von Pennafort, Bek, t 1275. Emerentia na, Jgfr., Mart.
Dienstag, 24. Jan. Timotheus, Apostelschüler, f 97.
Mittwoch, 25. Ian. Bekehrung des hl. Paulus.
Donnerstag. 26. Jan. Polykarp, Mart., f 155.
Freitag, 27. Ian. Iohannes Chrysostomus, Kirchenlehrer, f 407.
Samstag, 28. Jan. Marien-Sonntag. Agnes, Jgfr., zweite Festfeier.
Dritter Sonntag nach Erscheinung.
Epistel: Röm. 12, 16-21.
Brüder! Haltet euch nicht selbst für klug. Vergeltet niemand Böses mit Bösem; seid auf das Gute bedacht nicht nur vor Gott, sondern auch vor allen Menschen. Wo möglich, haltet, soviel an euch liegt, Frieden mit allen Menschen. Rächt euch nickt selber. Geliebteste, sondern überlasset es dem Zorne (Gottes); denn es steht geschrieben: Mein ist die Rache, ich will vergelten, spricht der Herr. Wenn dein Feind Hunger hat, so gib ihm vielmehr zu essen; wenn er Durst bat. O'b 'bm m trinken; tust du das, so sammelst du feurige Kohlen auf sein Haupt. Laß dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde du das Böse durch das Gute.
Evangelium: Matth. 8, 1—13.
Der einzige Suwerän»
<&5D$X3bA£ ein einziger Suwerän mehr in ganz Europa. Alle Herrscher und Gewalthaber abhängig von Parla- menten, Parteien und Mehrheiten. Kein einziger Suwerän in der ganzen Welt. Denn auch die Für- ften, welche Suweräne zu sein scheinen, sind wieder angewiesen auf die Mitarbeit und Durchführung der Minister und Beamten. Und wenn irgendwo, unter irgendeinem Himmelsstrich, ein ganz freier, unabhängiger Herrscher wäre, seine Macht hat Schranken an seiner eigenen Unzulänglichkeit und Schwäche. Welcher Suwerän konnte sein Land mit Brot versorgen, wenn nirgends auf der Welt Getreide gewachsen wäre und nirgend mehr ein Gramm auf Lager? Da wäre es mit seiner Weisheit und Regierungskunst am Ende.
Ich weiß nun einen einzigen richtigen Suwerän. Und der wohnt in der Residenz des Himmels auf ewigem, unzugänglichem Throne, und sein Jiame ist Gott, der allmächtige Schöpfer des Himmels und der Erde. Höre den Pfalmisten, wie er mit beredtem Mund Gottes schrankenlose Allmacht laut verkündet:
tëtui'nf^ bist du, o Gott, von Ewigkeit zu
Dein, o Herr, ist die Herrlichkeit und die Macht und die Ehre und der Sieg und dir das Lob. Denn alles, was im Himmel ist und was auf Erden, ist dein; dein, o Herr ist das Reich, und du herrschest über alle Fürsten.
Dein ist der Reichtum und dein die Ehre; du herrschest über alle; in deiner Hand ist die Kraft und die Macht; in deiner Hand ist die Größe und die Herrschaft über alles."
An dieser unbeschränkten Herrschaft und Selbstherrlichkeit hat der Heiland als Sohn Gottes vollen Anteil.
Schauen wir doch nur hinein in das heutige Evangelium, und wir erkennen zwei Beweise seiner Allmacht, zwei Wunder, die darin aufleuchten wie zwei Sterne in dunkler Nacht.
Das erste Wunder ist die Heilung des Aussätzigen. Der Aussatz, jene fürchterliche Krankheit des Orients, ist für gewöhnlich unheilbar; sollte aber eine Heilung jemals vorkommen, so ist sie das Ergebnis einer langen Behandlung und ärztlichen Kur. Und nun, wie geht es zu bei der Heilung unseres Aussätzigen? Er füllt vor Jesus nieder und spricht: „Wenn du willst, kannst du mich reinigen " Darauf berührt ihn der Heiland und spricht: „Ich will, sei rein!" Und augenblicklich ist jede Spur von Aussatz verschwunden. Rein und gesund sind Hände und Füße, Augen und Mund, und der ganze Körper strotzt von Kraft und Wohlsein.
Das zweite Wunder ist die Heilung des Gichtbrüchigen. Schwerkrank und in entsetzlichen Schmerzen liegt er darnieder und kann kein Glied rühren. Nun weiß jeder, wie hartnäckig rheumatische und gichtische Krankheiten sind und wie sie der Kunst der Aerzte spotten. Und was geschieht? Der Hauptmann, in dessen Dienst der gichtbrü- cbige Knecht stand, trat vor den Heiland mit den Worten: „Herr, mein Knecht liegt gichtkrank im Haus darnieder und wird elend gequält." Und darauf der Heiland in seiner Güte: „Ich will kommen und ihn heilen." Darauf der Hauptmann: „Dein persönliches Kommen war zu viel Ehre für mich und zu viel Mühe für dich; sprich nur ein Wort aus der Ferne, und mein Knecht wird gesund werden." Und der Heiland sprach' „Geh hin, und, wie du geglaubt hast, soll dir geschehen." Und zu derselben Stunde wurde der Knecht gesund.
Aber vielleicht findet jemand ein Haar in dieser Darstellung; vielleicht sagt ein Zweifler: „Aha, auch der Heiland war abhängig; abhängig vom Glauben an seine Person und seine Heilkraft Denn in beiden Fällen sehen wir von selten der beteiligten Personen ein großes Vertrauen auf Jesus und ein heftiges Verlangen nach Heilung. Was sollen wir darauf sagen? Von einer Ab- bänoigkeit des Heilandes vom Glauben der Kran- I fpn fèino <?nnr. SUsn« hi» Simnpftinn" Wickel
Heilerfolge arUzuweisen hätte, ei, warum nehmen dann die Menschen nicht alle die Zuflucht zu dieser wunderbaren, zu dieser so einfachen und billigen Heilmethode? Warum fassen nicht alle Rheu« matiker, Epileptiker, Alkoholiker, Syphilitiker, Herzkranken, Lungenkranken, Nierenkranken, Magenkranken ein blindes Vertrauen zu einem Arzt und werden schleunigst geheilt? Weil eben die Krankheit durch das Vertrauen allein nicht weicht. Da hätten die Blinden, Lahmen und Aussätzigen lange Vertrauen haben können zu dem Manne aus Nazareth: wäre dieser nicht Gottes Sohn gewesen, sie wären ihre Krankheit nicht losgeworden. Und wie ist es denn mit Saulus gewesen? Hat er etwa ein Verlangen gehabt, von seiner geistigen Blindheit geheilt zu werden, als er wutschnaubend vor den Toren von Damaskus ang-ekommen war? Im Gegenteil: de» Haß gegen Christus und seine Gläubigen hattt. gerade den Siedepunkt erreicht. Und eben in diesem Augenblick, wo die seelische Einstellung des Christenverfolgers die denkbar ungünstigste war, hat das Wunder und die Heilung und Bekehrung - ingefetzt. Ohne den Saulus lange zu fragen, hat ihn die Allmacht der Gnade vom stolzen Roß herabgestürzt und den glühenden Hasser zu einem begeisterten Apostel gemacht. Siehst du nun, daß Gottes Wundermacht suwerän ist und gänzlich unabhängig von den Stimmungen der Menschen? Für gewöhnlich allerdings verlangt der Heiland Glauben an seine Person und seine Gottheit. Aber nicht in seinem, sondern in des Kranken Interesse. Der Kranke soll damit einen Baust-m liefern zu seiner Heilung, damit er sich das Verdienst des Glaubens und der Tugend erwerbe. Aber Gottes Allmacht waltet bei den Wundern immer mit vollster Freiheit und Unabhängigkeit.
Als der stolze Syrer Naaman, ein Millionär und Protze erster Klasse, mit seinem Aussatz zum König von Israel gekommen war mit der Bitte, ihn zu heilen, da zerriß der König vor Grimm seine Kleider und sprach: Da kommt dieser Mensch mit einem merkwürdigen Ansinnen zu mir! Bm ich denn ein Gott, daß ich dich heilen, töten und wieder beleben kann? (4 Kö. 5).
Als aber der Aussätzige mit all seinem Elend und all seiner Armut zu Jesus kam, vor ihm niedersiel und sprach: „Wenn du willst, kannst du mich reinigen", da hat der Heiland das hochherrliche Wort gesprochen: Ich will, fei rein! Und der Aussatz war wie weggeblasen. Der Kömg von Israel war eben ein schwacher Mensch; Josus Christus aber ist der König des Himmels und der Erde, die Weisheit, die Allmacht. Wisse auch, daß der alte Gott, der allmächtige, gütige Gott, noch lebt. Fasse also auch du ein Vertrauen und schreie aus der Tiefe deines Elendes zu Gott: „Wenn du willst, kannst du mir helfen!"
Der Burgpfarrer.